Wer die Wahl hat…

17. September 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

…der die Qual hat.
Am Sonntag sind mal wieder Wahlen. Gewählt wird der deutsche Bundestag. Die mittlerweile knapp 700 hoch bezahlten Vertreter ihrer Region erstellen daraus die Bundesregierung. Diese sitzen dann für vier Jahre in dem vom Kaiser Wilhelm ll abfällig aber nicht ganz unzutreffend als Quasselbude bezeichneten Reichstag und halten sich mehr oder minder staatstragende Monologe während in diversen Hinterzimmern diverse Ausschüsse Gesetzte zur Förderung irgend einer Lobby beschlossen werden.

Natürlich haben die meisten der knapp 50 Millionen deutschen Wahlberechtigten längst schon per Briefwahl ihre Stimme abgegeben. Auch ich habe noch am gleichen Tag an dem die Wahlbenachrichtigung eingegangen ist online die Briefwahl Unterlagen beantragt. Was ursprünglich dazu gedacht war möglichst viele der älteren Wähler für die Wahlen zu mobilisieren ist längst in der breiten Bevölkerung angekommen. Denn so kann der Wähler die in Frage kommenden Kandidaten sichten und sich gezielt ein Bild darüber machen wen er nach Berlin schicken möchte um seine Interessen best möglichst vertreten zu wissen oder wer halt einfach gar nicht geht.

Im Grunde ist der Ausgang der Wahl klar. Die Prognosen sind in den letzten Jahren immer recht zuverlässig gewesen. Die CDU gewinnt die Wahl mit großem Abstand. Merkel wird wieder Kanzlerin. Zuverlässig aber auch langweilig. Die spannendere Frage ist eigentlich noch nicht einmal mit welcher Partei sie koaliert sondern einfach nur wie stark denn die kleineren Parteien abschneiden.

Nachdem mit Westerwelle die FDP 2009 sogar für die Mitte wählbar war ist sie heute unter Christian Lindner, diesem aufgeblasenen Wichtigtuer, wieder ganz die alte Klientelpartei der noch besser Verdienenden.
Die Linke hat zwar ein recht interessantes geradezu humanistisches Wahlprogramm aufgelegt. Mit diesem aber die Latte gerade für das eigene postkommunistische Kandidatenkarussell in unerreichbare Höhen aufgelegt. Die Linke scheitert praktisch an ihrer eigenen Courage. Dabei hat Katja Kipping mal gut angefangen. Aber das ist lange her. Heute erscheint diese nur noch als eine Art Christian Lindner in Weiblich.
Genau umgekehrt erscheint einem da das neu auf der Bundestagspolitischen Bühne aufgeschlagene politische Schmuddelkind. Die AFD. Diese haben ein grauenhaftes Wahlprogramm. Aber Kandidaten, die es mit wohlkalkulierten immer wieder auch grenzwertigen Aussagen schaffen den Finger dorthin zu legen wo es den bräsig dahin schlummernden Etablierten richtig wehtut. Immer wieder schaffen sie es die politischen Akzente zu setzen und die Regierung scheinbar beliebig vor sich herzutreiben. Dass es beinahe schon wieder eine Freude ist, den politischen Diskurs zu verfolgen.

Zum Thema bräsig: Die Grünen schalten sich dagegen schon über einen längeren Zeitraum gekonnt selbst aus dem politischen Blickfeld. Vor der einstigen Öko-Partei sind sie längst zur missliebigen Volksgouvernante geworden. Auch ihr Erfolg in Stuttgart gibt ihnen bundesweit keinen Auftrieb mehr. Wobei die Bundesgrünen eigentlich immer schon ein wirrer, chaotischer Haufen waren.

Ich selber bin auch eher nicht so der taktische Wähler. Ich habe es noch nie fertiggebracht SPD oder CDU zu wählen. Sowohl kommunal als auch im Bund fühle ich mich durch diese beiden im Grunde gleichen Parteien nicht wirklich vertreten. Längst hätte ich gerne die schläfrige Monotonie durchbrochen und Merkel wieder auf die Oppositionsbank geschickt. Aber was sind die Alternativen?
Martin Schulz. Der schon bei seiner EU Bewerbung allen gezeigt hat was für ein unsympathischer heuchlerischer Arsch er eigentlich ist? Du schaust in dieses Gesicht und denkst…

Dann also doch wieder eine von den kleinen unterstützen. Nur wen? Ich denke ich werde der AFD mal eine Chance geben. Und erhoffe mir dadurch wieder lebendige Diskurse um wirklich wichtige, mal wieder bodenständigere Themen.

Advertisements

Tromsö das Tor zur Arktis

22. Dezember 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

Tromsö Reise zum Tor der Arktis vom 16. bis 20.12.2016

 

Nördlich des Polarkreises herrsche das komplette Winterhalbjahr völlige Dunkelheit und in der anderen Jahreshälfte geht die Sonne gar nicht unter.
Ich sehe die Bewohner eines ganzen Sub-Kontinents Sommers mit Augenbinden oder starken Sonnenbrillen herumlaufen, dick eingepackt, das Gesicht weiß vom Sunblocker, um sich vor der starken ungewohnten aggressiven Sommersonne zu schützen. Denn so hat uns das seinerzeit unser Klassenlehrer erklärt und seither fasziniert mich dieses Phänomen. Ich möchte das ungeachtet einer möglichen Beeinträchtigung meiner Sehfähigkeit unbedingt einmal selber erleben.
Ein idealer Ort ist dazu das norwegische Tromsö. Eine Stadt mit über 70 000 Einwohnern. Zwar immer noch ganze 2908 Kilometer vom Nordpol entfernt – von Stuttgart aus wären das 5342 Kilometer – aber immerhin knapp 300 Kilometer nördlich des Polarkreises. Wenn man mit dem Nordpol nicht gerade die Kneipe unweit vom Pragfriedhof meint.
Klar wäre man mit Spitzbergen oder Hammerfest noch näher dran am Nordpol, aber das sind eher Forschungsstationen wo dann eben auch absolut nichts los ist.

Ich beschließe einen Kurztrip nach Tromsö zu buchen. Was gar nicht so einfach ist. Allzu viele Reiseveranstalter in den Norden gibts nicht und auch nicht sehr viele Angebote. Und die Beschreibungen über Kreuzfahrten wie die Hurtigruten in diese Region lesen sich nicht nur recht langweilig sie, sind obendrein auch noch ziemlich teuer.
Die meisten Veranstalter bieten gar keine oder nur eine einzige Attraktion an, die dann schnell gesehen ist. Wenn sie denn überhaupt stattfinden kann, was wie das Entdecken des Polarlichts wozu man einen klaren Himmel benötigt, nie sicher ist. Schließlich finde ich in Nordic Holidays einen Anbieter, der im Baukastensystem Flug, Hotel und diverse Events zur Onlinebuchung anbietet. Wale beobachten und ne Schlittenhundetour sollte neben dem Nordlicht schon auch noch drin sein. So stelle ich meine Events zusammen.

Leider kommt recht schnell die Nachricht des Reiseveranstalters, dass all das doch nicht ganz so einfach ist wie beschrieben. Man könne meinen Flug nicht mehr buchen. Ich müsse das selbst machen und dann Bescheid geben. Drei Wochen seien dafür zu knapp. Ich frage nach einem späteren Zeitpunkt, den im Grunde bin ich da flexibel. Auf einen Monat früher oder später kommt s mir nicht wirklich an. Nein, ich soll doch erstmal nach dem Flug sehen. Ich gehe also auf das Onlineportal der Scandinavian Airlines (SAS) und stelle fest, dass dort Flüge zu buchen ganz einfach und auch noch ohne weiteres am selben Tag möglich ist.
Auch das gewünschte Hotel, ich hatte mich für das Scandic Ishavshotel entschieden weil von dort die meisten meiner gebuchten Events starten, geht dann nicht mehr. Aber das Radisson Blu dem genau gegenüber hätte noch etwas frei. Dann eben so. Ich buche also den Flug und bekomme meine Reise bestätigt. Nochmal mit diversen kleinen Abänderungen bei den Events. Meine Schlittehunde-Tagestour muss in eine Halbtagestour geändert werden und wird vom zweiten auf den ersten Tag gelegt. Aber so bleibt es dann erstmal. Mit den Reiseunterlagen bekomme ich sogar noch eine Sturmhaube für die ganz kalten Tage zugeschickt. Die Flugbuchung macht mich etwas nervös, da ich zum ersten mal online buche. Die SAS-Frau erklärt mir am Telefon ein wenig verwundert, dass sie eigentlich nur noch online einchecken. Okay ich bin schon länger nicht mehr geflogen. Offensichtlich habe ich alles was man dafür braucht per Mail aufs Handy bekommen. Bin mittelmäßig beruhigt. Denn so ein Ticket in der Hand zu haben ist eben schon etwas anderes.

 

Freitag: 16. Dezember 2016

Bis Tromsö sind das gleich drei Flüge. Der erste Flug von Stuttgart nach Kopenhagen geht um sechs Uhr früh. Zum Einchecken ins Ausland muss man 90 Minuten früher da sein, was in so fern doof ist, dass die letzte S-Bahn zum Flughafen um 1.21 Uhr dort ankommt, die nächste dann aber erst um 5.22 Uhr. Eigentlich knausere ich schon mit den vier Euro für die einfache Fahrt zum Flughafen. Es ist aber leider das günstigste Mittel und mit dem Rad geht’s zum Flughafen leider fast nur heftigst bergauf. Das mindestens eine Stunde lang mit Gepäck in aller Frühe, Regen und knapp zwei Grad Celcius. Da stimme ich zähneknirschend dem Wucherpreis der S-Bahn eben zu. Zu spät erfahre ich, dass während des Feinstaubalarms, der Somog-Warnstufe in Stuttgart, auch zum halben Preis oder Kindertarif gefahren werden kann. Was leider auch nirgendwo an den Fahrkarten-Automaten angeschlagen ist.

Der S-Bahn-Halt unterm Flughafen kann getrost als ein Tiefstpunkt architektonischen Schaffens betrachtet werden. Ein echter Schandfleck, von denen Stuttgart, mit seinen vielen Architekturschulen, wirklich nicht zu wenige zu bieten hat. Wände aus gebürstetem Stahlblech können unheimlich trostlos wirken. Die Vorhalle zu den Gleisen lässt einen so ein bisschen an die Pathologische Abteilung in einem Krankenhauskeller denken.

Im Flughafengebäude ist es um diese Uhrzeit noch erstaunlich ruhig. Genau genommen liegen im Terminal drei der Abfertigung für die Auslandsflüge vielleicht knapp zehn Personen auf den Bänken oder vor diversen Sitzgruppen und dösen vor sich hin. Die ersten Flüge, zeigt eine große Anzeigetafel, gehen wie mein eigner ab sechs Uhr ab. Ich spaziere erst ein wenig durch den leeren Flughafen und mache es mir dann auf den Bänken eines verwaisten McCafe-Standes gemütlich. Vor der ein wenig zu heftig arbeitenden Lüftungsanlage gehe ich hinter ein paar künstlichen Bäumen in Deckung.

Um vier Uhr kommt Bewegung in die Flughafenschläfer um mich herum. Es öffnen die ersten Schalter. Noch immer ist mir das Prozedere des Online-Check-In nicht ganz klar. Also hake ich am zuständigen Check-In-Schalter Nummer 219 noch einmal nach. Meine Tasche darf ich nach längerer Diskussion wie von der SAS am Telefon versprochen als Handgepäck behalten. Doch die Typen am Körperscanner, der nächsten Station, sehen bei mir Probleme. Einer, zu dem ich hin gewunken werde erklärt mir unwirsch dass ich die Hose öffnen soll. Ein Bild zeigt an, die Schleuse hat in meinem Knie- und Leistenbereich gefährliches entdeckt. Der Kontrolliertyp wird dann noch ungehaltener als ich das vor der ganzen Warteschlange umgehend tue. Meine Fragen zu seinem Griff hinter meinen Hosengürtel kontert er damit dass dies keine Diskussionszone sei. Klar ein Sachse. Vielleicht so ein Ex-Grenzsoldat. Viele von denen wurden ja vor allem in Stuttgart gleich wieder in den nächsten Staatsdienst übernommen. Bei uns sächselt es auf beinahe jeder Behörde. Was natürlich auch daran liegt, dass der Sachse allgemein etwas mehr und etwas lauter spricht als der deutsche Durchschnitt. Aber um halb fünf sitze ich, im Flughafensprech durchgecheckt, neben der Glastür die aufs Rollfeld führt. Dort kommt dann gegen 5.40 Uhr plötzlich Leben in die Schaltersächsin. Wir werden aufgerufen. Ich lege den Ausdruck mit dem Barcode auf den Scanner und bin draußen. Gut dass ich mir den Code noch ausgedruckt habe, denn die über die SAS-App aufs Handy generierten Codes des Boarding-Passes kann der Scanner nicht lesen. Wie immer gibt’s in Stuttgart auch für die 20 Meter Fußweg bis zum Flugzeug einen Bus. Unser Gepäck müssen wir draußen vor der Maschine lassen. Die Staufächer des kleinen Jets bis Kopenhagen sind dafür nicht ausgelegt, erklärt man uns.

Den dunklen Canadaair Regional Jet 900 von Bombardier (CRJ 900) der SAS jagt der dänische Pilot mit kurzem Vollgassprint nur wenige Meter über das Rollfeld bevor er die wohl ein wenig übermotorisierte Maschine mit brachialer Gewalt steil durch die Wolken zieht. Mein rechtes Ohr ist knapp vorm platzen und beruhigt sich erst nach der Landung wieder. Reinhard May hätte nach diesem Start sein „Über den Wolken“ wohl anders komponiert. In der Luft gibt’s ein leckeres kleines Brötchen, Saft und Joghurt. Und den heißen feuchten Lappen zum Gesicht abwischen schätze ich auf Flugreisen auch immer sehr.
In Kopenheigen, mir gefällt wie die Dänen das aussprechen, wird gar nicht erst ausgecheckt. Man verbleibt in der so genannten Transitzone. Es geht, kaum ist nach ordentlichem Fußmarsch vom Ankunftsbereich kommend über die anderen Gates das Abfluggate erreicht, direkt weiter.

Die Maschine nach Oslo, eine Boeing 737-800, ist deutlich größer aber nicht unbedingt besser belegt. Wohl knapp zwei Drittel der Plätze sind noch frei und ich kann die Verärgerung der drei Typen die hinter mir sitzend Business-Klasse gebucht haben richtig spüren. Ich habe als SAS-Plus Reisender eine ganze Sitzreihe für mich und darf sogar noch früher Borden, sprich an Bord gehen, als diese. Das nun norwegische Flugpersonal erscheint mir verglichen mit den immer ein wenig verspielt wirkenden Dänen, ein wenig verkniffen. Sehr um die korrekte Ausführung ihrer Arbeit bemüht bleibt zwar noch Zeit für ein Lächeln aber nicht für Zwischenfragen. Die große Maschine geht gewohnt behäbig in die Luft.

In Oslo ist der Weg vom Gate E wo wir anlanden bis zum Gate B von dem es dann weiter nach Tromsö geht einen strammen Fußmarsch von gut 30 Minuten lang. Hinter mir eilt die Dame die das Auschecken am Schalter überwacht durch die Verbindungsgänge zwischen den Gates. Das scheint genau auf den Punkt getimt zu sein. Viel Zeit ist nicht mehr. Wir bekommen etwas Verspätung. Unsere Maschine eine Boeing 737-600/700 mit modernen Winglets zur verbesserten Aerodynamik, wird mit einem Sprühfahrzeug, dass einer Betonpumpe ähnelt, noch einmal enteist. Zum Essen gibts Polarbröd. Ein zusammengerollter Pfannkuchen wahlweise mit Klosterkäse oder Elchsalami. Trotz des anfänglichen Rückstands sind wir eigentlich planmäßig in Tromsö und ich sehe den Nordwinter erstmals mit eigenen Augen. Schon ausm Flugzeug blickend kann ich die Sonne allmählich untergehen sehen. Aber dieses Zwielicht am Boden, ein merkwürdiges blaues Leuchten liegt über dem Flughafen, ist dann doch nochmal anders. Kurz vorm Ausgang werde ich von zwei norwegischen Rotkreuz-Wegelagerern bedrängt. Ich winke ab und verlasse schnell das Flughafengebäude.

Ich beschließe quer über die Insel zu meinem Hotel zu laufen, wozu mich mein Navi erstmal um den kompletten Flughafen herum dirigiert. Der Fußweg von einer knappen Stunde wird mir nach der ganzen Sitzerei guttun. Außerdem habe ich es versäumt mir gleich am Flughafen ein paar norwegische Kronen abzuheben und kann so den Bus ohnehin nicht bezahlen.
Norwegen ist kein Mitglied der europäischen Union, daher wird auch kein Euro angenommen.
Mein Hotel liegt im Stadtzentrum und damit genau auf der anderen Seite der Insel Tomsöya wie der Flughafen.
Tromsö selbst ist mit dem Stadtteil Tromsdalen auf dem Festland und zu andern Teilen auf die Inseln Tromsöya, Kvalöysletta und Kravik verteilt. Ich spaziere in dem schummrigen Blau der Wintersonne, dieser Effekt, dass es eben nicht wirklich taghell wird, nennen Einheimische „Blue Hawaii“, am Strand des Nordmeeres entlang und stelle zunächst einmal fest, dass die Wege nicht geräumt und nur hin und wieder mit ein wenig Lavasplitt nur bedingt begehbar gemacht werden. Über diverse Eisfelder balancierend stehe ich nach wenigen Minuten Fußmarsch schon vor einem Autotunnel. Der Fußweg endet und vor dem Tunnel zeigt ein Warnschild mit durchgestrichenem Fußgänger darauf an, dass es hier so nicht weitergeht. Das mit der Einstellung zu Fuß muss bei der Handy-App „Karten“ wohl nochmal überarbeitet werden, denn irgendwie rechnet es dafür einfach nur mehr Zeit, nicht aber eine andere Route als denn fürs Auto ein. Ich weiche auf diverse Seitenstraßen bergauf aus, die ebenso dick vereist sind und hoffe so etwa parallel zum Autotunnel quer über die Insel zu gelangen. Komplett am Strand entlang um die Insel laufen will ich dann doch nicht. Denn das wären rechts oder linksrum trotz der geringen Größe der Insel mindestens 20 Kilometer. Irgendwann ist’s meinem Handy dann zu kalt und es schaltet sich ab. Auch wenn fünf Grad für einen Nordwinter eigentlich recht mild sind. Die Reiseempfehlungen sich nur dick mit Fettcreme eingeschmiert durch Tromsö zu bewegen halte ich heuer für ein wenig überzogen.
Mit Durchfragen komme ich trotzdem ganz gut weiter. Zumal ich irgendwann eine Art Hauptstraße finde, die in weiten Schlenkern bergab zum „Sentrum“, also dem Stadtzentrum führt. Wobei die Straßen einen immer wieder vor gewisse Herausforderungen stellen. Das Inselinnere ist ein reines Wohngebiet und viele Straßen enden irgendwann direkt in den Innenhöfen kleiner Siedlungen.

Wie auf m Seelberg, meinem Wohnviertel in Stuttgart, ist auch im Stadtzentrum vom Tromsö fast jeder dritte Laden ein Friseur. Mein Hotel, das Radisson Blu finde ich. Aber erstmal nur zahlreiche Seiteneingänge. Über eine Treppe komme ich direkt zum Charlies, dem Restaurant des Hotels. Ein Kellner zeigt mir den Weg zur Rezeption. Die Eincheckfrau ist biestig und recht kurz angebunden. Überhaupt, gewinne ich den Eindruck, haben Norweger recht wenig für Fragen oder Smaltalk übrig. Man wird immer mit dem unangenehmen Gefühl zurückgelassen irgend etwas anstößiges zu verlangen und eben zur totalen Unzeit zu kommen.

Kaum aufm Zimmer klingelt dort das Telefon. Dran ist überraschend mein Reiseveranstalter mit der weniger guten Nachricht, dass die morgige Tour mit den Schlittenhunden ausfällt. Ersatzweise bietet man mir eine Stunde früher am Morgen eine „passive“ Tour an. Bei der dürfe ich nicht selber lenken sondern säße vorne im Korb während ein Guide den Schlitten steuert. Es sei eben viel zu vereist. Was mir auf dem Weg zum Hotel durchaus aufgefallen ist. Ich willige ein. Ein wenig verärgert, weil an dieser Reise schon im Vorfeld so vieles geändert und weggestrichen werden musste. Ich hatte online gebucht und bekam dann so per Salamitaktik mitgeteilt, dass der Flug selber gebucht werden muss, das Hotel nicht geht, sondern nur ein billigeres und die Events standen dann auch noch auf der Kippe. Okay, ich hatte drei Wochen vor Reiseantritt gebucht. Aber man könnte ja auch darauf hinweisen, dass das dann nur zu einem späteren Zeitpunkt geht. Das hätte ich auch mitgemacht. Schließlich ist Jahresende.

Gegen 14 Uhr bin ich, ein wenig aufgekratzt, schon zu einer ersten Erkundungstour durch die Stadt unterwegs. Gegen etwa 14.30 Uhr ist es in Tromsö nun bereits komplett Nacht.

Es ist also nicht permanent Nacht im nordischen Winter zum Ende Dezember, aber eben auch nicht lange und nicht wirklich taghell.

Ich will erstmal Geld abheben und suche eine Bank. In Hotelnähe haben die Handelsbanken, Nordeuropas größte Bank, einen Automaten, der sobald ich meine Karte reinstecke, deutsch mit mir kommuniziert. Ich ziehe mir 1000 norwegische Kronen. Das entspricht etwa 100 Euro. Bei dieser ersten Außenbegehung stelle ich fest, dass mein Hotel aus zwei Gebäudekomplexen unterschiedlicher Bauart, wohl Neu- und Altbau besteht, die über eine Brücke in meinem 6.OG., ich habe das Zimmer 634 bekommen, miteinander verbunden sind. Den neueren Gebäudeteil mit dem richtigen Eingang, einem breiten Drehtor mit richtiger Lobby, finde ich erst nachdem ich beide Komplexe einmal umrundet habe.

Dann führt mich mein erster Weg in den Tromsö Gift & Souvenir Shop in einem antik wirkenden Norwegerhäuschen mit gelb lackierter Holzfassade und weissen Fensterrahmen. Hier sehe ich neben allerlei kitschiger Strickware, den unvermeidlichen Socken und Bommelmützen, auch warum es den Einheimischen auf Tromsö wohl relativ egal ist wenn ihre Straßen dick mit Eis überzogen sind. Größter Verkaufsschlager für Touristen sind Gummiüberschuhe mit Spikes. Auch die zahlreichen Jogger auf Tromsö laufen mit Spikes. Eine weitere Touristenattraktion daneben ist das schwarz gehaltene Lego-Loftet, ein Spielwarenshop. Ich verkneife es mir dort reinzugehen und spaziere zunächst an den Strand. Das bietet sich an, da mein Hotel nur wenige Meter vom Meer, genauer dem europäischen Nordmeer entfernt ist. Ich schlendere an der Küste entlang und stehe irgendwann vor dem Polaria Erlebnisscenter, das schon alleine durch seine spektakuläre Architektur ein Hingucker ist. Die Stahlbeton Konstruktion des Hauptgebäudes ist an Land getriebenen und sich dort aufeinander schiebenden Eisschollen nachempfunden. Was man schon gesehen haben muss. Der Eingangsbereich ist mit dem Holz sibirischer Lärche verkleidet. Das Museum wurde 2003 mit dem Architekturpreis in der Kategorie Spezialbauten ausgezeichnet. Drinnen werde ich umgehend darüber informiert, dass in zehn Minuten ein Film gezeigt wird. Das integrierte „Theater“ bietet auf einer riesigen Leinwand faszinierende Aufnahmen vom Nordmeer und den dort lebenden Tieren. Ein weiterer Höhepunkt sind die drei dort lebenden Kegelrobben ein Heuler und diverse andere typische Bewohner des Nordmeers.

Neben dem Museum führt ein alter betonierter Steg weit ins Meer hinaus, aber nicht bis hinüber zum Festland wie ich zunächst gehofft hatte. je weiter er ins Meer hinausführt, desto baufälliger wirkt er und erinnert nach einigen hundert Metern immer mehr an einen alten aus Steinen und Bauschutt angehäuften Deich. Die Brücke, als einzige Fußgängerverbindung zum Festland, finde ich einige Meter weiter den Strand entlang gehend. Nach 20 Minuten Fußmarsch über die Brücke stehe ich vor der Eismeerkathedrale für die Tromsö berühmt ist. Ein weiterer Spezialbau aus Glas und Stahlbeton mit dem mit 140 qm größten Buntglasgemälde Europas. Es stellt eine mit ausgebreiteten Armen dastehende Jesusfigur dar. Die Eismeerkathedrale schließt um exakt um 18 Uhr womit ich leider schon ein paar Minuten zu spät bin. Die frühe Dunkelheit lässt einen ein wenig das Zeitgefühl verlieren. Will aber ohnehin die 40 Kronen Eintritt nicht bezahlen nur um das Kirchenfenster auch noch von der Innenseite fotografieren zu können. Okay es gäbe auch noch ein reichhaltiges Repertoire an klassischer Musik. aber freiwillig… Dazu fehlen mir im Urlaub die Nerven. Auf dem Rückweg schlendere ich an den zahlreichen Restaurants Tomsö´s vorbei wo mir der Geruch von Fisch und Geräuchertem in die Nase steigt und ich überlege wie ich heute Abend mein erstes norwegisches Essen gestalten will. Ich entscheide mich aber dafür heute Abend zuerst das Hotelrestaurant Charlies zu besuchen.

Übertrieben vorsichtig bringt man mich dort zu einem freien Tisch. Ich bestelle, da ich auf Anhieb nichts klassisch norwegisches finde eines der beiden angebotenen Steaks und ein Mack Bier dazu. Die örtliche Mack-Brauerei wirbt damit die nördlichste der Welt zu sein. Sicher ist sie eine der teuersten. Denn mit 95 Kronen die Flasche ist Mack Bier immer noch knapp doppelt so teuer wie die Maß aufm Cannstatter Wasen.

Als merkwürdige Sitte empfinde ich, dass jeder Gast in Tromsö´s Restaurants erst einmal angemeldet und dann zu einem freien Tisch geführt wird. Auch wenn das übrige Restaurant nahezu leer ist. Ich bin ein wenig überrascht, als die Bedienung mit einem Servierwagen zum Tisch kommt um das Steak vor meinen Augen aufzuschneiden und anzurichten. Hoffentlich kann ich das bezahlen, denke ich. Aber der Preis ist der versprochene. Und knapp 400 Kronen sind für ein wirklich leckeres Steak Medium mit Gemüse, Butter Kartoffeln etc. und Bier auch für norwegische Verhältnisse in Ordnung. Ordentlich geschafft und auch an das morgige Event denkend gehe ich um 21 Uhr ins Bett. Es war auch ein langer Tag.

 

Samstag 17. Dezember 2016

Der Tag beginnt ein wenig holprig. Ich dusche erstmal. Da das Frühstücksbuffet erst gegen acht Uhr eröffnet und ich 15 Minuten danach schon vorm Hotel sein soll wegen dem ersten Event lade ich mir nur schnell eine ordentliche Portion von der klassischen Hotel-Omlett-Eierpampe auf den Teller. Und ich gebe zu, ich mag dieses Zeug.

Draußen will dann keiner der Guides etwas von meinem Event gewusst haben.
Vor dem Hotel versammeln sich alle Unternehmungswilligen Urlauber, meist Kleingruppen asiatischer Jugendlicher und Pärchen, die über ihre Reiseveranstalter diverse Touren gebucht haben. Dort sollen wir warten, bis wir von den Guides, den Reiseleitern eingesammelt werden.

Es ist dann ein wenig mühsam in holprigem Englisch den Reiseleitern dieser eigenwilligen Schulstrebernation zu erklären, dass ich, weil ersteres gecancelt, nun für ein anders Event gebucht bin als diese das auf der Karte steht. Womit ich eben auch eine Stunde früher dran bin.
Sachverhalte die Nachdenken erfordern mag der Durchschnittsguide aber eher nicht. Ein erstes Mädel, die untere Hälfte im quietschbunten Überlebensoverall, die Ärmel baumeln locker rechts und links am Anzug herab, ist dann doch sehr bemüht und schaut auf ihrem Handy nach meinem Namen. Sie sammelt aber nur die Snowboarder ein. Nach zehn Minuten des Durchfragens bei allen geschäftig wartenden Guides und Busfahrer, die mich einer nach dem anderen vor die Wand laufen lassen reift die Erkenntnis das dieses Bemühen völlig sinnlos ist. Ich gehe ins Hotel zurück und bitte eine der Frauen an der Rezeption um Hilfe. Diese hört mir widerwillig zu und ich schaffe es sogar, dass sie mit mir rausgeht und mit den Guides spricht. Sie erkennt die Veranstaltungsgesellschaft Villmarkssenter auf meinem Laufzettel. Ob ihrer großen Hilfsbereitschaft denke ich im Nachhinein, dass sie wohl keine echte Norwegerin gewesen sein kann.

Doch dann habe ich meinen Guide. Okay, das Mädel, das für meinen Veranstalter zuständig ist kam eigentlich gerade erst angefahren. Sie hat mich dann aber auf ihrer Liste und nun darf ich doch in einen der großen roten Busse zu diesen ätzenden Busfahrern steigen. Und nachdem die Frau ihm ordentlich zugeredet hat findet mich jetzt auch mein Guide auf seinem Handy.

Wir fahren in einer gute halbe Stunde auf die Nachbarinsel Kvalöysletta. Dort auf dem Gelände des Tromsö Villmarkssenter empfängt uns eine blonde Dame, die ich anhand ihres Englisch als Norddeutsche identifiziere. Nadine, die hier seit zehn Jahren arbeitet rückt auch gleich mit der unangenehmen Nachricht heraus, dass auch diese passive Hundeschlittentour leider ausfallen muss. Da es seit gestern Abend heftig regnet und die Temperatur sich seit Tagen eben deutlich im Plusbereich befindet ist vom Schnee eigentlich nur noch das knochenharte Eis darunter übrig.

Auch heute zeigt das die Wetter-App für Tromsö wieder höhere Temperaturen als zu Hause im Südwesten Deutschlands an. Wieder sind es zehn Grad Plus. Unsere Guide bestätigt, dass es allmählich wärmer wird im Norden. Noch vor einigen Jahren sei es möglich gewesen im Winter über das Eismeer direkt zum Festland zu laufen. Allerdings friere das Meer zwischen Inseln und Festland nun schon seit 15 Jahren gar nicht mehr zu. Auch der Wetterdienst bestätigt, dass es derzeit sogar am Nordpol selbst Plusgrade hat und es dort wesentlich wärmer ist als in der Alpenregion.

Was so eine Schlittenhundetour für die Hunde klar zur Tortur werden lässt, erklärt uns die Tourguide vor Ort. Und wer möchte schon dass die Tiere sich verletzen. Klar ist n Schlitten über Dreck und Eis ziehen auch irgendwie doof.

Einen eigenen Tierarzt habe man jedoch nicht. Erklärt sie mir als ich hier gleich nachhake. Dafür bestünden sehr gute Kontakte zu Tierkliniken wo sie oft einen kompletten Tag nur für Ihre Tiere reserviert hätten. Denn Verletzungen wie Aufschürfungen an den Pfoten oder etwa Sehnenverletzungen holen sich Tiere die im Tourismuseinsatz sind oder für Rennen trainieren ständig.

Wir werden zunächst in dicke Overalls gesteckt, die schon ziemlich nach Hund riechen. Gegen die Kälte und auch für den Umgang mit den Hunden sei das. Nein, die Tiere sind überhaupt nicht bissig, erklärt man uns auf Nachfragen. Aber der direkte Kontakt mit den Tieren, die ja ständig draußen lebten sei vielleicht ein bisschen schmutzig.

Denn wir dürfen die Hunde in ihren Boxen besuchen und bekommen zu diesen Tieren auch eine Menge erklärt. Zunächst, dass die Tiere als Alaskahuskies Mischlinge aus allen möglichen Hunderassen sind. Grönland- oder Sibirische Huskies sind dagegen eine eingetragene Rasse mit Stammbaum. Wichtig sei bei Alaska Huskies nur, dass sie gerne laufen. Einer der Hunde, bei der Rennhunde-Ausbildungsstaffel, sieht dann in der Tat eher wie ein Jagdhund als denn ein klassischer Spitz aus.

Bei einem Hundeschlittenrennen laufen die Tiere bis zu 18 Stunden pro Tag. Mit kurzen Futterpausen zwischendrin. Denn die Tiere würden sonst durchlaufen und wären am Abend zu müde um zu fressen. 200 Kilometer erlaufen sie so pro Tag. Der Hundeschlitten darf indes nie losgelassen werden und ist neben einer Fußbremse mit einem Anker gesichert, da die Tiere einmal freilaufend nicht mehr anhalten würden. Ein Gespann wird je nach Situation von acht bis zwölf Hunden gezogen. Der Rennhundeschlitten ist wesentlich leichter und enthält in der Regel nur Futter und Pflegeprodukte für die Tiere statt eines Passagiers. Das Villmarksenter ist stolz bei großen Rennen immer vorne mit dabei zu sein und hat das längste 1000 Meilen Rennen in Alaska 2006 sogar gewonnen. Auf dem großen Platz sind die knapp 300 Hunde des Tromsö Villmarkssenter in Zweierboxen untergebracht, die jeweils so hintereinander stehen wie sie auch im Team am Schlitten laufen.

Wir besuchen zuerst die jungen Tiere, die zu Paaren in etwas größeren Zwingern untergebracht sind. Die unter einjährigen und etwas ältere Tiere. Ihr Training beginne im Alter von acht Monaten, erklärt man uns. Die Tiere sind entsprechend verspielt und sehr zutraulich. Dass die Tiere hier das ganze Jahr draußen sind störe sie nicht. Über Null Grad sei ihnen eigentlich fast schon zu warm, meint einer der Mitarbeiter. Trainiert werde fünf Mal die Woche. Leider hatte ich vergessen zu fragen wie dann eigentlich das Sommertraining aussieht. Etwas abseits am Rand der Anlage stehen Boxen für Gasthunde für ein gemeinsames Training. Derzeit seien diese mit Schlittenhunden aus Ungarn besetzt.

Auch den Übungsplatz dürfen wir sehen, der zur Zeit leider kaum mehr Schnee aufweist. Hier hätten wir erste Runden mit den Hundeschlitten drehen können. Trotzdem sind zwei Mädchen mit einigen jungen Hunden nach dorthin auf den vereisten Platz unterwegs. Das beste Alter für die Arbeit mit den Schlittenhunden sei zwischen drei und acht Jahren. Leithunde sind immer Weibchen da diese leichter sind als die männlichen Tiere und so schneller vorneweg laufen können. Die Hundeführer suchen dazu besonders schlaue und mental gefestigte Tiere aus, die den Anforderungen die Herde auf einen sicheren Weg zu bringen gewachsen sind. Trainiert würden die Tiere jedoch stets für alle Positionen.

Nach dieser Vorstellung dürfen wir die großen Hunde in ihren Boxen ausgiebig begrüßen. In der Tat haben einige der Hunde verschiedenfarbige Augen, Größen und Formen. Immer wieder stimmen sie ein vielstimmiges Geheul an. Ihre Begrüßung, meinen die Betreuer. Viele der Hunde sind neugierig auf uns. Genauso viele lassen sich allerdings mit absolut gar nichts aus ihren Boxen locken. Denn es regnet.

Anschließend bekommen wir Kaffee und Tee, auch Kakao und Schokokuchen im Besucherzelt angeboten. Ich lerne dabei auch meine Reisegruppe kennen. Neben einigen Asiaten sind das auch ein älteres Pärchen aus London und drei Sportstudenten aus der Slowakei. Das Besucherzelt in der Form einer großen schwarzen Jurte mit Feuerstelle in der Mitte ist auch für diverse Eskimoevents hergerichtet.

Nächster Programmpunkt sind die Rennhunde. Diese Tiere werden speziell für die in der nächsten Saison stattfindenden Rennen trainiert. Die Tiere sind etwas jünger als die Tiere für die Touristenfahrten aber genauso in hintereinander liegenden Zweierboxen auf dem großen Gelände verteilt. Gegen Mittag ist unser Besuch auf der Hundeschlittenranch dann auch schon wieder zu Ende. Der Bus wartet, der uns zurück zum Hotel bringt.

Bin danach noch zur Fjellheisen-Seilbahn gegangen. Wozu man wieder über die Brücke aufs Festland, dann aber noch eine ganze Ecke weiter bergauf stiefeln muss als wie zur Eismeerkathedrale. Unterwegs erlebe ich wieder diese perfekt geräumten Straßen. Meiner Beobachtung, dass in Tromsö die Straßen eher nicht geräumt werden entgegnete unsere Tourguide entschieden dass sogar gut geräumt werde. Man verzichte eben komplett auf Salz.
Mein Eindruck ist ein anderer. Der Zustand von Tromsös Straßen hat für mich eher den rustikalen Charme der Ex-DDR. Gehwege gibt’s oft nur einseitig oder über große Stadteile weg gar nicht. Vor allem auf den kurzen Stückchen Niemandsland zwischen denWohngebieten. Oft trennen diese noch irgendwelche Baustellen oder Ruinen von ehemaligen Fischfabriken.

Der Weg zur Seilbahn ist nur bedingt ausgeschildert und führt steil bergauf immer wieder über weite Eisflächen, die mal mehr oder gar nicht bestreut sind. Aber man wird als Spaziergänger auf Tromsö mit der Zeit ziemlich kreativ.

Irgendwann habe ich die Talstation der Seilbahn doch erreicht. Der Seilbahnkassierer ist ein Arschloch. Wie die meisten Norweger beantwortet er keine Fragen, mault weil er mir Rückgeld geben muss und zerreißt bei der Übergabe auch noch mein Ticket für die Rückfahrt. Die Fjelheisen-Seilbahn auf Tromsö ähnelt dann stark unserer Seilbahn in Stuttgart. nur dass die Stuttgarter Seilbahn eine Touristenattraktion ist, weil sie als ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten ist, das immer noch tadellos funktioniert und diese hier auf den Storenstein hinauf als hochmodern angepriesen wird.

Oben auf dem Storenstein ist’s dann leider fast schon wieder dunkel. Ich hatte mir etwas zu viel Zeit gelassen. Das Zeitfenster an dem einigermaßen Tag ist öffnet sich im Nordwinter in Tromsö nur etwa von 10 bis 14 Uhr. Dazu kommt heute noch das regnerisch nasskalte Schmuddelwetter, dass es ohnehin nicht richtig Tag werden lässt. Aber man kommt oben auf dem kalten zugigen Storenstein ohnehin nicht sehr weit. Über eine schmale Treppe führt nur ein kleines unscheinbares Holztürchen hinaus ins Freie, so als wäre ein Spaziergang von der Bergstation weg ohnehin nicht vorgesehen. Draußen ist dann unter einer dicken Eis- und Schneeschicht auch keinerlei Weg erkennbar und es geht nur über weiße Felder oder Wasserlöcher weg hinein in das nachmittägliche Halbdunkel des winterlichen Nordhimmels. Ich spaziere für ein paar Bilder zur Türe der Station hinaus und breche prompt in eines der Eiswasserlöcher ein. Ich bemerke sofort die Eiseskälte, die mir das Bein hochsteigt. Denn hier oben auf dem 421m hohen Storenstein bläst ein eiskalter Wind. Ich wandere auf der Suche nach besseren Motiven ein wenig an den Klippen des Storensteins entlang. Leider wird es jetzt immer dunkler. Sehr groß scheint der Storenstein aber ohnehin nicht zu sein, denn schon nach wenigen Schritten steht man an einem Zaun der den Storenstein rundum absichert und blickt von allen Seiten hinunter auf die beleuchtete Küste.

Die Station betreibt ein Café das wie ganz Tromsö eigentlich voll ist mit Asiaten. Die sich hier dick eingemummt an ihren dampfend heißen Tassen festklammern. Es gibt Kakao und Waffeln. Und ein großes offenes Feuer zum Aufwärmen. Von den großen Besucherterrassen hat man sicher einen tollen Ausblick auf das Meer und die vor einem liegenden Inseln und auch zu den Polarlichtern. Wenn es nicht so bewölkt und schon wieder fast Nacht wäre. Trotzdem bietet die hell erleuchtete Stadt ein beeindruckendes Panorama. Bis 15 Uhr kann man hier oben noch Zeit verbringen, dann fährt die letzte Seilbahn ins Tal zurück. Allerdings möchte ich nicht so lange bleiben. Relativ schnell verlasse ich den Storenstein und das Festland wieder.

Am Ende der Brücke liegt das Polarmuseum, das größtenteils Norwegens Nationalhelden Roald Amundsen gewidmet ist und Norwegens Anfänge, den Walfang, die Eisbärenjagd und diverse Polarexpeditionen beschreibt. Ausgestellt sind Kleidung, Waffen, Ein Kayak aus Leder und viele technische Errungenschaften aus den letzten beiden Jahrhunderten.

Danach beschließe ich heute Abend bei Peppes eine Pizza zu essen. Auch dort erlebe ich mal wieder bedingt nicht ernstgenommen zu werden. Oder beantwortet der Norweger per se keine Fragen und haut einem stattdessen immer irgendwelche anderen Statements an den Kopf. Was ich hier will werde ich an der Tür von einer jungen Bedienung gefragt. Sitzen und essen sage ich. Was sie wieder zu irritieren scheint. Sitzen und Essen wiederholt sie einem Kollegen. Es dauert bis ich einen Platz bekomme. Ich bestelle eine Pizza und ein Bier und werde argwöhnisch gemustert. Als ob ich mir das nicht leisten könnte. Trotzdem gebe ich mir noch ein Dessert. Ob ich vorher zahlen soll? Am Abend fange ich an zu schreiben.

 

Sonntag 18. Dezember

Ich freue mich auf mein zweites großes Reiseevent. Wale beobachten vom Schlauchboot aus. Unser Guide trägt eine rote Wollmütze was ungemein praktisch ist. So kann er nicht verpasst werden. Auch er hat aufm Handy meinen Namen gespeichert und bittet mich in den heute wesentlich volleren Bus der heute morgen vor dem Scandic Ishavshotel parkt. Eine längere Tour führt uns durch einen der Tunnel auf eine Nachbarinsel. In einer ehemaligen Fischfabrik, erzählt uns unser Guide unterwegs haben sie ihren Stützpunkt. Ihre Organisation sei die erste hier gewesen, die von Anfang an nur Walbeobachtungstouren angeboten habe.

Wir bekommen noch eine Menge über die Wale erklärt, die wir eventuell sehen werden und sind dann vor Ort. Er regnet ziemlich heftig. Wir bekommen zwei Anzüge ausgehändigt, die wir übereinander anziehen sollen. Zuerst einen schwarzen Overall der gefüttert ist und dem gestrigen Hundeanzug ähnelt und darüber einen weiteren Overall in Signalgelb, der eine Schwimmweste enthält, die sich öffnet wenn man an einem Schnürchen im Brustbereich zieht und der auch wasserdicht ist. Ein letztes mal wird gefragt wer auf Schlauchboot oder doch lieber in das große sichere Schiff will. Ich bleibe dabei. Ich will aufs Schlauchboot.

Die Gummiboote haben in der Mitte zwei schmale parallel nebeneinander montierte Sitzbänke mit Haltebügeln, die einem Seitpferd aus dem Turnunterricht ähneln. Auf denen sitzen wir hintereinander wie auf einem Motorrad. Und der Kapitän, zumindest nennt ihn unser Guide so, gibt mit dem Ding dann auch gleich ordentlich Gas. 40 Sachen sollen die beiden 300 PS Außenbord-Motoren machen, beantwortet er die Frage einer jungen belgischen Touristin. Eisiger Wind und Regen bearbeiten unsere Gesichter. Es ist kalt. Das Handy versagt mehrfach und die Handschuhe sind im Nu klatschnass.

Aber wir sehen Wale.

Nach einer guten halben Stunde im recht flottem Tempo mit unserem Schlauchboot durch die verregneten Fjordlandschaften sichten wir erste schwarze Rückenflossen. Wir drosseln die Fahrt. Erst sehen wir einen, dann ganze Gruppen und Familienverbände von Orcas, die sich meist in der Nähe diverser Fischkutter herumtreiben. Es sind aber nur die schwarzweiß gemusterte. Schwertwale, die kurz ihren Buckel aus dem Wasser strecken und wieder verschwinden. Manche springen delfingleich tollkühn aus dem Wasser oder winken uns mit ihren Brustflossen zu. Die Guides anderer Touristenboote in unserer Nähe locken sie mit Fischen so nahe wie möglich an ihre Boote heran. Nach ein paar Stationen zwischen den Fjorden machen wir Pause. Unser anderes, etwas kleineres Schlauchboot mit dem anderen Teil unserer Gruppe legt neben uns an und die Guides bieten uns heißen Schwarztee und Kekse an. Die Kekse schmecken wie unsere Spekulatius sehen aber selbstgemacht aus. Danach fahren wir noch weitere Plätze an und kreuzen durch das morgendliche Nordmeer, über dem der Himmel allmählich heller wird den Walen hinterher, die teilweise auch an unser Boot sehr nahe herankommen. Unterwegs begegnen wir noch verschiedenen anderen Walbeobachterschiffen. Sogar ein größerer Segler ist dabei. Ich habe derartiges noch nie mitgemacht und bin entsprechend aufgekratzt, zumal unser Guide, für Norweger ungewöhnlich, ein richtig mitteilsamer Zeitgenosse ist, der uns eine Menge über seine Touren erzählen kann.

Dann geht es leider auch schon wieder zurück. Eigentlich bin ich, nach nun doch knapp vier Stunden auf dem Wasser, klatschnass und durchgefroren. Aber ich hätte es trotzdem noch eine ganze Weile dort auf dem eiskalten Meer ausgehalten. Leider gibt es da aber auch noch das Problem mit dem Licht. Wir sind ja im Grunde bei Nacht rausgefahren aufs Meer wo es dann allmählich heller wurde, und jetzt ist es eben fast schon wieder Nacht. Das schlimmste ist eigentlich die Hin- und Rückfahrt mit Vollgas, wenn einem der eiskalte Regen auf die Stirn hämmert und das Hirn darunter kurz davor ist seine Arbeit einzustellen. An Land erwartet uns nach dem Umziehen und nachdem ich gefühlt zwei Liter Wasser aus meinen Handschuhen gewrungen habe ein Becher heiße Fischsuppe. Dann bringt uns unser Bus auch schon wieder zu unserem Hotel zurück. Durch die unterirdischen Verbindungsstraßen mit den unterirdischen Kreisverkehren, die ich gerne besser fotografiert hätte. Aber leider ist so ein Tunnel für Fußgänger nicht erlaubt. Und Strafzahlungen für Verkehrsdelikte können in Norwegen ganz ordentlich ausfallen.

So richtig weiß ich eigentlich schon jetzt nicht mehr was ich noch alles tun könnte und frage bei den Belgierinnen nach was die noch für Ideen haben. Leider sind die schon im Begriff abzureisen und auch die Asiaten zieht es weiter nach Norden. Die besten Attraktionen habe ich bereits abgegrast und vieles davon funktioniert ohne Schnee oder bei Mistwetter schlicht nicht. Das Polarlicht kann man nicht sehen wenn es bewölkt ist. Das winzige schnuckelige Stadtzentrum ist schnell durchlaufen und drum herum scheint Tromsö eine Insel im Umbau zu sein. Unser Hotel hat in der Lobby zwar einen richtigen Touristik-Infoschalter, aber leider ist die Kommunikation mit den Beratern sehr sperrig.

So setze ich heute Nachmittag zur großen Inseltour an. Mein Plan ist es die Insel an der Küste entlang einmal zu umlaufen. Heute ein Stückchen und Morgen vielleicht den Rest. Ich gehe wieder runter zum Polaria und wende mich von dort aus nach rechts. Schnell endet der Weg auf dem Hinterhof der ehemaligen Anlieferzone eines alten Fabrikgeländes. Knapp dahinter direkt am Meer entsteht gerade ein schickes Wohnviertel. Die Fassadenverkleidung ist Asymmetrisch angelegt, Holzterrassen führen direkt ans Meer und am niederen Geländer steht ein Bronzedackel und schaut auf die See. Nur ein paar Meter weiter endet die Pacht wieder und nach der Holzterrasse die den Wohnblock umgibt treffe ich auf einen Strand aus Geröll, Müll und Betonbrocken einer abgerissenen Fischfabrik. Wo mich eine erstaunlich große Hauskatze verfolgt, die über das Geröll um das Wasser herum schleicht und wohl nach ein paar Fischen sucht. Immer wieder muss ich Umwege in Kauf nehmen oder direkt auf der Straße laufen, weil für Fußgänger die Welt auf Tromsö immer wieder endlich ist. An den Umgebungskarten der Bushaltestellen erkenne ich regelmäßig wie weit ich schon gekommen bin. An einer kleinen Wohnsiedlung namens Sydspissen habe ich trotz der vielen Unterbrechungen etwas mehr als ein Viertel der Insel umlaufen und verliere die Lust am Weitergehen. Denn die örtlichen Gegebenheiten führen mich nun immer weiter vom Meer weg ins Landesinnere hinauf.

An der Straße entlang gehe ich zurück zum Sentrum. Dort führen mich meine kulinarischen Abenteuer heute in die Fiskekompaniet. Ein Edelfischladen, eingerichtet mit sehr viel Chrom und Glas. Auch hier ist der Empfang zunächst ein wenig unterkühlt. Irgendwie scheinen Norweger Kellner von einem Gast der ihr Restaurant betritt zunächst gar nicht zu erwarten dass der hier in erster Linie gerne essen möchte. Verschiedene Kellner weisen mir den Platz zu, bringen mir die Essenskarte, nachdem sie sich davon überzeugt haben, dass ich wirklich essen möchte und fragen mich dann auch umständlich nach meinen Wünschen. Wieder frage ich, nachdem ich nichts in der Richtung entdeckt habe nach klassisch norwegischem Fisch. Und während ich mich einmal mehr ordentlich verwirrt bemühe meine Wünsche auf englisch vorzutragen eröffnet mir einer der Kellner, dass ich auch gerne deutsch mit ihm sprechen könne. Ich versuche seinen Akzent einzuordnen komme aber nicht weiter und frage schließlich nach. Er sei als Kind in Düsseldorf aufgewachsen, meint er. Das sei aber alles schon wieder sehr lange her. Es dauert dann, obwohl das Lokal recht übersichtlich und auch kaum besetzt ist jedes mal eine kleine Ewigkeit, bis sich einer der Kellner an meinen Tisch bemüht um im Detail meine Bestellung aufzunehmen. Ich lasse mir das Angebot des Tages kommen, was zusammen mit deutschem Riesling wirklich sehr lecker ist. Der Preis ist mit 605 Kronen schon ein wenig abgehoben, jedoch für Tromsö-Verhältnisse im normalen Bereich.

 

Montag, 19. Dezember 2016

Auch heute regnet es wieder. Und an dem Tag den ich zur freien Verfügung geplant hatte um diverse Museen und Einrichtungen zu besuchen weiß ich eigentlich schon nicht mehr was ich hier noch tun könnte. Das meiste habe ich an den ungeplant freien Nachmittagen schon gesehen. Vieles das geplant war funktioniert wetterbedingt nicht. Andere Dinge wie der Zoo sind wieder zu weit weg. Und noch ein Museum oder noch ne Kneipe… Nein! Ich spaziere zum nördlichst gelegenen botanischen Garten mit arktischen und alpinen Pflanzen aus aller Welt. Da ich heute den Weg zu Fuß und nicht an der Küste entlang sondern übers Landesinnere versuchen will lande ich zunächst einmal in einem großen Schulzentrum. Wo wieder einmal alle Wege enden. Also wieder fast komplett zurück und an der Küste untenrum, was mein Zeitfenster mit dem Licht wieder ein wenig ins Wackeln bringt. Über eine nett angelegte Brücke erreiche ich dann den botanischen Garten, der halt im Winterzustand ist und leider komplett vereist. Pflanzen gibts eigentlich keine zur Zeit. Nur dick vereiste Laufwege was wiederum ärgerlich ist, da der botanische Garten an einem Hang angelegt ist.

Auf dem Rückweg erlebe ich wieder diesen brachialen Mix aus hochmodern designten Gebäuden, die neben heimeligen Skandinavierhäuschen stehen und wo das nächste Gebäude wieder ein tristes Asphaltwerk ist. Die Straßen haben fast immer fausttiefe Spurrillen und an den Rändern lagert Sperrmüll.

Ich kaufe ich mir einen Döner für 100 Kronen, den ich auf dem Hotelzimmer esse, während ich über das ipad, das Hotel bietet freies WLAN an, noch einmal die Möglichkeiten durchgehe, die Tromsö mir spontan noch bieten kann. Ja der Döner kostet in Tromsö tatsächlich knapp 10 Euro. In Norwegen ist eben alles ein bisschen teurer.

Ich steure dann das Tourismus-Infocenter an. Das ist allerdings komplett überbelegt mit durcheinander wirbelnden Asiaten. Also keine Chance noch mal ein schnelles interessantes Event zu ergattern. Gehe ich eben auf Einkaufstour. Man möchte ja Interessantes von seiner Reise mitbringen. Was gar nicht so leicht ist. Eine meiner Schwestern ist mit ihrer Familie jedes Jahr zum Fische in Norwegen. Trotzdem kann ich nicht Wiederstehen in der Wollecke Socken, Mützchen und einen Schal mit den unvermeidlichen weißen Mustern mitzunehmen. Auch Papiertaschentücher mit Norwegen-Flagge stecke ich ein. Die gibts immerhin schon für 29 Kronen. Und sind damit auch das billigste Produkt, dass ich in Tromsö gesehen habe. Auch diese Gummigamaschen mit den Spikes dran nehme ich mit. Anschließend besuche ich noch einige kleine Läden die aber alle nichts außergewöhnliches anbieten.

Ich fahre mit dem Bus zum Flughafen und drucke mir mein Rückflugticket aus. Wieder muss ich vor den den penetranten Rotkreuz Dealern flüchten.

Heute esse ich bei Emma´s zu Abend. Das ist das gemäß Tourismuswerbung angesagteste Restaurant in Tromsö und extrem gut besucht. Ich bekomme nur noch einen Platz am Katzentisch. Einem kleinen Einzeltischchen ca. 60x60cm groß, das direkt vor der Theke steht. Mit der Eingangstür im Rücken. Ein Belgier kümmert sich um meine Bestellung. Wieder frage ich nach einem typisch norwegischen Gericht und bekomme eine ganze Latte an Speisen runter erzählt. Ich entscheide mich für den Buklafisch. Keine Ahnung ob ich den Namen hier richtig wiedergebe. Es ist ein leicht getrockneter Kabeljau. Der Norweger kennt hier, so erfahre ich verschiedene Fertigungsstufen. Getrocknet, gesalzen, fermentiert oder alles drei mehr oder weniger heftig. Dann haben wir einen Plan, meint der Kellner. Zu einem Riesling kommt eine Grünkernsuppe mit Rentierzunge. Beim Hauptgericht, dem Fisch sind dann Maronen mit dabei und auch Nüsse. Auch die Nachspeise mit Pistazieneis, irgend einer Creme und karamellisierten Früchten ist sehr lecker. Der Preis hat es dann wieder in sich. Witzig ist, dass die Kartenzahlung nicht funktioniert, weil ich zu viel Trinkgeld gegeben habe. 15 Prozent sei das in Norwegen erlaubte Maximum, erklärt mir der Kellner. Der neben seinem Job mich zu unterhalten immer mal wieder in das Obergeschoss verschwindet, wo wie er erklärt die exklusivere Gesellschaft speist. Sehr sehr steif alles. Er sei eigentlich viel lieber hier unten. Von 909 Koronen gebe ich 1100. Schließlich habe ich wirklich gut gegessen und mich hervorragend unterhalten gefühlt.

 

Dienstag, 20. Dezember 2016

Heute ist Abreisetag. Wieder hab Ichs n bisschen eilig. Aber alles gelingt reibungslos. Die Busfahrt zum Flughafen, das Einchecken. Der Flughafen in Tromsö ist eher klein. Nochmal deutlich kleiner als der Stuttgarter Flughafen. Zumindest was das Flughafengebäude angeht. Aber es hat freies W-LAN, das auch funktioniert. Auf dem Rückflug ist der große Vogel wieder ziemlich leer. Aber die Stewardessen sind wesentlich aufgeschlossener. Vielleicht mal wieder keine Norwegerinnen. Zurück sind es dieselben Wege. Nur habe ich auf dem Flughafen in Kopenhagen dann eine über vierstündige Wartezeit zu überbrücken. Die fülle ich mit ausgedehnten Erkundungsgängen. Denn dieses Flughafengebäude ist wirklich riesig. Auf dem Rückweg habe ich dann irgend einen Handysüchtigen Netzwerkmenschen neben mir sitzen, der sich ein Dosenbier bestellt und dieses dann prompt über seinem Sitz verteilt.

Fazit: Tromsö ist eine reise wert. Allerdings muss diese sehr gut geplant werden und dann sollte auch das Wetter mitspielen. Denn ein Norden ohne Schnee ist dann doch doof.

Der mediale Linke Teil des deutschen Volkes in herrlichster Schockstarre

9. November 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

Man kann über Donald Trump, den republikanischen Bewerber um das US-Amerikanische Präsidentenamt, denken was man will und wie es vor allem unsere öffentlich rechtlichen Medien gerade tun in seine Äußerungen alles mögliche hineininterpretieren. Aber in einem Punkt hat er wohl recht. Wenn Hilary Clinton gewählt wird, wird sie am Ende wohl tatsächlich die deutsche Angela Merkel sein. Nun ist Trump wohl eher Instinktpolitiker. Ein reiner Bauchmensch. Er sagt was er denkt und was er denkt ist nicht viel. Aber das ist okay. Viele US-Bürger denken ganz genauso. Leute die mitten im Leben stehen. Männer meist. Wahrscheinlich spricht er aber auch nur aus, was eine Hilary Clinton eben eher denkt.

Während ich bei Clinton, bei all ihren Äußerungen, ihrem ziemlich unverhohlen nach klassischem Estabishment ausgerichtetem Background geradezu karrikaturesken Überzeichnung einer politischen Karrierefrau, die in ihrem ganzen Erwerbsleben nie von etwas anderem als von Staatskosten gelebt hat, leise Zweifel habe ob sie überhaupt noch als Individuum im engeren Sinn bezeichnet werden kann. Sie wirkt zumindest sehr weit entfernt von typisch menschlichen Bedürfnissen. Mehr wie ein Produkt ihrer abgehobenen überkandidelten Umgebung, ein Algorithmus auf zwei Beinen. Wenn dieser Sprechroboter des Hauptstadtklüngels doch irgendwelche Gefühle entwickelt sind diese wahrscheinlich absolut irrational. Es stellt sich hier schon jetzt die Frage ob sie ihre Amtszeit, seien es nun vier oder acht Jahre wie eben Merkel bis zum bitteren Ende einfach aussitzt. Verändern wird sie wohl nichts. Auch wäre Clinton definitiv sehr viel langweiliger als Trump.Vielleicht ist sie letzten Endes tatsächlich nur auf ein Symbol zu reduzieren wie ihr Wahlkampf. Dieses seltsame Emblem mit dem Pfeil im H. Dieser Pfeil weist vielsagend von ihr weg und zwar nach rechts.

Und dort rechts von ihr steht, das kollektive Aufheulen – als hätte man eine Handvoll Ziegelsteine in einen Hundezwinger fallen gelassen – der Medien, haben es angekündigt man müsste eigentlich nicht mal mehr genauer nachlesen, nun ein Donald Trump als neuer US-Präsident fest. Das zeigt uns zugleich auch einmal mehr wieder, dass die sozialen Medien die in Treue fest geschlossen hinter einer Hilary Clinton standen nur einen sehr kleinen äußerst homogenen Teil der Wirklichkeit abbilden. Jede ehemals seriöse deutsche Zeitung übt sich in ihren absurdesten Weltuntergangsphantasien. Man wetteifert geradezu im unterbieten jedweden Niveaus. Und dennoch macht es mich irgendwie auf eine irrationale Art glücklich dieses ganzen Müll zu lesen. Die Presse im Schockzustand. Der Präsident der größten Demokratie der Weltpolizei ist ein Rassistischer Vollarsch. Ein Tabularasa-Mann.
Mal ganz abgesehen davon. Die USA haben eigentlich gute Erfahrungen mit schrägen Präsidenten. Ob nun Bill Clinton oder die Bushs, Gerald Ford oder Kennedy. Nur rumgehackt würde auf denen nicht halb so heftig wie auf Donald Trump.

 

In den üblichen 100 Tagen dann mehr dazu.

Nachts im Zoo

14. Juni 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

„Liebe Besucher der Wilhelma. Wir bitten sie den Park umgehend zu verlassen und sich zu den Ausgängen zu begeben“. Diese ungewöhnliche Durchsage ließ am späten Freitagnachmittag die zahlreich durch den sonnendurchfluteten Park schlendernden Wilhelmabesucher aufhorchen. Wollte man die gemütlichen Flaneure tatsächlich rauswerfen! Immer wieder wurde per Lautsprecher aufgefordert das Gelände des Stuttgarter Zoos wegen einer Veranstaltung umgehend zu verlassen. Das Sicherheitspersonal drängte die Besucher, sich rasch in Richtung des Haupteingangs zu begeben. Eine Aufforderung der sich der gestandene Wilhelma-Besucher zunächst einmal lautstark widersetze. Allerlei Ausreden fielen an. „Müssen unbedingt zum oberen Ausgang raus, noch dringend aufs WC“ etc. Klar keineswegs aus bösen Willen oder sinnlosem Trotz. Verständlicherweise! Man ist nun einmal neugierig und möchte eben unbedingt wissen wovon man eigentlich ausgeschlossen werden soll. Außerdem ist das Wetter endlich mal wieder ideal um noch möglichst lange durch die liebevoll gestalteten Anlagen zu bummeln. Allerdings ist der Grund für den Rauswurf einer, der den Besuchern längst klar ist. Stand es doch in der Zeitung und auf der Internet Seite der Wilhelma. Außerdem wurde jedem Besucher an diesem Tag zum Einlass mitgeteilt dass heute um 17.30 Uhr Schluss ist. Tageskartenbesitzer zahlten für den verkürzten Zoo-Aufenthalt einen ermäßigten Preis. Aber so einfach aufgeben… Wenigstens sollte man doch ein dummes Gesicht zum bösen Spiel machen.

Der Grund für diese rigorose Räumungsaktion: Die „Dreamnight at the Zoo“. Jedes Jahr am ersten oder zweiten Freitagabend im Juni gehört die Stuttgarter Wilhelma für einen Abend chronisch kranken Kindern. Rund 80 Beschäftigte der Wilhelma, Mitglieder des Fördervereins sowie weitere 80 externe Helfer, verschiedene Künstler und Sponsoren hatten sich bereits zum siebten Mal in den Dienst der Sache gestellt. Entstanden ist die Idee zur „Dreamnight at the Zoo“ 1996 im Zoo Rotterdam. Inzwischen beteiligen sich weltweit 270 Zoos: Laut den Organisatoren konnten so im Vorjahr mehr als 92.000 betroffene Familien in einen Zoo oder Tierpark eingeladen werden.

Sind Kinder chronisch krank oder haben sie eine Behinderung, fällt nicht nur der Alltag schwerer. Auch die Gestaltung der Freizeit leidet manchmal darunter. „Sie brauchen oft mehr Zeit und mehr Ruhe als andere“, sagte die Dreamnight-Koordinatorin der Wilhelma Stefanie Reska. „Damit die Kinder mit ihren Familien die Tiere und Pflanzen individuell nach ihren Interessen und Bedürfnissen erleben können, gehörte der Zoologisch-Botanische Garten an diesem Abend exklusiv dem überschaubaren Kreis der eingeladenen Gäste.“ Die Einladungsliste stimmt die Wilhelma jedes Mal neu ab mit dem Stuttgarter Olga-Kinderhospital, Kinderhospizen und rund 30 Förderkreisen, die sich um Kinder mit bestimmten Krankheitsbildern kümmern wie Herz- und Nierenleiden, Krebs oder Down-Syndrom.

Um 18 Uhr wurden dann 600 kleine Zoofreunde von der Wilhelmaleitung am Haupteingang begrüßt und in die zahlreichen Attraktionen des Abends eingeführt. Denn Zoo, Förderverein und zahlreiche geladene Veranstalter hatten ein umfangreiches Programm für die jungen Gäste und ihre Begleiter zusammengestellt. Nach einem kleinen Imbiss im Zoorestaurant lud zunächst die Wilhelma Parkpflege zu einer Leistungsshow. Die Traktoren und beachtlichen gärtnerischen Großgeräte sind immer einen Blickfang. Unweit davon durfte nach Herzenslust die Trommel geschlagen werden. In der Damaszenerhalle präsentierte sich der Wilhelmachor. Verstärkt durch einen Eisstand. Natürlich standen bei den zahlreichen Mitmachaktionen Pfleger und Helfer an diesem Tag alle freiwillig und ehrenamtlich den jungen Besuchern zur Seite, damit das für diese ein ganz besonderes Erlebnis wird. Selbst die Rauswerfer in Gestalt der Wilhelmaaufsicht hatten ihren offiziellen Dienstschluss da schon hinter sich gebracht und boten ihren Service freiwillig an. „Viele Rädchen müssen ineinandergreifen, damit so eine Großveranstaltung nach Dienstschluss gelingt“, sagte Wilhelma-Direktor Dr. Thomas Kölpin. „Es ist schon ein Kraftakt. Wir haben aber keine Not, ehrenamtliche Helfer und Sponsoren zu finden, um diesen Familien, die selbst ständig gefordert sind, einen unbeschwerten Abend in der Wilhelma bereiten zu können. Die ausgelassene Herzlichkeit dieses Abends ist uns ein großer Ansporn.“

Im Terrarium war es dann wiederum der Wilhelmadirektor selbst, der den jungen Besuchern Schlangen wie eine rote Königsnatter aus Nordamerika zum Streicheln anbot und somit einen ersten direkten Mensch-Tierkontakt vermittelte. „Legs wieder hin, legs wieder hin“, mochte der diese Szene beobachtende Tierfreund in einem dabei schreien. Aufgrund des oft recht unbeholfenen Handlings der Kinder mit den empfindlichen Tieren. Doch schnell kamen diese trotz ihrer Handicaps mit den wilden Lebewesen zurecht. Überhaupt staunte man wie gut die Kleinen vor lauter Wilhelma ihre offensichtlichen Handicaps eine Zeitlang vergessen konnten und unwahrscheinlich souverän die kleinen Hürden eines Zoobesuchs meisterten. Wo ein Wille ist, ist eben immer auch ein Weg. Der DRK-Stand in der Wilhelmaschule war quasi arbeitslos.

Es blieb jedoch nicht der einzige Tierkontakt an diesem Abend. Schon ein paar Meter weiter durften im selben Haus die glitschigen Koikarpfen angefasst werden. Wo den meisten hier die direkte Nähe der Tiere schon freudige Jauchzer entlockte. In der Wilhelma gehören Aquarium und Terrarium in einem Gebäude zusammen. Seit über 50 Jahren schon. In den späten 60ern galt der Neubau europaweit gar als Sensation. Den nächsten Tierkontakt hatten die Kinder im Jungtieraufzuchthaus. Hier durften sie die kleinen flauschigen Eintagesküken streicheln.

Das Streicheln von Küken, aber auch von Karpfen oder Schlangen erlaubte den Kindern einen direkten Kontakt zu manchen Zootieren. (Hinweis: Das Foto darf ausschließlich zur Berichterstattung über die Dreamnight 2015 der Wilhelma veröffentlicht werden).

Das Streicheln von Küken, aber auch von Karpfen oder Schlangen erlaubte den Kindern einen direkten Kontakt zu manchen Zootieren.
(Hinweis: Das Foto darf ausschließlich zur Berichterstattung über die Dreamnight 2015 der Wilhelma veröffentlicht werden).

Das Insektarium lud Mutigere zum Stelldichein mit Vogelspinne und Co., während gegenüber eine in den Bäumen verseilte Riesenschaukel für Rollstuhlfahrer ausprobiert werden konnte. Bis zu zehn Meter ging zwischen zwei der höchsten Wilhelmabäume hinauf. Ein Riesenspaß, versicherten die Kinder. Auf dem Schaubauernhof konnte ein Kunsteuter gemolken werden, an dem sonst die Azubis ihre Fingerfertigkeit testen. Außerdem gabs Ponyreiten und Ziegenstreicheln.

Jedoch gab man mit dem gleichen Eifer mit dem der Zoo erkundet und die verschiedenen Tiere so hautnah wie möglich erlebt werden konnten den Tieren dann auch gerne wieder etwas zurück. Vor dem neuen Menschenaffenhaus wurden eifrig Futterboxen für die dortigen Bewohner gebastelt. Denn Tiere sollen im Zooalltag auch ein wenig beschäftigt und so geistig und körperlich gefordert werden. Daher wurden Leckereien wie Rosinen und Nüsse kunstvoll in Papier, Holzwolle und diverse Schachteln verpackt und teils liebevoll verziert und von den Wilhelma-kennern mit den Namen der jeweiligen Lieblingsaffen versehen. Daneben stand erkundungsbereit ein Polizeieinsatzauto. Außerdem pressten die Beamten bunte Buttons. Auch die Pfleger der afrikanischen Huftiere hatten sich etwas besonderes für diesen Abend ausgedacht. Sie teilten ihren Gästen Birken- Buchen- und Eschenzweige aus, deren Blätter von hungrigen Giraffenzungen ruckzuck abgeerntet wurden. Man hatte die langhalsigen Zoolieblinge in der Tat zuvor ein wenig kürzer gehalten, gaben die Pfleger zu. Das Schauspiel wenn sich ein beeindruckender Giraffenkopf wie der vom fünfzehnjährigen Wilhelmabullen Hank aus knapp fünf Metern Höhe zu den kleinen Besuchern herunterbeugt, hinterließ einen bleibenden Eindruck. Jedoch selbst das Giraffenbaby Dschibuto schaute schon von über zwei Metern auf die jungen Besucher herunter. Allerdings sind Netzgiraffen bei der Geburt schon um die 1,60, erfuhren die Besucher.

Bei der Gänsegeiervoliere wurde klar, dass die zuvor gestreichelten kleinen Kücken meist nicht zum Streicheln verwendet werden. Toughe Kids durften die Geier mit toten Küken füttern. Bei der Südamerikaanlage erfuhr man allerhand über die Power von Ameisenbären und durfte ein Päckchen der schönen weichen Alpakawolle mit nach Hause nehmen. Die Eisbärenanlage wartete auf ein Blick in den Eisbärenstall und im Maurischen Garten ein Zauberer. Auch die Futterküche der Wilhelma, wo jedem Tier seine Tagesration zugeteilt wird, wurde ausführlich erklärt. Die Tiertransportkisten konnten angeschaut und tropische Früchte probiert werden. Der Tierarzt führte in seiner Praxis in die Kunst des Blasrohrscheißens ein. Auch das muss so einer beherrschen. Natürlich durfte eine gewohnt lautstarke Begegnung mit den Seelöwen nicht fehlen. Mit einer beeindruckenden Feuershow endete für die Kinder, die so lange ausgehalten hatten, schließlich die lange Traumnacht.

Der Spießerkriege zweiter Teil – Stuttgart demonstriert gegen eine Demo

5. Januar 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

 

Unter #stupida oder #nopegida laden die http://www.die-anstifter.de eine sozialistische Stiftung, die alljährlich den Stuttgarter Friedenspreis auslobt – jüngst in Abwesenheit für Whistleblower Edward Snowden mit einer Laudatio der sympathischen taz-Chefin Ines Pohl – und in der letzten Zeit auch ein wenig die Federführung im Kampf gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 übernommen hat zur Demonstration gegen die in Dresden großgewordene Bewegung, Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes kurz #PEGIDA, auf den Stuttgarter Schloßplatz ein. Hintergrund so der Text der Einladung: Man hat erfahren, dass #Pegida per Facebook eine Stuttgarter Gruppe mit dem Namen #Stugida gegründet haben will.
Wie jetzt. Es gibt ne Gegendemo wo noch nicht einmal klar ist wer eigentlich demonstriert und ob diese überhaupt aktiv werden? Da muss ich unbedingt hin. Dazu hätte ich unbedingt eine Menge Fragen.
Schon nächsten Montag will diese Gruppe erstmalig in Stuttgart zur Demo aufrufen, predigt AnStifter-Geschäftsführer Fritz Mielert zu Beginn von seiner Rednerbühne. Der befürchtet das Allerschlimmste mit #Pegida. Die Dresdener Demo mit zuletzt 18.000 Teilnehmern ist in den letzten Tagen so ein bisschen zum Feindbild und Prügelknaben der deutschen Spaßgesellschaft geworden. Dass #Pegida für Mielert nicht hochansteckend ist fehlt gerade noch. Auch meine besser informierte Umgebung rund um die Rednerbühne reagiert ein wenig verstört als er #Pegida neben dem omnipräsenten und erwartbaren rassistischen Schmutzkübel den auch Politiker und Medien für #Pegida schon fleißig genutzt haben (meist um von eigener Hilflosigkeit gegenüber den angesprochenen Problemen abzulenken) auch den Kampf gegen die Frau unterstellt. Denn das und diese ganzen Vorhaltungen kommen im Positionspapier der #Pegida eigentlich nicht vor.
Doch auch Stuttgarts Oberbürgermeister Fitz Kuhn (Grüne), der die Flüchtlinge, stellvertretend als syrischer Flüchtlingschor, erst einmal willkommen heißt ist am Abend schnell auf politischen Stammtischniveau angelangt und meint #Pegida sei nicht das Volk wie sie das ausrufe, sondern quasi er.
Was ist #Pegida dann, möchte man fragen, wenn kein Volk vielleicht mehr so ein Bäääh? Bevor er noch einen drauflegt und #Pegida für seine Energie- und Verkehrspolitik die Verantwortung aufzulasten versucht. Was rundum irritierte Lacher auslöst. Interessant ist dass Kuhn´s Aussagen sich in der Tat oft mit dem #Pegida-Positionspapier decken. Er nennt Flüchtlinge dezentralisiert unterzubringen gar das Stuttgarter Modell und erntet dafür großen Applaus. Auch der eingeladene frankfurter Pfarrer argumentiert kaum besser. Das unglückselige Irrenhaus aus Sozialisten und Evangelikalen ist damit komplett und ich fühle mich wieder an meinen ersten Besuch Bei der S21-Demo
https://explicatiophilosophiemagazin.wordpress.com/2011/01/22/schwabische-spieserkriege-teil-1-stuttgart-21-eine-stadt-gegen-eine-kloschussel/
vor einigen Jahren erinnert.
„Du zweifelst, dass es Rechtsradikale gibt und Asylbewerberheime brennen?
Ne, nicht wirklich, oder?“ meint AnStifter-Gründer Peter Grohmann auf meine irritierte Mail-Anfrage warum er gegen etwas ankämpfen möchte, dass es so gar nicht gibt. Und bin erstmal sprachlos. Wobei ich die Intension eines altstalinistisch geprägten Theatermannes noch nachvollziehen kann. Schließlich bekomme ich von Grohmann dankenswerterweise auch immer wieder das für mich unverständliche Sozialdemokratisch seines Umfelds ins Deutsche übersetzt. Für ihn ist diese Veranstaltung auch eher der Unangenehme Teil.
Stuttgart ist ja im Grunde ein Musterbeispiel an Toleranz. Von jeder Sorte Irrer haben wir wenigstens ein Exemplar in der Stadt, der uns täglich seine wirren Ideen vorkauen darf. Und getreu dem Motto „Auf die Wiesen und durch den Wald“ kann gegen alles demonstriert und auch darüber berichtet werden. Und jedem kann man auch nach belieben hinterher laufen. Und dazu sind die Montagsdemos im Grunde eine tolle Sache. Jeder Bürger kann sich nach Belieben Luft verschaffen und auch mal ordentlich Unsinn ablassen. Da halten sich auch rechts, links und religiös verwirrt für gewöhnlich die Waage. Vielleicht sind solche Demos auch die sinnvollste Verwendung von Steuergeldern in der letzten Zeit.
Nein sagen und dagegen sein ist jedoch immer einfach. Aber alles was mir nicht passt oder was sich zu großen Pamphleten verwursten lässt in einen Sack zu stopfen #Pegida draufschreiben um dann fröhlich draufzuhauen ist mir nicht so gut vermittelbar. Denn irgendwann sollten auch die Spaßpolitiker aus Berlin mal Lösungen auf den Tisch legen.
Woher kommt aber dieses hemmungslose verleumden und das geschlossen hässliche auftreten einer sonst seriösen Presse?
Klar hat Pegida mit seiner „Lügenpresse“ Kampagne Medien und Politikum ordentlich vor den Kopf gestoßen. Im S21-Stuttgart hat das „Lügenpack“ rufen gegen die CDU noch funktioniert. Aber keiner hört es gerne, wenn man seine kleinen Sauereien beim Namen nennt. Schließlich war es gerade das merkelsche Umfeld, das sich zu Beginn der IS-Offensiven sehr lautstark gegen den Islam positioniert hat. Jeder zurückliegende Spiegeltitel hatte den Islam verteufelt.
Und gerade bei älter werdenden weniger abenteuerlustigen Menschen ist der Sicherheitsgedanke, dass morgen doch bitte möglichst alles noch so ist wie heute, eben unwesentlich größer als bei gutsituierten Politikern und weltgewandten Medienleuten, denen der merkliche Ausverkauf der konservativen Werte weniger zusetzt.
Damit ist #Pegida auch zu einer Art Klassenkampf geworden. Man rächt sich dafür mit dem Schüren dumpfer Vorurteile, Fremdenhassvorwürfen und Intoleranz. Und zeigt, dass man einer derartigen Gruppierung aus der Unterschicht aus dem Osten verbal immer noch haushoch überlegen ist. Das stellt damit aber auch einmal mehr die Mittelmäßigkeit der geistigen Fähigkeiten unserer intellektuellen Oberschicht unter Beweis. Man ist sich auch nicht zu Schade die Veranstaltung mit Provokateuren zu verunglimpfen. Journalisten oder solche die sich dafür halten mischen sich unters Volk und Interviewen sich selbst dabei wie sie rassistische Ressentiments raushauen.
Es wird fleißigst Öl ins Feuer gegossen. Und nachgetreten was das Zeug hält. Geschickt webt man Migranten und andere ausgesucht stimmgewaltige Minderheiten in dieses Spiel ein. Ohne Zuwanderung gehts im Land nicht mehr voran, singt uns der wirtschaftsfreundliche Medienteil täglich vor und verschweigt dabei, dass ein deutsches more and more andere Länder immer weiter ausbluten lässt. Man kann wunderbar auf ein Feindbild einschlagen, dass man sich so selber geschaffen hat. Dass sich auch #Pegida gegen Fremdenhass positioniert ist dabei völlig egal. Wichtig scheint nur, dass keiner merkt, dass man nichts gegen die aktuelle Situation tun will.
Was #Pedida nun eigentlich wirklich ist erfährt daher wohl so schnell niemand. Soll er auch nach Möglichkeit nicht. Ob die Dresdener ähnlich wie wir Stuttgarter meist Demos besuchen weil nichts Lustiges mehr im Fernsehen kommt?
Denn ob es zu #Stugida am nächsten Montagabend kommen wird ist angesichts der „besonderen Diskursfähigkeit“ der linksautonomen Szene sehr fraglich. Zumal #Stugida immer mehr nach ner von den AnStiftern selbst gebastelten Ente aussieht. Alle online Infos verweisen auf Seiten die #Pegida eher verunglimpfen.
Stuttgarts Wutbürger müssen sich künftig entscheiden, auf welcher der vielen Montagsdemos sie sich in Zukunft die Beine in den Bauch stehen wollen. Die Teilnehmerzahl zur 254. S21 Demo fiel heute ein wenig dünner aus. Man darf gespannt sein, wie sich die Montagsdemos in Stuttgart zukünftig gestalten wenn die Themen mehr und die Grüppchen kleiner werden. Bildung, für und gegen S21, #Pegida und Cholera.
Insgesamt empfinde ich die #Pegida-Berichterstattung jedoch als ein Kapitel im Journalismus für das ich mich ehrlich schäme.

Stimme zu verschenken

22. September 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

Bin allmählich fürchterlich angenervt von der permanent extrem penetranten Nötigung durch die Medien doch unbedingt zur Wahl gehen zu müssen. „Bürgerpflicht, Demokratie und furchtbar schrecklich wichtig. Wer nicht wählt ist böse und ein Nazi“. Zumindest unterstützt er damit Pest Colera, Autodiebe und was weiß ich nicht alles… Und wer sich da nicht alles vor den Karren spannen lässt, damit unser Politikum auch weiterhin seine Scheinchen bekommt. Sportler, Schauspieler, Werbeagenturen etc. Leute von denen sonst eigentlich kaum einer Privates hören will. Teils klar aus Angst, dass es doch nur irgend ein perverser Schwachsinn ist. Aber auch sonst. Es ist entwürdigend.

Und ich weiß bei all dem medialen Hirnfick noch immer nicht wen ich eigentlich wählen will. Die Auswahl, muss man eigentlich noch was dazu schreiben, ist ja auch einfach wieder mal zum weglaufen.

Da gibts die CDU in der Hauptsache vertreten durch die aktuelle Kanzlerin Angela Merkel – einem sprechenden Sedativ. Sowie der Kandidatin für den Wahlkreis Stuttgart 2: Berufspolitikerin Karin Maag. Nie sonst auch nur irgend was von der gehört.

Zum Prozedere muss kurz erklärt werden, dass unsereiner bei der Bundestagswahl 2013 zwei Stimmen zu vergeben hat. Eine für einen Direktkandidaten und eine für eine Partei.

Die SPD als solche wird vertreten von Peer Steinbrück einem aufgeblasenen Hamburger Vollarsch. Der Kandidat für den Wahlkreis Stuttgart 2 ist Nikolas Schäfstoß. Auch noch nie sonst in Erscheinung getreten.

Was haben wir noch: Matthias Werwigk von der FDP. Immerhin seither im Stuttgarter Stadtrat und im Bund der Selbstständigen präsent und seine Frau war auch mal Justizministerin. Also schon eher ne bekannte Größe. Aber die Bundes-FDP ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. 2009 angetreten mit einem riesigen Paket die politische Landschaft zu verändern wovon sie bis heute nichts haben umsetzen können. Statt dessen produzieren nach etlichen personellen Querelen irgend welche blasierten Spukgestalten, ein Suffkopf und ein lustiger kleiner Vietnamese fleißig heiße Luft.

Sonst: Eine Biggi Bender. Klar ne Grüne. Die kommt auch immer nur zur Wahl aus ihrem Loch gekrochen. Und mit den Bundesgrünen bin ich irgendwie noch nie grün gewesen. Zu seltsam die Kandidaten und zu viel Angst machen mir deren im Grunde zutiefst menschenfeindlichen Vorstellungen vom Zusammenleben. Es gibt eigentlich nichts was diese Vögel einem nicht gerne verbieten würden. Selbst jedoch ist ihnen keine Absurdität zu fremd.

Für die Linke tritt Marta Aparacio an. Eine argentinische Textblase, die zu ihrem Thema, der S21-Sache auch irgendwie gut passt. Auch diese Gestalten sind mir zu seltsam. Auch wenn die Linke an für sich ein recht ansehnliches Program auf die Beine gestellt hat bei Aparacio verweigert mir mein Arm seinen Dienst. Die kann ich einfach nicht.

Mir fällt allerdings auch auf, dass ich mit meiner Sympathie für unsere Parteienlandschaft in den vergangene vier Jahren von der FDP zur Linken gewechselt habe. Aber die Programme der FDP damals und der Linken heute sind auf irgend eine Art doch vergleichbar.

Genervt beschließe ich am Freitag für diese Bundestagswahl meine Stimme zu verschenken. Bedürftige, die gerne wählen würden, so sie dass denn dürften gibts wohl genug. Selbst in Stuttgart.

Mein Experiment: Ich setze mich mit einem Schild: Aufschrift: Stimme zu verschenken! Vor mein Wahllokal in der Martin-Luther-Schule und warte. Nach einiger Zeit spreche ich aktiv Passanten zur Bundestagswahl an. Was sie denn gerne wählen würden und warum.

Da gehen die Wünsche dann sehr stark auseinander und meine Suche nach dem Besten Grund das Kreuzchen zu machen artet bald aus.

Viele wollen gerne die CDU. Wenn die Merkel nicht wäre. Oder die SPD ohne Steinbrück. Von den kleineren Parteien hält man im Allgemeinen derzeit nicht so viel. Zu gut funktioniert hier die schwarze Propaganda der etablierten Parteien.

Und die die sich doch vorstellen könnten eine der kleinen Parteien zu wählen und dies auch sehr freimütig bekunden, denen möchte ich aus verschiedenen anderen Gründen meine Stimme dann doch eher nicht geben.  In dieser sehr liberalen Stadt leben leider doch zu viele Spinner.

Für Schland auf´n Seelberg

6. September 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

Heute hat die rechtspopulistische Partei Pro Deutschland ihren Besuch in Bad Cannstatt angekündigt. Vor einem so genannten „Interkulturellen Zentrum“ (so das Powersprech der Antifa) einem Haus eben, mit einem Islamischen Gemeindezentrum, das von der örtlichen Polizei immer mal gerne mit diversen Razzien beehrt wird (man muss dem Steuerzahler ja ab und an was bieten für sein Geld), sowie einem Hindutempel, allerdings mit tamilen Hindus, was auch ganz schlimm ist, zumindest für die konkurrierenden Hindus in der Haldenstraße, einem Dominastudio, diversen Fachärzten und Anwaltskanzleien – will die Partei für ihre Sache werben. Die Demonstration in Cannstatt von 15 bis 17 Uhr ist nur eine ihrer Stationen an diesem Tag.

Eine rechtspopulistische Kundgebung mitten auf meinem Seelberg. Das kann ich mir einfach nicht entgehen lassen.

Die Polizei ist präsent. Überall das neue Blau. Selbst bei uns scheint das olle Grün also endlich ausgedient zu haben. Fällt mir sofort auf. Auch Gegendemonstranten sind schon zahlreich vertreten und machen was Gegendemonstranten, auch bei den lustigdoofen Montagsdemos gegen den Hauptbahnhof machen – nämlich Lärm. Ein paar hochgerüstete Polizisten versuchen sich höflich dem Redeschwall diverser verwirrter Rentner zu entziehen. Möglich aber auch, dass sie denselben auch einfach nur intellektuell nicht folgen können. Sind eben die besonders geschulten Eingreiftrupps.

Nur wo sind jetzt eigentlich die Rechten? Ich sehe und höre sie nicht einmal leise. Ich frage nach und lasse mir sagen, dass diese auf der anderen Seite der B 14, der Waiblingerstraße sind. Sie stehen, sehe ich dann,  in einer eigens abgesperrten kleinen Seitenstraße. Interessanterweise, so erfahre ich später vom Polizeisprecher Ole Petersen nicht ohne feixen, auf eigenen Wunsch. Die Jungs und das Mädel haben sich eine 50 Meter Pufferzone mit Polizeischutz erbeten. Die Ärmsten. Also das Rad schnappen und schnell dorthin.

Doch selbst der Versuch sich der Gruppe von der anderen Seite zu nähern wird nach einiger Zeit unterbunden. Mit zwei anderen Jungs, auch so verstrahlt wirkende Langhaarige, werden wir von einem der Beamten gebeten uns bis zur Wiesbadenerstraße, der nächsten Parallelstraße eben, zurückzuziehen. Eine Erklärung gibt es auf auf mein Nachfragen zunächst nicht. Er habe eben die Order und möchte uns bitten… Nicht dass wir uns mit knapp 30 sich langweilenden Beamten in kompletter Schlägermontur anlegen wollen, aber neugierig sind wir eigentlich schon. Zumal wir wie wir dem Beamten zu dessen Enttäuschung mitteilen müssen, nichtmal zu irgend einer der diversen an ihren Fähnchen erkenntlichen Organisationen auf der anderen Straßenseite angehören. Wir sind weder Ökos noch Faschisten. Zumindest nicht offiziell. Einfach nur Gaffer eben. Aber Polizisten, die Bürger aktiv vor dem Geschwafel von Randgruppen schützen, das wäre selbst für Stuttgart zu schön. Dennoch können wir in der kurzen Zeit die wir dort stehen einiges aufschnappen und dem Redner mit seinem lustigen Sonnenhut durchaus Entertainerqualitäten bescheinigen. Nur schade eben, dass dem absolut niemand zuhört. Aber diese Todeszone zwischen sich und dem Publikum hatten sie sich ja so gewünscht. Nach einigen lustigen Pamphleten und dem Sprecher, der zeitweilig wirkt als wolle er mit seinem Mikrofonkabel eine lustige Rope-Skipping Nummer, für echt Deutsche – Seilspringen, veranstalten passiert sonst eher nichts.

Irgendwann packen die Jungs zusammen und wenden sich Stuttgart-Botnang ihrem nächsten Ziel, einer Moschee in der Regenstraße zu. Ja, und dort hat’s dann auch erstmal ordentlich, na was wohl ge…