Der Spießerkriege zweiter Teil – Stuttgart demonstriert gegen eine Demo

5. Januar 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

 

Unter #stupida oder #nopegida laden die http://www.die-anstifter.de eine sozialistische Stiftung, die alljährlich den Stuttgarter Friedenspreis auslobt – jüngst in Abwesenheit für Whistleblower Edward Snowden mit einer Laudatio der sympathischen taz-Chefin Ines Pohl – und in der letzten Zeit auch ein wenig die Federführung im Kampf gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 übernommen hat zur Demonstration gegen die in Dresden großgewordene Bewegung, Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes kurz #PEGIDA, auf den Stuttgarter Schloßplatz ein. Hintergrund so der Text der Einladung: Man hat erfahren, dass #Pegida per Facebook eine Stuttgarter Gruppe mit dem Namen #Stugida gegründet haben will.
Wie jetzt. Es gibt ne Gegendemo wo noch nicht einmal klar ist wer eigentlich demonstriert und ob diese überhaupt aktiv werden? Da muss ich unbedingt hin. Dazu hätte ich unbedingt eine Menge Fragen.
Schon nächsten Montag will diese Gruppe erstmalig in Stuttgart zur Demo aufrufen, predigt AnStifter-Geschäftsführer Fritz Mielert zu Beginn von seiner Rednerbühne. Der befürchtet das Allerschlimmste mit #Pegida. Die Dresdener Demo mit zuletzt 18.000 Teilnehmern ist in den letzten Tagen so ein bisschen zum Feindbild und Prügelknaben der deutschen Spaßgesellschaft geworden. Dass #Pegida für Mielert nicht hochansteckend ist fehlt gerade noch. Auch meine besser informierte Umgebung rund um die Rednerbühne reagiert ein wenig verstört als er #Pegida neben dem omnipräsenten und erwartbaren rassistischen Schmutzkübel den auch Politiker und Medien für #Pegida schon fleißig genutzt haben (meist um von eigener Hilflosigkeit gegenüber den angesprochenen Problemen abzulenken) auch den Kampf gegen die Frau unterstellt. Denn das und diese ganzen Vorhaltungen kommen im Positionspapier der #Pegida eigentlich nicht vor.
Doch auch Stuttgarts Oberbürgermeister Fitz Kuhn (Grüne), der die Flüchtlinge, stellvertretend als syrischer Flüchtlingschor, erst einmal willkommen heißt ist am Abend schnell auf politischen Stammtischniveau angelangt und meint #Pegida sei nicht das Volk wie sie das ausrufe, sondern quasi er.
Was ist #Pegida dann, möchte man fragen, wenn kein Volk vielleicht mehr so ein Bäääh? Bevor er noch einen drauflegt und #Pegida für seine Energie- und Verkehrspolitik die Verantwortung aufzulasten versucht. Was rundum irritierte Lacher auslöst. Interessant ist dass Kuhn´s Aussagen sich in der Tat oft mit dem #Pegida-Positionspapier decken. Er nennt Flüchtlinge dezentralisiert unterzubringen gar das Stuttgarter Modell und erntet dafür großen Applaus. Auch der eingeladene frankfurter Pfarrer argumentiert kaum besser. Das unglückselige Irrenhaus aus Sozialisten und Evangelikalen ist damit komplett und ich fühle mich wieder an meinen ersten Besuch Bei der S21-Demo
https://explicatiophilosophiemagazin.wordpress.com/2011/01/22/schwabische-spieserkriege-teil-1-stuttgart-21-eine-stadt-gegen-eine-kloschussel/
vor einigen Jahren erinnert.
„Du zweifelst, dass es Rechtsradikale gibt und Asylbewerberheime brennen?
Ne, nicht wirklich, oder?“ meint AnStifter-Gründer Peter Grohmann auf meine irritierte Mail-Anfrage warum er gegen etwas ankämpfen möchte, dass es so gar nicht gibt. Und bin erstmal sprachlos. Wobei ich die Intension eines altstalinistisch geprägten Theatermannes noch nachvollziehen kann. Schließlich bekomme ich von Grohmann dankenswerterweise auch immer wieder das für mich unverständliche Sozialdemokratisch seines Umfelds ins Deutsche übersetzt. Für ihn ist diese Veranstaltung auch eher der Unangenehme Teil.
Stuttgart ist ja im Grunde ein Musterbeispiel an Toleranz. Von jeder Sorte Irrer haben wir wenigstens ein Exemplar in der Stadt, der uns täglich seine wirren Ideen vorkauen darf. Und getreu dem Motto „Auf die Wiesen und durch den Wald“ kann gegen alles demonstriert und auch darüber berichtet werden. Und jedem kann man auch nach belieben hinterher laufen. Und dazu sind die Montagsdemos im Grunde eine tolle Sache. Jeder Bürger kann sich nach Belieben Luft verschaffen und auch mal ordentlich Unsinn ablassen. Da halten sich auch rechts, links und religiös verwirrt für gewöhnlich die Waage. Vielleicht sind solche Demos auch die sinnvollste Verwendung von Steuergeldern in der letzten Zeit.
Nein sagen und dagegen sein ist jedoch immer einfach. Aber alles was mir nicht passt oder was sich zu großen Pamphleten verwursten lässt in einen Sack zu stopfen #Pegida draufschreiben um dann fröhlich draufzuhauen ist mir nicht so gut vermittelbar. Denn irgendwann sollten auch die Spaßpolitiker aus Berlin mal Lösungen auf den Tisch legen.
Woher kommt aber dieses hemmungslose verleumden und das geschlossen hässliche auftreten einer sonst seriösen Presse?
Klar hat Pegida mit seiner „Lügenpresse“ Kampagne Medien und Politikum ordentlich vor den Kopf gestoßen. Im S21-Stuttgart hat das „Lügenpack“ rufen gegen die CDU noch funktioniert. Aber keiner hört es gerne, wenn man seine kleinen Sauereien beim Namen nennt. Schließlich war es gerade das merkelsche Umfeld, das sich zu Beginn der IS-Offensiven sehr lautstark gegen den Islam positioniert hat. Jeder zurückliegende Spiegeltitel hatte den Islam verteufelt.
Und gerade bei älter werdenden weniger abenteuerlustigen Menschen ist der Sicherheitsgedanke, dass morgen doch bitte möglichst alles noch so ist wie heute, eben unwesentlich größer als bei gutsituierten Politikern und weltgewandten Medienleuten, denen der merkliche Ausverkauf der konservativen Werte weniger zusetzt.
Damit ist #Pegida auch zu einer Art Klassenkampf geworden. Man rächt sich dafür mit dem Schüren dumpfer Vorurteile, Fremdenhassvorwürfen und Intoleranz. Und zeigt, dass man einer derartigen Gruppierung aus der Unterschicht aus dem Osten verbal immer noch haushoch überlegen ist. Das stellt damit aber auch einmal mehr die Mittelmäßigkeit der geistigen Fähigkeiten unserer intellektuellen Oberschicht unter Beweis. Man ist sich auch nicht zu Schade die Veranstaltung mit Provokateuren zu verunglimpfen. Journalisten oder solche die sich dafür halten mischen sich unters Volk und Interviewen sich selbst dabei wie sie rassistische Ressentiments raushauen.
Es wird fleißigst Öl ins Feuer gegossen. Und nachgetreten was das Zeug hält. Geschickt webt man Migranten und andere ausgesucht stimmgewaltige Minderheiten in dieses Spiel ein. Ohne Zuwanderung gehts im Land nicht mehr voran, singt uns der wirtschaftsfreundliche Medienteil täglich vor und verschweigt dabei, dass ein deutsches more and more andere Länder immer weiter ausbluten lässt. Man kann wunderbar auf ein Feindbild einschlagen, dass man sich so selber geschaffen hat. Dass sich auch #Pegida gegen Fremdenhass positioniert ist dabei völlig egal. Wichtig scheint nur, dass keiner merkt, dass man nichts gegen die aktuelle Situation tun will.
Was #Pedida nun eigentlich wirklich ist erfährt daher wohl so schnell niemand. Soll er auch nach Möglichkeit nicht. Ob die Dresdener ähnlich wie wir Stuttgarter meist Demos besuchen weil nichts Lustiges mehr im Fernsehen kommt?
Denn ob es zu #Stugida am nächsten Montagabend kommen wird ist angesichts der „besonderen Diskursfähigkeit“ der linksautonomen Szene sehr fraglich. Zumal #Stugida immer mehr nach ner von den AnStiftern selbst gebastelten Ente aussieht. Alle online Infos verweisen auf Seiten die #Pegida eher verunglimpfen.
Stuttgarts Wutbürger müssen sich künftig entscheiden, auf welcher der vielen Montagsdemos sie sich in Zukunft die Beine in den Bauch stehen wollen. Die Teilnehmerzahl zur 254. S21 Demo fiel heute ein wenig dünner aus. Man darf gespannt sein, wie sich die Montagsdemos in Stuttgart zukünftig gestalten wenn die Themen mehr und die Grüppchen kleiner werden. Bildung, für und gegen S21, #Pegida und Cholera.
Insgesamt empfinde ich die #Pegida-Berichterstattung jedoch als ein Kapitel im Journalismus für das ich mich ehrlich schäme.

Stimme zu verschenken

22. September 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

Bin allmählich fürchterlich angenervt von der permanent extrem penetranten Nötigung durch die Medien doch unbedingt zur Wahl gehen zu müssen. “Bürgerpflicht, Demokratie und furchtbar schrecklich wichtig. Wer nicht wählt ist böse und ein Nazi”. Zumindest unterstützt er damit Pest Colera, Autodiebe und was weiß ich nicht alles… Und wer sich da nicht alles vor den Karren spannen lässt, damit unser Politikum auch weiterhin seine Scheinchen bekommt. Sportler, Schauspieler, Werbeagenturen etc. Leute von denen sonst eigentlich kaum einer Privates hören will. Teils klar aus Angst, dass es doch nur irgend ein perverser Schwachsinn ist. Aber auch sonst. Es ist entwürdigend.

Und ich weiß bei all dem medialen Hirnfick noch immer nicht wen ich eigentlich wählen will. Die Auswahl, muss man eigentlich noch was dazu schreiben, ist ja auch einfach wieder mal zum weglaufen.

Da gibts die CDU in der Hauptsache vertreten durch die aktuelle Kanzlerin Angela Merkel – einem sprechenden Sedativ. Sowie der Kandidatin für den Wahlkreis Stuttgart 2: Berufspolitikerin Karin Maag. Nie sonst auch nur irgend was von der gehört.

Zum Prozedere muss kurz erklärt werden, dass unsereiner bei der Bundestagswahl 2013 zwei Stimmen zu vergeben hat. Eine für einen Direktkandidaten und eine für eine Partei.

Die SPD als solche wird vertreten von Peer Steinbrück einem aufgeblasenen Hamburger Vollarsch. Der Kandidat für den Wahlkreis Stuttgart 2 ist Nikolas Schäfstoß. Auch noch nie sonst in Erscheinung getreten.

Was haben wir noch: Matthias Werwigk von der FDP. Immerhin seither im Stuttgarter Stadtrat und im Bund der Selbstständigen präsent und seine Frau war auch mal Justizministerin. Also schon eher ne bekannte Größe. Aber die Bundes-FDP ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. 2009 angetreten mit einem riesigen Paket die politische Landschaft zu verändern wovon sie bis heute nichts haben umsetzen können. Statt dessen produzieren nach etlichen personellen Querelen irgend welche blasierten Spukgestalten, ein Suffkopf und ein lustiger kleiner Vietnamese fleißig heiße Luft.

Sonst: Eine Biggi Bender. Klar ne Grüne. Die kommt auch immer nur zur Wahl aus ihrem Loch gekrochen. Und mit den Bundesgrünen bin ich irgendwie noch nie grün gewesen. Zu seltsam die Kandidaten und zu viel Angst machen mir deren im Grunde zutiefst menschenfeindlichen Vorstellungen vom Zusammenleben. Es gibt eigentlich nichts was diese Vögel einem nicht gerne verbieten würden. Selbst jedoch ist ihnen keine Absurdität zu fremd.

Für die Linke tritt Marta Aparacio an. Eine argentinische Textblase, die zu ihrem Thema, der S21-Sache auch irgendwie gut passt. Auch diese Gestalten sind mir zu seltsam. Auch wenn die Linke an für sich ein recht ansehnliches Program auf die Beine gestellt hat bei Aparacio verweigert mir mein Arm seinen Dienst. Die kann ich einfach nicht.

Mir fällt allerdings auch auf, dass ich mit meiner Sympathie für unsere Parteienlandschaft in den vergangene vier Jahren von der FDP zur Linken gewechselt habe. Aber die Programme der FDP damals und der Linken heute sind auf irgend eine Art doch vergleichbar.

Genervt beschließe ich am Freitag für diese Bundestagswahl meine Stimme zu verschenken. Bedürftige, die gerne wählen würden, so sie dass denn dürften gibts wohl genug. Selbst in Stuttgart.

Mein Experiment: Ich setze mich mit einem Schild: Aufschrift: Stimme zu verschenken! Vor mein Wahllokal in der Martin-Luther-Schule und warte. Nach einiger Zeit spreche ich aktiv Passanten zur Bundestagswahl an. Was sie denn gerne wählen würden und warum.

Da gehen die Wünsche dann sehr stark auseinander und meine Suche nach dem Besten Grund das Kreuzchen zu machen artet bald aus.

Viele wollen gerne die CDU. Wenn die Merkel nicht wäre. Oder die SPD ohne Steinbrück. Von den kleineren Parteien hält man im Allgemeinen derzeit nicht so viel. Zu gut funktioniert hier die schwarze Propaganda der etablierten Parteien.

Und die die sich doch vorstellen könnten eine der kleinen Parteien zu wählen und dies auch sehr freimütig bekunden, denen möchte ich aus verschiedenen anderen Gründen meine Stimme dann doch eher nicht geben.  In dieser sehr liberalen Stadt leben leider doch zu viele Spinner.

Für Schland auf´n Seelberg

6. September 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

Heute hat die rechtspopulistische Partei Pro Deutschland ihren Besuch in Bad Cannstatt angekündigt. Vor einem so genannten “Interkulturellen Zentrum” (so das Powersprech der Antifa) einem Haus eben, mit einem Islamischen Gemeindezentrum, das von der örtlichen Polizei immer mal gerne mit diversen Razzien beehrt wird (man muss dem Steuerzahler ja ab und an was bieten für sein Geld), sowie einem Hindutempel, allerdings mit tamilen Hindus, was auch ganz schlimm ist, zumindest für die konkurrierenden Hindus in der Haldenstraße, einem Dominastudio, diversen Fachärzten und Anwaltskanzleien – will die Partei für ihre Sache werben. Die Demonstration in Cannstatt von 15 bis 17 Uhr ist nur eine ihrer Stationen an diesem Tag.

Eine rechtspopulistische Kundgebung mitten auf meinem Seelberg. Das kann ich mir einfach nicht entgehen lassen.

Die Polizei ist präsent. Überall das neue Blau. Selbst bei uns scheint das olle Grün also endlich ausgedient zu haben. Fällt mir sofort auf. Auch Gegendemonstranten sind schon zahlreich vertreten und machen was Gegendemonstranten, auch bei den lustigdoofen Montagsdemos gegen den Hauptbahnhof machen – nämlich Lärm. Ein paar hochgerüstete Polizisten versuchen sich höflich dem Redeschwall diverser verwirrter Rentner zu entziehen. Möglich aber auch, dass sie denselben auch einfach nur intellektuell nicht folgen können. Sind eben die besonders geschulten Eingreiftrupps.

Nur wo sind jetzt eigentlich die Rechten? Ich sehe und höre sie nicht einmal leise. Ich frage nach und lasse mir sagen, dass diese auf der anderen Seite der B 14, der Waiblingerstraße sind. Sie stehen, sehe ich dann,  in einer eigens abgesperrten kleinen Seitenstraße. Interessanterweise, so erfahre ich später vom Polizeisprecher Ole Petersen nicht ohne feixen, auf eigenen Wunsch. Die Jungs und das Mädel haben sich eine 50 Meter Pufferzone mit Polizeischutz erbeten. Die Ärmsten. Also das Rad schnappen und schnell dorthin.

Doch selbst der Versuch sich der Gruppe von der anderen Seite zu nähern wird nach einiger Zeit unterbunden. Mit zwei anderen Jungs, auch so verstrahlt wirkende Langhaarige, werden wir von einem der Beamten gebeten uns bis zur Wiesbadenerstraße, der nächsten Parallelstraße eben, zurückzuziehen. Eine Erklärung gibt es auf auf mein Nachfragen zunächst nicht. Er habe eben die Order und möchte uns bitten… Nicht dass wir uns mit knapp 30 sich langweilenden Beamten in kompletter Schlägermontur anlegen wollen, aber neugierig sind wir eigentlich schon. Zumal wir wie wir dem Beamten zu dessen Enttäuschung mitteilen müssen, nichtmal zu irgend einer der diversen an ihren Fähnchen erkenntlichen Organisationen auf der anderen Straßenseite angehören. Wir sind weder Ökos noch Faschisten. Zumindest nicht offiziell. Einfach nur Gaffer eben. Aber Polizisten, die Bürger aktiv vor dem Geschwafel von Randgruppen schützen, das wäre selbst für Stuttgart zu schön. Dennoch können wir in der kurzen Zeit die wir dort stehen einiges aufschnappen und dem Redner mit seinem lustigen Sonnenhut durchaus Entertainerqualitäten bescheinigen. Nur schade eben, dass dem absolut niemand zuhört. Aber diese Todeszone zwischen sich und dem Publikum hatten sie sich ja so gewünscht. Nach einigen lustigen Pamphleten und dem Sprecher, der zeitweilig wirkt als wolle er mit seinem Mikrofonkabel eine lustige Rope-Skipping Nummer, für echt Deutsche – Seilspringen, veranstalten passiert sonst eher nichts.

Irgendwann packen die Jungs zusammen und wenden sich Stuttgart-Botnang ihrem nächsten Ziel, einer Moschee in der Regenstraße zu. Ja, und dort hat’s dann auch erstmal ordentlich, na was wohl ge…

Daimler – Sterne in Öl

4. September 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

Mit der Fertigstellung der Halle 136/1 geht ein weiteres meiner Langzeitexperimente seinem Ende entgegen. Seit dem 15. Mai 2012 bin ich für die Salacher Elektrofirma Heldele im Daimlerwerk Untertürkheim, ein Unternehmen der Mercedes Benz Welt oder umgekehrt, die Namen Mercedes, Daimler oder etwa Benz werden von der Kreativabteilung des Großkonzerns mit dem Stern gerne und oft immer mal wieder zu einem anders lautenden Slogan umgruppiert der dann den offiziellen Firmennamen darstellen soll.

Ich habe mich quasi direkt unter die Creme der Werktätigen, den echten Helden der Arbeit gemischt. Ja wer beim Daimler arbeitet, der hat’s einfach geschafft und trägt diese Tatsache, meist in Form einiger Kilos zuviel und einem gewissen tumben Stolz vor sich her.

Für ein neues Projekt, irgend eine Getriebeserie, erklärt der Projektplaner Elektrotechnik nebenbei, wird eine Montagefläche benötigt. Dazu soll zunächst die komplette derzeitige Produktionsfläche im Erdgeschoss der Halle 136/1 im Werk Untertürkheim, die bisherige Zylinderkopf Produktion, demontiert werden. Diesen echten Drecksjob teilen sich mit mir drei Mitarbeiter der Firma Heldele, die mich auch für diesen Job bei meiner Firma der Sak GmbH angeheuert hat.

Drecksjob weil ich beinahe täglich zusehen kann wie sich Waschmaschinenab- und Badewasser zu Hause schwarz färben.

Eigentlich ist die Arbeit bei Daimler immer ein wenig schmutzig. Ob Maurer oder Finanzvorstand, ganz gleich welchen Job man dort macht, wohin man fasst bleibt einem die Daimler-Grundessenz, eine schmierig-klebrige schwarze Masse an den Fingern zurück.

Von alten lecken Rohren tropft Öl über Kabelrinnen in diverse Maschinen, Lampen oder andere Einrichtungsgegenstände. Alte Lüftungskanäle, Kisten und allerlei herumstehender Unrat dienen als vorläufiges Auffangbecken bis die Brühe auch dort wieder überläuft, schließlich auf dem Boden ankommt und in alten Bodenschächten versickert in denen man beim Kabelverlegen dann ähnlich einem Moorbad, bis zu den Waden im alten Ölschlamm einsinkt.

Man munkelt, hinter vorgehaltener Hand versteht sich, dass aus dieser schwarzgrauen Masse die täglich in den Abläufen verschwindet, irgendwo im Keller die neuen Werktätigen geklont werden. Was glaubhaft ist, schaut man sich genauer an, was einem von dort unten wohl sicher noch nicht ganz trocken und vollendet für Volk entgegenkommt.

In der alten Werkhalle muss dann auch verschärft aufgepasst werden nicht mit allerlei Krimskrams im Arm in einer der zahlreichen Ölpfützen auszurutschen. Was man nach ein paar beinahe Unfällen auch gelernt hat. Dasselbe gilt für die Arbeit über den Köpfen. Die Stahlträger der Deckenkonstruktion sind genauso schmierig wie der Fußboden. Eigentlich wie der ganze Rest der Halle. Darauf rumzuspazieren ist nicht immer gerne gesehen, aber wie sonst an den Kram unterhalb der Decke rankommen, der dort eben auch unbedingt demontiert werden soll. Außerdem ist sich ein wenig zum Affen zu machen mit einer der wenigen spaßigen Momente die diese Arbeit mit sich bringen. Und auch der Werks-Sicherheitsonkel kann sich so mit einem netten Vortrag einmal wieder in Szene setzten und kann so glücklich gemacht werden.

Mit einem Kollegen mache ich mich zunächst an die Demontage der alten Lichtbänder die im Abstand von etwa zwei Metern durch die etwa 500 Quadratmeter große Halle gespannt sind. Dieser sorgt eigentlich ständig für Unruhe im Team. Schon am frühen Morgen zeigt er seiner Umgebung, lautstark Phantomflüche gegen irgendwelche imaginären Fressfeinde und schwer nachvollziehbare Probleme ausstoßend, seine schlechte Laune an. Immer auf der Suche nach Streit muss er auf jeden ganz gleich wie groß oder friedfertig einem durchgeknallten kleinen Dackel gleich losrennen. So dass gelegentlich die Frage von anderen Gewerken auftaucht ob der eigentlich einen Dachschaden hat. Seine Gedanken richtig zu ordnen scheint ihm nur begrenzt möglich zu sein. Gibt man ihm drei Aufgaben versucht er in der Tat in drei Richtungen gleichzeitig loszurennen. Was schon wieder recht drollig wirkt. Er verzettelt und verhaspelt sich sogar beim Sprechen. Seine Faulheit und Schlampigkeit garantieren allerdings auch dass aus der aufgesetzten Betriebsamkeit selten Konkretes entsteht. Beziehungsweise soll ich´s dann wieder richten. So gerne er anderen irgend welche Fehler unterstellt um so nervöser reagiert er, wenn man ihn auf den eigenen Murks aufmerksam macht. Fängt zu stottern, ja beinahe zu heulen an. Der neue Kollege ist mir umgehend dermaßen sympathisch, dass ich kaum dass ich den Typen eine halbe Stunde kenne den ihn am Liebsten in irgend einen Schaltschrank mit einbauen würde. Es gibt eigentlich nichts zu dem er nicht irgend einen saublöden Kommentar loswerden möchte. Wenn er jemandem ein Ei legen kann tut er das auch. Anderen wird so schon mal Werkzeug oder Material versteckt. Wodurch er sich auch nicht gerade Freunde macht. Eine Situation die mir gar nicht behagt. Wenns hart kommt müsste ich ihm als guter Kollege eigentlich aus der Patsche helfen. Obwohl ich, feige Sau die ich nun einmal bin, das gar nicht will. Seine Kollegen aus der Schwachstromabteilung meinen dazu nur ich könnte mich doch umdrehen und so tun als hätte ich nichts gesehen. Allerdings bringen gerade diese Jungs es auch fertig mit der Hebebühne frontal gegen Hallenstützpfeiler zu fahren. Mit der Hygiene hat er´s andererseits auch nicht besonders. Die Haare zieren teilweise als eine einzige matschige Masse den rattenhaften Kopf. Und ich frage mich zeitweilig wer heftiger riecht, er oder sein Hund. Hier ist erhöhte Aufmerksamkeit geboten.

Das Entfernen der Einsätze aus den Schienen ist als wenn man dort an der Decke irgendwo nen Stöpsel zieht. In wahlweise schwarz, grünlich oder eher braun rinnt erstmal ein halber Liter Öl aus der Schiene. Die Lampenteile flutschen einem durch die Finger. Manche kleben dort auch fest. Das hängt vom Mischverhältnis von Öl zu Dreck, Metallspänen oder Farbe ab. Wie es sich in der Halle eben so ergibt.

Direkt neben unseren Leitern hämmert mit ohrenbetäubendem Lärm und beißendem Abgasgestank Bagger und anderem baustellenrelevanten Großgerät die Firma Wolfer&Goebel die alten Leitungsschächte im Boden zusammen, die währenddessen von einer Putzfirma noch so pro Forma vom Öl gereinigt werden. Klar, dass auch die Putzfirma die Hälfte vom aufgesaugten Ölschlamm wieder auf dem Hallenboden verteilt. Lustig anzusehen ist dabei der neben dem großen baggerbetriebenen Pressluftbohrer ein wenig verloren wirkende Kollege mit seinem kleinen Kaffeebecher, der mit Wasserspritzern versucht gegen den Staub anzukämpfen. Pünktlich zum Vesper sind die Kollegen dann bei der Metallumrandung des Schachts angelangt, die natürlich ebenso mit dem Pressluftbohrer demontiert werden muss. Das Klingeln in den Ohren begleitet dann in den Abend.

Ne weitere Aktion in dieser Halle ist das entfernen alter Leitungen und Kabeltrassen. Auch dabei dominiert der schmierige Mix aus alter Farbe und Öl. Wir finden in den Kabelrinnen Bierflaschen mit Verfallsdaten aus teilweise den späten 80ern. Getrunken wird ordentlich in der Firma. Auch die Flaschen haben von den fleißigen Malern mit den letzten Jahren schon eine dicke Farbschicht aufgesprüht bekommen haben. Denn angemalt wird ohne Rücksicht auf Verluste. Selbst Lichtschalter, die neu montiert sind oder einfach nur liegen gelassen werden sind anderntags mit einer weißen Farbschicht überzogen. Wann und wo der Maler im Werk zuschlägt weiß man vorher nie.

Mit der Demontage der alten Zuleitungen halten wir uns fast den ganzen Sommer über auf. Tonnenweise schleppen wir dieses so genannte Altkupfer aus der Halle, füllen damit gut zehn Container und meinen, dass Daimler dieses Bauprojekt bei der heutigen Kupferpreisen damit wohl fast wieder rückfinanziert hat. Eine Arbeit, bei der unser Vorarbeiter richtig aufblüht. Denn dabei kann der kleine Kerl seine Power voll ausspielen. Ein Kollege, der mich aus früheren Einsätzen kennt meint auf diese Aktion hin direkt dass ich kräftiger geworden sei. Wen wunderts, so n 4x240mm Kabel im Querschnitt gut zehn Zentimeter hat auch zusammengeschnitten noch einiges an Gewicht. Oft kleben diese Dinger im Allgegenwärtigen Schmutz derart fest, dass sogar die zum Herausziehen zweckentfremdete Hebebühne ihren Dienst versagt und nicht mehr weiterfährt.

Aber das Unternehmen bietet kurzfristig auch andere Jobs an. Mal hier n Büro oder da n Waschraum in Brühl, Hedelfingen oder Mettingen installieren. Auch im Open Air Kino vorm Werk Untertürkheim dürfen wir zeitweilig rumspielen und kommen bei diesen Jobs häufig auch mit den zwar freundlichen aber äußerst schrulligen Werktätigen in Berührung.

Alles was denen unangenehm ist soll uns recht sein. So beschäftigen wir uns über ein halbes Jahr mit dem Auflegen von 4 x 240 mm Kabel von Trafostation zu Krafthauptverteilung und werden bei diesem recht schweißtreibenden Job, den das Verlegen von armdicken Kupferleitungen so mit sich bringt von den Werktätigen gerne moralisch unterstützt.

Der Junggeselle hat von der Truppe irgendwann die Schnauze voll. Zum Ende Juli ist er weg. Als Ersatz kommen zunächst eine Reihe weiterer Zeitarbeiter. Ein Russe, der im Grunde recht hilfsbereit ist. Nur hat er irgendwie kein Verständnis dafür auch mal eine Arbeit alleine auszuführen. Teile ich ihm eine Aufgabe zu steht er in wenigen Sekunden wieder neben mir oder fingert mir von Hinten in meine Arbeit rein.

Ein weiteres lustiges Exemplar verbringt den größten Teil des Tages beim Wasserkaufen oder eben mit dem Gang aufs WC. Manchmal lässt er einen dabei sogar mitten in einer Kabelzugaktion stehen.

Ein anderer ist einfach nur groß und doof. Selbst zum Schachteln aufpacken offenbar nicht zu gebrauchen. Er redet nur vom VfB und ist Kritik absolut nicht zugänglich.

Zum Jahresbeginn gibst n neuen Kollegen. Der ist im Grunde nicht weniger eklig als ein anderer giftig. Geizig bis zum Anschlag futtert er meist Sachen mit längst abgelaufenem Verfallsdatum oder ähnliche schwer definierbare Sachen und riecht als hätte er Nachbars Biotonnne ausgelöffelt. Er wohnt obwohl 50 noch bei Mutti, die ihn und seinen Bruder immer noch umsorgt. Hören tut auch er nur das was er hören will. Damit ist es nahezu unmöglich ihm näherzubringen, dass sein Geschmatze, Schlürfen, Spucken, Furzen und Rülpsen anderer Kollegen Mägen ziemlich zu schaffen macht. Zumal er sein Essen beim Sprechen gerne anderen mitten ins Gesicht oder den Mund spuckt. „Ich halt n saftiger Apfel“, meint er auf meine Kritik und schon habe ich den Apfelbrei wieder in den Haaren. Runterkauen und dann sprechen kennt er nicht. Außerdem jagen mir täglich bei einer Annäherung von einem knappen Meter an den Typen hunderte Milben wie ein kleiner Sandsturm ins Gesicht, die ich erstmal nach Hause getragen und an meine Haustiere übergeben habe. Erst die Tierärztin hat mich darüber aufgeklärt. Allgemein gesehen ziehe ich das Fazit aus der Tätigkeit für Heldele, dass man in Salach andere Hygienestandarts pflegt als in Stuttgart und bin froh als es vorbei ist und ich zu Hause die Chemiekeule einstellen kann. Denn jeden Montagmorgen ging das wieder von vorne los.

36 Vorurteile

3. Juli 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

Zum Auftakt des 12. Sommer Festival der Kulturen vom 16. Bis 21. Juli auf dem Stuttgarter Marktplatz hatte das Forum der Kulturen Stuttgart e.V. Am Mittwochabend zur Vernissage ins Stuttgarter Rathaus eingeladen. Unter dem Titel 36 Tage, 36 Menschen, 36 Momente, präsentierte der interkulturelle Workshop der Fotokunstschule Stuttgart, einen ganz eigenen, um so interessanteren Weg mit Vorurteilen umzugehen.

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„36 isteine schöne Zahl“, argumentiert der künstlerische Leiter des Projekts 36 der Fotokunstschule Stuttgart, Antonino Zambito zunächst den ungewöhnlichen Arbeitstitel.

36 Bilder habe der klassische Kleinbildfilm mit dem gearbeitet werden sollte. Ein Film der den Bildern einen warmen Farbton also eine Wohlfühlatmosphäre gebe. Ein Gegensatz zum Thema Vorurteile, den diese seien nicht unbedingt warm.

DSC_0198Dennoch beschreibt Rolf Graser, Geschäftsführer des Forum der Kulturen Stuttgart e.V. in seinem Grußwort Vorurteile als „Meistgeteilte“ Sache der Welt. „Wir stecken die Mitmenschen zu gerne in Schubladen und sagen typisch deutsch, typisch …“. Doch die Allgemeinheit sei eben nicht typisch.

„Miteinander ohne Vorurteile“, ist dann auch ein Motto der diesjährigen Veranstaltungsreihe des Forums der Kulturen.

36 Künstler haben sich der Aufgabe gestellt ganz klassische Alltagssituationen aufs Kleinbild zu bannen. Situationen, so erklärt Zambito, in die sich einfach jeder Betrachter hineindenken kann, da wir diese alle selbst schon erlebt haben. „Situationen eben, die Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Alter oder ihrer Sozalsituation teilen“.

Der Spaziergang mit der Familie durch den Schnee, mit Freunden beim Kochen oder wie Kinder ihre Welt entdecken, sind nur einige der auf DinA 3 aufgezogenen Motive.

DSC_0204Graser sieht in dem nach seiner Sicht gelungenen Projekt, dessen Ergebnisse sich durchaus sehen lassen könnten eine wichtige gesellschaftspolitische Aufgabe. Denn laut einer aktuellen Umfrage, zitiert er, finden 47 Prozent der Deutschen, dass zu viele Ausländer in Deutschland leben.

Eine Aussage, die den Stuttgarter als solchen auch ein wenig zum schmunzeln einlädt. Leben in der württembergischen Landeshauptstadt doch knapp 40 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund. Und gerade von diesen werden derartige Aussagen am häufigsten gebraucht.

Abgerundet wurde die Vernissage mit Leckereien aus Mocambique und Uruguay. Die Bilder sind nun bis zum 4. September im Erdgeschoss des Stuttgarter Rathauses zu sehen.

Affe müsste man sein

15. Mai 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

Stuttgarter Wilhelma eröffnet Affentempel

Am Dienstag, den 14. Mai 2013 konnte nach durch einige Verzögerungen bedingter dreijähriger Bauzeit endlich der Schlüssel für das neue Menschenaffenhaus in der Stuttgarter Wilhelma übergeben werden.

Nun ist so eine Schlüsselübergabe an sich nichts besonderes. Jeden Tag finden überall irgendwo im Land solche Schlüsselübergaben an mehr oder weniger bedeutsamen Orten statt, deren Wertigkeit auch jeder für sich selbst ermessen mag. Selbst Affenhäuser gibt es hierzulande schon einige: Oft nichtmal nur in diversen Zoos. Meist passt so ein Schlüssel dann auch in kein Schloss dieser Welt. Er ist lediglich ein Symbol. Nur ein Objekt, eigens für die zum Anlass “Übergabe” erschienenen Fotografen konzipiert.

In diesem Fall übergeben vom baden-württembergischen Finanzminister Dr. Nils Schmidt als Vertreter des Bauherrn dem Land Baden-Württemberg, an Professor Dieter Jauch den Direktor der Wilhelma des zoologisch-botanischen Garten in Stuttgart. Ein Symbol eben.

Und doch schließt dieser Schlüssel. Zunächst jedoch einmal etwas ab.

Im Fall des Menschen.Affen.Haus! So grauenhaft sperrig konstruiert der die Veranstaltung bewerbende Titel für Stuttgarts neuen Affentempel, zieht der Schlüssel einen Schlussstrich unter die knapp siebenjährige Planungs- und Bauphase dieses Projekts, dass mit 14 Millionen geplant, am Ende doch immense 22 Millionen Euro verschlang.

In das von allen Beteiligten mit großem Eifer begonnene Projekt, ein Menschenaffenhaus mit Freigehege für zwei Affenarten, dem westlichen Flachlandgorilla (lat. Gorilla gorilla gorilla) und der Zwergschimpansenart, dem Bonobo (lat. Pan paniscus) zu gestalten, man will in der Wilhelma zukünftig geographisch gliedern, daher bleiben die Orang Utans vorerst, wo sie sind, kehrte rasch Ernüchterung ein. Was in der Ansprache des Zoodirektors mit einem, „möge das Land die Vergabepraxen für seine Bauvorhaben zukünftig überdenken, denn nicht immer ist billig auch gleich gut“, nur leicht gestreift wird, zeugt von erbittert geführten Kämpfen mit diversen Handwerkerfirmen, die oft erst gar nicht auf der Baustelle erscheinen oder sich plötzlich auf ihre künstlerischen Wurzeln besinnenden Architekten. Deren Arbeit dann von Pflegern und Kuratoren zwar verwundert bestaunt, praktisch jedoch nicht nachvollzogen werden kann. Gut gemeinte Einsparvorschläge von der einen Seite führen so umgehend, als wär´s die Beweisführung einer schrägen Chaostheorie, zu Kostenexplosionen an anderen Stellen. Wo Fenster eingespart werden sollten müssen dann Lampen als Ersatz herhalten. Die Positionen der Durchschlupfluken bedingen nun Kameras. etc. So sah sich Kuratorin Dr. Marianne Holtkötter angesprochen auf die für diverse Transportkisten viel zu engen Pflegergänge plötzlich mit Architektenausagen konfrontiert wie, „auf meinem Plan hat das funktioniert“. Und ähnliche Geschichten, die den Alltag heutiger Großprojekte begleiten.

Für den gut informierten Zuhörer fördert diese an sich quälende Stehparty mit ihren vielen politischen Statements in der heißen Nachmittagssonne Mitte Mai, an solchen Orten wird unter den strengen Augen des fleißig Häppchen arrangierenden Personals die Langeweile geboren, noch manches Detail zutage. Während zeitgleich vor dem Haupteingang eine kleine Abordnung der Tierrechtsorganisation PETA ihrem Unmut darüber Luft macht, dass Wildtiere nicht in den Zoo gehören.

Die beiden Affenarten scheinen sich derweil in der neuen Anlage betreut von vielen Händen, die jede Bewegung ihrer Pfleglinge mit großer Nervosität verfolgen, in ihrer neuen weitläufigen Innenanlage recht wohl zu fühlen. Wie ein das Projekt seit dem Tierumzug Betreuender Biologe der Uni Tübingen, der emsig jede Bewegung eines jeden einzelnen Tieres immer wieder neu notiert, bestätigt.

Nur Kibo, der 160 Kilo schwere Silberrücken zeigt zu den Probeläufen mit Publikum, der Previewveranstalung für die Mitglieder des Fördervereins, die haben immerhin 9,5 Millionen zu den Kosten des Hauses beigesteuert, kurz vor der offiziellen Eröffnung eine ähnliche Nervosität wie seine Pflegerin die Revierleitung Bea Jarczewski. Die sich wohl zum x-ten Mal über nicht funktionierende WC-Spülungen und anderen Kleinkram ärgert und ist wie auch der Chef der Gorillagruppe in einem fort unterwegs. Kibo jedoch weitestgehend um seine kleine neunköpfige Mannschaft, die sich nun über  600 Quadratmetern Innengehegefläche verteilt, alle gleichermaßen mit seiner Präsenz zu beehren. Die Bonobos gehen den ersten Besucheransturm indes weit gelassener an. Nach einigen lautstarken Begrüßungssprüngen gegen die Panzerglasscheiben begleitet von lautem Geschrei, die neue Anlage ist nach oben hin offen, so dass die Tiere nun auch im für Bonobos zwar typischen, für unsereiner Ohren jedoch nur schwer erträglichen sehr lautstarken Originalton gehört und gerochen werden können, was natürlich auch für die andere Seite der Scheibe gilt, ziehen sie sich größtenteils wieder auf ihre Schlafplätze zurück oder popeln genussvoll in der Nase.

So ist man trotz des recht kurzfristig anberaumten Termins, am 14.5. hatte der Finanzminister eben gerade Zeit, froh dass mit dem Schlüssel, der nach der Ansprache das Haus in der Tat endgültig für den Besucher öffnet, nun endlich der Alltag in dieses Haus einkehren und Besucher, Pfleger und Affen ihrer ganz natürlichen Bestimmung nachgehen können.

Auch wenn die Pfleger ob des kurzfristig anberaumten Datums noch ein wenig murren. Gerne hätten diese noch ein wenig mehr Zeit für sich und die Eingewöhnung der Tiere im neuen Haus gehabt. Vieles musste nun noch schnellschnell erledigt und dabei der Pfleger auch mal zu Bauarbeiter werden. Die Aussenanlage ist vorerst noch gesperrt. Das Grünzeug muss erst noch anwachsen um vor den erkundungsfreudigen Affen auch bestehen zu können. Zu gerne würden diese sonst wohl den frisch ausgelegten Rollrasen wieder zusammenrollen.

Das Publikum indes lobt die gelungene Innenanlage. Viel Beton sei es zwar, wenn auch mit viel Grünzeug kaschiert, immer noch, aber gibt es doch über Multimedia-Tools und viel Beschreibungen an den Wänden noch allerlei spannende Zusatzinformationen, die dem interessierten Besucher den Affenalltag und wichtig auch die Situation in deren Heimat, näher bringen. Wie ein Großteil der Besucher darauf kommt den Beton grün streichen zu wollen bleibt oft auch denselben ein Rätsel. Vielleicht auch als Anlehnung an das alte Affenhaus.

Die Kritiken am alten Affenhaus, Baujahr 1973 hat den auch den Ausschlag zum Bau der neuen Anlage gegeben. Die so genannte Badezimmerarchitektur, grün geflieste Innenräume mit metallenen Kletterstangen war zwar wunderbar zu reinigen, stieß optisch aber auf immer stärkere Ablehnung. Da sich die Tierhaltung allgemein seit den 70ern auch ganz enorm verändert hatte. Die Idee eben Menschenaffen im Zoo selbst aufzuziehen ist nämlich noch gar nicht so alt.

Für die Wilhelma sollte es zunächst auf jeden Fall ein größeres Haus sein. Daraus wurde dann eines bei dem sich selbst die Pfleger mit viel Leibe zum Detail und jeder Menge sehr persönlicher Anschauungsmaterialien und Zitaten, die dem Besucher diese ungewöhnliche Materie näherbringen ebenso einbrachten. Das derzeit modernste und auch teuerste Affenhaus überhaupt. Immerhin kann die Wilhelma bis heute auf ganze 55 Jahre Menschenaffenhaltung zurückblicken in denen viel Erfahrung gesammelt wurde.

Vom Beginn der Affenhaltung in einer Holzbarrake, über die kurzzeitige Aussenstation im Kaufhaus Breuninger 1965, Breuninger hatte die beiden ersten Gorillas der Wilhelma gestiftet und diese bis zur Fertigstellung der Wilhelmaanlage in einer eigenen Anlage in seinem Kaufhaus untergebracht, wie zahlreiche Bilder das belegen. Das damalige Gorillakind Mimi ist immer noch Bewohnerin der Wilhelma und mittlerweile schon 50 Jahre alt. Auch Porträts in Bild und Text, der tierischen Bewohner können vom Besucher eingesehen werden. Die Bilder der Schaufütterung der Seelöwen mit Ex-Zirkusschimpansin Sonny gingen damals um die Welt.

Auch die Aufzuchtstation für junge verwaiste Flachlandgorillas, der Affenkindergarten, einzigartig in Europa ist nun im neuen Haus integriert. Begonnen hatte dies im Wohnzimmer des ersten Pflegerpaares. Von der Aufzuchtstation wird heute per Blog und Videoereignisstagebuch, eine Initiative der Affenpfleger, ständig informiert, denn die Zoos die ihre Tiere notgedrungen und nur sehr ungern aus den Händen gegeben haben wollen natürlich immer auf dem Laufenden gehalten werden, wie es ihren kleinen Sorgenkindern ergeht. Zumal die Babyaffen wie aktuell Tano schon einen gewaltigen Fanclub mitbringen.

So dass sich der Besucher in einer kleinen Expedition ins Reich der Menschenaffen hinenträumen kann, denn Affe müsste man sein. Wie einige der Besucher bemerken.

Stuttgarter OB-Wahl 2012 Nachlese

22. Oktober 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Nun wissen wir, dass das Experiment der etablierten Parteien angesichts der angespannten politischen Situation parteilose und Fremde zu den Wahlen vorzuschicken gründlich in die Hose gegangen ist. 
Wahlgewinner und damit vierter Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart ab 2013 ist der Grüne Fritz Kuhn mit knapp 53 Prozent der Stimmen geworden. Sein Christdemokratischer Herausforderer der parteilose Sebastian Turner hatte noch 45 Prozent erreicht. Da war für die verbliebenen sieben Kandidaten so gut wie nichts mehr übrig geblieben.
Damit ist auch einer der skurrilsten Wahlkämpfe in der Stuttgarter Geschichte zu Ende gegangen. Und auch hier haben wirs gesehen. Am Ende hat das bekanntere Gesicht gewonnen. Kuhn!

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