Der Arbeitslose als Geschäftsidee

12. Oktober 2008 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Das die Hartz-VI-Idee nicht gerade der Weisheit letzter Schuss war möchte heute kaum mehr jemand bezweifeln. Nur wenige unverbesserliche Idealisten sind weiterhin der Überzeugung, dass ein Monatseinkommen von 345 Euro nicht zwangsläufig in die Schwarzarbeit führt. Denn wer das Hartz-IV-System genauer betrachtet stellt fest, dass bei der Bedarfsberechnung bauernschlau den zur Verfügung gestellten 345 Euro lediglich die Kaltmiete angerechnet wird. Der Rest zählt bereits zum Privatvergnügen wie Strom, Telefon, etc. Übrig bleibt am Ende meist nichts. Dennoch bleiben die Regierenden stur bei dieser recht günstigen Art der sozialen Fürsorge, die den Arbeitslosen zu einer Art Penner mit festem Wohnsitz werden lässt. Dass ein Solcher in einem „anständigen deutschen Wohnhaus“ nicht lange geduldet wird ist dann wieder ein anderes Thema.
Um einen möglichen Ausweg aus der Krise, dem bösen Teufelskreis der Langzeitarbeitslosigkeit, zu finden werden neben der Schwarzarbeit eine Reihe lustiger Trainingscamps, ab und an auch durch das Fernsehen begleitet oder eher fragwürdiger Weiterqualifizierungsmaßnahmen angeboten. Findige Geschäftsleute haben im Arbeitslosen längst einen lukrativen Markt entdeckt. So vermehren sich derzeit private Elendsverwaltungsgesellschaften, üppig mit staatlichen Fördergeldern ausgestattet, wie Pilze auf dem feuchten Waldboden. Vom Holzstapeln für einen Job bis zum Laufen über glühende Kohlen als Allheilmittel zur besseren Motivation, keine Idee ist skurril genug um nicht staatlich gefördert zu werden.

Bewerbertraining ist gleich Bewerberbedrohung

Eine oberflächlich betrachtet ganz plausible Methode Menschen wieder in Arbeit zu bringen und dem Staat dabei ein wenig Geld aus dem Kreuz zu leiern, bietet die Stuttgarter Firma METIS mit ihrem Bewerbungstraining an. Bei genauerer Betrachtung stellt dieses Seminar allerdings eher schwere Nötigung von Menschen in einer besonders schwierigen Lebenssituation dar.
Ich lasse mich über das Cannstatter Job-Center dort einschreiben und nehme zu Jahresbeginn an einer ersten Informationsveranstaltung teil.
Das Schulungszentrum befindet sich im ersten Obergeschoss einer Cannstatter Industriebrache, worin sich noch zahlreiche andere Glücksritter wie Videofilmer, Künstler oder Architekturbüros, aufgrund der günstigen Mietsituation, eingerichtet haben. Im Untergeschoss des alten Backsteingebäudes befindet sich eine alternative Diskothek.
Vor Ort werden wir zunächst mit der Hausordnung vertraut gemacht. Konkret geht es um das Rauchen im speziellen Raucherzimmer, das Telefonieren in der eingestellten gelben Telefonzelle, ein Relikt noch aus den Vorzeiten der Magentamania der Telekom und dem Herumlungern auf den Fluren in den Pausen. Für die Seminarleiter Grund genug deren Einhaltung mit allerlei Drohungen zu untermauern. Ein Vorgeschmack auf den kindisch autoritären Führungsstil des Hauses.
Ansprachen werden stets mit dem Hinweis versehen, dass wir das ganze jederzeit auch sein lassen können, aber dann mit Repressalien Seitens des Job-Centers zu rechnen haben. Man möchte krampfhaft klarstellen, besser zu sein als die fiesen Job-Center-Typen, die einen nur drangsalieren wollen und übt ordentlich Druck aus, ruhig die eine oder andere Anekdote zu erzählen. Es will in dieser Atmosphäre aber keiner der Seminarteilnehmer richtig auftauen.
An der Informationsveranstaltung nehmen überwiegend Langzeitarbeitslose, äußerlich unangepasste Jugendliche, sitzen gelassene Hausfrauen, ältere Herren und größtenteils Jugendliche mit Migrationshintergrund teil.
Ein hagerer Mann, der Chef des Betriebes, stellt uns über ein Schaubild die verschiedenen Kursangebote – Module nennt er sie, weil diese verschieden zusammengefügt werden können – vor. Er zeigt in einer Diskussion mit einem kleinen desillusionierten aber sehr kommunikationsfreudigen äthiopischen Koch ziemlich Nerven. Da dieser den Mann in seinen Bemühungen uns den offenbar recht komplexen Tagesablauf dieser Anstalt zu erklären immer wieder unterbricht und dazu bringt sich die noch vollen dunklen Haare zu raufen. Der Leiter ist im Umgang mit Menschen nicht besonders geübt und macht eine entsprechend unglückliche Figur dabei. Meist enden seine locker begonnenen Erklärungsansätze damit, dass er sich vorzeitig in sein Büro zurückzieht. Ständig neben diesem langen Elend steht dümmlich vor sich hin grinsend eine Frau, die sichtlich Spaß daran hat, wie Einzelne peinlich stammelnd oder ordentlich polternd ihre Probleme mit dem Alltag vortragen. Sie ist so etwas wie die rechte Hand des Hageren, da sie immer nur seine Antrittsvorstellung gibt. Einmal hat sie uns etwa 20 Meter durch den Flur geführt um uns die Einrichtung zu zeigen und dabei durchblicken lassen, dass sie uns alle für extrem verblödet hält.

Hervorragend betreut nur durch absolute Meister ihres Fachs

Das eigentliche Bewerbertraining beginnt mit einem Erstgespräch. Dazu sind zum Ende der Informationsveranstaltung einige der Angestellten unterwegs um unsere „Beratungsgutscheine“, ein Blatt aus dem von der Organisation zur Verfügung gestellten Ordner, zu unterschreiben.
Da ich hier schnell wieder abhauen will, immerhin hat diese Informationsveranstaltung sechs Stunden gedauert, fordere ich die Erstbeste, die in meine Nähe kommt, eine Frau B. auf, bei mir zu unterschreiben. Ich vereinbare einen Termin zum Ende des nächsten Monats.
Bei diesem Erstgespräch werde ich höflich aber mit Nachdruck aufgefordert die Hosen herunterzulassen. Alles was erzählt wird ist natürlich absolut Top Secret. Es wird nur für zehn Jahre irgendwo gespeichert. „Das müssen wir so machen vom Gesetz her“, erklärt sie und bearbeitet dabei fleißig ihre Tastatur, allerdings erst beim Abschlussgespräch als ich darum bitte, dass meine Daten sorgfältig vernichtet werden.
Ich gebe den Arbeit suchenden Journalisten und bin umgehend als Spezialfall gebrandmarkt. Auf den B. zu meinem Glück spezialisiert ist. Was hat man gemacht und wo will man hin? Fragenstellungen folgen, die mich verstärkt an das auswendig gelernte, typisch blutleere New-Economy-Gedöns erinnern, dass man von diversen Versicherungs-Drückerkolonnen nur zu gut kennt. B. ist geradezu ein Musterexemplar der Beraterbranche. Eingewickelt in tausend sinnbefreite Floskeln gibt sie sich als würde sie das 9. Weltwunder verkaufen. Die betont wertvollen Tipps sind, wenn es mir denn einmal gelingt diesen verbalen Aal auf Konkretes festzunageln, ziemlich oberflächlich oder sehr realitätsfern und wirken insgesamt ein wenig hausbacken. Schließlich ist man als erwachsener Mensch in der Lage seinen Alltag in brauchbarer Form selbstständig zu organisieren.
Konkret werden meine Bewerbungsunterlagen kritisiert. Um dem abzuhelfen wird mir zunächst die Teilnahme an einigen Seminaren – den Modulen, wie dem Schreiben von Bewerbungsunterlagen verordnet.
Mein Einwand, dass dies wohl nicht das Problem einer überbelasteten Branche – deren Essenz das Schreiben schließlich ist, sei – wird mit einer Wolke aus Gedöns, dass dies ja alles halb so schlimm sei, quittiert. Außerdem werde das Verweigern des Angebots umgehend mit einem Brief an das Jobcenter quittiert.
Prompt bekomme ich darauf ein weiteres Seminar zum Thema persönlicher Auftritt aufgebrummt und noch eines wie man sich auf Vorstellungsgesprächen präsentiert.

Experten für Lebensläufe und PCs

Im ersten Seminar soll mir eine Frau F. erklären wie Lebenslauf und Anschreiben zu gestalten sind. Natürlich ist auch Frau F. eine ausgemachte Expertin auf diesem Gebiet die sich, so erzählt sie, für das Aufsetzen eines Bewerbungsanschreibens mindestens sechs Stunden oder gar Monate Zeit nimmt. Sie findet zunächst doof, dass ich den Lebenslauf tabellarisch abgefasst habe. Mein Einwand, dass die heute so gewünscht ist bringt ins Schwitzen. Doch schnell fängt sie sich wieder denn als „Designerigendwas“ weiß man das schließlich besser. So wird mein Lebenslauf optisch aufgewertet indem der Rahmen durch einen anderen ersetzt wird. Nun ist er toll. Mag sein, dass ich als Autor für derartiges keinen Sinn habe, aber ich frage mich ob das anderen Menschen vielleicht nicht ebenso geht. Ich verbringe die übrigen Stunden dieses ersten Moduls dann damit anderen Teilnehmern die Funktionen eines PC´s zu erklären oder deren katastrophalste Rechtschreibfehler zu korrigieren.

Ego hat nicht immer viel mit der Realität gemein

Für Frau O. die uns im nächsten Seminar, dass einige Tage später stattfindet, beibringen will sich richtig zu präsentieren, lässt mein neu gestalteter Lebenslauf nur einen Schluss zu: So einer wie ich ist ohne gründliche Persönlichkeitsschulung klar gar nicht zu vermitteln. Womit ich bei ihr natürlich wieder goldrichtig bin. Frau O. ist eine kleine verspannt wirkende graue Maus, die ständig bemüht ist uns Kursteilnehmer davon zu überzeugen, dass sie besonders locker und extrovertiert ist. Allerdings wirkt das ganze nervös zappelige Theater das die junge Dame vorführt auf mich eher ein bisschen wie die Augsburger Puppenkiste und macht eines ganz klar. Diese Frau hat, auch wenn es ihr damit gelingt bei den meisten Seminarteilnehmern noch mehr Hilflosigkeit auszulösen, definitiv den falschen Job.

Psychoanalyse für Anfänger

Ein kurzweiliger, sehr lustiger Zeitvertreib ist der nächste Seminarbaustein bei dem wir auf das Vorstellungsgespräch vorbereitet werden sollen. Ein Herr B. arbeitet anhand verschiedener Fragen mit uns ein Persönlichkeitsprofil aus, das dabei helfen soll uns selbst besser einschätzen zu lernen. Zu wissen was man will ist bei einem Vorstellungsgespräch auch absolut sinnvoll. Ich bin danach als Mensch mit einem besonders hohen kreativen Wert „ein Förderertyp“. Wie ich das Wissen nun für ein Vorstellungsgespräch gebrauche ist meine Aufgabe.

Verwalter des Status Quo

Als Teilnehmer der so genannten Bewerbergruppen kommen mir erstmalig größere Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieser Organisation. Dabei werden mein Anschreiben und der Lebenslauf noch einmal grundsätzlich überarbeitet. Dass derartiges immer wieder der jeweiligen Bewerbung angepasst werden muss ist ja einzusehen, aber dass dann jede Aushilfe, Krankheitsvertretung oder Ersatzassistentin das Werk des Vorgängers wieder komplett in den Mülleimer tritt, weil diese meine Chancen wieder wo ganz wo anders sehen als das wovon mich der Vorgänger in der letzten Sitzung überzeugt hat weil es doch seiner Ansicht nach gut zu mir passen könnte, ist eher nervend. Denn so muss ich bei jedem neuen Kursleiter quasi erst einmal nachsitzen.
Ich werde ständig hin- und hermanipuliert bis ich wirklich nicht mehr weiß wo oben und wo unten ist und was ich hier eigentlich will. Was aber im Grunde genommen die Aufgabe eines Sozialpädagogen ist. Sozialpädagogen sind schließlich so etwas wie die Gralshüter des Status Quo, die wissen worauf es im Leben ankommt. Wenn von denen allerdings jeder eine andere Meinung hat, wird dieses Grundvertrauen natürlich ein wenig erschüttert. Natürlich sind das alles tolle Sozialpädagogen, die nur mein Bestes wollen und sich auch bestimmt nicht in meinen persönlichen Stil einmischen wollen, aber zielführend ist das nicht unbedingt. Nachdem ich merke, dass mein Diskussionsansatz ob der Status Quo nun für mich da ist oder ob ich für den Status Quo da bin, lautstark damit quittiert wird, dass unsereiner ja keine Ahnung hat, was an der momentanen Lebenssituation schließlich deutlich zu sehen ist und man Querulanten hier mit einem Brief ans Jobcenter ganz leicht wieder auf Linie bringt, überlasse ich das Herumbasteln an meinen Unterlagen irgendwann ganz den pseudokreativen Händen dieser vereinigten Sozialpädagogencombo.

Ich bin unwillig

Nach einigen Wochen des fröhlichen Bewerbungsschreibens und des Hin- und Herdokterns an den Unterlagen weht plötzlich ein anderer Wind. Erfolge müssen her und das möglichst schnell.
Zunächst versucht mir meine persönliche Beraterin Frau B. noch einmal klarzumachen, dass vor allem meine Kritik am wenig zielführenden Herumgedrechsel an meinen Unterlagen, ganz klar ausschließlich an mir selbst liegt und obendrein so gar nicht stimmt. Außerdem soll ich mir nun unbedingt Gedanken über einen so genannten Brotjob, eine Alternative zu meinem offensichtlich nur schwer erreichbaren Wunschberuf machen.
Über meinestadt.de soll ich mir zunächst einmal Stellen aussuchen die ich mir gut vorstellen könnte. Im Hausmeister oder in der Qualitätssicherung, darin sieht mich Frau B. ganz deutlich. Dazu werde ich wieder einer anderen Bewerbergruppe um einen Herrn K. zugeteilt.
Für die Bewerbergruppe von Herrn B. ein Affront, der allerdings am Ende auch wieder mir angelastet wird. Irgendwie hätte ich ihn belogen oder Frau B. missverstanden. Und ich sehe ihn an wie die Kuh wenn’s blitzt. Die Combo hält zusammen. Das war zu erwarten.
Nur ein paar wenige Kurstermine und abgesendete Bewerbungen als Hausmeister später knallt Herr K. mir dann unvermittelt eine Tageszeitung vor die Nase. Ihm als recht autoritäre Figur missfällt sichtbar, dass ich mich ab und an mit den anderen Seminarteilnehmern austausche.

Der Jobmacher

„Ich möchte jetzt Erfolge bei ihnen sehen. Sie bewerben sich jetzt hier auf die Stellen als Lager- oder Produktionshelfer. Und zwar sofort“. Er will TabuIarasa machen. Sein Ton hat sich auf jeden Fall sehr weit von dem eines Beraters entfernt. Ich bekomme eine Liste in die ich die Telefonnummern der diversen Kleinanzeigen eintragen soll vorgelegt. Zur besseren Kontrolle für Herrn K. Überhaupt wird von ihm großen Wert darauf gelegt, dass ich meinen persönlichen Ordner mit den Nachweisen meiner Bewerbungstätigkeit sehr akribisch führe.
Als diese Maßnahme ein paar Tage später noch nicht zu einer Anstellung führt stellt er sich direkt zu mir in die Telefonzelle und hält mir nahezu den Hörer selbst ans Ohr.
Allmählich beginne ich zu begreifen wie dieser Betrieb auf die in der Informationsveranstaltung angegebene 70-prozentige Erfolgsquote kommt. Die Langzeitarbeitslosen werden mit zahlreichen Psychotricks und Drohungen in irgend welche Helferjobs gezwungen, oder völlig aussichtslose Fälle einfach mit einem Schreiben, dass sie unwillig sind aussortiert und direkt vor die Türe gesetzt. Auch solche meist sehr lauten Verabschiedungsszenen zwischen diversen Langzeitdeliquenten und den Betreuern bekommen wir in den Bewerbergruppen ganz offen mit.

Ich bin ein schlechter Mensch

Ich bin froh als Frau B. und ich uns endlich im letzten Einzelgespräch dazu entschließen die ganze Angelegenheit aufgrund ihrer anhaltenden Sinnlosigkeit zu beenden. Zudem bin ich längst über den geplanten Zeitrahmen hinaus. Das dies daran liegt, dass Frau B. den Endtermin verschlafen hat weil sie sehr häufig krank war oder indisponiert, will sie mal wieder nicht wahrhaben. Klar, dass auch hier das Hauptproblem ausschließlich immer meine „Kommunikationsschwierigkeiten“ sind. Ebenso wie meine Unwilligkeit natürlich, die ich nicht einsehen will, schließlich ist mein Ordner mit Bewerbungsunterlagen recht gut gefüllt und damit als Beweis für mangelnde Arbeitsleistung höchst ungeeignet.
Zunächst will ich der guten Frau abschließend noch meine Meinung über diesen Laden geigen. Begreife dann aber, als ich ihr erklären will was alles schiefgelaufen ist in der Beratung endgültig, dass diese Frau für Gegenargumente absolut nicht zugänglich ist und gebe dann auf.
Am Ende stelle ich durch Kontakte mit den anderen ehemaligen Seminarteilnehmern fest, dass eigentlich keiner über METIS seinen Job bekommen hat, aber zum Ende seiner Kurszeit gehörig erpresst worden ist und alle Mühe hatte das ehemals gute Verhältnis zu seinem Job-Center-Betreuer wieder herzustellen. Das so genannte Bewerbertraining entpuppt sich am Ende als Schönfärberei mit einer vorübergehenden Beschäftigungstherapie.
Man muss wohl mit harten Bandagen kämpfen in dieser Branche. Schließlich gehen durch den wirtschaftlichen Aufschwung die Klientenzahlen zurück.

Wo bin ich?

Du siehst dir momentan die Archive für Oktober, 2008 auf explicatio an.