Aoteaora 10 603 von Christchurch nach Sydney

25. Februar 2002 § Hinterlasse einen Kommentar

Meine Neuseelandreise vom 26. Januar bis 1. März 2002
Tag 10 603 Montag, der 25. Februar 2002 (Christchurch):
Wir schlendern nach unserer Ankunft durch Christchurch. Das ist die mit etwa 340 000 Einwohnern zweitgrößte und aufgrund der zahlreichen viktorianischen Baudenkmäler auch „Englischste“ Stadt Neuseelands. Zugleich ist Christchurch auch die Endstation unserer Neuseeland-Reise. Hier müssen wir unseren Camper wieder abliefern und fliegen weiter nach Sydney, unserer letzen geplanten Reiseetappe. Wo wir noch ein paar Tage verbringen wollen. Christchurch hält eine Menge interessanter Sehenswürdigkeiten für Touristen bereit. Doch zunächst machen wir bei einem „Dirty-Stick-Lokal“ Station. Dirty Stick bedeutet etwa so viel wie schmutzige Finger. Es ist eine Hommage an die englische Uridee des Fast-Food-Restaurants, das neben dem Ale eben auch Fish and Chips bereithielt. Allerdings ist dieses kulinarische Abenteuer hier, fernab der „Insel“, ein wenig pervertiert. Denn dieses Restaurant entpuppt sich als gewöhnliche Pizzeria von durchaus gehobenem Ambiente. Also bestellen wir Pizza und bekommen dazu selbstverständlich Besteck. Neben der Besichtigung verschiedenster Lokalitäten, wie Kirchen, einem Technikmuseum und dem örtlichen Chinesenviertel wollen wir noch unsere eigene Antarktikmission erleben. Wenn wir schon so weit im Süden des Landes sind.
Die Antarktis ist zwar nicht mehr allzu weit weg von Neuseelands Süden, aber die Überfahrten auch nicht ganz billig. So statten dem Antarktikmuseum in Christchurch einen Besuch ab. Dieses Museum ist ganz den Pionieren bei der Entdeckung des Südpols, besonders den britischen Seefahrern Robert Scott und Ernest Shackelton, gewidmet. Ein besonderes Ausstellungsstück ist neben dem begehbaren Nachbau des Lagers der damaligen Antarktikexpedition bei der Scott erfroren aufgefunden wurde, dessen Tagebuch und letzter Keks. Des weiteren können natürlich die Ausrüstungsgegenstände in einer entsprechend gekühlten Halle erprobt werden. Mit Eis und ständig wechselnden Lichtverhältnissen wird dem Touristen die Antarktis näher gebracht. Fünf Grad unter Null sind dabei freilich nicht annähernd ausreichen um den Kontinent mit den tiefsten je gemessenen Temperaturen und den heftigsten Stürmen auf dem Planeten nachzuempfinden. Aber zwischen dem alten Zeug, Zelten, Schlitten, Vorratskisten und Iglus herumzustöbern macht einfach riesigen Spaß.
Ein besonderer Höhepunkt des Programms ist die Fahrt in einem Häglund Ride Gefährt – zwei Kisten mit Raupen und Anhänger – über ein Testgelände, dass die topographischen Gegebenheiten der Antarktis möglichst naturgetreu wiedergeben soll. Auch für die sich dort auf dem Gelände für ihre Expeditionen fitmachenden Forscher. Wir rumpeln also in dem kleinen Kasten auf zwei Pritschen dir rechts und links an den Seitenwänden befestigt sind sitzend durch Wassergräben, über Hügel, Löcher und Steilwände und werden begleitet durch das Gekreische und Gequieke der anderen Touristen ordentlich durcheinandergerüttelt. Dafür erhalten wir sogar ein Diplom. Das Antarctic-Museum ist auch Forschungsstation und Ausgangspunkt für Antarktikmissionen der Neuseeländer und Italiener, erklärt man uns und auf jeden Fall sehenswert. Neben vielen Gelegenheiten für Fotos können auch Pinguine beobachtet werden. Auch im Shop bekommt man einen regelrechten Pinguinschock Es gibt Pinguinunterwäsche den Pinguinplüschrucksack und viel unbeschreiblichen Krimskrams in den Farben weiß und schwarz.

Tag 10 604 Dienstag, der 26. Februar 2002 (Sydney, Australien):
Heute morgen müssen wir unseren Camper wieder abgeben. Wir putzen ihn so gut es geht aus. Ganz wohl ist uns bei der Übergabe nicht, denn wir haben die Kiste während unserer Tour doch ganz ordentlich ramponiert. Das abgerissene Kabel, die riesige Schramme an der Seite und einige fehlende Accessoires zeugen davon. Aber es ist alles in Ordnung, so der Kontrolleur bei der Abnahme. Wir hatten ja zum Glück die Vollkaskoversicherung gewählt. Anschließend checken wir uns auf dem Flughafen von Christchurch ein.

Unser Flug nach Sydney dauert etwa drei Stunden. Beim Einreisen nach Sydney werde ich gebeten mein Handgepäck zu öffnen und man hält mir erbost einen kleinen Ball unter die Nase. Ich hätte doch angegeben keine tierischen Produkte einführen zu wollen, ob ich nicht wisse, was das ist? Schließlich weiß doch eigentlich jeder, dass diese kleinen Bälle, ein Souvenir das ich mir am Flughafen in Christchurch von den letzten paar Neuseelanddollar gekauft habe, mit Teilen von Muscheln gefüllt sind. So die Zollleute. Also noch einmal das ganze Theater von wegen der Einfuhr tierischer Produkte aus dem Ausland. Dieses mal eben auf australisch. Entweder ich bleibe hier oder das Ei. Also lasse ich das kleine Rugbyei mit dem Aufdruck New Zealand All Blacks eben hier zurück.
Vom Flughafen Sydney fahren wir zunächst einmal mit dem Linienbus in Richtung des nächstbesten Youth Hostel, das noch frei ist. Unsere angeregte Unterhaltung im Bus erregt die Aufmerksamkeit einer anderen deutschen Touristin, die uns dann den Weg zum Youth Hostel im Stadtteil Glebe erklärt.
Das Einchecken nimmt dort eine gewisse Zeit in Anspruch, da der Leiter noch nicht da ist. Wir warten. Dann taucht ein großer braungebrannter blonder Typ auf, der vermutlich gerade eben noch beim Surfen war. Der ist, wenn er auch optisch gut in das Bild des australischen Sunnyboys passt aber auch ein Tourist. Aus Norwegen, der sich hier etwas dazuverdient. Wir bekommen zur besseren Orientierung einen kleinen Stadtplan von ihm in die Hand gedrückt. Dieses mal starten wir umgehend ohne uns vorher auszuruhen unsere erste Erkundungstour durch Sydney.
Die Stadt ist für eine Millionenmetropole eigentlich gar nicht allzu groß. Recht schnell stehen wir in Darling Harbour. Zur Sommerolympiade 2000 in Sydney ist gerade diese Bummel- und Amüsierpromenade ordentlich herausgeputzt worden. Neben einer kleinen Magnetschwebebahn und zahllosen Sightseeing-Schiffen gibt es dort marine Attraktionen für Touristen an jeder Ecke. Wir ziehen zunächst mal weiter zum Chinesenviertel und beschließen dort zu essen. Dabei haben wir wieder einmal Gelegenheit asiatisches Organisationstalent in Perfektion zu bewundern. Zu Beginn beeindruckt uns bei der Restaurantsuche noch die hartnäckige Freundlichkeit der Werber, die die Kunden vom Straßenrand weg in ihr jeweiliges Restaurant zu locken versuchen und die Menge an Angestellten, die sich um die Kundenwünsche im Einzelnen bemühen. Aber gerade diese gut 20 Angestellten des recht kleinen Restaurants, das wir gewählt haben sind alles andere als auf irgend welche Aufgaben oder Arbeitsabläufe eingespielt. Mehrfach beobachten wir, wie sie sich, angetrieben durch den Hausherrn besonders um Fleiß bemüht, gegenseitig über den Haufen rennen und einiges an Küchenkeramik und Glas am Abend dabei zu Bruch geht. Bis unsere Getränke endlich gebracht werden vergeht eine gute Stunde und dabei werden unsere Wünsche von mindestens vier Kellnern notiert. Das Essen wird dann vom Chef selbst notiert und serviert. Allerdings ist das sehr gut und für eine riesige Scholle, die auf einem großen Teller als Ganzes serviert wird, nur 14 Sydneydollar zu verlangen ist doch recht günstig. Der Service erinnert dann auch eher an den in den Chinarestaurants Chinas als den an den der Chinarestaurants die wir von Deutschland bisher gewohnt sind. Möglichst vieles wird am Platz zubereitet und so direkt serviert. Und man bekommt wirklich alles vom Tier zubereitet. Bei der Ente selbst Schnabel und Beinchen.

Tag 10 605 Mittwoch, der 27. Februar 2002 Sydney:
In Sydney ist es heiß und auch hier steht tagsüber die Luft. Wir sehen uns heute den Garten der Freundschaft, einen chinesischen Garten, ein Geschenk von Gungong an Sydney, an. Es ist ein großer, sehr schön angelegter Park mit vielen Pagoden zum ausruhen und durchgehen. Auch hier gibt es wieder die unvermeidlichen Souvenierläden mit ihrem enormen dieses mal auf asiatisch getrimmten Kitsch. Eine größere Anlage bei Darling Harbour ist das Marinemuseum.
Auf mehreren Stockwerken sind allerlei mehr oder weniger interessante Schiffe Wasserflug- und andere Wasserfahrzeuge zu sehen. Einige Exponate sind hier auch zum Anfassen, was mir bei den Museen im ozeanischen Raum immer sehr gut gefällt. Besonders gelungen finde ich ein Segelschiff das komplett aus Bierdosen gebaut wurde. Zum Museum gehören auch ein Kriegsschiff und ein U-Boot, die draußen zur Besichtigung im Hafen liegen. Lange halten wir es in den Schiffen allerdings nicht aus, denn die auf das Metall knallende Sonne erzeugt im Inneren ein gnadenloses Backofenklima. Anschließend frühstücken wir in einem Cafe direkt an der Hafenpromenade. Von dem Strandcafe aus können bequem alle möglichen Attraktionen beobachtet werden, wie eine Anlage, die das Trampolin- und Bungeespringen miteinander verbindet. Nach unserem Luxusmüsli mit Sahne und Erdbeeren sehen wir uns die Harbour Bridge an. In das Stahlgerüst hinein werden sogar geführte Touren bis hinauf zum höchsten Punkt der Brücke angeboten, von wo aus man natürlich, wie sollte es auch anders sein, einen Bungee-Sprung machen kann. Auch der Oper haben wir einen kurzen Besuch abgestattet. Dort draußen haben wir auch die riesigen anlandenden Kreuzfahrtschiffe bestaunt, die neben sich liegend teilweise sogar Hochhäuser wie Zwerge aussehen lassen. Am Abend haben wir in einem afrikanischen Lokal gegessen und sind dann weiter die Kneipen- und Discoszene der Stadt erkunden gegangen.

Tag 10 606 Donnerstag, der 28. Februar 2002 Sydney:
Eigentlich wollen wir heute zum Strand gehen um eventuell einen Crashkurs im Wellenreiten zu nehmen, denn auch das hatten wir noch auf dem Programm seit wir uns dazu entschlossen hatten den 90 Miles Beach in Neuseeland auszulassen, aber es regnet. Wir machen so das Beste aus dem Tag und gönnen uns ein Indoor-Programm. Wir Frühstücken und besuchen das Sydney-Aquarium. Ein Röhrensystem aus Acrylglas führt die Besucher durch zahlreiche Becken mit Haien, Rochen und allerlei anderen Fischarten, die so neben einem her über die Köpfe hinweg oder sogar unter den Füßen hindurchschwimmen. Recht faul räkeln sich einige Robben in der Anlage. Danach ist es bereits Nachmittag und wir sehen wir uns die Stadt und vor allem das Star Center an. Es ist eine großes Casino von dem aus man einen hervorragenden Blick über die Stadt hat. Wir trinken dort ein paar Bier und besuchen im Anschluss die Oxford Street, eine Szenenstraße in der eine Menge Freaks verkehren. In einer Disco lassen wir uns mit australischem Rotwein noch mal richtig zulaufen.

Tag 10 607 Freitag der 1. März 2002 (Rückflug):
Wir sehen uns zum Abschluss noch das Powerhouse Museum an. Ein lohnendes Ziel in Sydney. Es ist eine Art Technikmuseum. Allerdings ein sehr großes mit vielen Experimentierstationen, bei denen man selbst einfache physikalische Erkenntnisse erproben kann. Dann trinken wir nach dem Gepäckeinchecken in einer Eckkneipe noch ein letztes Bier. Wir treffen dort auf einen Neuseeländer und eingefleischten Allblacks-Fan , der als Englischlehrer hier arbeitet und mit seinen Schülern, sehr schüchterne Studenten aus den Ostblockländern, für heute einen Kneipenbesuch geplant hat. Er ist auch ein Fan der deutschen Kultur. Vor allem Ramstein und das Boot haben es ihm als kulturelle Beiträge angetan. Kurz, es wird noch ein recht spaßiger Abschluss unseres Urlaubs.
Unser Flug hat Verspätung. Statt um 18.15 Uhr abzufliegen, sitzen wir zehn vor neun, noch immer in der Wartehalle. Wieder zu Hause angelangt stellen wir fest, ist es noch immer bitter kalt. Schnell ziehen wir uns auf einem WC wieder auf den deutschen Winter um. Kurze Hosen und T-Shirt sind bei Minusgraden weniger angebracht.

Aoteaora 10 601 Twizel und Mount Cook

23. Februar 2002 § Hinterlasse einen Kommentar

Meine Neuseelandreise vom 26. Januar bis 1. März 2002
Tag 10 601 Samstag, der 23. Februar 2002 Twizel und Mount Cook:
Am Morgen nach dieser weiteren hautnahen Erfahrung mit der neuseeländischen Sportlichkeit sind wir noch immer ein wenig wie gerädert. Wohl auch weil wir es uns am Vorabend in Queenstown noch ordentlich gut gehen lassen haben. Die Abenteuer-Sport-Metropole der südlichen Erdhalbkugel ist ja auch irgendwo so etwas wie Urlaub vom Tourismus. Schließlich gibt es sonst im ganzen Land keine Kneipen die zur gewohnten Zeit noch geöffnet haben und unser letzter Kontakt mit gleichaltrigen Touristen ist zu diesem Zeitpunkt auch schon wieder ein paar Tage hin.
Als ich vom Zähneputzen im Duschraum wieder zurückkomme hat Martin den Camper bereits ausgeparkt. Ein wenig übereifrig allerdings, denn eine Hälfte vom Ladekabel steckt noch in der Steckdose, die andere schleift der Camper hinter sich her. Und auch sonst ist hinten im Wagen noch nicht alles an Bettzeug und Frühstücksgeschirr ordentlich verstaut gewesen. Die klassische Tücke eines Fahrzeugs, dass zugleich auch Wohnung ist. Aber der Frühstückstisch ist damit abgeräumt. Die Außenbeleuchtung von unserem Stellplatz hinterlassen wir auch ein wenig schief, stelle ich fest, was unserer Stoßstange eine Farbe mehr verleiht, aber wir sind ja vollkaskoversichert.
Mit Queenstown, etwa auf den 45 Breitengrad südlicher Breite gelegen, haben wir den südlichsten Punkt unserer Reise erreicht. Wir fahren zum Mount Cook nun wieder in Richtung Norden. Der Mount Cook National Park ist zwar wie schon erwähnt, eigentlich direkt neben den Fox-Gletscher, aber die einzige Straße dorthin beschreibt eben diesen recht langen Umweg über Wanaka.
Wobei an dieser Stelle wieder erwähnt sein muss, dass damit die einzige „für unseren Camper zumutbare Straße“ gemeint ist. Das für uns im Grunde nur die Küstenregion des Landes gefahrlos befahrbar ist trifft hier auf der Südinsel in noch wesentlich größerem Umfang zu. Denn zwischen der Ost- und Westküste erhebt, sich hier in bis rund 3000 Metern Höhe, das alpine Hochland Neuseelands.
Für Off-Roader kennt die Südinsel kaum Grenzen, was sich allerdings in einer sehr hohen Versicherungssumme für derartige Fahrzeuge und einer großen Anzahl gravierender Unfallberichte, die täglich über den Verkehrsfunk zu hören sind, niederschlägt.
Wir kommen am Nachmittag in einem etwas verschnarcht wirkenden Nest namens Twizel an. Es beherbergt das einzige Tourismus-Informations-Zentrum in der weiteren Umgebung. Bei absolut wolkenlosem Himmel ist es hier gleich wieder glühend heiß. Aber auch das kleine Twizel hat seine Besonderheiten. Hätten wir bloß nie danach gefragt, denn diese werden uns vom Betreuer des hiesigen Informationszentrums umgehend begeistert demonstriert. In Twizel wurde nämlich ein besonders bescheuerter Sport namens Rugby-Golf erfunden.
Und der geht so:
Ein Golfball in der Form eines Rugby-Eies wird mittels Golfputter auf ein Rugbytor geschossen. Die Pfosten des Tores sind mit einem Fangnetz bespannt und diese Konstruktion steht auf einer drehbaren Achse. Dem Treffer entsprechend dreht sich das Tor oder wirbelt richtig herum und gibt den Ball ziemlich unkontrolliert wieder zurück. Das kleine weiße Ei darf dann auf dem weiten, absichtlich nicht sehr kurz gehaltenem Grün, gesucht werden. Und darin besteht der Sinn dieses fragwürdigen Zeitvertreibs der Kiwis aus dem Süden.
Und was lehrt uns das? Man sollte Hinterwäldler nie nach irgend welchen seltsamen Gegenständen befragen die diese Touristen als Souvenir anbieten, da die eventuell dazu geneigt sind einem die Funktion derselben unbedingt zeigen zu müssen.
Nachdem wir uns anschließend vergewissert haben, dass es in Twizel und Umgebung keine weiteren Besonderheiten außer Rugby-Golf und diesem schrulligen Typen im Infocenter gibt (Alle anderen Läden haben geschlossen), fahren wir direkt in den Mount Cook Nationalpark.
Das kleine Touristendorf Mount Cook hat für die Bergabenteurer, denen es natürlich ein Anliegen ist den mit 3754 Metern höchsten Berg Neuseelands zu besteigen, sogar einen eigenen Flugplatz. 1992 Hat der Berg 20 Höhenmeter eingebüßt als bei einem Erdrutsch 20 Meter des Gipfels zu Tal rutschten. Skilifte und mit allem Alpenkitsch stilecht kopierte Almhütten mit ausladender Geranienpracht auf den hölzernen Balkonen. Die Hütten sind schräg in die Hänge hineingebaut und machen diese besonders kitschige Postkarten-Bergdorfidylle perfekt. Allerdings könnten das auch irgendwo im Schwarzwald oder Tirol sein. Ein typischer Wintersportort, an dem nun im Hochsommer weniger los ist. Ausgestorben oder wie eine leblose Modelleisenbahn-Landschaft klebt das Dorf an seiner steilen steinernen Geröllhalde. Allerdings finden wir in diesem Tourismus-Informationszentrum die bisher witzigsten Urlaubssouvenirs und greifen ordentlich zu. Ein Schaf in der Dose oder Kiwis mit Waldi-Wackelköpfen fürs Auto T-Shirts, bescheuerte Hüte und allerlei Bergsteiger-Krimskrams. Am frühen Abend schlagen wir unser Lager am Mount-Cook-Nationalpark-Doc -Campingplatz auf. Allerdings sind wir hier trotz der in der Nacht einsetzenden eisigen Kälte nicht alleine. Einige wackere Alpinisten bereiten sich im strömenden Regen auf ihre Tour vor.
Tag 10 602 Sonntag, der 24. Februar 2002 (Mount Cook Nationalpark):
Trotz der Abgeschiedenheit des Doc-Campingplatzes am Fuß des Mount Cook oder Aoraki, wie er von den Maori genannt wird, sind die rustikalen steinernen Duschräume blitzsauber und in einwandfreiem Zustand und blitzsauber. Allerdings gibt es kein warmes Wasser. Was sich bei der kalten Umgebungstemperatur bemerkbar macht. Wir legen erstmalig unsere wärmeren Klamotten an und machen uns daran den Park zu erwandern. Natürlich nur soweit wir kommen. Denn der Park, der mittlerweile wie so viele Dinge zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, ist mit etwas über 700 Quadratkilometern Fläche von der 40 Prozent vergletschert ist nicht gerade klein. Bei der Wanderung will ich trotz aller übrigen Winterausrüstung nicht auf meine Sandalen verzichten. Da ich ohnehin nicht dazu neige schnell an den Füßen zu frieren und weil eben gerade die Sandalen das bessere Profil von meinen mitgebrachten Schuhen haben.
Außerdem bemerke ich hier schmerzhaft den Spreißel wieder, den ich mir in Queenstown beim Laufen zu den Boogieboard-Startplätzen, eingezogen habe. So bin ich beim Laufen entsprechend schlecht gelaunt, bis es mir endlich gelingt denselben heraus zu ziehen.
Natürlich steuern wir bei unserer Tour durch den Park zunächst direkt auf den Mount Cook selbst zu. Am Fuße des Berges befindet sich ein hoher Gedenkstein, auf dem, ein wenig makaber, Name Nationalität, Alter, Todeszeitpunkt und-art für die Nachwelt festgehalten sind. Die Tafeln werden auch ständig auf dem neuesten Stand gehalten, so dass Bergtouristen jederzeit einsehen können, dass das Abenteuer Mount Cook nach wie vor ein sehr gefährliches ist. Über wackelige, schmale Hängebrücken und Pfaden, die direkt am Berg entlang oft nur gerade mal zwei Fuß breit sind hangeln wir uns durch den wilden, schönen Park bis zum ersten Gletscher, dem wir auf 900 Höhenmetern begegnen. In einem großen Schmelzwassersee schwimmen Eisberge was ein wenig an die Antarktis erinnert, die von hier aus auch gar nicht mehr so weit entfernt ist . Hier ist es auch wirklich eisig kalt. Bis zum Abend streifen wir durch den Nationalpark, der ein wirklich absolut lohnenswertes Stück Natur darstellt und bedauern wie schon so oft auf unserer Reise durch das Land hierfür nicht noch wesentlich mehr Zeit mitgebracht zu haben. Am Abend lassen wir es uns in der Wildnis noch eimal so richtig gut gehen und kosten das ganze Potential unseres Campers voll aus. Denn schließlich müssen wir uns nun bald von unserem mobilen zu Hause trennen. Dann fahren wir weiter nach Christchurch.

Aoteaora 10598 Wanaka und Queenstown

20. Februar 2002 § Hinterlasse einen Kommentar

Meine Neuseelandreise vom 26. Januar bis 1. März 2002 Tag 10 598

Mittwoch, der 20. Februar 2002 Wanaka:

Von Haast fahren wir über den Haastpass weiter nach Wanaka. Eine geplante Station auf unseren Weg zum Mount-Cook-Nationalpark ist dort die Puzzling-World. Den Mount Cook können wir, vom Nordwesten kommend, ohnehin nur über eine ausgedehnte Schleife um die neuseeländischen Alpen herum, die uns weit in den Süden der Insel führt, erreichen. Wie schon erwähnt ist das neuseeländische Straßennetz nicht unbedingt für Pauschaltouristen ausgebaut. Am Lake Wanaka essen wir zunächst etwas und vertreten uns wieder ein wenig die Beine. Auch wenn uns der Eiskletterkurs noch in den Knochen steckt tut das nach der langen Fahrerei ganz gut. Die Puzzling-World dann, der große Rätsel- und Spielepark, macht schon im Vorbeifahren neugierig. Die bunt gestrichenen Gebäude stehen mit voller Absicht in Schieflage, wirken unnatürlich verkleinert oder wie Kinderspielzeug undimensioniert und viel zu groß. Die einmalige Kulisse, die es zum Beispiel erlaubt einen Kirchturm zu umarmen, ist ein sehr beliebtes Fotomotiv für alle durchreisenden Touristen. Im Innenraum, in den man durch schiefe Türen oder auch ein tiefliegendes Fenster gelangt, hängen rätselhafte Bilder, auch Hologramme, meist mit verschiedenen, übereinander gelagerten bekannten Horrorfilmsequenzen, an den Wänden. Je nach Blickwinkel ist eine andere Szene in 3D zu sehen. Aber auch die Räume selbst sind nicht immer akkurat ausgerichtet. Vielfach sind ganze Hallen einer einzelnen optischen Täuschung gewidmet. Einmal ist eine solche Raumverzerrung echt und der Besucher kann den trapezförmig verlaufenden, immer kleiner werdenden Flur irgendwann tatsächlich nicht mehr aufrecht weitergehen. Auch Kinder haben schließlich Mühe das Ende eines solchen Raumes zu erreichen. Ein anderes Mal scheint das nur so und so mancher Tritt geht ins Leere. Die größte Anlage des Rätselparks ist ein im Freien quadratisch angelegtes Labyrinth mit Gängen, Brücken und Räumen. Auf einer großen Brücke über das Labyrinth hinweg kann man sich immer wieder ein wenig orientieren. Wenn man ein Auge dafür hat. Auf normalem Weg benötigt man einige Zeit das Labyrinth zu durchlaufen, da einmal hineingegangen, jede Ecke des Areals, durch farbige Häuschen markiert, begangen werden muss um über zahlreiche Umwege wieder zum Ausgang zu gelangen. Ganz abgesehen von den vielen Wegen, die in einer Sackgasse enden. „Überklettern der Absperrungen ist für Feiglinge,“ ist überall zu lesen. Wir brauchen etwa eine knappe Stunde um in der angegebenen Reihenfolge zuerst das gelbe, dann das blaue, das grüne und schließlich das rote Häuschen zu passieren. Dank Martin, der einen guten Riecher für derartiges hat und dabei ordentlich aufs Tempo drückt. Anschließend gehen wir am Wanaka-See ein wenig spazieren und hören der dort auf einer Wiese spielenden Popgruppe zu. Derartige spontane Events sind im englischsprachigen Raum häufiger anzutreffen, wohl weil dort nicht ganz so scharfe Regelungen was das Versammeln von Personen auf öffentlichen Plätzen angeht vorherrschen. Eigentlich wollten wir am Lake Wanaka einmal wieder ins Wasser springen. Es wird abends aber nun saukalt und wir stellen zum erstem mal anhand der Karte fest, wie tief wir eigentlich schon in den Süden der Erdhalbkugel vorgedrungen sind. Wanaka liegt nur noch ein wenig vor dem 45. Grad südlicher Breite. Damit haben wir allmählich die Höhe von Stuttgart, also quasi die exakte Gegenseite der Erde zu unserer Heimatstadt, erreicht. Wobei es auf der Südhalbkugel, anders als im Norden, damit allerdings schon auf die Antarktis zugeht und so wesentlich kühler ist.

Tag 10 599 Donnerstag, der 21. Februar 2002 Roys Peak und Queenstown:

Wir fahren in den Mount-Aspring-National-Park. Ein Geheimtipp sowohl landschaftlich, als auch was die vielfältigen sportlichen Möglichkeiten angeht. Meint unser Reiseführer. Weil der Mount Aspring mit 3030 Metern auch sehr hoch, aber dennoch gut zugänglich, sein soll wollen wir diesen als alpinen Teil unserer Reise besteigen. Denn ob das beim Mount Cook oder Aoraki – was im Deutschen etwa Wolkenkratzer – bedeutet, dem mit 3754 Metern höchsten Berg des Landes, so gut möglich sein wird ist unklar. Ohnehin soll das Wetter dort unberechenbar und der Berg schwierig zu begehen sein. Für Ungeübte, so gar nicht für Extrembergtouren ausgerüstete Alpinisten wie wir das sind, ist derselbe also eher nicht geeignet.

Gletscher und Schafe, eine weite urige Landschaft. So präsentiert sich uns der Mount-Aspring-National-Park. Eigentlich sind ja alle Berge oder größere Hügel Neuseelands von Nationalparks eingesäumt. So fährt man auf der Südinsel eigentlich nur von einem Nationalpark in den nächsten. Wobei es im Norden der Südinsel eher Forrest-Parks gibt. Nach einigen Kilometern wird die Straße, eigentlich ist es mehr eine grobe Schotterpiste, in den Nationalpark hinein dermaßen schlecht, eindeutig zu schlecht für unseren Camper, dass wir es nicht weiter darauf anlegen wollen wie gut die Kiste verschweißt ist. In den Papieren des Fahrzeugs ist auch recht deutlich angegeben, für welche Strecken in Neuseeland selbiges sich eignet und vor allem welcher Art Weg unsere Vollkaskoversicherung nicht abdeckt. Also kehren wir etwas mürrisch, weil um unser alpines Abenteuer gebracht wieder um und beschließen statt dessen spontan einen Abstecher nach Queenstown, der sportlichen Metropole Neuseelands zu machen. Dort wird sich garantiert etwas finden wo man sich ordentlich austoben kann. Ersatzweise besteigen wir zuvor noch den auf dem Weg liegenden Roys Peak. Der ist mit 1581 Metern zwar nicht besonders hoch und gehört eigentlich schon eher in die Spaziergänger-Kategorie, aber es ist immerhin ein Berg. Der Roys Peak ist an sich ganz gut begehbar, so dass wir sehr schnell an dem für diesen an für sich mickrigen Grashügel recht imposanten Gipfelkreuz ankommen. Sogar eine Hütte und ein Gipfelbuch gibt es dort oben. Beim Abstieg kommen uns zwei Mädels entgegen gehastet. Bergauf joggend. Mit einem gepressten „Hi“ hasten sie an uns vorbei. Ja, es ist wieder früher Nachmittag in Neuseeland, stellen wir auf die Uhr blickend fest. Zeit für die Kiwis mit irgend einem sportiven Gewaltakt ausgiebig das Ozonloch zu genießen. Das kennen wir mittlerweile. Und ein Aktivitäts-Russel ist den beiden auf jeden Fall sicher. Eine Stilnote vergeben wir nicht. Dafür sind ihre Köpfe einfach zu angestrengt gerötet. Im Anschluss fahren wir nach Queenstown hinein. Wir haben einiges über den Ort gelesen. Queenstown ist das Freizeitsport-Mekka des Landes schlechthin, predigen die Reiseführer. Wenn nicht sogar der ganzen südlichen Hemisphäre. Rund um den dortigen Lake Wakatipu, ein See der sich S-Förmig durch die Landschaft schlängelt, ist praktisch jede auch nur ansatzweise denkbare sportliche Aktivität und zwar Sommer- wie Wintersport dort als Kurs zu buchen. Auf einem Luxus-Campingplatz mit allen Schikanen, dem wohl Komfortabelsten, den wir auf unserer Reise bisher angesteuert haben und leider auch mit 32 Kiwidollar, dem mit dem bisher besten Preis für die Übernachtung, überlassen wir unseren Camper den treuen Händen des Personals und machen uns auf Queenstown zu erkunden. In der Stadt finden wir endlich auch Kneipen und Läden die tatsächlich, wir trauen unseren Augen kaum, länger als bis um 18 Uhr geöffnet haben. In Queenstown scheint sich die gesamte Aktivität des sonst so beschaulichen, gemütlichen Landes der langen, weißen Wolke geradezu konzentriert zu haben. Das ehemalige Goldgräbernest am Wakatipu-See hat sich zu einem Zentrum des neuseeländischen Aktivurlaubs entwickelt. Der Ort ist eingesäumt von Ferienhäuschen und Hotels. Ein Flughafen mit ständigem Luftverkehr für Hubschrauber und Flugtouristen und eine Gondelbahn für die Gleitschirmflieger, Berg- und Skitouristen, sowie die zahllosen Buchungsbüros, bilden das Ortszentrum. Segeln, Jetskying, Windsurfen, Wildwasserfahren, oder etwas gemütlicher mit dem Dampfer bieten Werbetafeln Aktionen auf dem See an. Das Ortszentrum wirkt mit der geballten Sport-Logistik ein wenig überladen. Hier ganz in der Nähe wurde an der Kawarau-Bridge über der Kawarau Schlucht angeblich der erste Bungee-Sprung gemacht. Zumindest ist es, sich eben genau dort von der rustikalen Holzbrücke etwa 43 Meter in die Tiefe zu stürzen absolut salonfähig. Der Abend in Queenstown ist dann ganz dem Begriff „Apres“ gewidmet. Apres-Ski, Apres Bungee-Jumping, Apres- was auch immer. Zahllose Kneipen mit Discoflair oder rustikalem Schipistenflair laden dazu mit ihren Spezialitäten ein. Nur mit Cocktails, eines der Lockangebote auf das wir angesprungen sind, stellen wir am Abend noch fest, können sie in Queenstown, wenngleich im Angebot, nicht all zu viel anfangen. Es ist eben eine doch noch sehr im Aufstreben begriffene Hinterwäldlermetropole. Dennoch sind die Bars überlaufen. Auch die letzten Ruhe- und Erholungsuchenden Touristen finden, der schafsbiederen Beschaulichkeit des Landes irgendwann wohl überdrüssig, ihren Weg nach Queenstown oder sie wollen diesen krassen Gegensatz zum übrigen Land zumindest einmal selbst gesehen haben.

Tag 10 600 Freitag, der 22. Februar 2002 (Riversurving in Queenstown):

Nach den Ausschlafen schlendern wir durch die Innenstadt von Queenstown und melden uns schließlich doch bei einem der vielen Anbieter zum Riversurfing oder Boogieboarding an. Unser Kurs geht von 14 bis 18 Uhr und kostet einschließlich Freigetränk 119 Kiwidollar. Bevor es losgeht müssen wir beide noch eine Erklärung unterschreiben, dass wir wissen, dass Riversurfing lebensgefährlich sein kann und wir unsere Instruktoren im Falle eines tragischen Unfalls von jeder Verantwortung entbinden. Natürlich ausgemachter Blödsinn, versichert man uns. Erst im Anschluss erfahren wir, dass es hierbei nahezu täglich zu Unfällen kommt. Wie abgesprochen treffen wir um 14 Uhr in Badekleidung am Treffpunkt ein. Mit dem Bus geht es eine ziemliche Strecke flussaufwärts. Und nach einem ordentlichen Fußmarsch erreichen wir dann eine Wiese, auf der wir uns in Neoprenanzug und Taucherflossen zwängen. Dann bekommt jeder noch einen Sturzhelm und sein Board, das mit einer Leine am Handgelenk befestigt wird. Nach einem weiteren ordentlichen Fußmarsch in Froschklamotten mit dem Brett unterm Arm, Kiwis laufen einfach viel zu gerne, sind wir dann am Fluss und dürfen zunächst einmal von einem kleinen Felsen aus ins Wasser springen. Dann erhalten wir die recht simple Instruktion, möglichst in Linie immer hinter den Guides zu bleiben und einfach zu tun was sie tun. Also mit dem Board zu lenken, und sich gegen Wellen und eventuell zu nahe kommende Felsen zu schützen. Dann lassen wir uns hintereinander, lang gestreckt im teilweise recht niedrigen Wasser, an verschiedenen Strecken den Fluss hinuntertreiben. Mal schneller, mal weniger schnell. Vor einer Biegung macht uns der Guide Andeutungen die Hände auf zu halten. Weil hier Geld von Himmel falle. Und schon rasen wir vorbei an einer Gruppe mit Raftingbooten unter der Kawarau Bridge zwischen den sich mit einem grellem Aufschrei rechts und links von uns in den Fluss stürzenden Bungee-Jumpern hindurch. Die Guides versuchen im Vorbeiflug die Jumper sogar noch abzuklatschen. Für die Bungee-Springer geht es von der Holzbrücke 43 Meter in die Tiefe. Und dort haben sie die Wahl mit, oder ohne den Kopf ins Wasser einzutauchen wieder hochgeschnalzt zu werden wo sie dann schließlich von einem Schlauchboot aufgesammelt werden. Wir rasen weiter durch einen immer schneller werdenden Fluss und genießen jede Stromschnelle. Immer wieder machen wir zwischen verschiedenen Streckenabschnitten kleine Pausen in denen uns die Guides zeigen wie sie mit besonders kniffligen Stellen fertig werden oder sich nach Surfermanier auf das Board stellen. Einer der Jungs scheint sich besonders um uns annehmen zu wollen und lässt unsere Boards dienstbeflissen kaum mehr aus den Fingern. Nur mit Mühe gelingt es uns, diverse Stromschnellen ausnutzend, ihn abzuhängen und uns weiter vorne in der Surferschlange einzureihen. Wir sind am Ende der Tour beide ziemlich geschafft, was teilweise auch von den langen Laufwegen in zu engen Flossen und Froschklamotten kommt und beschließen beim gemütlichen Freigetränk, doch noch einmal den Campingplatz Queenstown anzusteuern und erst morgen in Richtung Mount Cook weiterzufahren.

Aoteaora 10596 Franz-Josef- und Fox Gletscher

18. Februar 2002 § Hinterlasse einen Kommentar

Meine Neuseelandreise vom 26. Januar bis 1. März 2002
Tag 10 596 Montag, der 18. Februar 2002 Der Franz-Josef-Gletscher:
Wir wandern heute zum Franz-Josef-Gletscher und sehen uns diesen an. Ob derselbe nach seinem mitteleuropäischen Erstbesteiger, oder gar zu Ehren des gleichnamigen Kaisers benannt ist, können wir nicht in Erfahrung bringen. Wir wundern uns ein wenig über die geringe Höhenlage des Gletschers.
Im Vergleich mit beispielsweise der Schweiz, wie uns unsere Schweizer Begleiter bestätigen, ist zwar auch der Franz-Josef-Gletscher im Rückgang begriffen, aber dieser befindet sich nicht in mehreren Tausend Metern Höhe, eingezwängt zwischen steilen Felswänden. Sondern nur etwas mehr als hundert Meter über dem Meeresspiegel. Ein paar Gehminuten vom warmen, sonnigen Badestrand entfernt. Wir bemerken allerdings einen deutlichen Klimawandel, je näher wir den Eismassen kommen. Die Temperatur fällt deutlich und der kalte Wind erinnert schon eher an die schweizer Bergwelt.
Wir campen in Franz-Josef-Town. Ein Dorf, dass mitten in Neuseeland, das Image einer Apres-Ski-Szene konserviert zu haben scheint. Überall finden wir Wintersportthemen. Im TV in den Kneipen läuft statt den allgegenwärtigen Surfwettbewerben eine Snowboard-Show. Die Holzhütten mit den vor roter Geranien überquellenden Balkonen scheinen direkt aus Österreich importiert worden zu sein. Auch die Cafes und Discos versprühen den rustikal, zurückgebliebenen Charme der alpinen Bergwelt.
Ich werde spontan an das „Danilo“ erinnert. Eine Disco im schweizer Skidorf Savognin die den Slogan „The Best in the Mountanin“ als Motto unter der kitschig lila, pinkfarbenen Fassade stehen hatte. Diese Disco war in der Tat, das einzige was dort halbwegs nach Zivilisation aussah. Allerdings jeder Tisch mit besoffenen, gummistiefeltragenden Bergseppeln besetzt.
Hier am Eingang zu den neuseeländischen Alpen war es ähnlich. Nur sind in den hiesigen Kneipen die Almseppel Holländer und Briten in Flanellhemden mit großem Karomustern und kurzen Hosen, die sich alle Mühe geben „alpin“ zu wirken. Wir ziehen am Nachmittag weiter und bauen unseren Camper für die Nacht auf dem Fox-Gletscher-Campingplatz auf. Im Touristik-Informationsbüro lassen wir uns anderntags für einen Eiskletter-Einführungskurs eintragen.
 Tag 10 597 Dienstag, der 19. Februar 2002 Eiskletterkursus auf dem Fox-Gletscher:
Wir stehen um sieben Uhr morgens auf, denn um acht Uhr beginnt unser Eiskletterkurs. Vom dortigen Alpverein bekommt jeder seine eigene Bergsteiger-Ausrüstung gestellt. Sogar einen Rucksack für unseren Kram, auf dem auch Eispickel und Steigeisen festgeschnallt werden, die wir am Einsatzort zum Eisklettern ja benötigen.
Dann probieren wir die anderen Accessoires, wie Stulpen, Handschuhe und Bergsteigerstiefel an. Das erste mal in solchen Bergschuhen zu stehen ist etwas ungewohnt. Denn wie klassische Schistiefel sind diese Treter übergroße, völlig unbewegliche Plastikschalen mit dickem Innenpolster. Die Schuhsohle hat zwar ordentlich Profil, ist aber völlig steif. Für die perfekte Anpassung an den jeweiligen Fuß werden einem noch drei, vier Paar Übersocken bereitgelegt. Alle Accessoires werden von dem meist jugendlichen Personal, wohl auch wieder größtenteils Ferienjobber, auf den korrekten und festen Sitz hin genau überprüft. Peinlichst wird darauf geachtet, dass auch wirklich alle Bestandteile der Bergsteigerausrüstung angelegt wurden. Was in der knallenden Sonne des neuseeländischen Hochsommers natürlich ein wenig auf die Stimmung drückt. Unsere Gruppe besteht aus fünf Personen. Neben unserem Bergführer steigt noch ein britisches Pärchen, ebenso dick vermummt wie wir selbst, zu uns in den Kleinbus. Nach einer Rüttelfahrt von einer knappen halben Stunde über ein weites Geröllfeld, kommen wir auf einem Parkplatz an, wo sich auch andere Bergtouristen für ihren Aufstieg bereit machen. Wir wandern zunächst einmal, den Gletscher schon in Sichtweite, noch eine gute Stunde über die Geröllhalde und versuchen uns daran zu gewöhnen, dass es in diesen Bergschuhen nicht möglich ist den Fuß abzurollen. Es ist eigentlich mehr ein Stapfen, als wie wandern. Es werde auf dem Eis aber besser, verspricht unser Führer. Noch bevor wir die Gletscherzunge wirklich zu Gesicht bekommen wird es eiskalt und ordentlich windig, so dass wir erst einmal einen weiteren Stop einlegen um uns mit Mützen, Jacken und Handschuhen vollends auf Winter umkleiden. Am Rand der Gletscherzunge legen wir die Steigeisen an, die an der Außenseite unseres Rucksacks befestigt sind und üben zunächst einmal das sichere Gehen auf dem Eis. Das Bergauf- und Bergabgehen mit Steigeisen erfordert eine extra Lektion. Und es erinnert ein bisschen an den zur Fasnacht gefürchteten Ententanz, wie wir da hintereinander, immer mit gebeugten Knien die kleinen Eiswellen oder am Gletscherrand, auf und ab gehen. Unterwegs auf unserem Weg über das Eis treffen wir auf Mitarbeiter des Touristikzentrums, die Stufen in das Eis der Gletscherzunge schlagen, um einen schnelleren, bequemeren Aufstieg für Rettungskräfte, zu ermöglichen. An einer kleineren Abbruchkante machen wir dann unsere ersten Versuche uns mit Eispickel und Steigeisen die Wand hinaufzuarbeiten. Natürlich immer angeseilt und gesichert und unter Aufsicht unseres Lehrers. Wir lernen zunächst wie mittels Kurbel ein Sicherungshaken in das Eis gedreht wird. Das das Eis ständig arbeitet, schmilzt und wieder friert, darf so ein Haken nicht länger wie ein halbe Stunde benutzt werden. Da er sonst locker werden könnte, erklärt man uns.
Bis zum Nachmittag werden die Übungswände für uns dann immer steiler und höher. Eisklettern empfinde ich zwar als noch ein wenig anstrengender, wie das gewöhnliche Klettern, da einem durch das ständige Umklammern der Eispickel sehr schnell die Arme ermüden, aber es macht auch unheimlich viel Spaß. Diese Gelegenheit, einen solchen Kurs mitzumachen, wollten wir uns auf keinen Fall entgehen lassen. In der Steilwand lernen wir auch die steifen Schuhsohlen zu schätzen. Denn wenn die beiden nach vorne stehenden Zinken der Steigeisen in das Eis „gekickt“ worden sind steht man darauf eigentlich relativ sicher und kann, mittels der beiden Eispickel, die steile Wand wie auf einer Leiter hinauf laufen. Am Ende zeigt uns unser Kletterführer, wie er selbst in einer Eishöhle, also einem Überhang knapp unter der Decke, klettern kann. Ein riskantes und wie ich finde auch ausgesprochen unangenehmes Unterfangen. Da ein Überhang von unten sehr schlecht abzusichern ist und so eine Eishöhle ständig abtaut, wodurch der darunter hängende Kletterer nach wenigen Minuten bis auf die Haut durchnässt ist. Ganz so, als wäre er abgestürzt und in einen See gefallen. Beim richtigen Höhlenklettern ist es allerdings auch selten trocken. Am späten Nachmittag sind wir dann wieder rechtschaffen müde und machen auf dem Parkplatz vor der Kletterschule erst einmal Rast. Anschließend fahren wir weiter bis zum Campingplatz in Haast am Haast Pass, wo wir ein letztes Mal auf die Schweizer treffen. Wir nutzen dort einmal wieder die vorhandene Küche des Campingplatzes um uns Spaghetti und Salat zu kochen. Dort in der Küche lassen wir dann auch, wie wir später feststellen, einiges an Geschirr aus dem Camper zurück. Was unsere Wagen-Vollkasko übrigens problemlos abgedeckt hatte.

Aoteaora 10593 Abel Tasman Nationalpark

15. Februar 2002 § Hinterlasse einen Kommentar

Meine Neuseelandreise vom 26. Januar bis 1. März 2002
Tag 10 593 Freitag, der 15. Februar 2002. Abel Tasman Nationalpark zu Fuß:
Waren wir gestern per Kajak auf den Wasser unterwegs widmen wir uns heute dem Abel-Tasman-Park zu Fuß. Wir erkunden die Strandgegend mit den kleinen Inselchen, wie auch Wälder, Quellen und Moore in den höheren Lagen. Denn der Park ist ein riesiges Gebiet.
Dabei haben wir unser Russel-Punkte-System um eine A und B-Wertung erweitert. A ist die Optik und B danach der größtmögliche Wahnsinn.
Unsere Route, der Abel-Tasman-Track, ist eine 51 Kilometer lange Wanderroute, die stark von Touristen frequentiert ist und mal kilometerweit über schmale Holzstege, dann wieder über teils schlammige, teils befestigte Pfade mitten durch das Gelände, oder direkt am Meer entlang führt. Am Ende unserer Wanderung bemerken wir aus dem Wald kommend, eine große gelbe Schramme an unserem Camper. Ein Lkw hat wohl die Kurve nicht gekriegt und ist an unserem, am Straßenrand geparkten, Camper hängengeblieben.
Auf der Weiterfahrt nehmen wir zwei Mädchen, Touristinnen aus Israel, ein Stück mit. Sie kommen ebenfalls mit ihren Rucksäcken gerade aus dem Wald und suchen eine Mitfahrgelegenheit in den nächsten Ort. Beide wollen sich mit ihren Auslandsaufenthalten vor der Wehrpflicht die in Israel auch für Frauen zwei Jahre aktiver Dienst an der Waffe bedeutet herumdrücken, erzählen sie. Mit ihnen machen wir die Entdeckung, dass in den Straßenkarten von Neuseeland, gerade auf der wenig bewohnten Südinsel, tatsächlich Hotels, Rastplätze und Schaffarmen – wie Kleinstädte mit ihrem Namen dort verzeichnet sind. Das wird besonders deutlich, als wir auf der Straße nach Westport an einem Hinweisschild nach einem „Berlins“ vorbeifahren. Wir wundern uns zunächst über ein Berlin in Neuseeland, bis uns die „S“-Endung auf einen Gedanken bringt, der sich nach wenigen hundert Metern bestätigt. Ein Schild kündigt eine Abfahrt zum Hotel Berlins nach 300 Metern an.
 Tag 10 594 Samstag, der 16. Februar 2002 Westport Cape Foulwind:
Vom dem kleinen Nest Westport aus fahren wir weiter zum Cape Foulwind. Über Carters Beach wandern wir am Strand zum westlichsten Zipfel der Südinsel. Unseren Plan, dort am Strand zu baden durchkreuzen die Sandfliegen. Kaum aus dem Camper sind wir schon in eine Wolke dieser blutgierigen Viecher eingehüllt. So können wir nur zusehen schleunigst das Weite zu suchen.
Wir beobachten eine sich in der Morgensonne räkelnde Robbenkolonie, die sich dort am westlichsten Zipfel des Landes, auf den Felsen niedergelassen hat. Auf einer Wiese sehen wir eine Herde wilder Pferde grasen. Bei der alten Goldgräberstadt Charleston lassen wir uns von einem kauzigen, einheimischen Fremdenführer in den „Old Goldfields“ zeigen wie dort von 1866 bis 1914 Gold gewaschen wurde und hören uns dessen unterhaltsame, aber recht kruden Stories dazu an. Nebenbei versucht er uns Steinklumpen zu verkaufen in denen Gold sein könnte. Wenn er sie für uns öffne müssten wir sie aber bezahlen. Er erklärt uns augenzwinkernd dabei aber auch, dass er wisse in welchen Steinen Gold zu finden sei und diese bestimmt nicht verkaufen werde.
Wir sehen dann beim weiteren Erkunden der Anlage auch ein, dass die Goldsuche in Neuseeland eine recht mühselige Arbeit gewesen sein muss, die mit den Aufklopfen von ein paar Steinen noch lange nicht erledigt ist. Ein riesiges hölzernes Mühlrad trieb eine Steinzertrümmerungsanlage mit mechanischen Hämmern an und ein Förderband. Für die Goldförderung wurden die Steine zermahlen und dann der eventuell darin vorhandene Goldstaub mit Quecksilber gebunden. Daneben sieht man die ärmlichen Behausungen der Arbeiter und Felsen, die ausgehöhlt sind wie ein überdimensionaler Laib schweizer Käse. Anschließend fahren wir weiter nach Punakaiki zu den Pancakerocks. Die Pfannkuchen-Felsen sind alte, wohl von der Küstenbrandung ausgewaschene Felsen, die für den Namensgeber wohl wie aufeinander gestapelte Pfannkuchen ausgesehen haben. Über Stege kann man in der Anlage, wie in einem Steingarten umherspazieren und die abenteuerlichen Formationen ganz aus der Nähe betrachten. Ein weiter Höhepunkt der Anlage ist eine tiefe Grotte durch die das Meer mit Getöse hereindrückt und Gischt und Schaum nach oben schleudert. Heute ist es wieder brütend heiß. Im Anschluss landen wir in Greyport, der größten Stadt an der Westküste mit immerhin 11 600 Einwohnern nach dem Einkauf wieder auf einen Hollydaypark-Campingplatz an. 24 Euro sind zwar wieder durchaus gehobene Preisklasse, dafür liegen diese Plätze immer sehr gut und ich kann mich mal wieder in den Pazifik werfen. Abends toben wir unsere Kochkunst dann einmal an Reis aus. Denn immer nur Spaghetti zu mampfen wird uns auf die Dauer als Beilage auch etwas zu fade.
 Tag 10 595 Sonntag, der 17. Februar 2002 Shanty Town:
Wir verlassen Greymouth und fahren nach Shanty-Town. Das ist eine nachgebaute Siedlung aus der Zeit des neuseeländischen Goldrauschs. Dort können neben den Behausungen chinesischer, europäischer und afrikanischer Glücksritter auch die Krankenstation, eine Schmiede, der Barbier und viele Relikte aus dem vergangenen Jahrhundert besichtigt werden. Wir fahren heute ein größeres Stück und machen auf einem Campingplatz in Hokitika halt. Denn um zu unserem nächsten Ziel, dem Mount Cook, quasi in den Alpen Neuseelands, zu gelangen müssen wir einen ordentlichen Umweg um knapp die viertel Südinsel herum machen. Eine direktere Straßenverbindung gibt es nicht. In der Küche des Campingplatzes treffen wir auf ein schweizer Pärchen mit denen wir unsere Neuseelanderfahrungen austauschen können. Damit beginnt dann auch schon, je weiter wir nach dem Süden kommen, der Winterteil unserer Reise.

Aoteaora 10591 Marlborough Sounds

13. Februar 2002 § Hinterlasse einen Kommentar

Tag 10 591 Mittwoch, der 13. Februar 2002 (Geburtstag irgendwo in den Marlborough Sounds):
In der Nacht feiern wir, mit dieser wildfremden Jugendgruppe, am Lagerfeuer in meinen 29. Geburtstag hinein. Ein seltsames Gefühl, aber wir sind insgesamt eine sehr lustige Runde. In der Nacht sind auch die Sandmücken, diese kleinen blutgierigen Biester verschwunden. Wenn es dunkel und kühl wird verkriechen sie sich. Leider fängt es dann ziemlich heftig zu regnen an und wir verziehen uns in unseren Camper.
Morgens: Die Resozialisierungsgruppe packt, pudelnass und entsprechend schlecht gelaunt, zusammen und zieht zu Fuß weiter die Sounds Richtung Endeavour Inlet hinauf. Am Mittag feiern wir bei Wein und einem gemütlichen Essen mitten in den Sounds, im Irgendwo auf der grünen Wiese weit weg von der Zivilisation. Anschließend fahren auch wir wieder zurück und machen unterwegs zum Abel-Tasman-Nationalpark in der Stadt Nelson Halt, wo wir einkaufen. Aus den Sounds heraus, sind wir auf einen Schlag sofort in der Zivilisation zurück und stellen fest, dass der neuseeländische Größenwahn auch in Tourismus oberste Priorität hat. Wir fragen uns, wer eigentlich das Gerücht erfunden hat, dass auf der Südinsel kaum eine Menschenseele zu finden ist. Denn Nelson erinnert in dieser Hinsicht stark an einen völlig überlaufenen Kurort. Die Straßen sind besser ausgebaut als auf der Nordinsel. Allesamt sind sie geteert und damit für unseren kleinen Camper einwandfrei passierbar.
Wir steuern zunächst Motueka an. Dort wird Wassersport in jeder Form angeboten. Nach eingehendem Studium von Karte und Freizeitangebot auf der Südinsel fahren wir ein Stückchen weiter zum Marahau-Beach. Dort werden Kajakkurse und die Erkundung des Abel-Tasman-Nationalparks zu Wasser mittels Meerwasserkajak angeboten. Neben zahllosen feuchtfröhlichen, auch kostspieligen Aktivitäten zu Wasser. So einen Kajak zu mieten, dass sollten wir uns aber mal noch gönnen. Auch diesen Nationalpark wollen wir unbedingt ansehen. Nachdem wir einige Parks auf der Nordinsel ausgelassen haben. Wenn dabei ein bisschen gepaddelt werden kann, auch gut. Damit schreiben wir uns auf dem Camping Platz Marahau-Beach ein und melden uns in dem selben Büro gleich zum Kajak-Kursus an. Beim „Kajaking“ kann zwischen mehreren Optionen gewählt werden. Das Mieten eines Kajaks nach Stunden, sowie geführte Touren, auch über mehrere Tage, oder ein Kennenlern Paket. Gleich am Morgen gegen acht Uhr beginnt unsere erste Kajakstunde.
Tag 10 592 Donnerstag, der 14. Februar 2002 (Kajakfahren):
Wir bekommen hinter dem Büro des Campingplatzes unsere erste Einführung im Trockenpaddeln. Beinahe wären wir zu spät gekommen. Da wir den gestrigen Abend noch ziemlich locker ausklingen lassen haben – ich hatte ja schließlich Geburtstag und der Neuseelandwein ist auch sehr lecker – sind wir am Morgen, als uns Martins Handy gegen acht Uhr weckt, noch ziemlich gerädert. Keine Zeit mehr zum Waschen und Zähneputzen. Aber uns kennt hier schließlich keiner.
Vor für uns bereitliegenden Kajaks erhalten wir eine etwa dreistündige Trockeneinweisung, die sich auf das richtige Ein- und Aussteigen aus dem Boot wie auch das Paddeln im gleichen Takt bezieht. Wir sollen uns mit unseren Paddeln ja nicht in die quere kommen, wenn wir hintereinander im quasi gleichen Boot sitzen müssen. Als Anfänger bekommen wir einen klobigen Zweisitzer-Kajak zugewiesen. Einer-Kajaks gibt es für Anfänger nicht. Man zeigt uns, wie der Gummischurz, der die Einstiegs-, oder Sitzlöcher um unsere Hüften herum wasserdicht verschließt, an- und abgelegt wird und wie man hintereinander im Takt zu paddeln hat. In einem Kajak hat der vorne sitzende eine völlig andere Aufgabe wie der Hintermann. Schon auf dem Trockenen wird die Rangordnung für uns festgelegt. Ich soll vorne sitzen und Martin im hinteren Loch platz nehmen. Der Hintermann bedient über zwei Pedale zusätzlich ein Ruder, während der Vordermann vor der aufgeklebten Karte sitzt. Beim Training stehen wir so hintereinander neben unserem Boot mit den anderen Kursteilnehmern in einer Reihe und rühren mit unseren Paddeln so lange in der Luft herum, bis es unserem Instruktor gut genug gefällt. Mit uns beteiligen sich noch vier Schweizer an dem Kajak-Einführungs-Kursus.
Schweizer sind überhaupt ziemlich präsent auf den Inseln. Deren dialektische Gewohnheit Erstsilben in die Länge zu ziehen und das rollende „R“ hören wir überall heraus. Auch wenn sie englisch sprechen. Neben Briten und Holländern sind es die Schweizer, die Neuseeland am häufigsten besuchen, bestätigen uns auch die Einheimischen.
Wir lernen, immer von oben auf dem Kajak sitzend, in die Luke hineinzurutschen. Niemals darf von der Seite aufgestiegen werden. Damit würden wir das Kajak umwerfen, schärft man uns ein. Auch wie wir uns zur Rettung der eigenen Person, sollten wir einmal aus dem Kajak herausgefallen sein, oder sich dieses doch einmal nach Kieloben gedreht haben, an dem vordern Sporn, der Bugspitze festzuklammern haben bis Hilfe kommt, oder wir sicheres Land erreichen, müssen wir auf dem Trockenen üben. Und wie wir zwischen dichten, und weniger wasserdichten Staubeuteln und Behältern, die für unseren Kram auf dem Boot angebracht sind unterscheiden.
Anschließend der „praktische“ Teil der auf dem Wasser erfolgt. Wir begreifen zwar nicht ganz den Sinn, den unser cooler Instruktor – mit nacktem Oberkörper in Schwimmweste, Sonnenbrille und Kopftuch, mindestens ein Einser-Kandidat als optischer Russel – damit verbindet mit dem Paddel auf die Wellen einzudreschen. Geben uns dann aber mit seiner knappen Erklärung, „Its Fun“, soweit zufrieden und klatschen eben auch die Wellen ab. Vielleicht schreckt das Haifische, oder andere Futterschmarotzer ab. Dann, nach wenigen Übungseinheiten auf dem Wasser – wo bei einem kurzen Landgang anhand der Karte erklärt wird, wie weit wir Anfänger uns in dem Gebiet bewegen dürfen, bevor unser Versicherungsschutz verlöscht – werden wir verabschiedet und können bis vier Uhr Nachmittags, dem Abgabetermin der Kajaks, nun selbstständig das Gebiet um den Abel-Tasman-Nationalpark erkunden. Jede Stunde später kostet wieder ein paar Kiwidollar mehr, bekommen wir noch einmal erklärt.
Mit die Hauptarbeit ist, uns zunächst einmal von den anderen Kajaks abzusetzen um in den Wellen nicht ständig mit deren Boote zu kollidieren. Das ist zunächst recht stressig und es dauert eine ganze Zeit, bis wir alle unseren Knäuel aus Paddeln und Kajaks soweit entwirrt haben um losziehen zu können.
Zwar ist der Wellengang nicht übermäßig hoch, aber doch stark genug um unseren Rhythmus gewaltig durcheinander zu bringen, da jeder zweite, oder dritte Paddelschlag so nur in die Luft geht. Nachdem wir ein wenig drauflos gepaddelt sind und die ersten Sandbänke, Felsen und Inselchen hinter uns gelassen haben machen wir an einem ruhigen Strand mit unserem eingepackten Vorrat erst einmal ordentlich Frühstück. Die relativ flachen Kajaks haben kaum Tiefgang. Was den Vorteil hat, dass wir selbst dort noch Paddeln können, wo Schwimmen schon lange nicht mehr möglich ist.
Wir landen am Nachmittag an einer der vielen kleinen Inseln des Naturparks an und knallen uns ein wenig in die Sonne. Martin traut sich sogar ins Wasser, dass mir heute viel zu kalt ist. Natürlich schöpfen wir, was auch wieder mit leichtem Stress verbunden ist, die uns zum Paddeln verbleibende Zeit bis 16 Uhr bis zur letzten Minute aus. Eine weniger angenehme Überraschung erwartet uns zum Ende unseres Bootsausfluges. Am späten Nachmittag hat die Ebbe ihren Höhepunkt erreicht und das Wasser ist vom Strand und den Landungsstegen um gute zwei Kilometer zurückgewichen. Auch wenn wir versuchen das Flachwasser zum Paddeln noch bis zum letzten Schlag, bis wir wirklich komplett aufsitzen auszunutzen, irgendwann müssen wir das Ding doch tragen. Und wir müssen uns mit unserem riesigen Kajak bis zum Strand, von dem aus wir mit den Booten abgelegt waren ganz schön abschleppen. Denn diese Meerwasserkajaks wiegen einiges. Nach der Abgabe machen wir uns ans Duschen, was wir die letzten Tage ein wenig vermisst haben. Ohnehin muss die dicke Salzwasserkruste, die sich beim Paddeln auf dem Körper abgelegt hat und nun auszutrocknen beginnt, wieder runter.

Aoteaora 10588 Von Napier auf die Südinsel

10. Februar 2002 § Hinterlasse einen Kommentar

Tag 10 588 Sonntag, der 10. Februar 2002 Vom Lake Taupo in die Weinmetropole Napier:

Am Morgen spazieren wir um den Lake Taupo herum und wundern uns einmal mehr über den seltsamen Sportgeist der Einheimischen. Wir begegnen einem Mann, der scheinbar ungerührt Golfbälle auf das Wasser hinausschlägt. Einen nach dem anderen. Beim Näherkommen erkennen wir worauf der Spieler es eigentlich abgesehen hat. Eine kleine, rote Plastikkiste mit Fähnchen, schaukelt in etwa 100 Metern Entfernung vom Strand, in den Wellen. Ein Schild klärt auf, dass 500 Bälle 150 Kiwidollar kosten. Nach kurzer Zeit sehen wir einen Taucher mit Seesack aus dem Lake Taupo kommen. Er sammelt die ins Wasser geschlagenen Bälle wieder auf. In den paar Minuten die wir dort stehen und dem Mann bei seinen Abschlägen zusehen, trifft er die rote Kiste nicht ein einziges Mal. Für drei Treffer hätte er immerhin ein Preisgeld von 5000 Kiwi-Dollar erhalten.

Der Lake Taupo ist der Fläche nach der größte See in Neuseeland. Er hat einen Umfang von ca. 193 km und ist an der tiefsten Stelle 186 Meter tief. Die Oberfläche beträgt etwa 616 qkm. Der Lake Taupo ist der Krater eines vor 25 000 Jahren ausgebrochenen gewaltigen Vulkans.

Nach einem kurzen Bummel mit Einkäufen durch die Touristenstadt Taupo brechen wir wieder auf. Wir wollen heute noch nach Napier kommen. Napier ist das Weinmekka Neuseelands. Eines von vielen eigentlich. Eine Eigenart aller englischsprachiger Nationen, an die sich der Tourist erst einmal gewöhnen muss, ist es permanent in Superlativen zu schwelgen. So dass im Grunde jede Wurstsemmel in die der Kiwi beisst zunächst ganz besonders geadelt werden muss und lautstark zur Einzigartigsten und Besten der Welt ausgerufen wird. So ist Napier eben auch das Beste überhaupt. Eigentlich wollten wir mit den Weinproben noch bis Blenheim in den Marlboroughsounds auf der Südinsel warten. Dem zumindest bekanntesten Weinanbaugebiet auf Neuseeland. Wir haben uns aber von einigen Touristen und Einheimischen dahingehend überzeugen lassen, dass wir in Napier mindestens ebenso gut bedient werden. Blenheim soll sich zudem seinen Namen recht gut bezahlen lassen. Aber wir können durchaus auch zwei Sauftouren einplanen.

Die ganz im Art-Deco-Stil erbaute Stadt Napier wird im Reiseführer tatsächlich als Wein- und Wollhandelszentrum Neuseelands angegeben. Die 300 Millionen Schafe der Inseln wollen schließlich regelmäßig geschoren und deren Wolle verkauft werden. Unsere wichtigste Frage, nachdem wir in Napier das Tourismus-Inormationsbüro ausgemacht haben, gilt so dem Wein. In zwanzig Minuten komme ein Bus, in den wir uns einfach mit reinsetzen sollen, heißt es knapp. Das passt uns ausgezeichnet ins Konzept. Gerade noch Zeit genug um unseren Camper auf einem nett gelegenen Campingplatz abzustellen. Dann beginnt unsere erste Weinführung auf Kiwi-Art. Auch diese wird von einer gewissen Gigantomanie bestimmt. Denn mit dem Bus fahren wir nicht nur die malerischen Weinlagen außerhalb der Stadt ab um dann in irgend einem Weingut zu versumpfen – wir besuchen nacheinander gleich fünf verschiedene Weingüter und sind herzlich zum ausgiebigen Testen aufgefordert. Gekleckert wird in Neuseeland einfach nicht. Diverse Spezialitäten wie Auslesen, oder uralten Sherry, die wir auf irgend einem hinteren, obersten Regal in der Weinhandlung entdeckt und uns nur über die ungewöhnliche Flaschenform geäußert haben, zieht man für uns sofort herunter und schenkt reichlich ein. Eiswein, wie wir ihn beispielsweise in einer kleinen Flasche vermutet hatten, haben sie zwar keinen, erzählen sie, denn dafür ist es um Napier herum nie frostig genug, aber eine ganz vorzügliche Spätlese. Und nirgendwo auf den Weingütern wird man etwa zum Einkaufen gedrängt wie auf den klassischen Kaffeefahrten. Wir lernen einen trinkfesten, unternehmungslustigen US-Amerikanischen Weinreisenden kennen, der nach dieser ausgiebigen Zechtour, gleich zur nächsten Weinprobe in eine andere Region aufbricht. Er stammt aus Baltimore und ist auf einer Weltreise in Sachen Wein unterwegs. Im Anschluss bringt uns der Tourbus direkt auf unseren Campingplatz und die anderen Touristen zu ihren Hotels zurück. Was gut überlegt ist, denn fahren kann von unserer Busladung nach einem knappen Tag des fröhlichen, ausgiebigen Testens unter der prallen neuseeländischen Sonne, eigentlich keiner mehr. Wir wissen andertags auch gar nicht mehr so richtig, wie wir am Nachmittag wieder in unserem Camper gelandet sind und müssen das erst so nach und nach rekapitulieren. Am Abend finden wir nach einigem Irren durch die Stadt ein Lokal am Strand. Eigentlich waren wir auf der Suche nach einer Weinstube. Fanden aber keine. So genießen wir in einem Pub das Fischangebot und dazu dunkles Bier. Man muss ja auch Kompromisse machen können. Danach spazieren wir die Marine-Parade, die Prachtmeile Napiers, am Strand entlang. Im Dunkeln mitten in der Nacht eben und lassen uns vom doch kräftigen Wellengang des heute Nacht ein wenig stürmischen Pazifik ordentlich die Hosenbeine nass machen. Wirklich nüchtern sind wir noch immer nicht.

 

Tag 10 589 Montag, der 11. Februar 2002 Dannevirke, der Mount Bruce Nationalpark und die Hauptstadt Wellington:

Auf unserem Weg nach Wellington machen wir zum Einkaufen in Dannevirke Halt. Ein Städtchen dass, so wissen das unsere Reiseführer, skandinavische Siedler in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegründet haben. Die Straßen- und Kneipennamen, wie auch die wuchtige Fachwerk-Architektur der Häuser und viele Schnitzereien, wie Drachenköpfe und Nixen an den Häuserfronten, erinnern eigentlich eher an einen lustigen Folkloreverein, als an die skandinavische Vergangenheit der ersten Einwohner. Aber Neuseeland ist ohnehin irgendwo eine riesige Folkloregruppe.

Im Mount Bruce National Wildlife Centre sehen wir dann zum ersten mal einen echten, lebenden Kiwi, den Wappenvogel Neuseelands. Es ist ein ziemlich hässliches, braunes, nachtaktives Tier. Ein Vogel, der allerdings nicht flugfähig ist und daher gerne läuft. Worauf die Einheimischen die Auswahl als Wappenvogel ihres Landes zurückführen. „Auch wir Neuseeländer laufen sehr gerne und sehr viel“, erklärt man uns. Das Tier ähnelt am ehesten einem Rebhuhn. Es ist nur etwas größer und hat einen schnorchelartigen Schnabel mit dem es im Waldboden nach Regenwürmern und Insektenlarven stochert, heißt es. Das Tier, dass wir nach langem hineinstrarren in den dunklen, künstlich angelegten Wald hinter einer großen Glasscheibe schließlich entdecken, rennt unkoordiniert in seinem Käfig herum. Immer wieder bleibt es stehen, stochert im Boden und rennt dann ein Stückchen weiter, wo sich dann dieselbe Prozedur wiederholt. Neben anderen, auch ausgestellten heute ausgestorbenen Tieren, die nur auf Neuseeland vorgekommen sind, gibt es auch Echsen im Wildlife Centre. Während wir durch Park und Museum wandern regnet es in Strömen. An lebenden Tieren sehen wir in freier Wildbahn so nur eine Entenfamilie und diverse Gekos. Dann fahren wir weiter nach Wellington, der Hauptstadt Neuseelands. Wellington ist auch das südliche Ende der Nordinsel. Von dort aus wollen wir anderntags mit der Autofähre auf die Südinsel übersetzen. Vor Wellington machen wir uns wieder auf die Suche nach einem Campingplatz. An den Straßen sehen wir erstmalig, immer sehr sauber angelegt, die riesigen Plantagen für die Kiwi-Frucht. Eigentlich die chinesische Stachelbeere – irgendwann importiert. Die Neuseeländer, die sich selbst auch Kiwis nennen, scheinen ein Failble für dieses Wort, das Tier wie Obst bezeichnet, zu haben. Über hüfthohe Gerüste gezogen, wachsen die Sträucher ähnlich angeordnet wie Weinberge. Wobei eine solche Plantage in rechteckig angeordneten Parzellen unterteilt, meist von einer Hecke aus dicht anneinander gepflanzten Zypressen, quasi einem Gebäum, eingesäumt ist. Wohl um die Kiwis vor zu viel Sonne, oder Wind zu schützen. Einen Campingplatz finden wir nur außerhalb Wellingtons in Lower Hutt, einer Ortschaft kurz vor der Hauptstadt, weiß unser schlauer Reiseführer. An einer Tankstelle kurz vor Lower Hutt wollen wir nach dem genauen Weg zum Campingplatz fragen und erleben dort zum ersten mal, was es bedeutet in einem völlig fremden Land zu sein. Denn wir verstehen von den ausschweifenden und sicher sehr detailierten Erklärungsversuchen des freundlichen Tankstellenpächters, einem Herrn so um die 50, nicht ein einziges Wort. Gut, in zahlreichen Reiseführern wird vor dem etwas eigenwilligen Englisch der Ozeanier gewarnt, aber bisher war uns das nicht aufgefallen. Abgesehen davon hatten wir bisher auch noch keinen besonders intensiven Kontakt mit den hiesigen, alteingesessenen Einwohnern. Zumindest nicht in der Form wie an dieser Tanke, wo wir beide einfach nur noch Bahnhof verstehen. Obwohl der gute Mann knappe zehn Minuten mit Engelszungen auf uns einredet. Nur wir kennen uns mit seiner Sprache einfach überhaupt gar nicht aus. Grob lässt sich für Neuseeland auch hier eine knappe Formel ableiten. Einwohner unter 40 sprechen ein an sich passables, touristengerechtes Englisch. Über 40-jährige allerdings, haben mit zunehmenden Alter, und wohl auch der abgeschiedenheit ihres Wohnorts und der Herkunft ihrer Vorfahren entsprechend, einen immer wunderlicher werdenden Dialekt. Was uns letztendlich bleibt ist die etwas irreführende Beschilderung. Einmal sieht man vor lauter Schilder gar nicht mehr wo es hingehen soll. Ein anderes mal ist die Beschilderung derart spärlich, dass wir kilometerweit unsere Strecke durch immer anders aussehende Städtchen mehr erraten müssen. Wir entschließen uns zunächst einmal nach Wellington hineinzufahren und uns dort beim Tourismus-Informationszentrum über die Attraktionen der Hauptstadt und den nächstbesten Campingplatz zu informieren. Und hier werden wir nun, kaum dass wir die Stadtgrenze passiert haben, wieder voll von der Zivilisation erfasst. Stau und Smog. Die Hauptstadt Neuseelands, obwohl nicht allzu groß und recht offen liegend, erstickt regelrecht in ihrem dichten Mittagsverkehr. Nach einigem Kreisen und etliche Stunden später parken wir in der Nähe des Info-Zentrums. Dort erfahren wir wo es zu den Schiffen, und auch zum Campingplatz geht. Auch hier mitten in der dicht bebauten Großstadt treffen wir wieder auf den überdrehten Sportgeist der Kiwis. Es ist etwa ein Uhr am Nachmittag. Die Sonne brennt gnadenlos vom Himmel und in zweier, oder Dreiergruppen sieht man die männlichen und weiblichen Kiwis mit hochroten Köpfen emsig und keuchend durch die Stadt joggen. Ganz so als wäre der irrationale Milchschnitte-Werbespot mit den in der Mittagspause joggenden Büroangestellten tatsächlich Realität. Nach einem Bummel durch Wellington sehen wir zu, dass wir zu unserem Campingplatz nach Lower Hutt kommen. Dort erkunden wir noch ein wenig das Nest Lower Hutt und verlaufen uns beinahe.

 

Tag 10 590 Dienstag, der 12. Februar 2002 Wechsel zur Südinsel:

Von unserem Campingplatz in Lover Hutt, einem kleineren Plätzchen, machen wir uns am Morgen wieder nach Wellington auf. Dort am Hafen liegt irgendwo unsere Fähre. Ein wenig später stehen auch wir mit unserem Camper in der Warteschlange. Was hier wörtlich genommen werden muss. In der brütend heißen Sonne stehen wir in einem Autokorso, der sich in mehreren Schleifen auf wohl einen guten Kilometer Strecke aufgereiht hat. Wir haben zu warten, bis wir mit unserem Camper abgefertigt werden und an Deck fahren können. Von fleißigen Händen wird unser Camper dann auf das Parkdeck eingewiesen und dort mit Gurten umgehend am Unterdeck festgezurrt. Wir die Passagiere werden gebeten die Fahrzeuge zu verlassen und nach oben zu gehen. Wir steigen zunächst eine Menge Treppen hinauf und sichern uns einen Platz im so genannten oberen Restaurant, dass einen hervorragenden Ausblick über die See verspricht und obendrein noch nicht völlig überfüllt ist. Solche Bordrestaurants gibt es auf dieser Fähre gleich drei. Das Schiff, dass eigentlich nur für den Fährverher zwischen Nord- und Südinsel verkehrt, was nicht einmal eine halbe Tagesreise ist, gleicht einem schwimmenden Hotel. Es gibt eigentlich alles dort. Sportanlagen, Souveniershops, ein Schwimmbad, Sauna und sogar einen Tennisplatz. Etwa drei Stunden wird die Überfahrt zur Südinsel den Angaben gemäß dauern. Wir sind gespannt. Denn mit Zeitangaben haben sie es in Neuseeland nicht so. Wie wir schon auf der Überfahrt zum Great Barrier Island feststellen konnten. Dafür, dass es uns Touristen unterwegs nicht langweilig wird sorgt unter anderem eine Gruppe junger Orcas, die unser Schiff während der Überfahrt ein Stück weit begleiten und die mit wilden Sprüngen und allerhand Kunststückchen auf sich aufmerksam machen. Ich suche einer Vorahnung folgend auf der Abrechnung nach einer Position, wie Unterhaltungsprogramm auf See durch die Kurverwaltung, das separat abgrerchnet wird und sehe mich auch immer wieder verstohlen um, ob während wir so mit den Tieren abgelenkt sind irgend etwas vorbereitet, oder beseitigt wird. Finde aber nichts. Wir versuchen ein paar Fotos von den Tieren zu machen. Was bei dem nur kurz  aus dem Wasser springenden Schwertwalen eine komplizierte Sache ist. Bereits nach einer Stunde Fahrt kommt die Südinsel in Sicht. Das heißt, deren erste Anzeichen. Kleine, immer dichter werdende, Inselchen bilden Fjorde und diese die so genannten Sounds. Wir fahren mit unserem riesigen Kahn in die Marlborough-Sounds ein. Eine faszinierende Landschaft aus kleinen Inselchen, Halbinseln, Flüsschen und Fjorden. An denen man sich kaum sattsehen kann. In den Marlborough-Sounds befindet sich die bekannteste Weinbauregion Neuseelands. Klar, hier zwischen den kleinen Inselchen und zahllosen Landzungen, wo die Temparaturen selten unter zehn Grad gehen, braucht es keine Steillagen, damit die Reben immer Sonne satt haben. Ganze zwei Stunden schippern wir durch diese Landschaft, bis wir an einer Anlegestelle ankommen. Manchmal fährt unser Riesenkahn scheinbar nur einen knappen halben Meter an einem Haus, oder Strand, Felsen, oder riesigen Baum vorbei. Das Schiff fädelt sich langsam und vorsichtig immer tiefer in die Nordspitze der Südinsel ein. Durch den Queen-Charlotte-Sound erreichen wir schließlich das Städtchen Picton, unseren Landeplatz, wo wir nach einiger Wartezeit mit unserem Camper über rostige Metallplanken wieder aufs Festland hinausfahren können. In Picton rüsten wir uns zunächst einmal mit ordentlich Sonnencreme und Mückenschutzmittel aus. Denn auf der Südinsel soll es ordentlich Stechfliegen geben, versichert uns eine Apothekerin, bei der wir noch ein paar Kleinigkeiten einkaufen. Einer fixen Idee folgend wollen wir dann mit unserem Camper möglichst weit in die Sounds hineinfahren. In Kenepuru-Head, weit in den oberen Zipfeln der Sounds, machen wir auf einem DOC-Campingplatz halt und treffen dort auf eine Resozialisierungsgruppe. Jugendliche mit Drogenvergehen, die sich hier draußen, zusammen mit ihrem Sozialarbeiter, der kaum älter als diese etwa 16 bis 18jährigen Burschen ist, bewähren sollen. Hier am Kenepuru-Head gibt es auch wieder einen malerisch, schönen Strand, aber heute Nachmittag ist es ein wenig zu kalt zum Baden. Die absolute Nordspitze der Südinsel wäre das Endeavour Inlet gewesen. Allerdings auch wieder eine Strecke, die der Versicherungsschutz für unseren Camper ausdrücklich nicht abdeckt. Es gibt in Neuseeland einen Code von rot, blau, oder schwarz markierten Straßen. Ähnlich der Schwierigkeitsgrade unserer Skipisten. Und während die blauen Pisten, meist auch schon reine Off-Roader-Strecken – also für Fahrzeuge mit Vierrad-Antrieb – lediglich als schwierig, oder bedenklich eingestuft werden, sind die Schwarzen absolut tabu für uns. Als es dämmert bemerken wir recht schnell was es mit den Stechfliegen auf sich hat. Im Dämmerlicht greifen uns die „Sandflys“, die Sandfliegen an. Kleine, nur etwa Obstmückengroße Fliegen, die überall an die feuchten, nackten Hautstellen, sogar unter die Socken gehen und dann zubeißen. Die Tiere beißen einfach kleine Hautfetzen heraus und saugen das austretende Blut. Sie kommen in der Morgen- und Abenddämmerung im Lichtwechsel in ganzen Schwärmen auf einen zu, oder halten sich als schwarze surrende Wolke an schattigen Plätzen auf. So dass ich mich am Abend recht schnell wieder in den Camper flüchte und denselben erstmal möglichst fliegendicht mache. Einer der Jungs sieht schon extrem bedauernswert zugerichtet aus. Aber die Junkies, die hier draußen im Zelt, oder Schlafsack um ein Lagerfeuer herum übernachten, beissen die Zähne zusammen. Martin bliebt noch etwas länger beim Lagerfeuer der Jungs, denn am Abend wird es doch wieder ordentlich kalt. Allerdings beginnt es am frühen morgen heftig zu regnen.

Wo bin ich?

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