Wie man den Geist einer Linse weckt

23. Oktober 2006 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt für die Cannstatter Zeitung
Bad Cannstatt: Am Wochenende fanden im Cannstatter Kursaal wieder einmal die Esoterik Tage statt. Knapp 80 Aussteller und 100 Vorträge belebten die bunte Veranstaltung. Neben allerlei Skurrilem gab es auch kinderfreundliche Angebote und überaus bodenständige Wundertätige zu bestaunen.
Natürlich möchte man die Ernsthaftigkeit der Absichten von Esoterikern nicht in Frage stellen. Durchaus ist zu glauben, dass die Aussteller auf solchen Messen es mit ihren Mitmenschen nur gut meinen und auch nur deren Allerbestes wollen. Auch weil sie eben von ihren eigenen unglaublichen  Fähigkeiten völlig überzeugt sind.
Dennoch: Bei all dem Spaß, den unsereiner auf einer solchen Messe erleben kann, ein wenig Skepsis ist hier gut angebracht.
Singend und trommelnd, mit einem unerschütterlich kindlichem Gemüt, empfängt der Düsseldorfer Florian Raeck den skeptisch dreinblickenden Besucher schon im Eingangsbereich. Seine Mission: „Wir wollen den Menschen an die Musik heranführen und zeigen, das man auch mit einfachen Instrumenten, die keiner besonderen Ausbildung bedürfen Spaß an der Musik wecken kann“, so Raeck, der auch mit der Presse ausschließlich singend, mal mehr, mal weniger zum Takt seiner Trommel, spricht.
Ohnehin ist Klopfen nach Rainer Franke, die Selbsthilfe- und Behandlungstechnik des 21. Jahrhunderts schlechthin. „Klopfen sie sich frei von Ärger, Ängsten, Schuldgefühlen, Stress und Kummer“, so Franke. Wie das geht erfährt man in einem 80-minütigen Vortrag, der nicht zu knapp extra kostet. Ob es etwas gebracht hat? „Ich habe zumindest einen ziemlichen Druck auf den Ohren“, so einer der Teilnehmer.
Etwas grusliger mutetet ein anderer Vortrag an, in dem das laut Ankündigung bekannteste deutsche Medium Marita Lautenschläger, „Ich war auch schon bei Fliege in der Sendung“, von ihren Erfahrungen berichtet, wie es ist mit den Toten zu sprechen. Dazu sitzt sie locker mit den Beinen baumelnd auf einem Tisch auf der Bühne. So als würde sie nur mal eben übers Teekochen plaudern. Besonders exotisch wirkt sie nicht. Schlank, mit kurz geschnittenem grauem Haar, Jeans und weißer Bluse, wirkt sie eher wie eine Mathematiklehrerin der Oberstufe. Da präsentieren sich diverse Besucher der Messe in schwarzen Ponchos, mit wilder Frisur und oft schwerer als mancher Weihnachtsbaum mit Ammulettchen, Kettchen und anderem Kleinkram behängt, schon weit abgehobener. Lautenschläger beantwortet ruhig und sachlich die Fragen der zahlreichen Zuhörer. Der Saal ist voll. „Tote sind erst nach zwei bis drei Tagen wirklich tot“, erklärt Lautenschläger. Allerdings sei das für diese ein sehr schmerzhafter und schwieriger Prozess. Oft wissen die Toten noch gar nicht, dass sie tot sind und realisieren erst allmählich, dass man auf ihre Fragen nicht mehr antwortet, oder durch sie hindurchgeht. Das sich von den Angehörigen lösen sei indessen gar kein so großes Problem, wie man oft annehme. Meist werde es den Toten irgendwann langweilig, dann lösen sie sich um weiter zu kommen und etwas anderes zu sehen. Meine Frage, woher sie das so genau weiß beantwortet sie nicht klar.
Drinnen im großen Saal lassen viel dunkle Strickware tragende Mütterchen, denen nur noch der Rabe auf der Schulter zu fehlen scheint, alte Jahrmarkt-Traditionen wieder aufleben. Hinter Vorhängen wird im kleinen Zelt an Tischchen aus der Hand gelesen, oder es werden die Karten und ein Runenhoroskop gelegt.
Die Reikilehrerin und Astrologin Brigitte Bullan bedient sich hierzu einer Lupe. Auch schamanische Seelenrückholungen hat sie in ihrem breit angelegten Repertoire. Wie die meisten der Aussteller verfügt auch sie über eine ganze Reihe einzigartiger und wunderbarer Begabungen. Was eine Seelenrückholung ist frage ich lieber nicht. Als guter Christ möchte ich zum Lügen nicht auch noch auffordern. Bullan benutzt dazu je einen weiblich und einen männlich schwingenden Kristall. „Der schlanke ist der männliche und der etwas voluminösere ist der weibliche Kristall“ erklärt Bullan.
Engelkontakte verspricht Margit Ilmberger, die sich als „das Trance-Medium“ bezeichnet, ihren Kunden. Wobei die adrette Schweizerin mit dem roten Blazer gar nicht wie vom Himmel gefallen, sondern sehr bodenständig wirkt. „Engel sind nicht die flatternden Wesen, wie die Kirche uns das lehrt, sondern besonders hohe Schwingungen“, erklärt Ilmberger, die ihre Arbeit eher wissenschaftlich sehen will. „Die meisten Menschen schwingen mit einer Energie von sieben Megaherz und nutzen in der Regel entweder nur die rechte, oder die linke Gehirnhälfte. Sie sind kopflastig. Ich schwinge mit 14 Megaherz, habe eine besonders hohe Energie und bin daher absolut im Gleichgewicht. Meine Schwingungen übertragen sich auf meine Kunden, was sich auch auf deren Energie positiv auswirkt“. Ob sie dann wohl ein Engel ist? Ilmberger bildet zudem Interessierte in sämtlichen esoterischen Wundertätigkeiten aus.
Lebendiges Essen wird an einem anderen Stand angeboten. Gabriele Groß lässt Linsen keimen. „Das ist besonders gesund, eben lebende Nahrung. Durch das Keimen wird der Geist der Pflanze erweckt“. Auch im Brot eingebacken sterbe so zwar die äußere Hülle des Keimlings, aber der Geist bleibt immer noch einige Tage lebendig. Das hat sie bei der Lautenschläger gelernt. Sprossen sind gerade deswegen auch bei Allergikern unbedenklich, versichert Groß. Ihr Stand ist, da sie Brot und Keimlinge auch zum probieren anbietet, der einzige mit essbarem und daher ein sehr gut Besuchter.
Das Wasser mit Himbeergeist Informationen die gecannelt, also durch Gedankenübertragung von Menschen aus dem Jenseits, dort hinein übertragen werden, besonders gut speichert, erfährt der staunende Laie bei Sybille Müller. Ihre kleinen Fläschchen werden als ägyptische Licht-Essenzen gehandelt, die zwölfdimensional schwingen. „Zwölfdimensional bedeutet, dass es genau der Frequenz des 21. Jahrhunderts entspricht“, so Müller. Die RA genannte Essenz baue Blockaden ab und wirke beruhigend. Allerdings müsse das individuell getestet werden, da die Essenzen bei jedem anders ansprechen. „Manche brauchen gar keine Essenz“. Ob RA seinerzeit schon Himbeergeist kannte weiß auch Frau Müller nicht.
Bei Hannes Epting können Energiebären erstanden werden. „Ganz normales Kinderspielzeug. Aber durch besondere Materialien aus denen das Stofftier gemacht ist und die in Benny-Energiebären hineingebeteten Informationen wirken sich die Teddys positiv auf Konzentration und auch den gesunden Schlaf des Kindes aus“, erklärt Epting, der in Pfronten im Allgäu mit diesen Dingen handelt.
Zwei afrikanische Brüder aus Mali setzen Großvater Papa Wangos Tradition fort und lesen die Zukunft aus Kaurimuscheln. „Es ist eine Gabe“, erklären die beiden. Es gehe nicht darum ein bestimmtes hingeworfenes Muster zu erkennen, die Interpretation erfolgt intuitiv. Sich fotografieren zu lassen hat Papa Wango ihnen jedoch streng verboten, erklären die Brüder.
Auf der neutralen Karmalehre basiert die Rückführungsmethode von Renate Schmidt. „Durch das stellen von Fragen unter einer leichten Hypnose, die der Kunde spontan beantworten muss erfahre ich seine Wünsche und kann so weiter in sein Bewusstsein hineinarbeiten“, so Schmidt. Die damit ermitteln will, was man im früheren Leben einmal gewesen sein könnte.
Tibetanisches Augenlesen wird auch angeboten. Die Organisation sitzt sogar in Stuttgart. Und natürlich ist auch das ein Prozess, schwer zu erlernen und noch viel schwieriger zu erklären. Gerade einem Menschen mit einer eher skeptischen Grundeinstellung.
Ich hätte es wissen müssen. Ich bin verdammt dazu, dass sich mir diese Welt der Engelchen, Feen, Geister und anderer Schnapsdrosseln nie wirklich erschließt. Denn mit Skeptikern geben sich esoterische Feingeister einfach nicht ab. Der Mönch, auf dem die Erfahrungen der Stuttgarter Gruppe beruhen hat sicher auch nur das Beste gewollt, denke ich.
Die Besucher sind mehrzahlig aus Neugierde gekommen. Ingrid Pusch sieht sich gerne die Bücher an.
Ich allerdings frage mich, ob Ressortleiter, oder Leser mir glauben werden, dass ich ganz ernsthaft auf einer Esoterikmesse meiner alltäglichen journalistischen Arbeit nachgegangen bin, oder ob ich vielleicht nicht doch eher in der Klapse war. Abschließend beschleichen mich hier wieder einmal meine altbekannte Ängste, solchen Menschen ja praktisch tagtäglich auf der Straße begegnen zu können.

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