Tromsö das Tor zur Arktis

22. Dezember 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

Tromsö Reise zum Tor der Arktis vom 16. bis 20.12.2016

 

Nördlich des Polarkreises herrsche das komplette Winterhalbjahr völlige Dunkelheit und in der anderen Jahreshälfte geht die Sonne gar nicht unter.
Ich sehe die Bewohner eines ganzen Sub-Kontinents Sommers mit Augenbinden oder starken Sonnenbrillen herumlaufen, dick eingepackt, das Gesicht weiß vom Sunblocker, um sich vor der starken ungewohnten aggressiven Sommersonne zu schützen. Denn so hat uns das seinerzeit unser Klassenlehrer erklärt und seither fasziniert mich dieses Phänomen. Ich möchte das ungeachtet einer möglichen Beeinträchtigung meiner Sehfähigkeit unbedingt einmal selber erleben.
Ein idealer Ort ist dazu das norwegische Tromsö. Eine Stadt mit über 70 000 Einwohnern. Zwar immer noch ganze 2908 Kilometer vom Nordpol entfernt – von Stuttgart aus wären das 5342 Kilometer – aber immerhin knapp 300 Kilometer nördlich des Polarkreises. Wenn man mit dem Nordpol nicht gerade die Kneipe unweit vom Pragfriedhof meint.
Klar wäre man mit Spitzbergen oder Hammerfest noch näher dran am Nordpol, aber das sind eher Forschungsstationen wo dann eben auch absolut nichts los ist.

Ich beschließe einen Kurztrip nach Tromsö zu buchen. Was gar nicht so einfach ist. Allzu viele Reiseveranstalter in den Norden gibts nicht und auch nicht sehr viele Angebote. Und die Beschreibungen über Kreuzfahrten wie die Hurtigruten in diese Region lesen sich nicht nur recht langweilig sie, sind obendrein auch noch ziemlich teuer.
Die meisten Veranstalter bieten gar keine oder nur eine einzige Attraktion an, die dann schnell gesehen ist. Wenn sie denn überhaupt stattfinden kann, was wie das Entdecken des Polarlichts wozu man einen klaren Himmel benötigt, nie sicher ist. Schließlich finde ich in Nordic Holidays einen Anbieter, der im Baukastensystem Flug, Hotel und diverse Events zur Onlinebuchung anbietet. Wale beobachten und ne Schlittenhundetour sollte neben dem Nordlicht schon auch noch drin sein. So stelle ich meine Events zusammen.

Leider kommt recht schnell die Nachricht des Reiseveranstalters, dass all das doch nicht ganz so einfach ist wie beschrieben. Man könne meinen Flug nicht mehr buchen. Ich müsse das selbst machen und dann Bescheid geben. Drei Wochen seien dafür zu knapp. Ich frage nach einem späteren Zeitpunkt, den im Grunde bin ich da flexibel. Auf einen Monat früher oder später kommt s mir nicht wirklich an. Nein, ich soll doch erstmal nach dem Flug sehen. Ich gehe also auf das Onlineportal der Scandinavian Airlines (SAS) und stelle fest, dass dort Flüge zu buchen ganz einfach und auch noch ohne weiteres am selben Tag möglich ist.
Auch das gewünschte Hotel, ich hatte mich für das Scandic Ishavshotel entschieden weil von dort die meisten meiner gebuchten Events starten, geht dann nicht mehr. Aber das Radisson Blu dem genau gegenüber hätte noch etwas frei. Dann eben so. Ich buche also den Flug und bekomme meine Reise bestätigt. Nochmal mit diversen kleinen Abänderungen bei den Events. Meine Schlittehunde-Tagestour muss in eine Halbtagestour geändert werden und wird vom zweiten auf den ersten Tag gelegt. Aber so bleibt es dann erstmal. Mit den Reiseunterlagen bekomme ich sogar noch eine Sturmhaube für die ganz kalten Tage zugeschickt. Die Flugbuchung macht mich etwas nervös, da ich zum ersten mal online buche. Die SAS-Frau erklärt mir am Telefon ein wenig verwundert, dass sie eigentlich nur noch online einchecken. Okay ich bin schon länger nicht mehr geflogen. Offensichtlich habe ich alles was man dafür braucht per Mail aufs Handy bekommen. Bin mittelmäßig beruhigt. Denn so ein Ticket in der Hand zu haben ist eben schon etwas anderes.

 

Freitag: 16. Dezember 2016

Bis Tromsö sind das gleich drei Flüge. Der erste Flug von Stuttgart nach Kopenhagen geht um sechs Uhr früh. Zum Einchecken ins Ausland muss man 90 Minuten früher da sein, was in so fern doof ist, dass die letzte S-Bahn zum Flughafen um 1.21 Uhr dort ankommt, die nächste dann aber erst um 5.22 Uhr. Eigentlich knausere ich schon mit den vier Euro für die einfache Fahrt zum Flughafen. Es ist aber leider das günstigste Mittel und mit dem Rad geht’s zum Flughafen leider fast nur heftigst bergauf. Das mindestens eine Stunde lang mit Gepäck in aller Frühe, Regen und knapp zwei Grad Celcius. Da stimme ich zähneknirschend dem Wucherpreis der S-Bahn eben zu. Zu spät erfahre ich, dass während des Feinstaubalarms, der Somog-Warnstufe in Stuttgart, auch zum halben Preis oder Kindertarif gefahren werden kann. Was leider auch nirgendwo an den Fahrkarten-Automaten angeschlagen ist.

Der S-Bahn-Halt unterm Flughafen kann getrost als ein Tiefstpunkt architektonischen Schaffens betrachtet werden. Ein echter Schandfleck, von denen Stuttgart, mit seinen vielen Architekturschulen, wirklich nicht zu wenige zu bieten hat. Wände aus gebürstetem Stahlblech können unheimlich trostlos wirken. Die Vorhalle zu den Gleisen lässt einen so ein bisschen an die Pathologische Abteilung in einem Krankenhauskeller denken.

Im Flughafengebäude ist es um diese Uhrzeit noch erstaunlich ruhig. Genau genommen liegen im Terminal drei der Abfertigung für die Auslandsflüge vielleicht knapp zehn Personen auf den Bänken oder vor diversen Sitzgruppen und dösen vor sich hin. Die ersten Flüge, zeigt eine große Anzeigetafel, gehen wie mein eigner ab sechs Uhr ab. Ich spaziere erst ein wenig durch den leeren Flughafen und mache es mir dann auf den Bänken eines verwaisten McCafe-Standes gemütlich. Vor der ein wenig zu heftig arbeitenden Lüftungsanlage gehe ich hinter ein paar künstlichen Bäumen in Deckung.

Um vier Uhr kommt Bewegung in die Flughafenschläfer um mich herum. Es öffnen die ersten Schalter. Noch immer ist mir das Prozedere des Online-Check-In nicht ganz klar. Also hake ich am zuständigen Check-In-Schalter Nummer 219 noch einmal nach. Meine Tasche darf ich nach längerer Diskussion wie von der SAS am Telefon versprochen als Handgepäck behalten. Doch die Typen am Körperscanner, der nächsten Station, sehen bei mir Probleme. Einer, zu dem ich hin gewunken werde erklärt mir unwirsch dass ich die Hose öffnen soll. Ein Bild zeigt an, die Schleuse hat in meinem Knie- und Leistenbereich gefährliches entdeckt. Der Kontrolliertyp wird dann noch ungehaltener als ich das vor der ganzen Warteschlange umgehend tue. Meine Fragen zu seinem Griff hinter meinen Hosengürtel kontert er damit dass dies keine Diskussionszone sei. Klar ein Sachse. Vielleicht so ein Ex-Grenzsoldat. Viele von denen wurden ja vor allem in Stuttgart gleich wieder in den nächsten Staatsdienst übernommen. Bei uns sächselt es auf beinahe jeder Behörde. Was natürlich auch daran liegt, dass der Sachse allgemein etwas mehr und etwas lauter spricht als der deutsche Durchschnitt. Aber um halb fünf sitze ich, im Flughafensprech durchgecheckt, neben der Glastür die aufs Rollfeld führt. Dort kommt dann gegen 5.40 Uhr plötzlich Leben in die Schaltersächsin. Wir werden aufgerufen. Ich lege den Ausdruck mit dem Barcode auf den Scanner und bin draußen. Gut dass ich mir den Code noch ausgedruckt habe, denn die über die SAS-App aufs Handy generierten Codes des Boarding-Passes kann der Scanner nicht lesen. Wie immer gibt’s in Stuttgart auch für die 20 Meter Fußweg bis zum Flugzeug einen Bus. Unser Gepäck müssen wir draußen vor der Maschine lassen. Die Staufächer des kleinen Jets bis Kopenhagen sind dafür nicht ausgelegt, erklärt man uns.

Den dunklen Canadaair Regional Jet 900 von Bombardier (CRJ 900) der SAS jagt der dänische Pilot mit kurzem Vollgassprint nur wenige Meter über das Rollfeld bevor er die wohl ein wenig übermotorisierte Maschine mit brachialer Gewalt steil durch die Wolken zieht. Mein rechtes Ohr ist knapp vorm platzen und beruhigt sich erst nach der Landung wieder. Reinhard May hätte nach diesem Start sein „Über den Wolken“ wohl anders komponiert. In der Luft gibt’s ein leckeres kleines Brötchen, Saft und Joghurt. Und den heißen feuchten Lappen zum Gesicht abwischen schätze ich auf Flugreisen auch immer sehr.
In Kopenheigen, mir gefällt wie die Dänen das aussprechen, wird gar nicht erst ausgecheckt. Man verbleibt in der so genannten Transitzone. Es geht, kaum ist nach ordentlichem Fußmarsch vom Ankunftsbereich kommend über die anderen Gates das Abfluggate erreicht, direkt weiter.

Die Maschine nach Oslo, eine Boeing 737-800, ist deutlich größer aber nicht unbedingt besser belegt. Wohl knapp zwei Drittel der Plätze sind noch frei und ich kann die Verärgerung der drei Typen die hinter mir sitzend Business-Klasse gebucht haben richtig spüren. Ich habe als SAS-Plus Reisender eine ganze Sitzreihe für mich und darf sogar noch früher Borden, sprich an Bord gehen, als diese. Das nun norwegische Flugpersonal erscheint mir verglichen mit den immer ein wenig verspielt wirkenden Dänen, ein wenig verkniffen. Sehr um die korrekte Ausführung ihrer Arbeit bemüht bleibt zwar noch Zeit für ein Lächeln aber nicht für Zwischenfragen. Die große Maschine geht gewohnt behäbig in die Luft.

In Oslo ist der Weg vom Gate E wo wir anlanden bis zum Gate B von dem es dann weiter nach Tromsö geht einen strammen Fußmarsch von gut 30 Minuten lang. Hinter mir eilt die Dame die das Auschecken am Schalter überwacht durch die Verbindungsgänge zwischen den Gates. Das scheint genau auf den Punkt getimt zu sein. Viel Zeit ist nicht mehr. Wir bekommen etwas Verspätung. Unsere Maschine eine Boeing 737-600/700 mit modernen Winglets zur verbesserten Aerodynamik, wird mit einem Sprühfahrzeug, dass einer Betonpumpe ähnelt, noch einmal enteist. Zum Essen gibts Polarbröd. Ein zusammengerollter Pfannkuchen wahlweise mit Klosterkäse oder Elchsalami. Trotz des anfänglichen Rückstands sind wir eigentlich planmäßig in Tromsö und ich sehe den Nordwinter erstmals mit eigenen Augen. Schon ausm Flugzeug blickend kann ich die Sonne allmählich untergehen sehen. Aber dieses Zwielicht am Boden, ein merkwürdiges blaues Leuchten liegt über dem Flughafen, ist dann doch nochmal anders. Kurz vorm Ausgang werde ich von zwei norwegischen Rotkreuz-Wegelagerern bedrängt. Ich winke ab und verlasse schnell das Flughafengebäude.

Ich beschließe quer über die Insel zu meinem Hotel zu laufen, wozu mich mein Navi erstmal um den kompletten Flughafen herum dirigiert. Der Fußweg von einer knappen Stunde wird mir nach der ganzen Sitzerei guttun. Außerdem habe ich es versäumt mir gleich am Flughafen ein paar norwegische Kronen abzuheben und kann so den Bus ohnehin nicht bezahlen.
Norwegen ist kein Mitglied der europäischen Union, daher wird auch kein Euro angenommen.
Mein Hotel liegt im Stadtzentrum und damit genau auf der anderen Seite der Insel Tomsöya wie der Flughafen.
Tromsö selbst ist mit dem Stadtteil Tromsdalen auf dem Festland und zu andern Teilen auf die Inseln Tromsöya, Kvalöysletta und Kravik verteilt. Ich spaziere in dem schummrigen Blau der Wintersonne, dieser Effekt, dass es eben nicht wirklich taghell wird, nennen Einheimische „Blue Hawaii“, am Strand des Nordmeeres entlang und stelle zunächst einmal fest, dass die Wege nicht geräumt und nur hin und wieder mit ein wenig Lavasplitt nur bedingt begehbar gemacht werden. Über diverse Eisfelder balancierend stehe ich nach wenigen Minuten Fußmarsch schon vor einem Autotunnel. Der Fußweg endet und vor dem Tunnel zeigt ein Warnschild mit durchgestrichenem Fußgänger darauf an, dass es hier so nicht weitergeht. Das mit der Einstellung zu Fuß muss bei der Handy-App „Karten“ wohl nochmal überarbeitet werden, denn irgendwie rechnet es dafür einfach nur mehr Zeit, nicht aber eine andere Route als denn fürs Auto ein. Ich weiche auf diverse Seitenstraßen bergauf aus, die ebenso dick vereist sind und hoffe so etwa parallel zum Autotunnel quer über die Insel zu gelangen. Komplett am Strand entlang um die Insel laufen will ich dann doch nicht. Denn das wären rechts oder linksrum trotz der geringen Größe der Insel mindestens 20 Kilometer. Irgendwann ist’s meinem Handy dann zu kalt und es schaltet sich ab. Auch wenn fünf Grad für einen Nordwinter eigentlich recht mild sind. Die Reiseempfehlungen sich nur dick mit Fettcreme eingeschmiert durch Tromsö zu bewegen halte ich heuer für ein wenig überzogen.
Mit Durchfragen komme ich trotzdem ganz gut weiter. Zumal ich irgendwann eine Art Hauptstraße finde, die in weiten Schlenkern bergab zum „Sentrum“, also dem Stadtzentrum führt. Wobei die Straßen einen immer wieder vor gewisse Herausforderungen stellen. Das Inselinnere ist ein reines Wohngebiet und viele Straßen enden irgendwann direkt in den Innenhöfen kleiner Siedlungen.

Wie auf m Seelberg, meinem Wohnviertel in Stuttgart, ist auch im Stadtzentrum vom Tromsö fast jeder dritte Laden ein Friseur. Mein Hotel, das Radisson Blu finde ich. Aber erstmal nur zahlreiche Seiteneingänge. Über eine Treppe komme ich direkt zum Charlies, dem Restaurant des Hotels. Ein Kellner zeigt mir den Weg zur Rezeption. Die Eincheckfrau ist biestig und recht kurz angebunden. Überhaupt, gewinne ich den Eindruck, haben Norweger recht wenig für Fragen oder Smaltalk übrig. Man wird immer mit dem unangenehmen Gefühl zurückgelassen irgend etwas anstößiges zu verlangen und eben zur totalen Unzeit zu kommen.

Kaum aufm Zimmer klingelt dort das Telefon. Dran ist überraschend mein Reiseveranstalter mit der weniger guten Nachricht, dass die morgige Tour mit den Schlittenhunden ausfällt. Ersatzweise bietet man mir eine Stunde früher am Morgen eine „passive“ Tour an. Bei der dürfe ich nicht selber lenken sondern säße vorne im Korb während ein Guide den Schlitten steuert. Es sei eben viel zu vereist. Was mir auf dem Weg zum Hotel durchaus aufgefallen ist. Ich willige ein. Ein wenig verärgert, weil an dieser Reise schon im Vorfeld so vieles geändert und weggestrichen werden musste. Ich hatte online gebucht und bekam dann so per Salamitaktik mitgeteilt, dass der Flug selber gebucht werden muss, das Hotel nicht geht, sondern nur ein billigeres und die Events standen dann auch noch auf der Kippe. Okay, ich hatte drei Wochen vor Reiseantritt gebucht. Aber man könnte ja auch darauf hinweisen, dass das dann nur zu einem späteren Zeitpunkt geht. Das hätte ich auch mitgemacht. Schließlich ist Jahresende.

Gegen 14 Uhr bin ich, ein wenig aufgekratzt, schon zu einer ersten Erkundungstour durch die Stadt unterwegs. Gegen etwa 14.30 Uhr ist es in Tromsö nun bereits komplett Nacht.

Es ist also nicht permanent Nacht im nordischen Winter zum Ende Dezember, aber eben auch nicht lange und nicht wirklich taghell.

Ich will erstmal Geld abheben und suche eine Bank. In Hotelnähe haben die Handelsbanken, Nordeuropas größte Bank, einen Automaten, der sobald ich meine Karte reinstecke, deutsch mit mir kommuniziert. Ich ziehe mir 1000 norwegische Kronen. Das entspricht etwa 100 Euro. Bei dieser ersten Außenbegehung stelle ich fest, dass mein Hotel aus zwei Gebäudekomplexen unterschiedlicher Bauart, wohl Neu- und Altbau besteht, die über eine Brücke in meinem 6.OG., ich habe das Zimmer 634 bekommen, miteinander verbunden sind. Den neueren Gebäudeteil mit dem richtigen Eingang, einem breiten Drehtor mit richtiger Lobby, finde ich erst nachdem ich beide Komplexe einmal umrundet habe.

Dann führt mich mein erster Weg in den Tromsö Gift & Souvenir Shop in einem antik wirkenden Norwegerhäuschen mit gelb lackierter Holzfassade und weissen Fensterrahmen. Hier sehe ich neben allerlei kitschiger Strickware, den unvermeidlichen Socken und Bommelmützen, auch warum es den Einheimischen auf Tromsö wohl relativ egal ist wenn ihre Straßen dick mit Eis überzogen sind. Größter Verkaufsschlager für Touristen sind Gummiüberschuhe mit Spikes. Auch die zahlreichen Jogger auf Tromsö laufen mit Spikes. Eine weitere Touristenattraktion daneben ist das schwarz gehaltene Lego-Loftet, ein Spielwarenshop. Ich verkneife es mir dort reinzugehen und spaziere zunächst an den Strand. Das bietet sich an, da mein Hotel nur wenige Meter vom Meer, genauer dem europäischen Nordmeer entfernt ist. Ich schlendere an der Küste entlang und stehe irgendwann vor dem Polaria Erlebnisscenter, das schon alleine durch seine spektakuläre Architektur ein Hingucker ist. Die Stahlbeton Konstruktion des Hauptgebäudes ist an Land getriebenen und sich dort aufeinander schiebenden Eisschollen nachempfunden. Was man schon gesehen haben muss. Der Eingangsbereich ist mit dem Holz sibirischer Lärche verkleidet. Das Museum wurde 2003 mit dem Architekturpreis in der Kategorie Spezialbauten ausgezeichnet. Drinnen werde ich umgehend darüber informiert, dass in zehn Minuten ein Film gezeigt wird. Das integrierte „Theater“ bietet auf einer riesigen Leinwand faszinierende Aufnahmen vom Nordmeer und den dort lebenden Tieren. Ein weiterer Höhepunkt sind die drei dort lebenden Kegelrobben ein Heuler und diverse andere typische Bewohner des Nordmeers.

Neben dem Museum führt ein alter betonierter Steg weit ins Meer hinaus, aber nicht bis hinüber zum Festland wie ich zunächst gehofft hatte. je weiter er ins Meer hinausführt, desto baufälliger wirkt er und erinnert nach einigen hundert Metern immer mehr an einen alten aus Steinen und Bauschutt angehäuften Deich. Die Brücke, als einzige Fußgängerverbindung zum Festland, finde ich einige Meter weiter den Strand entlang gehend. Nach 20 Minuten Fußmarsch über die Brücke stehe ich vor der Eismeerkathedrale für die Tromsö berühmt ist. Ein weiterer Spezialbau aus Glas und Stahlbeton mit dem mit 140 qm größten Buntglasgemälde Europas. Es stellt eine mit ausgebreiteten Armen dastehende Jesusfigur dar. Die Eismeerkathedrale schließt um exakt um 18 Uhr womit ich leider schon ein paar Minuten zu spät bin. Die frühe Dunkelheit lässt einen ein wenig das Zeitgefühl verlieren. Will aber ohnehin die 40 Kronen Eintritt nicht bezahlen nur um das Kirchenfenster auch noch von der Innenseite fotografieren zu können. Okay es gäbe auch noch ein reichhaltiges Repertoire an klassischer Musik. aber freiwillig… Dazu fehlen mir im Urlaub die Nerven. Auf dem Rückweg schlendere ich an den zahlreichen Restaurants Tomsö´s vorbei wo mir der Geruch von Fisch und Geräuchertem in die Nase steigt und ich überlege wie ich heute Abend mein erstes norwegisches Essen gestalten will. Ich entscheide mich aber dafür heute Abend zuerst das Hotelrestaurant Charlies zu besuchen.

Übertrieben vorsichtig bringt man mich dort zu einem freien Tisch. Ich bestelle, da ich auf Anhieb nichts klassisch norwegisches finde eines der beiden angebotenen Steaks und ein Mack Bier dazu. Die örtliche Mack-Brauerei wirbt damit die nördlichste der Welt zu sein. Sicher ist sie eine der teuersten. Denn mit 95 Kronen die Flasche ist Mack Bier immer noch knapp doppelt so teuer wie die Maß aufm Cannstatter Wasen.

Als merkwürdige Sitte empfinde ich, dass jeder Gast in Tromsö´s Restaurants erst einmal angemeldet und dann zu einem freien Tisch geführt wird. Auch wenn das übrige Restaurant nahezu leer ist. Ich bin ein wenig überrascht, als die Bedienung mit einem Servierwagen zum Tisch kommt um das Steak vor meinen Augen aufzuschneiden und anzurichten. Hoffentlich kann ich das bezahlen, denke ich. Aber der Preis ist der versprochene. Und knapp 400 Kronen sind für ein wirklich leckeres Steak Medium mit Gemüse, Butter Kartoffeln etc. und Bier auch für norwegische Verhältnisse in Ordnung. Ordentlich geschafft und auch an das morgige Event denkend gehe ich um 21 Uhr ins Bett. Es war auch ein langer Tag.

 

Samstag 17. Dezember 2016

Der Tag beginnt ein wenig holprig. Ich dusche erstmal. Da das Frühstücksbuffet erst gegen acht Uhr eröffnet und ich 15 Minuten danach schon vorm Hotel sein soll wegen dem ersten Event lade ich mir nur schnell eine ordentliche Portion von der klassischen Hotel-Omlett-Eierpampe auf den Teller. Und ich gebe zu, ich mag dieses Zeug.

Draußen will dann keiner der Guides etwas von meinem Event gewusst haben.
Vor dem Hotel versammeln sich alle Unternehmungswilligen Urlauber, meist Kleingruppen asiatischer Jugendlicher und Pärchen, die über ihre Reiseveranstalter diverse Touren gebucht haben. Dort sollen wir warten, bis wir von den Guides, den Reiseleitern eingesammelt werden.

Es ist dann ein wenig mühsam in holprigem Englisch den Reiseleitern dieser eigenwilligen Schulstrebernation zu erklären, dass ich, weil ersteres gecancelt, nun für ein anders Event gebucht bin als diese das auf der Karte steht. Womit ich eben auch eine Stunde früher dran bin.
Sachverhalte die Nachdenken erfordern mag der Durchschnittsguide aber eher nicht. Ein erstes Mädel, die untere Hälfte im quietschbunten Überlebensoverall, die Ärmel baumeln locker rechts und links am Anzug herab, ist dann doch sehr bemüht und schaut auf ihrem Handy nach meinem Namen. Sie sammelt aber nur die Snowboarder ein. Nach zehn Minuten des Durchfragens bei allen geschäftig wartenden Guides und Busfahrer, die mich einer nach dem anderen vor die Wand laufen lassen reift die Erkenntnis das dieses Bemühen völlig sinnlos ist. Ich gehe ins Hotel zurück und bitte eine der Frauen an der Rezeption um Hilfe. Diese hört mir widerwillig zu und ich schaffe es sogar, dass sie mit mir rausgeht und mit den Guides spricht. Sie erkennt die Veranstaltungsgesellschaft Villmarkssenter auf meinem Laufzettel. Ob ihrer großen Hilfsbereitschaft denke ich im Nachhinein, dass sie wohl keine echte Norwegerin gewesen sein kann.

Doch dann habe ich meinen Guide. Okay, das Mädel, das für meinen Veranstalter zuständig ist kam eigentlich gerade erst angefahren. Sie hat mich dann aber auf ihrer Liste und nun darf ich doch in einen der großen roten Busse zu diesen ätzenden Busfahrern steigen. Und nachdem die Frau ihm ordentlich zugeredet hat findet mich jetzt auch mein Guide auf seinem Handy.

Wir fahren in einer gute halbe Stunde auf die Nachbarinsel Kvalöysletta. Dort auf dem Gelände des Tromsö Villmarkssenter empfängt uns eine blonde Dame, die ich anhand ihres Englisch als Norddeutsche identifiziere. Nadine, die hier seit zehn Jahren arbeitet rückt auch gleich mit der unangenehmen Nachricht heraus, dass auch diese passive Hundeschlittentour leider ausfallen muss. Da es seit gestern Abend heftig regnet und die Temperatur sich seit Tagen eben deutlich im Plusbereich befindet ist vom Schnee eigentlich nur noch das knochenharte Eis darunter übrig.

Auch heute zeigt das die Wetter-App für Tromsö wieder höhere Temperaturen als zu Hause im Südwesten Deutschlands an. Wieder sind es zehn Grad Plus. Unsere Guide bestätigt, dass es allmählich wärmer wird im Norden. Noch vor einigen Jahren sei es möglich gewesen im Winter über das Eismeer direkt zum Festland zu laufen. Allerdings friere das Meer zwischen Inseln und Festland nun schon seit 15 Jahren gar nicht mehr zu. Auch der Wetterdienst bestätigt, dass es derzeit sogar am Nordpol selbst Plusgrade hat und es dort wesentlich wärmer ist als in der Alpenregion.

Was so eine Schlittenhundetour für die Hunde klar zur Tortur werden lässt, erklärt uns die Tourguide vor Ort. Und wer möchte schon dass die Tiere sich verletzen. Klar ist n Schlitten über Dreck und Eis ziehen auch irgendwie doof.

Einen eigenen Tierarzt habe man jedoch nicht. Erklärt sie mir als ich hier gleich nachhake. Dafür bestünden sehr gute Kontakte zu Tierkliniken wo sie oft einen kompletten Tag nur für Ihre Tiere reserviert hätten. Denn Verletzungen wie Aufschürfungen an den Pfoten oder etwa Sehnenverletzungen holen sich Tiere die im Tourismuseinsatz sind oder für Rennen trainieren ständig.

Wir werden zunächst in dicke Overalls gesteckt, die schon ziemlich nach Hund riechen. Gegen die Kälte und auch für den Umgang mit den Hunden sei das. Nein, die Tiere sind überhaupt nicht bissig, erklärt man uns auf Nachfragen. Aber der direkte Kontakt mit den Tieren, die ja ständig draußen lebten sei vielleicht ein bisschen schmutzig.

Denn wir dürfen die Hunde in ihren Boxen besuchen und bekommen zu diesen Tieren auch eine Menge erklärt. Zunächst, dass die Tiere als Alaskahuskies Mischlinge aus allen möglichen Hunderassen sind. Grönland- oder Sibirische Huskies sind dagegen eine eingetragene Rasse mit Stammbaum. Wichtig sei bei Alaska Huskies nur, dass sie gerne laufen. Einer der Hunde, bei der Rennhunde-Ausbildungsstaffel, sieht dann in der Tat eher wie ein Jagdhund als denn ein klassischer Spitz aus.

Bei einem Hundeschlittenrennen laufen die Tiere bis zu 18 Stunden pro Tag. Mit kurzen Futterpausen zwischendrin. Denn die Tiere würden sonst durchlaufen und wären am Abend zu müde um zu fressen. 200 Kilometer erlaufen sie so pro Tag. Der Hundeschlitten darf indes nie losgelassen werden und ist neben einer Fußbremse mit einem Anker gesichert, da die Tiere einmal freilaufend nicht mehr anhalten würden. Ein Gespann wird je nach Situation von acht bis zwölf Hunden gezogen. Der Rennhundeschlitten ist wesentlich leichter und enthält in der Regel nur Futter und Pflegeprodukte für die Tiere statt eines Passagiers. Das Villmarksenter ist stolz bei großen Rennen immer vorne mit dabei zu sein und hat das längste 1000 Meilen Rennen in Alaska 2006 sogar gewonnen. Auf dem großen Platz sind die knapp 300 Hunde des Tromsö Villmarkssenter in Zweierboxen untergebracht, die jeweils so hintereinander stehen wie sie auch im Team am Schlitten laufen.

Wir besuchen zuerst die jungen Tiere, die zu Paaren in etwas größeren Zwingern untergebracht sind. Die unter einjährigen und etwas ältere Tiere. Ihr Training beginne im Alter von acht Monaten, erklärt man uns. Die Tiere sind entsprechend verspielt und sehr zutraulich. Dass die Tiere hier das ganze Jahr draußen sind störe sie nicht. Über Null Grad sei ihnen eigentlich fast schon zu warm, meint einer der Mitarbeiter. Trainiert werde fünf Mal die Woche. Leider hatte ich vergessen zu fragen wie dann eigentlich das Sommertraining aussieht. Etwas abseits am Rand der Anlage stehen Boxen für Gasthunde für ein gemeinsames Training. Derzeit seien diese mit Schlittenhunden aus Ungarn besetzt.

Auch den Übungsplatz dürfen wir sehen, der zur Zeit leider kaum mehr Schnee aufweist. Hier hätten wir erste Runden mit den Hundeschlitten drehen können. Trotzdem sind zwei Mädchen mit einigen jungen Hunden nach dorthin auf den vereisten Platz unterwegs. Das beste Alter für die Arbeit mit den Schlittenhunden sei zwischen drei und acht Jahren. Leithunde sind immer Weibchen da diese leichter sind als die männlichen Tiere und so schneller vorneweg laufen können. Die Hundeführer suchen dazu besonders schlaue und mental gefestigte Tiere aus, die den Anforderungen die Herde auf einen sicheren Weg zu bringen gewachsen sind. Trainiert würden die Tiere jedoch stets für alle Positionen.

Nach dieser Vorstellung dürfen wir die großen Hunde in ihren Boxen ausgiebig begrüßen. In der Tat haben einige der Hunde verschiedenfarbige Augen, Größen und Formen. Immer wieder stimmen sie ein vielstimmiges Geheul an. Ihre Begrüßung, meinen die Betreuer. Viele der Hunde sind neugierig auf uns. Genauso viele lassen sich allerdings mit absolut gar nichts aus ihren Boxen locken. Denn es regnet.

Anschließend bekommen wir Kaffee und Tee, auch Kakao und Schokokuchen im Besucherzelt angeboten. Ich lerne dabei auch meine Reisegruppe kennen. Neben einigen Asiaten sind das auch ein älteres Pärchen aus London und drei Sportstudenten aus der Slowakei. Das Besucherzelt in der Form einer großen schwarzen Jurte mit Feuerstelle in der Mitte ist auch für diverse Eskimoevents hergerichtet.

Nächster Programmpunkt sind die Rennhunde. Diese Tiere werden speziell für die in der nächsten Saison stattfindenden Rennen trainiert. Die Tiere sind etwas jünger als die Tiere für die Touristenfahrten aber genauso in hintereinander liegenden Zweierboxen auf dem großen Gelände verteilt. Gegen Mittag ist unser Besuch auf der Hundeschlittenranch dann auch schon wieder zu Ende. Der Bus wartet, der uns zurück zum Hotel bringt.

Bin danach noch zur Fjellheisen-Seilbahn gegangen. Wozu man wieder über die Brücke aufs Festland, dann aber noch eine ganze Ecke weiter bergauf stiefeln muss als wie zur Eismeerkathedrale. Unterwegs erlebe ich wieder diese perfekt geräumten Straßen. Meiner Beobachtung, dass in Tromsö die Straßen eher nicht geräumt werden entgegnete unsere Tourguide entschieden dass sogar gut geräumt werde. Man verzichte eben komplett auf Salz.
Mein Eindruck ist ein anderer. Der Zustand von Tromsös Straßen hat für mich eher den rustikalen Charme der Ex-DDR. Gehwege gibt’s oft nur einseitig oder über große Stadteile weg gar nicht. Vor allem auf den kurzen Stückchen Niemandsland zwischen denWohngebieten. Oft trennen diese noch irgendwelche Baustellen oder Ruinen von ehemaligen Fischfabriken.

Der Weg zur Seilbahn ist nur bedingt ausgeschildert und führt steil bergauf immer wieder über weite Eisflächen, die mal mehr oder gar nicht bestreut sind. Aber man wird als Spaziergänger auf Tromsö mit der Zeit ziemlich kreativ.

Irgendwann habe ich die Talstation der Seilbahn doch erreicht. Der Seilbahnkassierer ist ein Arschloch. Wie die meisten Norweger beantwortet er keine Fragen, mault weil er mir Rückgeld geben muss und zerreißt bei der Übergabe auch noch mein Ticket für die Rückfahrt. Die Fjelheisen-Seilbahn auf Tromsö ähnelt dann stark unserer Seilbahn in Stuttgart. nur dass die Stuttgarter Seilbahn eine Touristenattraktion ist, weil sie als ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten ist, das immer noch tadellos funktioniert und diese hier auf den Storenstein hinauf als hochmodern angepriesen wird.

Oben auf dem Storenstein ist’s dann leider fast schon wieder dunkel. Ich hatte mir etwas zu viel Zeit gelassen. Das Zeitfenster an dem einigermaßen Tag ist öffnet sich im Nordwinter in Tromsö nur etwa von 10 bis 14 Uhr. Dazu kommt heute noch das regnerisch nasskalte Schmuddelwetter, dass es ohnehin nicht richtig Tag werden lässt. Aber man kommt oben auf dem kalten zugigen Storenstein ohnehin nicht sehr weit. Über eine schmale Treppe führt nur ein kleines unscheinbares Holztürchen hinaus ins Freie, so als wäre ein Spaziergang von der Bergstation weg ohnehin nicht vorgesehen. Draußen ist dann unter einer dicken Eis- und Schneeschicht auch keinerlei Weg erkennbar und es geht nur über weiße Felder oder Wasserlöcher weg hinein in das nachmittägliche Halbdunkel des winterlichen Nordhimmels. Ich spaziere für ein paar Bilder zur Türe der Station hinaus und breche prompt in eines der Eiswasserlöcher ein. Ich bemerke sofort die Eiseskälte, die mir das Bein hochsteigt. Denn hier oben auf dem 421m hohen Storenstein bläst ein eiskalter Wind. Ich wandere auf der Suche nach besseren Motiven ein wenig an den Klippen des Storensteins entlang. Leider wird es jetzt immer dunkler. Sehr groß scheint der Storenstein aber ohnehin nicht zu sein, denn schon nach wenigen Schritten steht man an einem Zaun der den Storenstein rundum absichert und blickt von allen Seiten hinunter auf die beleuchtete Küste.

Die Station betreibt ein Café das wie ganz Tromsö eigentlich voll ist mit Asiaten. Die sich hier dick eingemummt an ihren dampfend heißen Tassen festklammern. Es gibt Kakao und Waffeln. Und ein großes offenes Feuer zum Aufwärmen. Von den großen Besucherterrassen hat man sicher einen tollen Ausblick auf das Meer und die vor einem liegenden Inseln und auch zu den Polarlichtern. Wenn es nicht so bewölkt und schon wieder fast Nacht wäre. Trotzdem bietet die hell erleuchtete Stadt ein beeindruckendes Panorama. Bis 15 Uhr kann man hier oben noch Zeit verbringen, dann fährt die letzte Seilbahn ins Tal zurück. Allerdings möchte ich nicht so lange bleiben. Relativ schnell verlasse ich den Storenstein und das Festland wieder.

Am Ende der Brücke liegt das Polarmuseum, das größtenteils Norwegens Nationalhelden Roald Amundsen gewidmet ist und Norwegens Anfänge, den Walfang, die Eisbärenjagd und diverse Polarexpeditionen beschreibt. Ausgestellt sind Kleidung, Waffen, Ein Kayak aus Leder und viele technische Errungenschaften aus den letzten beiden Jahrhunderten.

Danach beschließe ich heute Abend bei Peppes eine Pizza zu essen. Auch dort erlebe ich mal wieder bedingt nicht ernstgenommen zu werden. Oder beantwortet der Norweger per se keine Fragen und haut einem stattdessen immer irgendwelche anderen Statements an den Kopf. Was ich hier will werde ich an der Tür von einer jungen Bedienung gefragt. Sitzen und essen sage ich. Was sie wieder zu irritieren scheint. Sitzen und Essen wiederholt sie einem Kollegen. Es dauert bis ich einen Platz bekomme. Ich bestelle eine Pizza und ein Bier und werde argwöhnisch gemustert. Als ob ich mir das nicht leisten könnte. Trotzdem gebe ich mir noch ein Dessert. Ob ich vorher zahlen soll? Am Abend fange ich an zu schreiben.

 

Sonntag 18. Dezember

Ich freue mich auf mein zweites großes Reiseevent. Wale beobachten vom Schlauchboot aus. Unser Guide trägt eine rote Wollmütze was ungemein praktisch ist. So kann er nicht verpasst werden. Auch er hat aufm Handy meinen Namen gespeichert und bittet mich in den heute wesentlich volleren Bus der heute morgen vor dem Scandic Ishavshotel parkt. Eine längere Tour führt uns durch einen der Tunnel auf eine Nachbarinsel. In einer ehemaligen Fischfabrik, erzählt uns unser Guide unterwegs haben sie ihren Stützpunkt. Ihre Organisation sei die erste hier gewesen, die von Anfang an nur Walbeobachtungstouren angeboten habe.

Wir bekommen noch eine Menge über die Wale erklärt, die wir eventuell sehen werden und sind dann vor Ort. Er regnet ziemlich heftig. Wir bekommen zwei Anzüge ausgehändigt, die wir übereinander anziehen sollen. Zuerst einen schwarzen Overall der gefüttert ist und dem gestrigen Hundeanzug ähnelt und darüber einen weiteren Overall in Signalgelb, der eine Schwimmweste enthält, die sich öffnet wenn man an einem Schnürchen im Brustbereich zieht und der auch wasserdicht ist. Ein letztes mal wird gefragt wer auf Schlauchboot oder doch lieber in das große sichere Schiff will. Ich bleibe dabei. Ich will aufs Schlauchboot.

Die Gummiboote haben in der Mitte zwei schmale parallel nebeneinander montierte Sitzbänke mit Haltebügeln, die einem Seitpferd aus dem Turnunterricht ähneln. Auf denen sitzen wir hintereinander wie auf einem Motorrad. Und der Kapitän, zumindest nennt ihn unser Guide so, gibt mit dem Ding dann auch gleich ordentlich Gas. 40 Sachen sollen die beiden 300 PS Außenbord-Motoren machen, beantwortet er die Frage einer jungen belgischen Touristin. Eisiger Wind und Regen bearbeiten unsere Gesichter. Es ist kalt. Das Handy versagt mehrfach und die Handschuhe sind im Nu klatschnass.

Aber wir sehen Wale.

Nach einer guten halben Stunde im recht flottem Tempo mit unserem Schlauchboot durch die verregneten Fjordlandschaften sichten wir erste schwarze Rückenflossen. Wir drosseln die Fahrt. Erst sehen wir einen, dann ganze Gruppen und Familienverbände von Orcas, die sich meist in der Nähe diverser Fischkutter herumtreiben. Es sind aber nur die schwarzweiß gemusterte. Schwertwale, die kurz ihren Buckel aus dem Wasser strecken und wieder verschwinden. Manche springen delfingleich tollkühn aus dem Wasser oder winken uns mit ihren Brustflossen zu. Die Guides anderer Touristenboote in unserer Nähe locken sie mit Fischen so nahe wie möglich an ihre Boote heran. Nach ein paar Stationen zwischen den Fjorden machen wir Pause. Unser anderes, etwas kleineres Schlauchboot mit dem anderen Teil unserer Gruppe legt neben uns an und die Guides bieten uns heißen Schwarztee und Kekse an. Die Kekse schmecken wie unsere Spekulatius sehen aber selbstgemacht aus. Danach fahren wir noch weitere Plätze an und kreuzen durch das morgendliche Nordmeer, über dem der Himmel allmählich heller wird den Walen hinterher, die teilweise auch an unser Boot sehr nahe herankommen. Unterwegs begegnen wir noch verschiedenen anderen Walbeobachterschiffen. Sogar ein größerer Segler ist dabei. Ich habe derartiges noch nie mitgemacht und bin entsprechend aufgekratzt, zumal unser Guide, für Norweger ungewöhnlich, ein richtig mitteilsamer Zeitgenosse ist, der uns eine Menge über seine Touren erzählen kann.

Dann geht es leider auch schon wieder zurück. Eigentlich bin ich, nach nun doch knapp vier Stunden auf dem Wasser, klatschnass und durchgefroren. Aber ich hätte es trotzdem noch eine ganze Weile dort auf dem eiskalten Meer ausgehalten. Leider gibt es da aber auch noch das Problem mit dem Licht. Wir sind ja im Grunde bei Nacht rausgefahren aufs Meer wo es dann allmählich heller wurde, und jetzt ist es eben fast schon wieder Nacht. Das schlimmste ist eigentlich die Hin- und Rückfahrt mit Vollgas, wenn einem der eiskalte Regen auf die Stirn hämmert und das Hirn darunter kurz davor ist seine Arbeit einzustellen. An Land erwartet uns nach dem Umziehen und nachdem ich gefühlt zwei Liter Wasser aus meinen Handschuhen gewrungen habe ein Becher heiße Fischsuppe. Dann bringt uns unser Bus auch schon wieder zu unserem Hotel zurück. Durch die unterirdischen Verbindungsstraßen mit den unterirdischen Kreisverkehren, die ich gerne besser fotografiert hätte. Aber leider ist so ein Tunnel für Fußgänger nicht erlaubt. Und Strafzahlungen für Verkehrsdelikte können in Norwegen ganz ordentlich ausfallen.

So richtig weiß ich eigentlich schon jetzt nicht mehr was ich noch alles tun könnte und frage bei den Belgierinnen nach was die noch für Ideen haben. Leider sind die schon im Begriff abzureisen und auch die Asiaten zieht es weiter nach Norden. Die besten Attraktionen habe ich bereits abgegrast und vieles davon funktioniert ohne Schnee oder bei Mistwetter schlicht nicht. Das Polarlicht kann man nicht sehen wenn es bewölkt ist. Das winzige schnuckelige Stadtzentrum ist schnell durchlaufen und drum herum scheint Tromsö eine Insel im Umbau zu sein. Unser Hotel hat in der Lobby zwar einen richtigen Touristik-Infoschalter, aber leider ist die Kommunikation mit den Beratern sehr sperrig.

So setze ich heute Nachmittag zur großen Inseltour an. Mein Plan ist es die Insel an der Küste entlang einmal zu umlaufen. Heute ein Stückchen und Morgen vielleicht den Rest. Ich gehe wieder runter zum Polaria und wende mich von dort aus nach rechts. Schnell endet der Weg auf dem Hinterhof der ehemaligen Anlieferzone eines alten Fabrikgeländes. Knapp dahinter direkt am Meer entsteht gerade ein schickes Wohnviertel. Die Fassadenverkleidung ist Asymmetrisch angelegt, Holzterrassen führen direkt ans Meer und am niederen Geländer steht ein Bronzedackel und schaut auf die See. Nur ein paar Meter weiter endet die Pacht wieder und nach der Holzterrasse die den Wohnblock umgibt treffe ich auf einen Strand aus Geröll, Müll und Betonbrocken einer abgerissenen Fischfabrik. Wo mich eine erstaunlich große Hauskatze verfolgt, die über das Geröll um das Wasser herum schleicht und wohl nach ein paar Fischen sucht. Immer wieder muss ich Umwege in Kauf nehmen oder direkt auf der Straße laufen, weil für Fußgänger die Welt auf Tromsö immer wieder endlich ist. An den Umgebungskarten der Bushaltestellen erkenne ich regelmäßig wie weit ich schon gekommen bin. An einer kleinen Wohnsiedlung namens Sydspissen habe ich trotz der vielen Unterbrechungen etwas mehr als ein Viertel der Insel umlaufen und verliere die Lust am Weitergehen. Denn die örtlichen Gegebenheiten führen mich nun immer weiter vom Meer weg ins Landesinnere hinauf.

An der Straße entlang gehe ich zurück zum Sentrum. Dort führen mich meine kulinarischen Abenteuer heute in die Fiskekompaniet. Ein Edelfischladen, eingerichtet mit sehr viel Chrom und Glas. Auch hier ist der Empfang zunächst ein wenig unterkühlt. Irgendwie scheinen Norweger Kellner von einem Gast der ihr Restaurant betritt zunächst gar nicht zu erwarten dass der hier in erster Linie gerne essen möchte. Verschiedene Kellner weisen mir den Platz zu, bringen mir die Essenskarte, nachdem sie sich davon überzeugt haben, dass ich wirklich essen möchte und fragen mich dann auch umständlich nach meinen Wünschen. Wieder frage ich, nachdem ich nichts in der Richtung entdeckt habe nach klassisch norwegischem Fisch. Und während ich mich einmal mehr ordentlich verwirrt bemühe meine Wünsche auf englisch vorzutragen eröffnet mir einer der Kellner, dass ich auch gerne deutsch mit ihm sprechen könne. Ich versuche seinen Akzent einzuordnen komme aber nicht weiter und frage schließlich nach. Er sei als Kind in Düsseldorf aufgewachsen, meint er. Das sei aber alles schon wieder sehr lange her. Es dauert dann, obwohl das Lokal recht übersichtlich und auch kaum besetzt ist jedes mal eine kleine Ewigkeit, bis sich einer der Kellner an meinen Tisch bemüht um im Detail meine Bestellung aufzunehmen. Ich lasse mir das Angebot des Tages kommen, was zusammen mit deutschem Riesling wirklich sehr lecker ist. Der Preis ist mit 605 Kronen schon ein wenig abgehoben, jedoch für Tromsö-Verhältnisse im normalen Bereich.

 

Montag, 19. Dezember 2016

Auch heute regnet es wieder. Und an dem Tag den ich zur freien Verfügung geplant hatte um diverse Museen und Einrichtungen zu besuchen weiß ich eigentlich schon nicht mehr was ich hier noch tun könnte. Das meiste habe ich an den ungeplant freien Nachmittagen schon gesehen. Vieles das geplant war funktioniert wetterbedingt nicht. Andere Dinge wie der Zoo sind wieder zu weit weg. Und noch ein Museum oder noch ne Kneipe… Nein! Ich spaziere zum nördlichst gelegenen botanischen Garten mit arktischen und alpinen Pflanzen aus aller Welt. Da ich heute den Weg zu Fuß und nicht an der Küste entlang sondern übers Landesinnere versuchen will lande ich zunächst einmal in einem großen Schulzentrum. Wo wieder einmal alle Wege enden. Also wieder fast komplett zurück und an der Küste untenrum, was mein Zeitfenster mit dem Licht wieder ein wenig ins Wackeln bringt. Über eine nett angelegte Brücke erreiche ich dann den botanischen Garten, der halt im Winterzustand ist und leider komplett vereist. Pflanzen gibts eigentlich keine zur Zeit. Nur dick vereiste Laufwege was wiederum ärgerlich ist, da der botanische Garten an einem Hang angelegt ist.

Auf dem Rückweg erlebe ich wieder diesen brachialen Mix aus hochmodern designten Gebäuden, die neben heimeligen Skandinavierhäuschen stehen und wo das nächste Gebäude wieder ein tristes Asphaltwerk ist. Die Straßen haben fast immer fausttiefe Spurrillen und an den Rändern lagert Sperrmüll.

Ich kaufe ich mir einen Döner für 100 Kronen, den ich auf dem Hotelzimmer esse, während ich über das ipad, das Hotel bietet freies WLAN an, noch einmal die Möglichkeiten durchgehe, die Tromsö mir spontan noch bieten kann. Ja der Döner kostet in Tromsö tatsächlich knapp 10 Euro. In Norwegen ist eben alles ein bisschen teurer.

Ich steure dann das Tourismus-Infocenter an. Das ist allerdings komplett überbelegt mit durcheinander wirbelnden Asiaten. Also keine Chance noch mal ein schnelles interessantes Event zu ergattern. Gehe ich eben auf Einkaufstour. Man möchte ja Interessantes von seiner Reise mitbringen. Was gar nicht so leicht ist. Eine meiner Schwestern ist mit ihrer Familie jedes Jahr zum Fische in Norwegen. Trotzdem kann ich nicht Wiederstehen in der Wollecke Socken, Mützchen und einen Schal mit den unvermeidlichen weißen Mustern mitzunehmen. Auch Papiertaschentücher mit Norwegen-Flagge stecke ich ein. Die gibts immerhin schon für 29 Kronen. Und sind damit auch das billigste Produkt, dass ich in Tromsö gesehen habe. Auch diese Gummigamaschen mit den Spikes dran nehme ich mit. Anschließend besuche ich noch einige kleine Läden die aber alle nichts außergewöhnliches anbieten.

Ich fahre mit dem Bus zum Flughafen und drucke mir mein Rückflugticket aus. Wieder muss ich vor den den penetranten Rotkreuz Dealern flüchten.

Heute esse ich bei Emma´s zu Abend. Das ist das gemäß Tourismuswerbung angesagteste Restaurant in Tromsö und extrem gut besucht. Ich bekomme nur noch einen Platz am Katzentisch. Einem kleinen Einzeltischchen ca. 60x60cm groß, das direkt vor der Theke steht. Mit der Eingangstür im Rücken. Ein Belgier kümmert sich um meine Bestellung. Wieder frage ich nach einem typisch norwegischen Gericht und bekomme eine ganze Latte an Speisen runter erzählt. Ich entscheide mich für den Buklafisch. Keine Ahnung ob ich den Namen hier richtig wiedergebe. Es ist ein leicht getrockneter Kabeljau. Der Norweger kennt hier, so erfahre ich verschiedene Fertigungsstufen. Getrocknet, gesalzen, fermentiert oder alles drei mehr oder weniger heftig. Dann haben wir einen Plan, meint der Kellner. Zu einem Riesling kommt eine Grünkernsuppe mit Rentierzunge. Beim Hauptgericht, dem Fisch sind dann Maronen mit dabei und auch Nüsse. Auch die Nachspeise mit Pistazieneis, irgend einer Creme und karamellisierten Früchten ist sehr lecker. Der Preis hat es dann wieder in sich. Witzig ist, dass die Kartenzahlung nicht funktioniert, weil ich zu viel Trinkgeld gegeben habe. 15 Prozent sei das in Norwegen erlaubte Maximum, erklärt mir der Kellner. Der neben seinem Job mich zu unterhalten immer mal wieder in das Obergeschoss verschwindet, wo wie er erklärt die exklusivere Gesellschaft speist. Sehr sehr steif alles. Er sei eigentlich viel lieber hier unten. Von 909 Koronen gebe ich 1100. Schließlich habe ich wirklich gut gegessen und mich hervorragend unterhalten gefühlt.

 

Dienstag, 20. Dezember 2016

Heute ist Abreisetag. Wieder hab Ichs n bisschen eilig. Aber alles gelingt reibungslos. Die Busfahrt zum Flughafen, das Einchecken. Der Flughafen in Tromsö ist eher klein. Nochmal deutlich kleiner als der Stuttgarter Flughafen. Zumindest was das Flughafengebäude angeht. Aber es hat freies W-LAN, das auch funktioniert. Auf dem Rückflug ist der große Vogel wieder ziemlich leer. Aber die Stewardessen sind wesentlich aufgeschlossener. Vielleicht mal wieder keine Norwegerinnen. Zurück sind es dieselben Wege. Nur habe ich auf dem Flughafen in Kopenhagen dann eine über vierstündige Wartezeit zu überbrücken. Die fülle ich mit ausgedehnten Erkundungsgängen. Denn dieses Flughafengebäude ist wirklich riesig. Auf dem Rückweg habe ich dann irgend einen Handysüchtigen Netzwerkmenschen neben mir sitzen, der sich ein Dosenbier bestellt und dieses dann prompt über seinem Sitz verteilt.

Fazit: Tromsö ist eine reise wert. Allerdings muss diese sehr gut geplant werden und dann sollte auch das Wetter mitspielen. Denn ein Norden ohne Schnee ist dann doch doof.

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Istanbul – Stadt der Moscheen und Katzen GUV-Reise Tag fünf

28. November 2003 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt/Antonino Zambito

Fünfter Tag: Freitag, der 28. November 2003
Der Topkapi Serail und alles über Teppiche
Der große Sultanspalast, der in unzähligen Märchen und Liedern beschriebene Serail ist ein 70 ha großes Areal, dem etwa 20 osmanische Regenten nach und nach ihren Stempel aufgedrückt haben. Bis die moderneren Sultane des 18. Jahrhunderts sich außerhalb in ruhigeren Regionen ihre eigenen Paläste bauen ließen. Wir selbst haben kurz vorher noch einen kleinen Basar ausgemacht und sind daher schon wieder ordentlich beladen, als wir an den Palastwachen vorbei in den Palast eintreten.
Für Harem und Schatzkammer müssen extra Eintritt bezahlt werden.
Heute ist das Topkapi eines der reichsten Museen überhaupt. Mit der wohl prächtigsten Sammlung an Architektur und Accessoires. Wir bewundern die prächtigen Kaftane und Uniformen, wie auch die raffiniert gefertigten Waffen.
Den Fußabdruck des Propheten sowie zwei seiner Sandalen und einiges mehr aus seinem Besitz. Während jemand laut aus dem Koran rezitiert.
Als nächstes haben wir das Kaligraphie- und das Teppichmuseum auf dem Programm. Vor dem Teppichmuseum fängt uns einer der Händler ab und geht uns nicht mehr von den Fersen. Unbedingt will er uns von der türkischen Gastfreundschaft überzeugen. Das er dies am Besten täte, wenn er irgend wen anders damit nervt, auf diesem Ohr ist er leider taub. Den uns sind die türkischen Freundlichkeiten mittlerweile ein bisschen zu teuer geworden. Da aber das Teppichmuseum heute geschlossen hat und er ganz zufällig Geschäfte mit alten Teppichen macht lädt er uns ein. Wir lassen uns davon überzeugen, dass wir wirklich nichts kaufen müssen. Wobei die Frage, ob wir ihnen dann irgend eine Kleinigkeit aus unserem Geldbeutel schenken müssten noch nicht geklärt ist. Doch auch in Istanbul hat ein Tourist manchmal Glück. Wir werden von einem freundlichen Einheimischen empfangen, der sehr gut deutsch spricht. Der Inhaber des Onur Carpet und Kilim Store in der Mimar Mehmet Aga Caddessi 13 im Stadtteil Sultanahmet.
Wie die meisten der hiesigen Halsabschneider ist auch er in Deutschland aufgewachsen. Er erklärt uns bei einem Tässchen Tee, dass Teppichknüpfen eine Kunst ist, in der Familie von Generation zu Generation weitervererbt, allmählich aber vom Aussterben bedroht ist. Für ihn hat ein Teppich die gleiche Bedeutung wie ein Bild von Van Gogh, oder Chagall, erklärt er. Jedes Dorf habe als Erkennungsmerkmal ihr ganz eigenes Muster und ihre Farben. Er erklärt ein paar klassische Teppichmotive. Fünf Streifen für die fünf Gebetszeiten. Eine Art Fabeltier bestehend aus Krallen, Flügeln usw. Teppiche können oft richtige Geschichten erzählen, wenn man sie zu lesen versteht. Teppiche gibt es in unterschiedlichsten Preisklassen. Der Kelim, oder Webteppich ist der Günstigste, da für ihn die Arbeitszeit am geringsten ist. Selbiger ist auch sehr leicht maschinell anzufertigen. Der geknüpfte Teppich ist das eigentliche Kunstwerk. Je nach Materialstärke variiert die Anzahl der Knoten eines solchen Teppichs. Wobei auch hier noch zwischen dem einfachen Maschinenknoten und dem doppelten, Hand gearbeiteten Knoten unterschieden wird. 3 000 Knoten schafft die geübte Teppichknüpferin pro Tag. Da beginnt man dann zu verstehen, dass man mit dem einfachen Seidenteppich mit seinen mehreren Millionen Knoten schon ein Lebenswerk in den Händen hält. Und so ein Teppich ist dann eine richtige Kapitalanlage. Wir bedanken uns für den Kursus in Sachen Teppich, der uns großen Spaß gemacht hat und auch für den Tee und sehen zu, dass wir zu unserem nächsten Ziel kommen. Wir wissen nun, worauf es beim Teppich ankommt, und was einer wirklich wert ist. Den unter 200 Euro hat er nichts für uns in seinem Laden. Leider hat auch das Kaligraphiemuseum neben der Universität geschlossen. Umsonst angelegt waren also auch die zwei Euro für die türkischen Kinder, die uns den Weg dorthin zeigen wollten. Sie haben uns zwar in die falsche Richtung geschickt und wollten dreist für ihre Auskunft auch mindestens jeder zwei oder mehr Euro haben, aber was zuviel ist, ist zuviel.

Der Basar das Packen und Karaköy
Wir lassen uns einen Lahmacun (Pfannkuchen mit Kräutern und Hackfleischsoße) geben, etwas das man selbst uns Touristen für unter einer Million verkauft und gehen weiter zum Basar. Dieser riesige Einkaufstempel, ja ein großer Teil des Basars befindet sich tatsächlich in einem säulengestützten großen Komplex, macht sehr großen Spaß. Fast niemand ist da der uns seine Waren aufdrängt, und es herrscht auch kaum Gedränge in den vielen Verkaufsstraßen. Es ist ja auch erst früher Nachmittag. Wir steigen bei dem Bücherbasar, der doch heftig besucht ist ein und sehen uns die Kaligraphien an. Worte auf arabisch werden hier zu Giraffen, Schiffen, Kamelen Schwertern und Pistolen. Dann im Markt suchen wir Kissen, große Kissen. Bei einem Händler wieder einem dieser Ex-Deutschen aus Wangen im Allgäu in Cem´s Gift Shop, trinken wir Tee und haben bei Verkaufsgesprächen großen Spaß. Die Händler auf dem Basar scheinen hier wirklich alle Zeit der Welt zu haben. Für die Kissensuche schleppt man schließlich den halben Basar für uns zusammen. Auch wieder bei einem gemütlichen Tässchen Tee dürfen wir im Pirlanta Nomadart dann auswählen. Und hier auf dem Basar höre ich dann auch das erste mal einen Satz, den ich seit Istanbul keinem Türken mehr zugetraut hätte. Zwei Degen, in der Auslage eines Schaufensters sind tatsächlich nicht zu verkaufen. „Sorry, nur zur Dekoration“. Danach essen wir in einem Restaurant gegenüber der Sultanahmet. Mit all unseren Einkäufen. Nach dem Abladen und einer kleinen Pause machen wir uns am Abend noch einmal auf nach Karaköy. Tatsächlich ist dieser Stadtteil auf der anderen Seite des Bosporus wie ausgestorben. Nur in den Wasserpfeifenbars herrscht das pure türkische Leben. Am anderen Morgen geht es schon um fünf Uhr früh wieder zurück nach Deutschland.

Istanbul – Stadt der Moscheen und Katzen GUV-Reise Tag vier

27. November 2003 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt/Antonino Zambito

Vierter Tag: Donnerstag, der 27. November 2003
Zur Chorakirche

Auf dem Weg zur Chorakirche, die „Kirche in den Feldern“ bedeutet, der zweiten byzantinischen, also christlich orthodoxen  Kirche Istanbuls, in der an den Wänden mit Fresken und Mosaiken die ganze Bibel abgebildet sein soll, stellen wir wieder einmal fest, dass zwischen unseren Stadtplänen und Istanbuls momentaner Realität Welten liegen. Nicht einmal die Metrohaltestellen scheinen mit unserem Stadtführer überein zu stimmen. Unterwegs die Stadtmauer entlang ein Rasenstreifen mit Müll und Dreck.
Zigeunerspuren. Sie hausen hier an der Stadtmauer, bauen ihr Gemüse an und bringen ganz nebenbei auch die besten Bauchtänzerinnen des Landes hervor, so hatte es uns unser Reiseleiter erklärt. Tatsächlich gibt es hier noch zerlumptere Gestalten als in dem Viertel um unser Hotel herum. Zwischen all dem Müll, streunenden Hunden und Katzen liegt ein totes Pferd.
In der Chora Kirche dann scheint wirklich die ganze Bibel an den Wänden verewigt worden zu sein. Wie ein überdimensionaler Comic zieren Mosaiken und Fresken mit winzigen Mosaiksteinchen nahezu jeden Quadratzentimeter von Wänden, Deckengewölbe und Fußboden mit allen möglichen, bekannten Bibelszenen. Vornehmlich aber welche aus dem neuen Testament. Die zwölf Apostel bei ihren verschiedenen Tätigkeiten, römische Soldaten und immer wieder Jesus. Jesus beim Segnen, Jesu beim Heilen, beim Zähneputzen, Kaffeekochen usw. Dabei ist die Kirche selbst eigentlich nicht einmal besonders groß. Ein Raum, Außenflur und Innenflur, doch allesamt über und über bemalt oder mit Mosaiken bestückt bis in die höchsten, unzugänglichsten Erker hinein. Hier treffen wir den Erzbischof von Tiflis (Georgien). Wir dürfen ein Foto von ihm machen. Er ist auf Bildungsreise hier. Auch in der Chora gibt es den unvermeidlichen Souvenirshop in dem kleine Ikonen nach den größeren Wandbildern gekauft werden können. Einen riesigen Souvenirshop finden wir auch draußen, als wir das Gebäude für Außenaufnahmen in Augenschein nehmen.
Das Fettah Cini in der Kariye amii Sokak 19 im Stadtteil Edirnekapi. Es gibt dort neben Ikonen aber auch allerhand Kunsthandwerk aus Glas und Porzellan zu bestaunen. Wie auch Unmengen Schmuck. Wir kaufen hier eine Wunderlampe, handbemalte Tassen und Teller und Meerschaumpfeifen.

Die Süleymaniye Moschee und der Istanbulfisch
Wir fahren dann erst einmal zum Abladen unserer Souvenirs wieder ins Hotel zurück. In einer jetzt brechend vollen Metro. Unser nächstes Ziel für heute ist die Süleymaniye Moschee.
Unterwegs treffen wir auf dem Basar bei der neuen Moschee am Eminönüplatz auch unsere Hotel-Lobbyisten. Die anderen aus unserer nicht mit dem Zusatzpaket reisenden Gruppe, die eigentlich permanent in der Lobby sitzen, wenn wir aus und ein gehen. Sie sitzen eigentlich nur da quatschen und trinken ein Pils nach dem anderen. Es mache sie hier alles so fertig, sagen sie. Aber auf unser gutes zureden am gestrigen Abend haben sie sich wohl doch einmal vor die Hoteltüre getraut.
Die Süleymaniye Moschee ist noch größer, auch farbenprächtiger und nicht so überladen wie die Sultan Ahmed. Sie wurde schließlich von Suleyman dem Prächtigen erbaut, der es immerhin fertigbrachte, dass der sagenhaft reiche Osmanenstaat zum Ende seiner Regierungszeit das erste mal völlig pleite war.
Auch bis wir den Eingang zu dieser Moschee gefunden hatten hatte es wieder einige Zeit gedauert. Aber wir waren ja im Urlaub und mussten uns nicht hetzen. Außerdem waren die Straßen überfüllt mit einkaufenden Menschenmassen.
Wer Wochenmärkte in Südeuropa kennt oder die Weihnachtsmärkte in Deutschland muss den Besucherandrang lediglich verdoppeln, dann hat er eine vage Vorstellung vom hiesigen Treiben. Dennoch kommt man zügig voran. Dann gehen wir nach Eminönü hinunter, zum Bosporus, um auch einmal den Istanbulfisch essen. Vor den Restaurants stehen sie und Angeln was das Zeug hält. In eines der Lokale werden wir schließlich regelrecht hineingezogen. Und begehen hier den folgenschweren Fehler nicht auf die Preise zu sehen. Wir sollten uns draußen in der Schaufensterauslage einen Fisch auszusuchen. Die Speisekarte verschwand dann auch auf mysteriöse Weise. Unser Seebarsch mit Bier und Salat kostet uns schließlich insgesamt 42 Euro. Eine Geschmacksbombe ist er nicht. Das was das istanbul an diesem Fisch ausmacht ist wohl nur der wie hier überall für Touristen völlig überzogene Preis. Den Abend beschließen wir in Ruhe mit Whisky, Keksen, Lokum usw. zu verbringen. Dabei lernen wir, wie schwer es ist in der Türkei an Alkohol zu kommen. Alle Läden verkaufen offenbar nur so wie es dem Prophet gefällt. Um ein paar Ecken und Hinweise später haben wir unseren Whisky dann aber doch und das zu einem eigentlich annehmbaren Preis.

Istanbul – Stadt der Moscheen und Katzen GUV-Reise Tag drei

26. November 2003 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt/Antonino Zambito

Dritter Tag: Mittwoch, der 26. November 2003
Mit der Fähre auf dem Bosporus
Heute gehen wir den letzten offiziellen und geführten Programmpunkt auf unserer Reise an. Eine Bootsfahrt auf dem Bosporus. Danach werden wir, als die Gruppe ohne Zusatzpaket, offiziell in Ruhe gelassen um Istanbul auf eigene Faust entdecken zu können. Was an sich kein Problem ist, den mittlerweile kennen wir durch unser wiederholtes, abendlich, sinnloses Umherirren Istanbul doch schon erstaunlich gut. Auch heute wird unsere Gruppe wieder zweigeteilt. Die anderen bekommen laut Programm ein Privatboot. Wir fahren mit der normalen Passagierfähre und erleben so die echte Atmosphäre Istanbuls. Voller enthusiastischer Touristen, lustig abgedreht, tanzenden Japanerinnen und gelangweilten Einheimischen. Unser Bus bringt uns zur Schiffsanlegestelle im Stadtteil Eminönü. Am Hafen das pure Leben. Je näher wir durch verschiedenste Basare, vorbei am den geschäftigen Menschenmassen drängend dem Bosporus kommen, um so dichter werden die Trauben durcheinanderdrängelnder Personen. An der Meile der Fischrestaurants vorbei kommen wir zur Anlegestelle. Wir besteigen einen riesigen, alten Kahn, an dem die Holzplanken des Schiffsbodens größtenteils verfault und die Geländer durchgerostet sind. Ein Abstützen könnte hier schon zur Folge haben, dass man bis zur nächsten Anlegestelle hinterher schwimmen muss. An Bord werden wir mit dem typisch, orientalischen Lächeln mit einem Glas Orangensaft begrüßt. Uns kommt das allmählich schon ein wenig scheinheilig vor. Oder sind das nur unsere erlebten Enttäuschungen, die mit der anschließenden Rechnung folgten, sobald uns in Istanbul von den Einheimischen irgend etwas angeboten oder „geschenkt“ wurde. Keine Frage, dass für den eben noch als Begrüßungsgeschenk vorgestellten Orangensaft und Tee spätestens nach einer halben Stunde irgendwer zum kassieren dasteht. Auch wenn man mir meinen Tee mit dem Argument ich sei eingeladen und müsse nun unbedingt mittrinken um den Schiffskellner nicht zu beleidigen eigentlich regelrecht aufgenötigt hatte. Das Gläschen kostet trotzdem stolze vier Euro. Ich sehe mir das Ablegemanöver des Schiffes vom Heck aus an und beobachte durch den Herbstnebel den vorbeiziehenden Küstenstreifen. Auch Fischer und Angler sind um diese Zeit mit ihren Booten auf dem Bosporus unterwegs. Auf dem Schiff fällt mir dabei zum ersten Mal auf, aus welchen unterschiedlichen Nationen die Türken sich zusammensetzen. Hellhäutige Russen und Slawen. Mongolen mit ihren von der Sonne verbrannten immer etwas runzelig wirkenden Gesichtern. Grobe Züge, fein geschnittene arabische Gesichter. Hier scheint nahezu jede Rasse ein Stück weit vertreten zu sein. Wir sehen die im traditionellen Baustil Istanbuls erbauten weißen Holzhäuser auf Pfählen, die auf den Bosporus hinaus im Untergeschoss meist sogar eine Bootsgarage haben. Wir sehen die andere Europäische Seite Istanbuls und auch die Asiatische weiter hinten. Dann legen wir an. Und lernen dann auch eine ganz andere Seite Istanbuls kennen. Hier im asiatischen Teil der Stadt ist es sauber. Es gibt Parks, kleine Wälder und schön angelegte Passagen. Wir unternehmen einen kleinen Küstenspaziergang. Schon wartet an der Straße wieder unser Bus auf uns. Der uns nun auf eine kleine Stadtrundfahrt durch Istanbul mitnimmt. Tatsächlich, einige Ecken haben selbst wir noch nicht gesehen. Beim Weiterfahren kommen wir an der gesprengten englischen Bank vorbei. Das Viertel in dem sie steht ist Stuttgart oder auch Frankfurt nicht unähnlich. Eine Bankfiliale, ein klotziges Hochhaus neben dem anderen. Umgeben jeweils von einem großzügigen Rasenstück. Ein bisschen wie die Stuttgarter Heilbronnerstraße, denke ich. Ein sehr teures, sehr gepflegtes Stück Istanbul.
Das Bankgebäude direkt an der Hauptverkehrsstraße ist ziemlich ramponiert. Auch die Gebäudefassaden darum herum sind ordentlich in Mitleidenschaft gezogen worden. Wie eine Höhle klafft im unteren Mittelteil des Gebäudes ein riesiges Loch und große Teile der Fassade und deren Verkleidungen fehlen.

Märkte und das andere Gesicht Istanbuls
Weiter geht es, vorbei an protzigen Villen und Palästen, der letzten Residenz des letzten Sultans, den man mit seiner Familie nach einem Urlaub 1922 nicht wieder einreisen gelassen hatte.
Wir sind zu einer Ledermodenschau eingeladen. Diese hat unser Reiseleiter für uns organisiert.
Auch hier sollen wir wieder ordentlich einkaufen. Nur kosten die schöneren Stücke alle gut über 400 Euro. Trotz der versprochenen 40 Prozent Rabatt für uns. Kein Problem sei das. Eine Anzahlung genügt. Heißt es. Man vertraut uns. Würde sogar ins Hotel mitkommen um das Geld abzuholen. Nur, auch dort haben wir nicht so viel. Man hat uns auch darüber aufgeklärt, dass die Reiseveranstalter Unsummen von diversen Firmen bezahlt bekommen, wenn sie die Touristen an ihren Fabriken oder Firmen vorbeischleusen. Wohl ein Grund, warum die GUV Reisen so günstig angeboten werden können.
Danach verabschieden wir unseren Reiseführer. Keiner aus unserer Gruppe scheint mehr ein Interesse an weiteren Führungen zu haben. Zu groß ist wohl die Angst auch hier wieder zu ungeplanten Ausgaben genötigt zu werden. Was den Reiseführer ein wenig frustriert. Nachmittags besuchen wir dann wieder alleine die Hagia Sofia „Heilige Weisheit“ genannt. Die größte byzantinische Kirche überhaupt. Die durch mehrere Erdbeben zerstört und immer wieder neu aufgebaut wurde. Deren freitragende Kuppel gehört zu den sieben Weltwundern, da sie in dieser Größe noch niemand nachzubauen gelungen ist. Und das seit mehreren Hundert Jahren. Sonst ist der Innenraum recht duster und seine 10 Euro Eintrittsgeld mit den paar wieder unter dem Gips der Muselmanischen Zeit freigelegten Ikonenbildern eigentlich nicht wirklich wert. Sehr viel Marmor und sehr viele leere Bilderrahmen. Leider dürfen wir für unsere Aufnahmen nicht einmal ein Stativ benutzen. Aber dafür, kann man sich im Souvenir-Shop Bildbände, Postkarten und Poster der halben und zerkratzten Ikonen kaufen. Abends schlendern wir über den geschlossenen Basar und genießen die ungewohnte Ruhe in dieser sonst völlig überladenen Stadt. Wir beschließen den Tag wieder im Akdeniz und bestellen gebackene Makrele und Huhn.

Istanbul – Stadt der Moscheen und Katzen GUV-Reise vom 24. bis 29. November 2003

25. November 2003 § Hinterlasse einen Kommentar

 Von Marco Rettstatt/Antonino Zambito
Zweiter Tag: Dienstag, der 25. November 2003
Die zwei Klassen Gesellschaft
Gegen ein Uhr früh klingelt das Zimmertelefon. Der Weckaufruf zum Nachtgebet, wie wir am Morgen von unserem Reiseführer Ibrahim erfahren. Der gläubige Moslem verrichtet 17 Pflichtgebete am Tag. Diese teilt er sich in fünf Gebetszeiten ein.
Die Erste ist, wenn die Sonne aufgeht, die Nächste wenn die Sonne am höchsten steht. Eine weitere am Nachmittag. Dann zum Sonnenuntergang und auch noch einmal, wenn die Nacht am dunkelsten ist, so dass man einen hellen Faden nicht mehr von einem dunklen unterscheiden kann. Die Zeit eben, wenn der Hotelweckdienst die Gläubigen um ein Uhr Morgens noch einmal aus dem Bett klingelt.
Wir stehen gegen acht Uhr auf, denn unser Tagesprogramm beginnt um neun Uhr. Das Frühstück unseres „Paul Anka Gedächtnis Hotels“ ist tatsächlich ziemlich reichhaltig. Brot verschiedenster Sorten, Obst und Gemüse, Käse aller Art, Milch, Kaffee, Tee, Wasser, Saft, Joghurt, Marmelade. Zwar nicht immer das Beste, aber immerhin – es ist da. Überhaupt ist der Hotelservice in allen Belangen sehr zufriedenstellend. Das Personal nimmt sich sogar die Zeit uns am Abend noch die Wege zu den verschiedensten Restaurants in den Stadtplan einzuzeichnen. Ein vier Sterne Hotel, dass diesen Namen endlich auch einmal verdient. Heute ist unser erster offizieller Tag in Istanbul. Tatsächlich teilt man um neun Uhr unsere GUV-Gruppe in zwei Klassen ein. Die welche das Zusatzpaket gebucht haben und wir, die ohne Paket, bekommen einen extra Bus mit extra Reiseführer. Auch wenn die Programmpunkte der ersten beiden Tage eigentlich gleich sind. Wir, eigentlich komplett die jüngeren aus der Reisegruppe, einschließlich einem älteren Pärchen, die wie sie sagen schon einmal in Istanbul waren haben Reiseleiter Ibrahim, einen gemütlichen Türken, der in Donaueschingen aufgewachsen ist und hier frei für mehrere Agenturen als Reiseleiter arbeitet.
Istanbuls Geschichte und das Tourismusgeschäft
Als erstes führt Ibrahim uns zum Hypodromplatz. Wie wir erfahren ist dieser Platz auch in etwa der zeitgeschichtliche Beginn Istanbuls. Damals Konstantinopel und Hauptstadt des oströmischen Reiches. Der Platz entstand 64 nach Christi und war die Arena, ein Stadion, dass damals schon 100 000 Menschen Platz bot um Wagenrennen, andere Spiele und Triumphzüge zu bestaunen. Aus allen Reichsteilen wurden die prächtigsten Kunstschätze hier her gebracht. So auch die drei Säulen. Ein ägyptischer Obelisk von 22 Metern Höhe. Die Schlangensäule, ein Bronzewerk aus den eingeschmolzenen Waffen griechischer Feinde stand einst vor dem Apollo Tempel von Delphi und der Kalkquader Säule Konstantins VII. Porphyrogenetos. Bei der Schlangensäule, wie auch bei der anderen fehlen mittlerweile einige Teile. Weiter vorne der Wilhelmsbrunnen aus neuerer Zeit, der dem deutschen Kaiser Wilhelm für sein Engagement beim Bau der Eisenbahn gewidmet ist. Auf dem Platz werden wir intensiv von jugendlichen Postkartenverkäufern bedrängt. „Geschenk“, heißt es dann geschickt als wir ablehnen. Allerdings Ein Geschenk im Tausch gegen einen Euro. Am Besten aber einem Schein. Sie geben auch raus, sagen sie „Ganz gastfreundlich, ganz vertrauenswürdig“. Als ich meinen Geldbeutel in der Hand habe erlebe ich das, wovor Reiseleiter auf der ganzen Welt immer wieder warnen. Einer der Jungen haut mir seinen Kartenstapel auf die Hand und versucht mit den Worten, „Das sind meine Karten“, so meinen Geldbeutel zu greifen. „Netter Versuch“, sage ich und stecke meinen Geldbeutel schnell wieder weg.
Nach dem Hypodromplatz besuchen wir die Sultanahmet Moschee, die auch als „Blaue Moschee“ bekannt ist. Durch das einfallende Licht erstrahlt die Moschee dank der Fayencen in strahlendem Blau. Wir erfahren, dass Moscheen im Gegensatz zu unseren katholischen Kirchen, die nach Heiligen benannt sind, nach ihren Spendern, oder Erbauern benannt werden. Vor der Moschee an der Wand befinden sich Waschstellen, an denen die Gläubigen vor dem Gebet ihre rituellen Waschungen an Kopf, Armen und Beinen durchführen. Auf dem Rückweg zum Bus werden wir wieder einmal angesprochen. Besonders traditionell herausgeputzte ältere Männer mit Pumphosen, Westen und einer Teekanne auf dem Rücken wollen unbedingt mit uns auf´s Foto. Kirschensaft, bieten sie den Touristen an. Sicher macht sich so ein Saftonkel gut auf einem Foto, neben einem Touristen. Klar dass auch hier die beiden Becher für uns wieder um die … Millionen Lira kosten. Die wir dann gewollt oder nicht im Handumdrehen wieder los sind.
Geld ausgeben in Istanbul
Wir fahren weiter. Unser Bus zwängt sich durch die engen Gässchen und den gerade hier ordentlich dichten Innenstadtverkehr Istanbuls. Heruntergekommene Häuserfassaden wechseln sich mit Bauruinen und Baustellen ab. Mittagspause machen wir auf der Gartenterrasse des Pierre Loti Cafés über den Grabanlagen Eyüps, am „Goldenen Horn“. Das Cafe ist benannt nach dem turkophilen Marineoffizier und Schriftsteller, der hier die meiste Zeit verbracht haben soll. Von hier aus hat man einen wunderbaren Überblick über den ganzen Bosporus. Wenn das Wetter nicht so verdammt herbstlich wäre. Goldenes Horn heißt diese Landzunge laut unserem Reiseführer deshalb, weil sie von einer ganz bestimmten Stelle Istanbuls aus im Mondlicht golden schimmert. Hier trinken wir einen Apfeltee. Dieser süße Tee, eine Art heißer Apfelsaft, wird uns in Istanbul überall als Alternative zum türkischen Schwarztee oder Mokka angeboten. In den engen Gassen tragen die einheimischen, Hobbyverkehrspolizisten maßgeblich zum allgemeinen Verkehrskollaps bei.
Danach führt uns unser Reiseleiter in ein Restaurant, in dem wir uns endlich einmal zu einem vernünftigen Preis satt essen können. Das Akdeniz in der Kemalpasa Caddessi 84 im Stadteil Aksaray. Zwei komplette Mahlzeiten bekommen wir hier zu nur zehn Euro. Eine Wohltat für unsere angegriffenen Mägen und Geldbeutel. „Das ist ein noch neues Restaurant und hat sich eben noch nicht in die Preissegmente der anderen eingefügt“, meint unser Reiseleiter, der dort selbst gerne isst. Danach fahren wir die Stadtmauer entlang, die in Istanbul an noch mehreren Stellen bis zu einer Länge von 20 Kilometern erhalten ist und auch nach und nach wieder restauriert wird. Die Stadtmauer selbst hat ein eigenwilliges Design. Sie ist aus weißen Sandsteinblöcken gemauert, durch die sich in bestimmten Abständen Längsstreifen aus rotem Ziegelstein ziehen. Dann besuchen wir eine Schmuckfabrik am Marmarameer. Natürlich sollen wir dort auch fleißig einkaufen. Die Schmuckverkäufer, zu 90 Prozent deutsche Türken gehen uns nicht mehr von den Fersen. Nicht einmal Fragen, wie nach dem prozentualen Anteil echten Silbers im Schmuck oder aus Handwerk und Design können sie längere Zeit Vertreiben. Schmuck ist allerdings überhaupt nicht mein Thema. Irgendwann gehen wir dann einfach hinaus und sehen uns noch den Küstenstreifen des Marmarameeres an. Ist zwar auch langweilig, aber wir sind dabei an der frischen Meeresluft.
Danach sehen wir uns den Fischmarkt auf der anderen Straßenseite an. Die Fänge werden in allen Größen regelrecht ausgestellt. Graue, glänzende Leiber mit rot leuchtenden Kiemen. Für einen jungen Mann unserer Reisegruppe ist das schon pervers. Andere ertragen den Geruch nicht und bleiben von vorne herein auf der anderen Straßenseite. Einige Fische in großen Plastikzubern leben noch und tummeln sich zwischen ihren toten, oder sterbenden, nach Atemluft japsenden Kollegen. Wir gehen weiter.
Der Hamam
Endlich wieder im Hotel zurück gönnen wir uns eine kurze Pause und machen uns dann auf zu einem der ältesten und schönsten Hamams Istanbuls. Dem Cemberlitas Hamami, Einem türkischen Bad das, laut Reiseführer, seit 1583 ohne Unterbrechung genutzt wird, im Stadteil Cemberlitas. Wir lassen uns überraschen, was dort mit uns geschieht. Zuerst einmal kostet uns der Spaß „Hamam“ 15 Euro pro Person. Wir bekommen eine eigene Kabine zum Umziehen, Handtücher und Badeschlappen. Dann gehen wir  hinunter ins Bad. Selbiges besteht aus einem Raum in dessen Mitte wie ein runder, flacher Käselaib ein riesiger Stein, „der göbek tasi“, oder auch „Nabelstein“ liegt. Dort auf diesem heißen Stein haben wir uns dann erst einmal abzulegen und zu warten, bis sich einer der Bademeister unserer annimmt. Ein Hamam ist, stellen wir fest so eine heiße Dampfgrotte mit rießiger Deckenkuppel, in der sich Löcher für den Dampfabzug befinden. In einigen Seitennischen gibt es kleine Brunnen mit Wasserschüsseln um sich abzukühlen. Als wir ordentlich schwitzen winkt mich einer der Bademeister zu sich heran, bedeutet gestenreich und sehr freundlich mich flach hinzulegen. Dann beginnt er einen mit einem groben Frotteehandschuh gründlich abzureiben. Weiter folgt Seifenschaum. Wir  werden so gründlichst gewaschen, wieder abgewaschen und dann ordentlich massiert. Besonders auf unsere etwas empfindlicheren Stellen hat es der Masseur abgesehen. Ich kann danach kaum mehr gehen und mein Kollege jammert noch Tage später über seine malträtierten Schultern. Nach knapp 20 Minuten, ist das ganze auch schon vorbei. Wir werden noch in trockene Handtücher gepackt und können uns in unserer Kabine noch ein wenig ausruhen. Abschließend auch einen Tee oder frisch gepressten Orangensaft trinken. Es ist wirklich ein sehr intensiver Erlebnis, dass wenn es auch recht kurz ist für 15 Euro, man doch noch einige Tage lang in Erinnerung hat.
Am Abend sind wir wieder zum Essen im Akdeniz. Nach einigem Umherirren lassen wir uns den Weg dorthin vom Hotelportier aufzeichnen. Auch dieses Mal erwischen wir wieder eigentlich ohne bestimmte Absicht den Schischkebap Fleischspieß. Sie haben dort eine Speisekarte, auf denen die Gerichte zur einfachen Auswahl abgebildet sind. Das ist für unsereins sehr praktisch. Das sind dann auch immer die Augeblicke, bei denen uns wieder auffällt, dass wir die hiesige Landessprache eigentlich nicht beherrschen. Eigentlich wollten wir auch einmal den türkischen Wein probieren. Aber der ist hierzulande fast überall unerschwinglich. Denn ein Experiment für ab 20 Euro die Flasche ist uns dann doch etwas zu teuer. Was am ersten Tag noch ein wenig nervt, ist, dass wir permanent von irgend welchen Typen, die irgend einen Kram zu verkaufen haben angesprochen werden.

Istanbul – Stadt der Moscheen und Katzen GUV-Reise vom 24. bis 29. November 2003

24. November 2003 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt/Antonino Zambito

Erster Tag: Montag, der 24. November
Der Flug
Unsere Abflugzeit ist 10.25 Uhr ab dem Stuttgarter Flughafen.
Ab neun Uhr sind wir zum Einchecken bereit. Aufgrund der Terrorismusgefahr wird intensiver als sonst kontrolliert. Nach der Personenschleuse bekommen wir noch eine sehr gründliche per Hand Abtastung mit. Tatsächlich wird keine Stelle ausgelassen und besonders großer Wert auf den Fußknöchelbereich gelegt. Dafür steht extra einen Fußschemel hinter der Personenschleuse bereit. Auch die Intimzone wird, ohne dass der damit betraute Beamte irgend eine peinliche Regung zeigt, gründlich gecheckt. Der Flug selbst ist dann nicht gerade ausgelastet. Geschätzt sind nichtmal ein Drittel der vorhandenen Plätze belegt. Jeder Fluggast hat eigentlich eine oder zwei Sitzreihen ganz für sich.
Was aber angesichts der Situation nicht verwundern darf. Sind doch die letzten beiden Bombenattentate in Istanbul auf zwei jüdische Synagogen, das britische Konsulat und die britische HSBC-Bank, bei denen zusammen immerhin etwa 55 Menschen getötet und mehrere hundert verletzt worden sind, erst ein paar Tage her. Auch wir haben von unserer Reisegesellschaft nach langem Telefonieren ein Alternativangebot bekommen. Aber ganz ehrlich, was ist schon Antalya gegen die Gelegenheit Istanbul, das Tor zum Orient mit seiner faszinierenden, langen, sehr wechselhaften Geschichte kennen zu lernen. Außerdem besteht von offizieller Seite noch keine Reisewarnung für Istanbul. Das macht reiserechtlich eine Stornierung, oder Widerholung der Reise zu einem späteren Zeitpunkt unmöglich.
Da unsere Reisegesellschaft diese Reise trotzdem durchführen will, nehmen wir an. Vom Reiseführer, der uns am Istanbuler „Atatürk Gedächtniss Zielflughafen“ im Empfang nimmt, erfahren wir, dass wir lediglich eine von sechs erwarteten Busbesetzungen sind. Eben die Touristen, welche sich nicht von den Medien abschrecken lassen haben oder auch einfach nur zu blöde waren die Reise rechtzeitig auf das Angebot nach Antalya umzubuchen. Für meine Eltern bin ich selbst auch nach Antalya ausgewichen. Da meine Mutter wie sie meinte in ihrem Urlaub sonst keine einzige ruhige Minute mehr gehabt hätte. Schließlich hatte sie mir die Reise, die sie auf irgend einer Kaffeefahrt mit dem GUV Reiseunternehmen für die Hälfte gewonnen hatte geschenkt. Für eine türkische Fluglinie, wie der Sun Express, enttäuscht natürlich, dass der Mittelgang zwischen den Sitzreihen nicht mit einem dieser im Orient so beliebten und allgegenwärtigen roten Teppiche ausgelegt ist und ich auch keine Wasserpfeife an meinem Platz finde. Zum Essen gibt es auch keinen Döner oder Kuskus, sondern den klassischen Flugzeugfraß. Auch der Bordfilm enttäuscht. Statt mit Bauchtanz werden wir mit VIVA verwöhnt. Das Reisepublikum an Bord nach Istanbul ist dann eigentlich doch recht alt. So vom Typ her die klassischen Bildungsrentner. Oder eben doch der übliche Altersschnitt bei einer Kaffeefahrt. Auch sie haben diese Reise wohl bei der GUV-Touristik gewonnen. Touristen zwischen 30 und 40 sind auf diesem Flug auf vier oder fünf Personen reduziert. Die im Flugzeug angebotenen Kopfhörer für den Bordfilm, zu drei Euro das Stück, werden von der kompletten Gruppe abgelehnt. Kein Wunder, alle sind aus Stuttgart und auf anderen Flügen bekommt man diese Dinger schließlich geschenkt. Die Szene ist auch ein erstes Vorzeichen dafür, dass mit Stuttgart und Istanbul zwei absolut nicht kompatible Welten aufeinandertreffen. Der Geizkragen und die geborenen Händler die für den Euro des Touristen auch noch ihr letztes Hemd am Leib an den Mann oder die Frau bringen würden.

Ankunft in Istanbul – die erste Touristenfalle
In der Flugabfertigungshalle des Attatürk Airports Istanbul empfängt uns ein kleiner, geschäftig aussehender Türke in etwas holprigem Deutsch.
Gestartet sind wir vom „Flughafen Stuttgart“. Warum benennt eigentlich alle Welt außer Deutschland ihre Flughäfen nach ihren radikalsten Politikern?
Wir werden im Namen der GUV in Istanbul herzlich willkommen geheißen. Ganz so wie es im Programm steht.
Mein erstes Indiz dafür, dass ich mich nun auf türkischem Boden befinde übermittelt mir mein Handy. Eine Flut von SMS-Nachrichten erreicht mich nach dem Wiedereinschalten nach dem Flug, die mich im groben von Deutschland verabschieden und in der Türkei willkommen heißen. Das Netz hat von „D1-Telekom“ auf „Turkcell GSM“ gewechselt. Unser türkisches Empfangskomitee klärt uns noch in der Flughalle darüber auf, dass wir nun zuerst zu einem anderen Hotel, „dem Armada“ fahren, wo uns das Istanbul-Reise-Zusatzpaket für noch einmal „nur“ 159 Euro pro Person vorgestellt wird. Das Reisepaket enthält noch ein paar geführte Besichtigungspunkte mehr, sowie verschiedene Mittag- und Abendessensangebote. Als wir im Bus sitzen nimmt meine erste Kaffeefahrt ihren Lauf. Postkarten, Bücher und andere Dinge, die der Tourist aus diversen Gründen aus dem Urlaub unbedingt mit nach Hause bringen muss, werden uns direkt im Bus verkauft. Ein Euro für eine Postkarte mit Briefmarke. Im Fünferpack billiger. Eigentlich hätte es nicht allzu sehr überrascht, wenn hier auch noch die Teppiche zum Verkauf direkt im Bus ausgerollt würden. Unseren in der Broschüre angekündigten prickelnden Begrüßungscocktail, ein paar Flaschen Saft und Bier auf dem Tisch im Konferenzraum des Hotels – das Fläschchen Bier zu drei Euro – müssen wir gleich selber bezahlen. Nebenbei lässt uns der Reiseleiter, ein Herr Bernd Keller nicht im geringsten im Zweifel darüber, dass er ziemlich sauer auf jeden einzelnen Reisegast ist, der dieses Zusatzpaket nicht kauft. Dumm, gefährlich usw. Am Ende kann er seine Enttäuschung darüber, dass dieses Zusatzpaket, trotz seiner flammenden Rede dafür, von gut einem Drittel der Reisegesellschaft abgelehnt wird nur sehr schlecht verbergen. Nebenbei erfahren wir auch, dass wegen Bayram, dem dreitägigen Zuckerfest, dass den Fastenmonat Ramazan (wie ihn die Türken nennen) abschließt, bis einschließlich Donnerstag sämtliche Sehenswürdigkeiten nur zu bestimmten Zeiten geöffnet haben. Auch das ein wichtiger Grund, dieses Zusatzreisepaket zu kaufen. Natürlich! Wir sind eben Pauschaltouristen aus Deutschland und können nach den Öffnungszeiten ja nicht alleine fragen. Auch hier im Hotel, in dem uns „nur“ das Zusatzpaket vorgestellt wird, können wir wieder einige verbilligte Reisen gewinnen. Eine Kreuzfahrt und eine Pauschalreise nach Sardinien. Vorausgesetzt, wir zahlen sofort 15 Euro irgend einer ominösen Reisesteuer an den Veranstalter, diesen großen, schmähbäuchigen Mann mit seinem viel zu lauten Mikrofon, den ich schon jetzt alleine dafür hasse, dass ich wegen dessen Gebrüll am Abend wohl heftige Kopfschmerzen haben werde. Einfach vor die Türe zu gehen und zu warten bis die anderen wieder herauskommen? Ich könnte etwas wichtiges verpassen. Wie die Frage, ob von dem Paket auch nur ein Teil gekauft werden kann. Im Nachhinein wäre es aber das Beste gewesen. Dieser Herr Keller führt die immer neuen Reiseangebote immer wieder auf das 20 jährige Jubiläum der Reisegesellschaft zurück. Allerdings muss er ordentlich kämpfen, bis er seine acht zu verlosenden Reisen an Mann und Frau bekommt. Selbst die Gewinne will eigentlich neimand wirklich gerne annehmen. Auch die beiden Namen, die ich spaßeshalber auf die Zettel notiert habe werden aufgerufen. Wehe ihnen, was mit diesen Zetteln nun für reisetechnische Wohltaten über sie hereinbrechen. Das Ganze macht bisher den Eindruck einer klassischen Kaffeefahrt. Nur dass hier die Gäste nicht im fahrenden Bus mit Heizdecken und Bestecksets überschüttet werden, sondern eben im unbekannten Ausland. Auch hier kann ja niemand davonlaufen. So sollte es dann die nächsten Tage ohne Gnade weitergehen.
Unser Hotel und erste Schritte im fremden Land
Endlich, nach zwei langen Stunden fahren wir dann weiter zu unserem Hotel, dem Grand Anka, dass an der Millet Cadessi, an der Metrolinie Findikzade und damit eigentlich direkt im Zentrum der meisten Sehenswürdigkeiten Istanbuls liegt. Das übrige Stadtviertel Fatih, im Reiseführer als sehr konservativ beschrieben wirkt ziemlich heruntergekommen und vermüllt. Kaum ein Meter der Straßen- und Gehwegestrecken sind wirklich in begehbarem Zustand. Und überall lauern Katzen. Auf etwa fünf Quadratmeter kommt in Istanbul eine Katze. Dafür gibt es keine Ratten. Einem Bild, dem wir gleich am ersten Abend, und auf unseren weiteren Streifzügen durch das Viertel, immer wieder begegnen. Am Abend findet in unserem Hotel eine Art Parteitag der Konservativen PK Partei statt. Es wimmelt davor nur so von Polizeikräften. Tatsächlich haben wir in der Hotellobby die Gelegenheit einen Blick auf den von der Lokalpresse umlagerten türkischen Ministerpräsidenten Erdogan zu werfen. Nach dem Einchecken – wir haben das Zimmer 511 im fünften Stockwerk mit Panoramablick auf einen grauen, Taubenverseuchten Hinterhof, das Licht, bekommen wir heraus geht auch nur dann an, wenn der Schlüsselanhänger in einem dafür vorgesehenen Schlitz richtig platziert wird – machen wir uns an eine erste Erkundung der näheren Umgebung. Wir schwärmen ordentlich weit aus am ersten Abend, wie wir auf dem Stadtplan und bei unseren Touren in den nächsten Tagen immer wieder feststellen und genießen erst einmal die kulinarische Andersartigkeit Istanbuls. An einem Stand essen wir ein Klaflasch oder so ähnlich. Eine stark gewürzte Fleischpampe in einem Brötchen für 2,5 Millionen türkische Lira. Das ist etwa ein Euro 60. Auf der Suche nach einem ordentlichen Restaurant verlieren wir uns in den Straßen Istanbuls und kommen so von dem Anfang der Millet Cadessi, an der Stadtmauer, die an dieser Stelle ziemlich feucht ist und ziemlich faulig riecht, bis zur Universität auf der anderen Seite der Stadt. Überall kleinere und größere Straßenmärkte, Müll und Gedränge. Auf dem Rückweg essen wir Schischkebap in der Nähe unseres Hotels, das wir nach etwa drei Stunden dann endlich wieder gefunden haben. Die Preise erscheinen uns hier ordentlich zu hoch angesetzt, zumal auch das Essen nicht gerade mit Liebe zubereitet scheint. Das Fleisch ist verbrannt und die Beilagen völlig überwürzt. Aber das Brot ist in Ordnung. Überhaupt kann man sich in Istanbuls Restaurants problemlos an den Vorspeisen und dem Fladenbrot halten. Um diese Zeit, so knapp nach neun Uhr Abends hat hier sonst allerdings kaum noch irgend ein Restaurant geöffnet. Im Restaurant läuft direkt neben uns in voller Lautstärke der Fernseher. Er zeigt irgend eine türkische Familienshow. Nett, dass der Wirt den Fernseher kurz bevor wir wieder gehen endlich leiser stellt. Wir gehen in dieser ersten Nacht in Istanbul mit ordentlich Kopfschmerzen und einer Magenverstimmung zu Bett.

Superklemm und die grünen Mutanten

6. Oktober 2002 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

Ein Superminister was ist den das? Das Volk „Ich Gerd Schröder“ bejubelt Wolfgang Clement alias „Superklemm“ seinen neuen deutschen Helden. Einige Psychologen fragen sich allerdings: „Warum tut sich ein erwachsener Mann so etwas an?“ Ist es nur der spontane Ausbruch eines bösen Kindheitstraumas, ein unerfülltes Sexualleben, oder hat ihm, wie so oft in solchen Fällen (bsp. Joseph Smith der Mormonengründer), irgendwer einen Stein an den Kopf geworfen? Die Antwort ist gar nicht so leicht, aber vielleicht ist sie auch in seinem näheren Umfeld der letzten Jahre zu finden. So ein Superminister trägt einen super-blau-roten Anzug. Er ist ja bei der SPD und das ist auch superwichtig für einem echten Supertypen.
Männer in blau-roten Anzügen, das kennt man aus den Marvel-Comics, kämpfen gegen echte Superschurken, gegen die der Normalsterbliche keine Chance hat. Und echte Superschurken haben meist eine eigene, weltweit operierende Superschurkenorganisation mit dem Ziel die Welt zu beherrschen, oder diese wenigstens in tausend Superfetzen zu sprengen.

Damit kann als gegnerische Organisation nur der Hort alles Bösen – was einer Arbeiterpartei dem Angstschweiß auf die Stirn treibt – gemeint sein: Das Arbeitsamt. Aber während das Marvel–Comic auch echte Supergegner als Identifikationsfiguren – wie etwa den Flattermann, Bettmann, Brathähnchen- oder Eiermann –  vorschreibt – gegen wen kämpft dann Superklemm?

Ja genau hier muss der Hund begraben liegen. Superklemm ist ebenso der Superboss vom kleinen fiesen Arbeitslosman wie auch dem fetten, alten Wirtschaftswunder-Woman. Die beiden führen seit Jahrtausenden einen Krieg bis aufs Blut. Älter als die Fehde zwischen den Bibel-Super-Helden Kain und Abel soll ihr Hass aufeinander schon sein, sagt man. Dann ist da auch noch der mächtige Sparmann Hans. Ein ebenfalls übler Zeitgenosse.

Unterstützt wird unser neuer Superheld eigentlich nur von eigenartigen, ungelenken Figuren mit ähnlich superskurril, auffälligen Verhaltensmustern wie sie führende Psychologen bei ihm selbst beobachtet haben wollen. Ausgestoßene, die in der Regel niemand so richtig leiden kann – der gesellschaftliche Ausschuss – und die kurz gesagt einfach superscheiße sind:

„Den Grünen“

Im Marvel-Comic auch oft als böse Supermutanten bezeichnet. Über allen thront der göttliche immer glückliche Infantilboy-Gerd. Unser kindlicher Kaiser. Wir sehen Superklemm stehen eine Menge superschwerer, erwartungsgemäß superhaarsträubender Abenteuer bevor – in den nächsten paar Wochen. Bis er per Chefsache wieder super abgewählt wird. Aber bis es soweit ist wird der Superminister sicher noch einige Superreden schwingen, in seinem Superministersessel sitzen ein paar Superbeschlüsse fassen während draußen die Supersekretärin den Superkaffee vorbereitet, damit er auch super ein paar Superideen entwickelt um die Superarbeitslosigkeit super mit der Superwirtschaftsflaute in einem Supereinheitsbrei zu verquarken. Dass wir wieder ein Superdeutschland werden. Das einmal mehr wieder keine Sau versteht.

Wo bin ich?

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