Daimler – Sterne in Öl

4. September 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

Mit der Fertigstellung der Halle 136/1 geht ein weiteres meiner Langzeitexperimente seinem Ende entgegen. Seit dem 15. Mai 2012 bin ich für die Salacher Elektrofirma Heldele im Daimlerwerk Untertürkheim, ein Unternehmen der Mercedes Benz Welt oder umgekehrt, die Namen Mercedes, Daimler oder etwa Benz werden von der Kreativabteilung des Großkonzerns mit dem Stern gerne und oft immer mal wieder zu einem anders lautenden Slogan umgruppiert der dann den offiziellen Firmennamen darstellen soll.

Ich habe mich quasi direkt unter die Creme der Werktätigen, den echten Helden der Arbeit gemischt. Ja wer beim Daimler arbeitet, der hat’s einfach geschafft und trägt diese Tatsache, meist in Form einiger Kilos zuviel und einem gewissen tumben Stolz vor sich her.

Für ein neues Projekt, irgend eine Getriebeserie, erklärt der Projektplaner Elektrotechnik nebenbei, wird eine Montagefläche benötigt. Dazu soll zunächst die komplette derzeitige Produktionsfläche im Erdgeschoss der Halle 136/1 im Werk Untertürkheim, die bisherige Zylinderkopf Produktion, demontiert werden. Diesen echten Drecksjob teilen sich mit mir drei Mitarbeiter der Firma Heldele, die mich auch für diesen Job bei meiner Firma der Sak GmbH angeheuert hat.

Drecksjob weil ich beinahe täglich zusehen kann wie sich Waschmaschinenab- und Badewasser zu Hause schwarz färben.

Eigentlich ist die Arbeit bei Daimler immer ein wenig schmutzig. Ob Maurer oder Finanzvorstand, ganz gleich welchen Job man dort macht, wohin man fasst bleibt einem die Daimler-Grundessenz, eine schmierig-klebrige schwarze Masse an den Fingern zurück.

Von alten lecken Rohren tropft Öl über Kabelrinnen in diverse Maschinen, Lampen oder andere Einrichtungsgegenstände. Alte Lüftungskanäle, Kisten und allerlei herumstehender Unrat dienen als vorläufiges Auffangbecken bis die Brühe auch dort wieder überläuft, schließlich auf dem Boden ankommt und in alten Bodenschächten versickert in denen man beim Kabelverlegen dann ähnlich einem Moorbad, bis zu den Waden im alten Ölschlamm einsinkt.

Man munkelt, hinter vorgehaltener Hand versteht sich, dass aus dieser schwarzgrauen Masse die täglich in den Abläufen verschwindet, irgendwo im Keller die neuen Werktätigen geklont werden. Was glaubhaft ist, schaut man sich genauer an, was einem von dort unten wohl sicher noch nicht ganz trocken und vollendet für Volk entgegenkommt.

In der alten Werkhalle muss dann auch verschärft aufgepasst werden nicht mit allerlei Krimskrams im Arm in einer der zahlreichen Ölpfützen auszurutschen. Was man nach ein paar beinahe Unfällen auch gelernt hat. Dasselbe gilt für die Arbeit über den Köpfen. Die Stahlträger der Deckenkonstruktion sind genauso schmierig wie der Fußboden. Eigentlich wie der ganze Rest der Halle. Darauf rumzuspazieren ist nicht immer gerne gesehen, aber wie sonst an den Kram unterhalb der Decke rankommen, der dort eben auch unbedingt demontiert werden soll. Außerdem ist sich ein wenig zum Affen zu machen mit einer der wenigen spaßigen Momente die diese Arbeit mit sich bringen. Und auch der Werks-Sicherheitsonkel kann sich so mit einem netten Vortrag einmal wieder in Szene setzten und kann so glücklich gemacht werden.

Mit einem Kollegen mache ich mich zunächst an die Demontage der alten Lichtbänder die im Abstand von etwa zwei Metern durch die etwa 500 Quadratmeter große Halle gespannt sind. Dieser sorgt eigentlich ständig für Unruhe im Team. Schon am frühen Morgen zeigt er seiner Umgebung, lautstark Phantomflüche gegen irgendwelche imaginären Fressfeinde und schwer nachvollziehbare Probleme ausstoßend, seine schlechte Laune an. Immer auf der Suche nach Streit muss er auf jeden ganz gleich wie groß oder friedfertig einem durchgeknallten kleinen Dackel gleich losrennen. So dass gelegentlich die Frage von anderen Gewerken auftaucht ob der eigentlich einen Dachschaden hat. Seine Gedanken richtig zu ordnen scheint ihm nur begrenzt möglich zu sein. Gibt man ihm drei Aufgaben versucht er in der Tat in drei Richtungen gleichzeitig loszurennen. Was schon wieder recht drollig wirkt. Er verzettelt und verhaspelt sich sogar beim Sprechen. Seine Faulheit und Schlampigkeit garantieren allerdings auch dass aus der aufgesetzten Betriebsamkeit selten Konkretes entsteht. Beziehungsweise soll ich´s dann wieder richten. So gerne er anderen irgend welche Fehler unterstellt um so nervöser reagiert er, wenn man ihn auf den eigenen Murks aufmerksam macht. Fängt zu stottern, ja beinahe zu heulen an. Der neue Kollege ist mir umgehend dermaßen sympathisch, dass ich kaum dass ich den Typen eine halbe Stunde kenne den ihn am Liebsten in irgend einen Schaltschrank mit einbauen würde. Es gibt eigentlich nichts zu dem er nicht irgend einen saublöden Kommentar loswerden möchte. Wenn er jemandem ein Ei legen kann tut er das auch. Anderen wird so schon mal Werkzeug oder Material versteckt. Wodurch er sich auch nicht gerade Freunde macht. Eine Situation die mir gar nicht behagt. Wenns hart kommt müsste ich ihm als guter Kollege eigentlich aus der Patsche helfen. Obwohl ich, feige Sau die ich nun einmal bin, das gar nicht will. Seine Kollegen aus der Schwachstromabteilung meinen dazu nur ich könnte mich doch umdrehen und so tun als hätte ich nichts gesehen. Allerdings bringen gerade diese Jungs es auch fertig mit der Hebebühne frontal gegen Hallenstützpfeiler zu fahren. Mit der Hygiene hat er´s andererseits auch nicht besonders. Die Haare zieren teilweise als eine einzige matschige Masse den rattenhaften Kopf. Und ich frage mich zeitweilig wer heftiger riecht, er oder sein Hund. Hier ist erhöhte Aufmerksamkeit geboten.

Das Entfernen der Einsätze aus den Schienen ist als wenn man dort an der Decke irgendwo nen Stöpsel zieht. In wahlweise schwarz, grünlich oder eher braun rinnt erstmal ein halber Liter Öl aus der Schiene. Die Lampenteile flutschen einem durch die Finger. Manche kleben dort auch fest. Das hängt vom Mischverhältnis von Öl zu Dreck, Metallspänen oder Farbe ab. Wie es sich in der Halle eben so ergibt.

Direkt neben unseren Leitern hämmert mit ohrenbetäubendem Lärm und beißendem Abgasgestank Bagger und anderem baustellenrelevanten Großgerät die Firma Wolfer&Goebel die alten Leitungsschächte im Boden zusammen, die währenddessen von einer Putzfirma noch so pro Forma vom Öl gereinigt werden. Klar, dass auch die Putzfirma die Hälfte vom aufgesaugten Ölschlamm wieder auf dem Hallenboden verteilt. Lustig anzusehen ist dabei der neben dem großen baggerbetriebenen Pressluftbohrer ein wenig verloren wirkende Kollege mit seinem kleinen Kaffeebecher, der mit Wasserspritzern versucht gegen den Staub anzukämpfen. Pünktlich zum Vesper sind die Kollegen dann bei der Metallumrandung des Schachts angelangt, die natürlich ebenso mit dem Pressluftbohrer demontiert werden muss. Das Klingeln in den Ohren begleitet dann in den Abend.

Ne weitere Aktion in dieser Halle ist das entfernen alter Leitungen und Kabeltrassen. Auch dabei dominiert der schmierige Mix aus alter Farbe und Öl. Wir finden in den Kabelrinnen Bierflaschen mit Verfallsdaten aus teilweise den späten 80ern. Getrunken wird ordentlich in der Firma. Auch die Flaschen haben von den fleißigen Malern mit den letzten Jahren schon eine dicke Farbschicht aufgesprüht bekommen haben. Denn angemalt wird ohne Rücksicht auf Verluste. Selbst Lichtschalter, die neu montiert sind oder einfach nur liegen gelassen werden sind anderntags mit einer weißen Farbschicht überzogen. Wann und wo der Maler im Werk zuschlägt weiß man vorher nie.

Mit der Demontage der alten Zuleitungen halten wir uns fast den ganzen Sommer über auf. Tonnenweise schleppen wir dieses so genannte Altkupfer aus der Halle, füllen damit gut zehn Container und meinen, dass Daimler dieses Bauprojekt bei der heutigen Kupferpreisen damit wohl fast wieder rückfinanziert hat. Eine Arbeit, bei der unser Vorarbeiter richtig aufblüht. Denn dabei kann der kleine Kerl seine Power voll ausspielen. Ein Kollege, der mich aus früheren Einsätzen kennt meint auf diese Aktion hin direkt dass ich kräftiger geworden sei. Wen wunderts, so n 4x240mm Kabel im Querschnitt gut zehn Zentimeter hat auch zusammengeschnitten noch einiges an Gewicht. Oft kleben diese Dinger im Allgegenwärtigen Schmutz derart fest, dass sogar die zum Herausziehen zweckentfremdete Hebebühne ihren Dienst versagt und nicht mehr weiterfährt.

Aber das Unternehmen bietet kurzfristig auch andere Jobs an. Mal hier n Büro oder da n Waschraum in Brühl, Hedelfingen oder Mettingen installieren. Auch im Open Air Kino vorm Werk Untertürkheim dürfen wir zeitweilig rumspielen und kommen bei diesen Jobs häufig auch mit den zwar freundlichen aber äußerst schrulligen Werktätigen in Berührung.

Alles was denen unangenehm ist soll uns recht sein. So beschäftigen wir uns über ein halbes Jahr mit dem Auflegen von 4 x 240 mm Kabel von Trafostation zu Krafthauptverteilung und werden bei diesem recht schweißtreibenden Job, den das Verlegen von armdicken Kupferleitungen so mit sich bringt von den Werktätigen gerne moralisch unterstützt.

Der Junggeselle hat von der Truppe irgendwann die Schnauze voll. Zum Ende Juli ist er weg. Als Ersatz kommen zunächst eine Reihe weiterer Zeitarbeiter. Ein Russe, der im Grunde recht hilfsbereit ist. Nur hat er irgendwie kein Verständnis dafür auch mal eine Arbeit alleine auszuführen. Teile ich ihm eine Aufgabe zu steht er in wenigen Sekunden wieder neben mir oder fingert mir von Hinten in meine Arbeit rein.

Ein weiteres lustiges Exemplar verbringt den größten Teil des Tages beim Wasserkaufen oder eben mit dem Gang aufs WC. Manchmal lässt er einen dabei sogar mitten in einer Kabelzugaktion stehen.

Ein anderer ist einfach nur groß und doof. Selbst zum Schachteln aufpacken offenbar nicht zu gebrauchen. Er redet nur vom VfB und ist Kritik absolut nicht zugänglich.

Zum Jahresbeginn gibst n neuen Kollegen. Der ist im Grunde nicht weniger eklig als ein anderer giftig. Geizig bis zum Anschlag futtert er meist Sachen mit längst abgelaufenem Verfallsdatum oder ähnliche schwer definierbare Sachen und riecht als hätte er Nachbars Biotonnne ausgelöffelt. Er wohnt obwohl 50 noch bei Mutti, die ihn und seinen Bruder immer noch umsorgt. Hören tut auch er nur das was er hören will. Damit ist es nahezu unmöglich ihm näherzubringen, dass sein Geschmatze, Schlürfen, Spucken, Furzen und Rülpsen anderer Kollegen Mägen ziemlich zu schaffen macht. Zumal er sein Essen beim Sprechen gerne anderen mitten ins Gesicht oder den Mund spuckt. „Ich halt n saftiger Apfel“, meint er auf meine Kritik und schon habe ich den Apfelbrei wieder in den Haaren. Runterkauen und dann sprechen kennt er nicht. Außerdem jagen mir täglich bei einer Annäherung von einem knappen Meter an den Typen hunderte Milben wie ein kleiner Sandsturm ins Gesicht, die ich erstmal nach Hause getragen und an meine Haustiere übergeben habe. Erst die Tierärztin hat mich darüber aufgeklärt. Allgemein gesehen ziehe ich das Fazit aus der Tätigkeit für Heldele, dass man in Salach andere Hygienestandarts pflegt als in Stuttgart und bin froh als es vorbei ist und ich zu Hause die Chemiekeule einstellen kann. Denn jeden Montagmorgen ging das wieder von vorne los.

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36 Vorurteile

3. Juli 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

Zum Auftakt des 12. Sommer Festival der Kulturen vom 16. Bis 21. Juli auf dem Stuttgarter Marktplatz hatte das Forum der Kulturen Stuttgart e.V. Am Mittwochabend zur Vernissage ins Stuttgarter Rathaus eingeladen. Unter dem Titel 36 Tage, 36 Menschen, 36 Momente, präsentierte der interkulturelle Workshop der Fotokunstschule Stuttgart, einen ganz eigenen, um so interessanteren Weg mit Vorurteilen umzugehen.

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„36 isteine schöne Zahl“, argumentiert der künstlerische Leiter des Projekts 36 der Fotokunstschule Stuttgart, Antonino Zambito zunächst den ungewöhnlichen Arbeitstitel.

36 Bilder habe der klassische Kleinbildfilm mit dem gearbeitet werden sollte. Ein Film der den Bildern einen warmen Farbton also eine Wohlfühlatmosphäre gebe. Ein Gegensatz zum Thema Vorurteile, den diese seien nicht unbedingt warm.

DSC_0198Dennoch beschreibt Rolf Graser, Geschäftsführer des Forum der Kulturen Stuttgart e.V. in seinem Grußwort Vorurteile als „Meistgeteilte“ Sache der Welt. „Wir stecken die Mitmenschen zu gerne in Schubladen und sagen typisch deutsch, typisch …“. Doch die Allgemeinheit sei eben nicht typisch.

„Miteinander ohne Vorurteile“, ist dann auch ein Motto der diesjährigen Veranstaltungsreihe des Forums der Kulturen.

36 Künstler haben sich der Aufgabe gestellt ganz klassische Alltagssituationen aufs Kleinbild zu bannen. Situationen, so erklärt Zambito, in die sich einfach jeder Betrachter hineindenken kann, da wir diese alle selbst schon erlebt haben. „Situationen eben, die Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Alter oder ihrer Sozalsituation teilen“.

Der Spaziergang mit der Familie durch den Schnee, mit Freunden beim Kochen oder wie Kinder ihre Welt entdecken, sind nur einige der auf DinA 3 aufgezogenen Motive.

DSC_0204Graser sieht in dem nach seiner Sicht gelungenen Projekt, dessen Ergebnisse sich durchaus sehen lassen könnten eine wichtige gesellschaftspolitische Aufgabe. Denn laut einer aktuellen Umfrage, zitiert er, finden 47 Prozent der Deutschen, dass zu viele Ausländer in Deutschland leben.

Eine Aussage, die den Stuttgarter als solchen auch ein wenig zum schmunzeln einlädt. Leben in der württembergischen Landeshauptstadt doch knapp 40 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund. Und gerade von diesen werden derartige Aussagen am häufigsten gebraucht.

Abgerundet wurde die Vernissage mit Leckereien aus Mocambique und Uruguay. Die Bilder sind nun bis zum 4. September im Erdgeschoss des Stuttgarter Rathauses zu sehen.

Affe müsste man sein

15. Mai 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

Stuttgarter Wilhelma eröffnet Affentempel

Am Dienstag, den 14. Mai 2013 konnte nach durch einige Verzögerungen bedingter dreijähriger Bauzeit endlich der Schlüssel für das neue Menschenaffenhaus in der Stuttgarter Wilhelma übergeben werden.

Nun ist so eine Schlüsselübergabe an sich nichts besonderes. Jeden Tag finden überall irgendwo im Land solche Schlüsselübergaben an mehr oder weniger bedeutsamen Orten statt, deren Wertigkeit auch jeder für sich selbst ermessen mag. Selbst Affenhäuser gibt es hierzulande schon einige: Oft nichtmal nur in diversen Zoos. Meist passt so ein Schlüssel dann auch in kein Schloss dieser Welt. Er ist lediglich ein Symbol. Nur ein Objekt, eigens für die zum Anlass „Übergabe“ erschienenen Fotografen konzipiert.

In diesem Fall übergeben vom baden-württembergischen Finanzminister Dr. Nils Schmidt als Vertreter des Bauherrn dem Land Baden-Württemberg, an Professor Dieter Jauch den Direktor der Wilhelma des zoologisch-botanischen Garten in Stuttgart. Ein Symbol eben.

Und doch schließt dieser Schlüssel. Zunächst jedoch einmal etwas ab.

Im Fall des Menschen.Affen.Haus! So grauenhaft sperrig konstruiert der die Veranstaltung bewerbende Titel für Stuttgarts neuen Affentempel, zieht der Schlüssel einen Schlussstrich unter die knapp siebenjährige Planungs- und Bauphase dieses Projekts, dass mit 14 Millionen geplant, am Ende doch immense 22 Millionen Euro verschlang.

In das von allen Beteiligten mit großem Eifer begonnene Projekt, ein Menschenaffenhaus mit Freigehege für zwei Affenarten, dem westlichen Flachlandgorilla (lat. Gorilla gorilla gorilla) und der Zwergschimpansenart, dem Bonobo (lat. Pan paniscus) zu gestalten, man will in der Wilhelma zukünftig geographisch gliedern, daher bleiben die Orang Utans vorerst, wo sie sind, kehrte rasch Ernüchterung ein. Was in der Ansprache des Zoodirektors mit einem, „möge das Land die Vergabepraxen für seine Bauvorhaben zukünftig überdenken, denn nicht immer ist billig auch gleich gut“, nur leicht gestreift wird, zeugt von erbittert geführten Kämpfen mit diversen Handwerkerfirmen, die oft erst gar nicht auf der Baustelle erscheinen oder sich plötzlich auf ihre künstlerischen Wurzeln besinnenden Architekten. Deren Arbeit dann von Pflegern und Kuratoren zwar verwundert bestaunt, praktisch jedoch nicht nachvollzogen werden kann. Gut gemeinte Einsparvorschläge von der einen Seite führen so umgehend, als wär´s die Beweisführung einer schrägen Chaostheorie, zu Kostenexplosionen an anderen Stellen. Wo Fenster eingespart werden sollten müssen dann Lampen als Ersatz herhalten. Die Positionen der Durchschlupfluken bedingen nun Kameras. etc. So sah sich Kuratorin Dr. Marianne Holtkötter angesprochen auf die für diverse Transportkisten viel zu engen Pflegergänge plötzlich mit Architektenausagen konfrontiert wie, „auf meinem Plan hat das funktioniert“. Und ähnliche Geschichten, die den Alltag heutiger Großprojekte begleiten.

Für den gut informierten Zuhörer fördert diese an sich quälende Stehparty mit ihren vielen politischen Statements in der heißen Nachmittagssonne Mitte Mai, an solchen Orten wird unter den strengen Augen des fleißig Häppchen arrangierenden Personals die Langeweile geboren, noch manches Detail zutage. Während zeitgleich vor dem Haupteingang eine kleine Abordnung der Tierrechtsorganisation PETA ihrem Unmut darüber Luft macht, dass Wildtiere nicht in den Zoo gehören.

Die beiden Affenarten scheinen sich derweil in der neuen Anlage betreut von vielen Händen, die jede Bewegung ihrer Pfleglinge mit großer Nervosität verfolgen, in ihrer neuen weitläufigen Innenanlage recht wohl zu fühlen. Wie ein das Projekt seit dem Tierumzug Betreuender Biologe der Uni Tübingen, der emsig jede Bewegung eines jeden einzelnen Tieres immer wieder neu notiert, bestätigt.

Nur Kibo, der 160 Kilo schwere Silberrücken zeigt zu den Probeläufen mit Publikum, der Previewveranstalung für die Mitglieder des Fördervereins, die haben immerhin 9,5 Millionen zu den Kosten des Hauses beigesteuert, kurz vor der offiziellen Eröffnung eine ähnliche Nervosität wie seine Pflegerin die Revierleitung Bea Jarczewski. Die sich wohl zum x-ten Mal über nicht funktionierende WC-Spülungen und anderen Kleinkram ärgert und ist wie auch der Chef der Gorillagruppe in einem fort unterwegs. Kibo jedoch weitestgehend um seine kleine neunköpfige Mannschaft, die sich nun über  600 Quadratmetern Innengehegefläche verteilt, alle gleichermaßen mit seiner Präsenz zu beehren. Die Bonobos gehen den ersten Besucheransturm indes weit gelassener an. Nach einigen lautstarken Begrüßungssprüngen gegen die Panzerglasscheiben begleitet von lautem Geschrei, die neue Anlage ist nach oben hin offen, so dass die Tiere nun auch im für Bonobos zwar typischen, für unsereiner Ohren jedoch nur schwer erträglichen sehr lautstarken Originalton gehört und gerochen werden können, was natürlich auch für die andere Seite der Scheibe gilt, ziehen sie sich größtenteils wieder auf ihre Schlafplätze zurück oder popeln genussvoll in der Nase.

So ist man trotz des recht kurzfristig anberaumten Termins, am 14.5. hatte der Finanzminister eben gerade Zeit, froh dass mit dem Schlüssel, der nach der Ansprache das Haus in der Tat endgültig für den Besucher öffnet, nun endlich der Alltag in dieses Haus einkehren und Besucher, Pfleger und Affen ihrer ganz natürlichen Bestimmung nachgehen können.

Auch wenn die Pfleger ob des kurzfristig anberaumten Datums noch ein wenig murren. Gerne hätten diese noch ein wenig mehr Zeit für sich und die Eingewöhnung der Tiere im neuen Haus gehabt. Vieles musste nun noch schnellschnell erledigt und dabei der Pfleger auch mal zu Bauarbeiter werden. Die Aussenanlage ist vorerst noch gesperrt. Das Grünzeug muss erst noch anwachsen um vor den erkundungsfreudigen Affen auch bestehen zu können. Zu gerne würden diese sonst wohl den frisch ausgelegten Rollrasen wieder zusammenrollen.

Das Publikum indes lobt die gelungene Innenanlage. Viel Beton sei es zwar, wenn auch mit viel Grünzeug kaschiert, immer noch, aber gibt es doch über Multimedia-Tools und viel Beschreibungen an den Wänden noch allerlei spannende Zusatzinformationen, die dem interessierten Besucher den Affenalltag und wichtig auch die Situation in deren Heimat, näher bringen. Wie ein Großteil der Besucher darauf kommt den Beton grün streichen zu wollen bleibt oft auch denselben ein Rätsel. Vielleicht auch als Anlehnung an das alte Affenhaus.

Die Kritiken am alten Affenhaus, Baujahr 1973 hat den auch den Ausschlag zum Bau der neuen Anlage gegeben. Die so genannte Badezimmerarchitektur, grün geflieste Innenräume mit metallenen Kletterstangen war zwar wunderbar zu reinigen, stieß optisch aber auf immer stärkere Ablehnung. Da sich die Tierhaltung allgemein seit den 70ern auch ganz enorm verändert hatte. Die Idee eben Menschenaffen im Zoo selbst aufzuziehen ist nämlich noch gar nicht so alt.

Für die Wilhelma sollte es zunächst auf jeden Fall ein größeres Haus sein. Daraus wurde dann eines bei dem sich selbst die Pfleger mit viel Leibe zum Detail und jeder Menge sehr persönlicher Anschauungsmaterialien und Zitaten, die dem Besucher diese ungewöhnliche Materie näherbringen ebenso einbrachten. Das derzeit modernste und auch teuerste Affenhaus überhaupt. Immerhin kann die Wilhelma bis heute auf ganze 55 Jahre Menschenaffenhaltung zurückblicken in denen viel Erfahrung gesammelt wurde.

Vom Beginn der Affenhaltung in einer Holzbarrake, über die kurzzeitige Aussenstation im Kaufhaus Breuninger 1965, Breuninger hatte die beiden ersten Gorillas der Wilhelma gestiftet und diese bis zur Fertigstellung der Wilhelmaanlage in einer eigenen Anlage in seinem Kaufhaus untergebracht, wie zahlreiche Bilder das belegen. Das damalige Gorillakind Mimi ist immer noch Bewohnerin der Wilhelma und mittlerweile schon 50 Jahre alt. Auch Porträts in Bild und Text, der tierischen Bewohner können vom Besucher eingesehen werden. Die Bilder der Schaufütterung der Seelöwen mit Ex-Zirkusschimpansin Sonny gingen damals um die Welt.

Auch die Aufzuchtstation für junge verwaiste Flachlandgorillas, der Affenkindergarten, einzigartig in Europa ist nun im neuen Haus integriert. Begonnen hatte dies im Wohnzimmer des ersten Pflegerpaares. Von der Aufzuchtstation wird heute per Blog und Videoereignisstagebuch, eine Initiative der Affenpfleger, ständig informiert, denn die Zoos die ihre Tiere notgedrungen und nur sehr ungern aus den Händen gegeben haben wollen natürlich immer auf dem Laufenden gehalten werden, wie es ihren kleinen Sorgenkindern ergeht. Zumal die Babyaffen wie aktuell Tano schon einen gewaltigen Fanclub mitbringen.

So dass sich der Besucher in einer kleinen Expedition ins Reich der Menschenaffen hinenträumen kann, denn Affe müsste man sein. Wie einige der Besucher bemerken.

Stuttgarter OB-Wahl 2012 Nachlese

22. Oktober 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Nun wissen wir, dass das Experiment der etablierten Parteien angesichts der angespannten politischen Situation parteilose und Fremde zu den Wahlen vorzuschicken gründlich in die Hose gegangen ist. 
Wahlgewinner und damit vierter Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart ab 2013 ist der Grüne Fritz Kuhn mit knapp 53 Prozent der Stimmen geworden. Sein Christdemokratischer Herausforderer der parteilose Sebastian Turner hatte noch 45 Prozent erreicht. Da war für die verbliebenen sieben Kandidaten so gut wie nichts mehr übrig geblieben.
Damit ist auch einer der skurrilsten Wahlkämpfe in der Stuttgarter Geschichte zu Ende gegangen. Und auch hier haben wirs gesehen. Am Ende hat das bekanntere Gesicht gewonnen. Kuhn!

Kann ein Mensch die Schallmauer durchbrechen

14. Oktober 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Kann eigentlich einer die Schallmauer durchbrechen wenn er zwar schnell ist, dabei aber eigentlich gar kein Geräusch verursacht?
Die Aktion ist bekannt und seit Tagen reden die Medien von nichts anderem. Der Extremsportler Felix Baumgartner lässt sich in einer an einem Wetterballon befestigten Raumkapsel auf knapp 40 Kilometer Höhe über dem Meeresspiegel ziehen. Bekleidet mit einem Druckanzug möchte er dort oben rausspringen um so durch diese enorme Höhe genug Geschwindigkeit aufnehmen zu können um die Schallgeschwindigkeit zu erreichen. Das ganze Spektakel wird ausgerichtet und finanziert vom österreichischen Limohersteller Red Bull der sich durch das Sponsoring derartiger Events ebenfalls einen Namen gemacht hat. Immerhin kostet der ganze Spaß knapp 50 Millionen Euro. Soweit die Theorie.
Beim Expertengedöns zu der langen, mehrere Stunden dauernden, Auffahrt tauchen Fragen der Dauerquasselnden NASen-Weisen auf.
Wird ihm beim Durchbrechen der Schallmauer das Genick brechen? Wohl eher nicht. Ein Flugzeug zerbröselt deswegen auch nicht. Die Schallmauer ist ja keine echte Mauer.
Wird er beim Eintritt in die Erdatmosphäre gar verbrennen/zerschellen wenn er den richtigen Winkel verfehlt? Er ist schließlich kein riesiges Raumschiff.
Wird er ins All abgetrieben? Da oben ist ja die Schwerkraft aufgehoben blabla. Die Erdanziehungskraft nimmt lediglich proportional zur Entfernung von der Erde ab und ist sicher irgendwann in bestimmter Entfernung zur Erde eine vernachlässigbare Größe, aber sie entfällt nicht. Also wird er wohl wie vorgesehen zur Erde zurückplumpsen. Was passieren kann ist wohl, dass ein Astronaut der weit genug von der Erde entfernt ist, also auch deutlich weiter wie 40 Kilometer, von einem anderen Planeten beispielsweise von der großen Anziehung der Sonne erfasst wird und letztlich darauf fällt. Die ISS-Raumstation muss ja genauso wie die vielen tausend Satelliten immer mal wieder per Nachbrenner ihr Tempo erhöhen um nicht abzustürzen.
Womit sich auch gleich noch eine weitere Frage beantwortet. Echte Schwerelosigkeit gibt es nicht. Sondern immer nur die, die auf der ISS dadurch erzeugt wird, dass die Erdanziehungskraft durch die Zentrifugalkraft der um die Erde rasenden Station vorübergehend aufgehoben wird. Bis die ISS durch den Luftwiderstand wieder ein wenig langsamer wird und dadurch auch gleich sinkt und so wieder beschleunigt werden muss.
Alles Fragen, die im Grund mit ein bisschen Allgemeinwissen und dem gesunden Menschenverstand beantwortet werden können, liebe NASAnauten.
Bis auf eben die eine:
Kann Baumgartner überhaupt die Schallmauer durchbrochen haben? Damit soll seine Leistung nicht geschmälert werden. Bei einer Geschwindigkeit von 1.357,6 km/h hat er die Schallgeschwindigkeit von 1.235 km/h auf jeden Fall erreicht und auch seine anderen Rekorde seien ihm herzlich gegönnt. Trotzdem bleibt die Frage nach dem Durchbrechen der Schallmauer.
Ein Düsenjet ist ziemlich laut. Dieses Flugzeug erzeugt also in jedem Fall Schall womit es wenn es die Schallgeschwindigkeit überschreitet die eigens erzeugten Schallwellen überholt und damit eben bricht. Wenn aber eine Person eingemummelt in einen dicken Raumanzug sich aus einer Kapsel fallen lässt in der Pathos oder auch Angstscheieie nicht nach Aussen dringen können kann dann überhaupt Schall und damit eine Schallwelle entstehen, die er einholen könnte? Und wie laut muss Schall für einen so lauten Knall wieder sein?

Das Dilemma des zweiten Wahlgangs

9. Oktober 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Stuttgart hat gewählt und nun liegt das offizielle amtliche Endergebnis vor. Der Grüne Kandidat Fritz Kuhn (36,5 Prozent) führt mit exakt zwei Prozentpunkten vor dem parteilosen Herausforderer der Fraktion aus CDU, Freie Wähler und FDP, Sebastian Turner. Die Parteilose SPD-Frau Bettina Wilhelm hat mit 15,1 Prozent das historisch schlechteste Ergebnis für die SPD eingefahren. SÖS-Kandidat Hannes Rockenbauch hat 10,4 Prozent bekommen.
Womit immerhin gleich vier der 14 OB-Kandidaten recht hohe Ergebnisse erzielt haben. Da keiner der Kandidaten damit eine absolute Mehrheit, also über 50 Prozent, erreicht hat wird es am 21. Oktober zur Stichwahl kommen bei der dann die einfache Mehrheit genügt.
Damit fängt aber das eigentliche Stuttgarter Wahldebakel meist erst an. Denn seit dem Beginn freier Wahlen in Stuttgart stehen sich SPD und die Grünen hier selbst im Wege.
Ab dem zweiten Weltkrieg hat der parteilose Arnulf Klett 30 Jahre lang quasi konkurrenzlos die Landeshauptstadt Stuttgart regiert und sie zu dem geformt was sie heute ist. Der Autostadt Stuttgart. Ab 1974 regierte dann mit Manfred Rommel ein Christdemokrat. Der Sohn vom legendären Wüstenfuchs hatte sein Handwerk beim Ministerpräsidenten Filbinger gelernt.
Schon damals wegen der Querelen der SPD chancenlos: Ökologe Helmut Palmer auch bekannt als der Remstalrebell und Vater vom Grünen Tübinger OB Boris Palmer. Immer wieder probierte es der Grüne Rezzo Schlauch. Mal unterlag er Manfred Rommel, mal seinem Ziehsohn und Nachfolger Wolfgang Schuster. Auch der Grüne Boris Palmer scheiterte an Wolfgang Schuster.
Jedoch unterlag die Konkurrenz zu den Christdemokraten immer aus einem und demselben Grund. Die SPD wollte ihre meist eher aussichtslosen Kandidaten, ob nun Dieter Spöri, Ulrich Maurer oder Ute Kumpf nicht zurückziehen und auch um keinen Preis der Welt eine Wahlempfehlung an die Grüne Konkurrenz abgeben. Man konnte sich einfach niemals einig werden. Dabei hätte es gemeinsam wohl schon nach Klett gelangt die CDU zu verhindern.
Sollte man sich dieses mal verständigen können? Die Zeichen dafür stehen im Grunde recht gut. Damit würden die Grünen die CDU sowohl aus dem Gemeinderat wie auch aus dem Landtag und von der Stadtspitze erfolgreich verdrängt haben.
Doch nun einige Tage nach der Wahl wollen weder SÖS noch SPD eine Wahlempfehlung für den Grünen Kandidaten Kuhn an ihre Wähler abgeben. Mal wieder…
Auch die Kanzlerin selbst hatte am Freitagnachmittag bei strömendem Regen gegen das Bollwerk der Stuttgart 21 Gegner anzubrüllen versucht. Ob ihre beiden Sätzchen vom tollen fortschrittlichen Bahnhof angesichts des eher vernichtenden Gutachtens über das Sicherheitskonzept der neuen Anlage, Turner eine Hilfe ist darf abzuwarten sein.
Am 22. werden wir wissen ob nun ein Turner oder Kuhn Stuttgart regieren werden. Bis dahin können die Kandidaten noch einmal versuchen die Stuttgarter Wählerschaft von ihren Qualitäten zu überzeugen.
Was besser ist wird sich dann zeigen.

OB-Wahlen in Stuttgart (Neu-Absurdistan) 2012

3. Oktober 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Am 7. Oktober wird in Stuttgart wieder einmal der Oberbürgermeister gewählt, denn der alte Hinterzimmerhero Dr. Wolfgang Schuster hört nach 16 Jahren auf. Freiwillig und endlich möchte der eine oder andere denken. Denn besonders repräsentativ wirkte der Rommel-Ziehsohn nie. Nun solls ab 2013 ein Neuer richten.
Erstaunlich lange war hierzu seitens der Stadt selbst recht wenig zu vernehmen. Nirgendwo waren Kandidatenlisten zu finden. Was ist los mit den Hauptstadtfunktionären, fragte man sich schon. Verschläft das Schwaben-Metropolis etwa seine eigenen OB-Wahlen?
Erst knapp sechs Wochen vor den Wahlen kommt Bewegung in die Angelegenheit. Dabei schaut doch gerade nach dem S21-Debakel im Oktober 2010 und der darauf folgenden verlorenen Regierungsmehrheit der Christdemokratie die ganze Welt nach Stuttgart. Zu den Wutbürgern. Ob sie wieder mal für ne heftige Schlagzeile gut sind.
Außerdem wird der hiesige OB für immerhin ganze acht Jahre gewählt und hat als Häuptling der Landeshauptstadt hinter dem Ministerpräsidenten den heftigsten Einfluss. Dem sollte sich eine Partei doch schon mit etwas mehr Anstrengung widmen.

Okay, die bisher federführende Partei musste selbige in jüngerer Zeit gewaltig lassen. Hatte sie doch nach etlichen durch den Alt-Ministerpräsidenten Stefan Mappus verursachte größere und kleinere Skandale nach knapp 60 Jahren erstmalig die Regierungsgeschäfte des Landes Baden-Württemberg ausgerechnet dem grünen Erzrivalen überlassen müssen. Da kann die Organisation des alten Stuttgarter-Parteifilzes schon mal ins Stocken geraten.

Doch auch bei den anderen Parteien tat man sch lange Zeit mit der Kandidatenfindung schwer.
War der Stuttgarter Wähler von den bisherigen Wahlen immer einen haushohen lokalen Favoriten der Christdemokraten gewohnt, mit dem natürlich auch zahlreiche Glücksritter von den Grünen oder der SPD ins Feld zogen, so sind nun nicht einmal mehr die klassischen üblichen Verdächtigen der Christen oder Sozen auf dem Papier zu finden.

Die beispielsweise die etablierten Kronprinzen der Stuttgarter CDU, wie Michael Föll oder Susanne Eisenmann. Wo sind sie abgeblieben?
Eisenmann, so erfährt man auf Nachfrage immerhin, hat zugunsten des Singener Ex-Oberbürgermeisters und Ex-Sozialministers Andreas Renner auf eine eigene Kandidatur verzichtet. Und gerade die wäre für uns Cannstatter wenigstens wählbar gewesen.

Im Nachhinein vielleicht eine eher blöde Entscheidung. Schließlich ist Renner seit er mit Aussagen wie – „Der Busch gehört abgeschossen“. Oder auf die Intervention des katholischen Bischofs Gebhard Fürst zu seiner Schirmherrschaft über den Stuttgarter Christopher Street Day (CSD) 2005: „Halten sie sich da raus, fangen sie doch erst einmal damit an Kinder zu zeugen“ – bei den Konservativen der CDU eher unbeliebt. Dieses Gespräch mit Fürst hatte ihm seinerzeit auch schon den Ministersessel gekostet. Denn den Bischof widersprechen, nach dem dieser ihn extra zu sich zitiert hatte, das geht im Ländle nun gar nicht.

Was erstaunlich ist. Denn der Fürst würde bei mir selbst maximal ins Ranking langweiligster Mensch der Welt aufgenommen. Aber für die Regierung scheint er so etwas wie der heimliche Ministerpräsident auf Lebenszeit zu sein.

Stuttgarts Noch-OB Wolfgang Schuster hatte mit seinen Getreuen auf Renners Bewerbung umgehend ein Verfahren wegen angeblichen Titelmissbrauchs angestrengt, wodurch der gegen den Gegenkandidaten Sebastian Turner verlor seine Kandidatur zurückzog.
Ohnehin hat der „offiziell parteilose“ Sebastian Turner auch bekannt als Ex-Chef der Berliner Werbeagentur Scholz & Partner bei den Konservativen Christdemokraten einen Stein im Brett. Nicht nur wegen diverser Werbegeschichten im Auftrag der CDU.
„Das neue Herz Europas“. Worums dabei ging muss Stuttgartern gegenüber nicht erst genauer erklärt werden. Oder auch das gute, alte: Wir können alles außer Hochdeutsch!
Außerdem fungierte Turner noch als Vorstand einer Berliner Wissenschaftsstiftung die eher dafür bekannt ist massiv Regierungsgelder zu verbrennen.
Aber für die CDU gilt: Hauptsache Kuhn verhindern.
Turners Papi Georg war als langjähriger Rektor der Uni Hohenheim auch einer der besten Kumpels vom Ex-OB Manfred Rommel. Und Rommel, der Sohn vom Wüstenfuchs ist zwar schwer krank, auch heute noch eine Art Übervater der Württembergischen Landes-CDU. Muss man mehr sagen… Ohne seinen Filz funktioniert die Regierung in Stuttgart eben nicht (seufz).
Turner turnt sich indes munter durch seinen Wahlkampf. Er hat das größte Wahlkampfbudget, die größten Plakate und fällt auch dabei immer wieder durch undurchsichtige Spendenpraktiken und ähnliche krumme Geschichten – CDU eben – auf.
Die Brezelmafia, wird sein Wahlkampfumfeld scherzhaft genannt.
Turner hat jedoch längst nicht alle CDUler hinter sich.

Nun ist die CDU wohl noch traumatisiert nach ihrem Landtagswahlverlust und damit dem Ende der CDU-Ära nach 60 Jahren und der Mappus Affäre. Die Oppositionsrolle hat sie dabei noch immer nicht so richtig angenommen. Nur CDU-Geschäftsführer Haug scheint sich darin einigermaßen zu finden. Er schießt immer wieder gerne Giftpfeile auf die Grün-Rote Regierungsbank ab. Aber sonst Schweigen im schwarzen Walde.

Die SPD bringt indes eine Frau auf die Liste. Bettina Wilhelm, eine erste Bürgermeisterin aus Schwäbisch Hall. Auch sie ist parteilos, denn die SPD hat offensichtlich keine lokalen Resourcen mehr. Die üblichen Verdächtigen sind zu alt oder auch zu sehr im städtischen Filz verstrickt um sich heuer aus der Deckung zu wagen. Schließlich hat sich auch die SPD bei der Bahnhofsgeschichte nicht gerade mit Ruhm bekleckern können. Zu brav standen sie in Stadtdingen bisher an der Seite der CDU.

Es ist ein Feiglingswahlkampf.

Dennoch versteht es Frau Wilhelm hervorragend in den grusligsten SPD-Disziplinen hervorragend zu glänzen. Ahnungslos und bar jedes innerstädtischen Wissens wirft sie grenzenlos naiv mit linken Worthülsen um sich ohne diese auch nur unbeabsichtigt mit Inhalten füllen zu wollen. Nah näher am nächsten am Bürger, will sie sein, ein neuer Poltikstil prägen, genau hinschauen, offen sein, will sie. „Ich glaube dass das wirklich schon gefragt ist“. „Bin eher Fachpolitikerin bildungspolitisch frauenpolitisch und so Gendersachen. Es ist ein anderer Weg. Soziale Gerechtigkeit. Glaube dass es gut ist wenn jemand kommt der nicht so stark gebunden ist“, blubbert sie. Wilhelm konnte auch keine Frage zu Stuttgart beantworten. Nur gebetsmühlenartig Stadtentwicklung habe ich schon immer begrüßt…nehme Volksabstimmung sehr ernst obwohl…
Es ist ein Schlingerkurs nicht dafür aber dagegen. Eine Inkarnation der Zerrissenheit, nennt das Taz-Chefin Ines Pohl, da Wilhelm auch nicht gerade durch Lokalwissen glänzt. Eher durch grenzenlose Naivität was wir so ja schon von der SPD-Frau Ute Vogt kennen. Auch ihre vielbeschworene Rathauskompetenz lässt sie nicht durchblicken.
Ohnehin hatte die SPD in Stuttgart noch nie das große sagen. Meist stellten ja die Grünen dem direkten Gegenkandidaten zu Rommel oder Schuster auf.

Die Grünen selber bringen mit Fritz Kuhn ihren obersten Stinkstiefel aus Berlin, der in seinen Reden immer den Eindruck hinterlässt, als hätte er eine durch einen gewaltigen Migrationshintergrund bedingte Sprachbarriere und könne noch nicht einmal einen ordentlichen deutschen Satz aussprechen. Dabei ist er eigentlich ein Sprachwissenschaftler aus dem Allgäu. Er wirbt mit dem durch seine simple Aussage etwas verwirrenden Plakatslogan „Ich bin für Stuttgart“. Hamburg wäre auch ein bisschen seltsam gewesen, lästert man. Was ihm laut Umfragen jedoch die meisten Stimmen einbringen könnte. Auch bei den Grünen hats irgendwie nicht für einen regionalen Kandidaten gereicht. Die haben wohl alle Ressourcen in den Landtag gesteckt.
Aber der wichtigste Slogan ist auch hier: Turner verhindern.

Man hat als Stuttgarter Bürger also einmal mehr wieder die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Unter den 14 Kandidaten fürs OB Amt sind dennoch einige interessante Köpfe zu finden. Hannes Rockenbauch ist der jüngste Kandidat und bekannt als Kopf der Stuttgart 21 Bewegung. Ein quasi Ziehsohn von S21-Querkopf Gangolf Socker.
Ein weiterer ist der Künstler Jens Loewe, der auch wieder über so eine Spartengruppe, das Wasserforum bekannt ist.
Harald Hermann ein Beamter für EDV-Kram tritt für die Priatenpartei an. Er wirkt eher langweilig und frustriert.
Ulrich Weiler ein Bürokrator der zumindest zum Ende seiner Antrittsrede, nachdem er seine ganzen Titel und Ausbildungen heruntergezählt hat, seinen Staub aus der Kapuze schüttelt und auffordert die Berliner wieder in ihr Berlin zurückzuschicken.
Markus Vogt tritt für die Partei an mit der originellen Idee durch eine Flutung Stuttgarts den Kopfbahnhof tiefer zu legen und damit zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.

Was neu ist an diesem Wahlkampf: Die offen zur Schau gestellte Aggressivität der S21-Gegner gegen alle Kandidaten. Erstmalig sehe ich Stuttgarter Bürger Wahlplakate anspucken und zerstören und das sogar offen und mit großem Stolz.

Aktuell führt der Kuhn die Statistiken an. Mal sehen wer gewinnt. Stuttgart hat den Oberbürgermeister aber zumindest nach meinem Wissen noch nie im ersten Wahlgang bekommen. So wird wohl alles auf den zweiten Wahlgang ab 21. Oktober hinauslaufen zudem dann dem entsprechenden Kandidaten die einfache Mehrheit reicht.
Es bleibt lustig. Und wirft tatsächlich die Frage in den Raum: Können wir alles außer Wählen? Wir werden sehen.