Das Erfurt Massaker – Ein Beispiel für eine neue Zeiterscheinung? – Einer “Kunst des Wegsehens”

23. Juli 2003 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

Das Erfurter Schulmassaker des vergangenen Jahres, am 26. April 2002 als ein der Schule verwiesener Schüler insgesamt 17 Schüler und Lehrer erschossen hatte, hat uns ein Jahr danach eine durch das Fernsehen gehende Gedenkfeier mit unserem großen deutschen Betroffenheitsführer und Bundespräsidenten Johannes „die Träne“ Rau beschert, aus der einmal mehr nichts weiter gelernt wurde außer dem kollektiven Wegsehen.

Das ganze Übel ist schließlich das dem folgende klassische Szenario. Die Floskeln, wie: „In Trauer vereint“, „Das Böse, das in Gestalt von … über uns gekommen ist“ und jeder, der nur halbwegs kontrovers ist wird als Gewaltmensch geschnitten. Das ist dann echte Konfliktbewältigung im 21. Jahrhundert. Man reißt die Gräben noch weiter auf, versucht erziehungstechnisch umgehend noch viel größere Distanzen zwischen einfachen Schülern aufzubauen, auf das sie sich noch heftiger meiden und ausgrenzen können als bisher, nur damit irgend welche lustig, primitiven Ideen der klassischen erwachsenen Bildungswelt in Punkto Ameisenkolonie besser durchgesetzt werden können. Wir feiern das Wegsehen damit eigentlich geradezu.
Natürlich ist dieses Massaker ein Anlass zur Trauer gewesen. Aber unfassbar? Wenn man nur ein wenig darüber nachdenkt, war es das sicherlich nicht. Einem halbwegs aufgeschlossenen Menschen brennt bei dieser Situation doch die Frage auf den Lippen, wie es hierzu kommen konnte. Robert Steinhäuser war ein Außenseiter, hieß es. Einer eben, der wie so viele, ganz bewusst ausgegrenzt wurde. Die Schule, seine Mitschüler, hat das zugelassen. Es ist ja so einfach, Dinge, die ich nicht haben will werden weggesperrt oder man trennt sich davon. Nicht, dass hier ein solches Massaker gerechtfertigt werden soll. Es geht um den zwischenmenschlichen Aspekt im allgemeinen, wozu diese Begebenheit nur einen traurigen Höhepunkt darstellt. Rektorin wie Schüler, und der Bundespräsident sowieso sind lediglich kollektiv schockiert. Das ist für konfliktbereite, offene Menschen aber eigentlich viel zu wenig. Wobei Konfliktbereitschaft in unserer Gesellschaft schon wieder als gefährlich gilt. Zu Beginn unseres Magazins Text vom 01.10.2000 haben wir uns diesem Fall schon einmal angenommen. Wie wird aber nun mit dieser Sache „Erfurt“ umgegangen! Gewaltvideos und auch Filme gleichen Inhalts sollen einmal mehr wieder verboten werden. Aber sind es wirklich die Filme, die uns zur Gewalt animieren? Tausende Kinder sehen oder spielen diese Spiele jeden Tag und drehen nicht gleich völlig durch. Man müsste dann ja auf jeden Künstler, Schriftsteller oder Regisseur losgehen, der sich dieses Themas angenommen hat. Womit wir wieder beim schon einmal angeschnittenen Thema, unserem Umgang mit der Toleranz Text vom 28.12.2002 wären. Ist die Realität nicht so viel besser? Zum Krieg gegen irgend ein „böses“ Dritte Welt Land dürfen wir uns jederzeit freiwillig melden.
Allerdings dürfen wir diese Problematik auch nicht derart einseitig betrachten. So sehr es uns als philosophisch denkende Menschen sonst auch Spaß macht den Sinn hinter diesen verballhornten Lösungsansätzen unserer politologischen Entscheidungsträger hervorzuziehen. Das ganze hat eben noch eine ganz andere Seite. Die eben des Umgangs mit unseren Aggressionen. Aggressiv, oder auch wütend sind wir meist nicht zu unrecht. Der Körper rüstet sich zum Angriff. Und wir brauchen unsere Wut und Aggression um uns in der Gesellschaft, „dem Großstadtdschungel“, oder „dem Haifischbecken“ des eigenen Umfeldes zu behaupten. Nur diese Wut kann hier durchaus variieren und gesteuert werden. Und wo genau sollte man uns dies beibringen? An dem Ort, wo man uns auf das spätere Leben vorbereitet. Der Schule. Eigentlich ist genau das doch die primäre Aufgabe der Lehrer, eben unsere Energien in die richtigen Bahnen zu lenken, so dass sie Gesellschafts- und oder Gesetzeskonform angewandt werden können. Wie und wann fahre ich meine Ellenbogen aus? Was sind Probleme, die mich direkt betreffen? Was sind die Konsequenzen und nicht nur die negativen hiervon? Das blaue Auge eines Mitschülers darf mir durchaus schon einmal egal sein, bevor ich mir das Butterbrot klauen lasse. Lernen wir das heute in der Schule, oder bringt uns Onkel Rau hier vielleicht eher das Gegenteil, diesen sinnlosen sozialpädagogisch weichgespülten Nonsens bei.
Was wäre den das Ergebnis eines völlig angepassten, quasi mit den Methoden der heutigen Schulausbildung ruhiggestellten Menschen? Stellen wir uns diesen Menschen doch einmal bildlich vor. Emotionslos wäre er. Zerfressen von Selbstzweifeln nicht in der Lage auch nur eine Einzige Entscheidung, die sein Leben positiv beeinflussen könnte selbstständig zu treffen. Er wäre nicht kommunikations- und schon gar nicht diskussions-, eben absolut nicht konfliktfähig. Damit letzten Endes aber auch Zeugungsunfähig. Und einer von zahllosen Sozialschmarotzern, die mit 20 berufsunfähig und Dauerpatienten der Psychiatrie sind, weil ein Kollege sie beim Daimler am Fließband im vorbeilaufen geschubst hat.
Ein solcher Mensch greift nach jedem Strohalm, der sich ihm bietet. Auch wenn seine Vaterfigur dann ein Videospiel wird. Die NPD hat dies schon lange begriffen und angelt sich gerade diese wunderschön dankbaren, beliebig formbaren führerlosen Menschen, die eben nicht in der Lage sind auf eigenen Beinen zu stehen.
Erfurt und unsere Bundesträne sorgen dafür, dass dies in den nächsten Jahren getrost so weitergehen kann.

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Was ist Breitensport

13. Juli 2003 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

Der Breitensport ist wie man weiß der Sport für Jedermann. Er dient der allgemeinen Fitness, der körperlichen Ertüchtigung oder dazu sich einfach nur ein paar Jahre mehr für Arbeit und Enkelkinder herauszukitzeln. Repräsentiert wird der Breitensport heute durch eine große Anzahl überbezahlter Tunichtgute, die ihren Sport, zu Belustigung und Motivation der Massen „Brot und Spiele“ wie es so schön heißt, an bestimmten Sportfesten, den sogenannten „Großevents“ zur Schau stellen.
Eines dieser Großevents wird dieser Tage 100 Jahre alt. Die „Tour de France“.

Ein derartiges Ereignis wirkt sich auf den klassischen Breitensport in oft haarsträubendsten Formen aus. Einige Passanten trauen sich zu den „Tour de France Wochen“ schon gar nicht mehr vor ihre Haustüre. Mit gutem Grund: Denn so bald sie während der Tour de France mit einem Fahrrad irgendwo in Westeuropa von A nach B durch den schönen Sonnenschein radeln, können sie sicher sein, von irgend welchen Freaks mit Fragen zur „Tour“, belästigt zu werden. Von der sie in der Regel absolut keine Ahnung haben. Eben weil es sie einfach nicht interessiert, wenn irgend welche quietschbunt gekleideten Hampelmänner stundenlang schwitzend und mit heraushängender Zunge wie ein Bernhardiner, durch die herunterknallende französische Sommersonne hecheln.
Nahezu jeder Mann, so scheint es zumindest, muss während dieser Zeit irgend einem inneren Zwang folgend, seinen Bierbauch in irgend welche farblich absolut indiskutablen, wenigstens zwei Nummern zu kleine, Radfahrertrikots zwängen. Dabei hat man als Passant dann das zweifelhafte Vergnügen, die ganze Hässlichkeit eines Telekom- oder Bianchi- Original-Rennradlertrikots einmal aus nächster Nähe bewundern zu können. Hautenge Trikots in den Farben rosarot, oder türkis, lila und knallbunt oder anderen, den offensichtlich sehr speziellen Modevorstellungen von Fahrrad-Strampelanzug-Designern folgend, in denen man sich selbst höchstens stockbesoffen oder zum Fasching und auch dann nur wenn man irgend eine blödsinnige Wette verloren hat auf die Straße wagen würde. Sonst aber für kein Geld der Welt. Und von solcherart trikottragenden Typen möchte man dann auch möglichst nicht angesprochen werden. Man könnte dabei ja von irgend einem gesehen werden, der einen erkennt.
Aber völlig egal. Signalisieren sie, dass sie heute keine Kommunikation wünschen, oder lassen sie sich auf´s T-Shirt drucken, dass sie während der Tour de France keine Fragen rund ums Fahrradfahren beantworten wollen. Es nutzt nichts. An irgend einer roten Ampel hat sie irgend so ein schnaufender Affe garantiert eingeholt. Weil sie auf dem Fahrrad sitzen, es dummerweise neu aussieht, weil sie es gestern mal wieder geputzt haben (einer der Hauptfehler zur „Tour de France Zeit“). Dann geht es auch schon los. „Tolles Rad … Tour de France gesehen? …  Geil nicht … unser Ulrich wieder … Glauben sie, dass er dieses Jahr gewinnt, oder der Ami wieder, oder Mc Gee?“ Was weiß denn ich? Und vor allem, was sind das für Typen von denen der spricht? Oder sind es vielleicht die Namen irgend welcher Fitnessriegel, Ersatzteilhersteller oder den Fahrerteams? Wie gesagt es nützt nichts, auch wenn ihnen der Geduldsfaden längst schon gerissen ist. Sie müssen Antworten, sonst werden sie diese nervige Klette nie los. Also drehen sie sich um und schreien einem kleinen, fetten, bärtigen Babymonster in einer rosafarbenen Wurstpelle ihren ganzen Ärger ins Gesicht, dass sie hohl, mit treudoof, leerem Blick unter seinem Telekom – Radhelm hervor anblickt.
„Der Ulrich wird nicht gewinnen. Der Ulrich ist viel zu fett. Außerdem ist er drogensüchtig. Und wer zum Frühstück kalte Nudeln isst hat das auch nicht anders verdient“.
Dann radeln sie weiter. Und werden unterwegs noch ständig zu blödsinnigen Radrennen mitten durch die Fußgängerzonen der Innenstadt zur Hauptgeschäftszeit, wo ohnehin schon ein Schnarchsack über den anderen stolpert, aufgefordert. Den Sieger und auch das Rennende ermitteln dann zwei freundliche Beamte von der Polizeihundestaffel. Haben sie das dann mit allen Formalitäten hinter sich gebracht steht ihnen immer noch der Weg nach Hause bevor.
Und auch da kann es ihnen noch passieren, dass irgend ein begeisterter „Tour de France Gucker“ versucht ihnen eine halbe Stunde lang sein Vorderrad zwischen die Pobacken zu drücken, um das tolle Kraftsparende Windschattenfahren mal auszutesten. Avancen, die sie nur durch eine abrupte Vollbremsung, oder einen gezielten Ellenbogenschlag beenden können. Um von vorneherein deutlich zu machen, dass Radfahrer auch während der Tour de France kein Freiwild sind.
Danach beschließen auch sie für die nächsten Wochen ihre Türe zu verbarrikadieren oder mit der Straßenbahn zu fahren um vor einer weiteren Welle des Breitensports in Deutschland verschont zu werden.

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