60 Jahre Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz

7. Februar 2005 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
60 Jahre ist es nunmehr her, seit die ehemalige Sowjetarmee das NS-Vernichtungslager im polnischen Auschwitz befreit hat. Was haben wir nun letztlich aus diesem dunklen Fleck deutscher Geschichte gelernt? Wie das in den letzten Jahren so oft von der Politprominenz aller Couleur gefordert war. Im Grunde nichts. Auch diese Forderungen entpuppen sich bei näherer Betrachtung der Situation wie so oft als kollektive Heuchelei, bloße Lippenbekenntnisse an die eigene Adresse, sich möglichst still zu verhalten. Um sich wenigstens den Anschein einer ernst zu nehmenden Besserung der Situation zu geben.
Auf der anderen Seite steht, ob hierin wirklich zu lernen ist. Seit der Rede des Bundespräsidenten Horst Köhler vor der Knesset, dem israelischen Parlament, vor einigen Tagen, wissen wir einmal mehr bestätigt, was wir eigentlich schon immer über das deutsch-israelische Verhältnis auf Seiten der Politik (zum Glück ist unser persönliches Verhältnis etwas aufgeklärter) wussten. „Wir vergessen und vergeben nicht. Auch in 1 000 Jahren nicht“, vergaß man auch dieses mal nicht Köhler das alte Izaak-Rabin-Zitat an den Kopf zu werfen, um so gleich für klare Verhältnisse zu sorgen. Also wofür lernen? Wenn wir schon bei der ewigen, deutsch-israelischen, Kollektivschuldfrage sind –  was können wir heute eigentlich für die Fehler, oder Taten unserer Großväter? Sofern diese überhaupt am Holocaust beteiligt waren und die hohe Zahl von sechs Millionen ermordeter Juden heute, vor dem Hintergrund dass es nach der jüdischen Bevölkerungsstatistik vor 1933 (14,4 M.) weltweit etwa genauso viele Juden gab wie nach 1946 (13,6 M.), höchst fragwürdig erscheint. Aber das ist ein anderes Thema. Warum sollten wir, als die Enkelgeneration, uns diesen Schuh heute noch anziehen?
Verhalten wir uns, politisch betrachtet, heute wirklich so viel anders wie zur NS-Zeit? Nach 60 Jahren erklärt uns in Deutschland schon wieder eine Regierung, allen voran deren Kanzler was wir zu denken haben und welche Gedanken er als meist nur auf Außenwirkung bedachter Populist, ganz im speziellen nicht wünscht. Seine Konsequenzen sind, zugegeben allerdings weit weniger beängstigend als vor 60 Jahren. Meist ein beleidigter Gesichtsausdruck und die schon obligatorische Rücktrittsdrohung. Wurde einst wegen des autoritären Führungsstils der NSDAP die Redefreiheit im Parlament eingeführt, um zu garantieren, dass keine Volksmeinung mehr unterdrückt wird, so wird dieser Tage in Regierungskreisen überlegt dieses Recht gerade wegen der rechts orientierten Parteien wieder abzuschaffen. Wieder wollen wir also den Vertretern eines bestimmten Bevölkerungsanteils den Mund verbieten. Der regierungsseitige Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Bundesbürger ist unter Rot/Grün ohnehin so intensiv wie lange nicht mehr.
Eigentlich ist die Situation lediglich ins Gegenteil verkehrt worden. Getreu Robert Brownings Zitat aus Bischoph Blowgrams Appology, „Wir nannten das Schachbrett weiß nun nennen wir es schwarz“, stecken wir  schon wieder im trüben Sumpf der Meinungszensur fest. Können wir einfach nicht anders? Ist es uns einfach nicht gegeben mit Meinungen umzugehen? Haben wir den Titel: Land der Dichter und Denker so überhaupt noch verdient? Statt dessen heucheln wir kollektive Betroffenheit und unterdrücken aus Angst vor dem Ausland jedes auch nur annähernd nationale Gefühl. Wir haben den ganzen reaktionären Müll nicht verarbeitet, sondern ihn einfach nur umgekehrt und jagen jetzt alles was auch nur den Geruch nach Deutschtum hat. Der Begriff “Made in Germany“ ist für manchen Politiker schon ein rotes Tuch. Wie so oft hängen wir unseren Mantel wieder in den Mainstream, anstatt zu einer neutralen Position zu gelangen von der aus wir zu einem gerechtfertigten Urteil über Rechts und Links kommen könnten. Letztlich ist festzustellen, dass es im Grunde schon immer so war. Aus Angst vor dem Klerus, dem Adel, oder wer auch immer gerade an der Regierung war wurde denselben nach dem Mund geredet. „Wes Brot ich ess des Lied ich sing“. Wenn man überleben wollte. Sollten wir heute, unter von der Verfassung vorgegebenen Meinungsfreiheit, diesen Berg nicht endlich einmal überwinden können? Vernunft orientierten Politikern sollte es doch ein leichtes sein, zu ergründen, warum heute wieder gerne rechts gewählt wird und diese Positionen in ihren Programmpapieren entsprechend korrigieren. Oder gehört sich Fehler einzugestehen nicht mehr zum Politikum? Dann hätten wir wirklich gar nichts gelernt.

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