Was habe ich von Religionen

22. August 2000 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Das Christentum – Juden, Katholiken, Protestanten, der Islam usw. Die Idee an sich ist 2000 Jahre alt. trotzdem funktioniert sie immer noch. Engel-Teufel, Himmel-Hölle; Hauptsache man ist nie selbst für das verantwortlich was man tut.

Dem armen Arbeitnehmer von heute erzählt man zwar nicht mehr er müsse arbeiten um seine schmutzige Seele reinzuwaschen, aber das klerikale Gerücht, dass er dereinst im Himmel für seine Dummheit, sein selbst für Chef wegzuschmeißen belohnt wird. Der Chef der Böse kommt dafür garantiert in die Hölle. Das Fegefeuer ist ihm sicher. Und wer organisiert das alles? Gott, der Liebe?! Aber wer hat da nicht sofort die so rührselige Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus parat?
Hat da nicht eher der gläubige Arbeitnehmer einen kräftigen Arschtritt verdient? Er hat ja im Prinzip den ihm von Gott gelassenen freien Willen weggeworfen – für die Kirche.

Auch dazu findet man ein Gleichnis in der Bibel. Das von dem Herrn, der seinen drei Knechten irgendwelche Pfunde gibt, die sie vermehren sollen. Da geht das arme Schwein am Ende leer aus.

Ja, die Kirche hat wirklich für jeden etwas auf Lager, Hauptsache er spendet.

Dabei sind Kirchen lediglich imaginär. Traumwelten eben!

Genauso wie ich mich als Autor dazu bekennen muss gute 70% meines bisherigen Lebens mit imaginären Personen zugebracht zu haben (wenigstens hab ich die selber erfunden), liest der Andere Bücher, sieht Fern, spielt am PC oder woanders rum… Oder geht in die Kirche wo er hautnah mit den ersten und ältesten nicht real existierenden Personen konfrontiert wird. Auf dieser Basis ist jeder Mensch ob gläubig oder nicht gleich. Wer hat den je den Himmel gesehen oder war mit einer göttlichen Eingebung gesegnet? Ich meine jetzt außer LSD oder ähnlichen Trips. Wobei unsereins natürlich viel zu unwichtig ist um mit so was konfrontiert zu werden. Derartiges muss man schon diversen Gurus überlassen oder dem Papst. Aber glauben kann ich an sich auch der Bild-Zeitung.

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Warum manche Studien einfach bescheuert sind

13. August 2000 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

Andrew Buchanan Professor der Physiologie in Glasgow z.B. führte die Linkshändigkeit auf die Leber, die ja unser größtes und schwerstes Organ ist zurück. Diese liegt normalerweise rechts von der Körpermitte. Damit ist, so Buchanan, auch der Schwerpunkt des Körpers dort. Seine Theorie: Um dieses Ungleichgewicht auszugleichen würden wir immer leicht linksgeneigt unser linkes Bein als Standbein benutzen. Dadurch hat die rechte Hand mehr Handlungsfreiheit. Bei Linkshändern habe sich dieser Schwerpunkt durch situs inversus (umgekehrte Lage der inneren Organe) zur anderen Seite hin verschoben.

Warum auch nicht? Es gibt ja nur zwei oder drei Menschen auf der Welt mit situs inversus. Gegen etwa zehn Prozent der Weltbevölkerung die sich als Linkshänder verstehen.

Daher eine Eigenstudie!

Fett, Eiweiß, Kohlenhydrate. Die Zauberworte des modernen Leistungssports. Ja, es gibt auch noch was anderes außer Doping.

Warum z.B. nimmt ein Radsportler nur so dummes Zeug wie kalte Nudeln zu sich?

Er braucht Eiweißstoffe einfach nicht mehr, weil der langjährige intelligente Radler weiß dass er diese wichtigen Stoffe aus der Luft erhält. Das Äther hält sie für den gemeinen Radler in Form von Fliegen in Massen bereit. Benötigt er viele fährt er einfach nur schneller und sperrt den Mund weiter auf. Es sollen sogar schon manche an der Menge der kleinen schwarzen Proteinbomben erstickt sein.

Das erklärt uns auch warum manche Motorradfahrer mit der Zeit immer fetter  werden. Die fahren, schaut man nur Mal genauer hin, sicher alle ohne Mundschutz. Visier offen oder nicht, die kleinen Proteinbiester sind dafür gezüchtet, es ist deren genetisch bedingte Aufgabe Zweiradfrahren in den Mund zu krabbeln. Und je schneller es im Sommer geht… Es ist also auf gar  keinen Fall immer das böse Bier. Zeug mit dem so viel Sportwerbung gemacht wird, aus dem saubersten Brauwasser überhaupt, das kann nicht ungesund sein.

Eindrücke von Ecuador Tag 16 bis 20

5. August 2000 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Tag 16: Samstag, der 5. August 2000 Am Strand
Ich habe einen Moskito auf meinem Zimmer der seinen Heimvorteil gnadenlos ausnutzt. Ich sehe ihn einfach nicht. Bin glaube ich dreimal gestochen und schon lange nicht mehr sehr von meinem vom Apotheker empfohlenen Moskitoschutzgel überzeugt.
Außerdem schwitze ich damit und es führt zu Hautreizungen. Hautpflege, Hautschutz, auch wenn’s auf der Flasche steht. Wer’s glauben mag. Dem werde ich was erzählen, dem Apothekerkerl. Aber nun möchte der neue Tag gestartet werden. Ja, und ich bin wieder dabei, wie schon seit insgesamt 9 996 Tagen.
Auf was man in schlaflosen Nächten alles kommt. Sind es wirklich bald 10 000 Tage? Das Müsste dann eigentlich gefeiert werden. Wird der Mensch also so 82 Jahre alt, hat er genau 30 000 Tage erlebt.
Es sieht vom Zimmer her furchtbar diesig aus heute morgen. Ich werde mit einem bisschen Frühsport den Tag beginnen. Aber nur ein wenig, dann raus hier. Vor dem Frühstück knalle ich mich noch schnell in die warmen Wellen des Pazifik. Der Strand ist voller kleiner, roter Landkrabben, die sich beim näher kommen sofort in ihre kleine Löcher im Sand zurückziehen. Es ist eine Herausforderung, sie auf dem Weg zum Wasser vor sich her zu jagen, und die paar, welche bis zur Wasserlinie kein Loch gefunden haben dort an der Linie, wo sie sich drohend auf die Hinterbeine stellen und einem ihre Scheren entgegen strecken, zu stellen. Sie lassen sich sogar auf die Hand nehmen. Ihre Zwicker sind eigentlich kaum zu spüren. Ich verbringe den Tag heute eigentlich ausschließlich damit am Strand entlang zu wandern, oder zu baden.
Tag 17: Sonntag, der 6. August 2000 Die Stadt Playas
Heute sehen wir uns das Städtchen Playas an. Das ist nun ganz der Süden Amerikas, wie man ihn von den verschiedensten Berichten her kennt. Das Leben findet eigentlich ausschließlich auf der Straße statt. Wir besuchen die klassischen Kneipen mit der zu lauten Musik. Auch wenn es nun keine Andenflöten mehr sind, sondern modernste Popmusik. Trotzdem treibt es mich in die Flucht. Ich will meine Ruhe haben beim Essen. Bin ohnehin nicht mehr gerade allzu Lärmresistent. Nicht nach drei Wochen Andenheino Dauerbeschallung im Bus. Die Mädels haben sich dessen Kassetten gekauft. Auch ein paar klassisch südamerikanische Discos besuchen wir. Irgendwie sind uns die Südamerikaner modisch ein wenig voraus. Allerdings wiederum um Welten moderner als Nordamerika. Wieder sehen wir Häuserwände, die komplette Werbeflächen sind. Überall wird verkauft und zum Vergnügen finden Hahnekämpfe statt. Auf einem Hartplatz ein Fußballspiel, dass von den Zuschauern wie in einem Stadion umstanden wird. Eine junge Dame möchte mich unbedingt kennen lernen, behauptet der Reiseführer. Welche das sei erzählt er allerdings nicht und ich stehe hierin auf dem Schlauch, da ich in Playas bisher mit so gut wie jeder geflirtet und dabei ordentlich gebechert habe. Ich knalle mich am Nachmittag noch mal in die Wellen des Pazifik, bevor wir uns am Abend noch einmal in die City aufmachen.
Tag 18: Montag, der 7. August 2000 Rückflug von Guayaquil nach Quito
Wir fahren nach Guayaquil, der mit inoffiziell 2,6 Millionen Einwohnern eigentlich größten Stadt in Ecuador, die auch den schönsten Friedhof Südamerikas haben soll.
Heute gilt es den Bus aus zu räumen und für den Rückflug zu packen. Denn wir fliegen schon am Morgen nach Quito zurück. Ich lasse fast meine gesamten Klamotten im Hotelzimmer in Playas zurück. Schließlich muss ich meine ganzen Einkäufe irgendwo unterbringen. Wir haben, da unser eigentlicher Flug bereits voll ist, dann aber doch noch Zeit ein wenig zum frühstücken und uns in Guayaquil noch ein wenig die Beine zu vertreten. Das sei normal in Ecuador, dass hier der Flieger zuerst mit den Passagieren voll gemacht wird, die anwesend sind. Gebucht oder nicht. Um elf Uhr startet dann unser Flieger nach Quito.
Noch einmal Quito
Nach der Landung fahren wir mit einigen Taxen wieder in unser altbekanntes Hotel Quito zurück. Er riecht noch immer nach Fisch im Foyer. Zurück auf der Plaza de la Independencia vor der Kathedrale, dem prunkvollen Bischofssitz mit dem Sarkophag des Nationalhelden Sucre nehmen wir gemütlich noch ein zweites, verspätetes Frühstück ein und machen dann eine Art Mittagspause, bei der jeder wieder auf eigene Faust losschlendern kann.
Auch Quitos Altstadt ist seit 1979 zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt worden. Für bestimmte Stadteile gibt es hier sogar Vorschriften, wie diese gestrichen werden müssen um ihren ganz speziellen Kolonialstil zu erhalten. Ich sehe mir die riesigen Kirchenbauten an. Beeindruckend ist schon alleine der Blick in die San Francisco Kirche. Der größten, schönsten und ältesten Kirche Südamerikas, so die Aussagen der Einwohner. Mit ihrem Bau war bereits 1535 begonnen worden. Bauzeit insgesamt 70 Jahre. Ihr Inneres ist mit fünf Tonnen Blattgold ausgekleidet worden. Sie steht wie die meisten Kirchen Südamerikas auf den Ruinen eines Inkagebäudes, hier des Herrschaftssitzes des vorletzten Inkakönigs Huayna Capac. Um 14 Uhr treffen wir uns dann wieder zu einer letzten Tour mit Hans Eiperle durch die Hauptstadt. Wir schlendern durch die historische Altstadt und sehen uns den kolonialen Städtebau an. Streng nach dem Reißbrettschema, ohne Rücksicht auf die geologischen Gegebenheiten wurde hier drauflos gebaut. So finden sich überall über Berg und Tal schnurgerade Gassen und Straßenzüge in denen auch die Häuser immer nach dem selben Schema gebaut sind. Und in der selben Farbe getüncht. Entweder blaue Fensterrahmen und ein weißes Haus oder umgekehrt. Eine Sehenswürdigkeit ist auch die Schutzheilige von Quito. Die etwas missratene Engelsfigur auf einem der umliegenden Vulkankegel wird spöttisch auch als die kranke Schwester des heiligen Georg bezeichnet. Am Abend feiern wir noch ein wenig unseren Abschied von Ecuador, unserem Reiseteam und der Andenmusik. Dann geht es zurück ins Quito.
Tag 19: Dienstag, der  8. August 2000 Der Rückflug ins Chaos
War ich mit der Anreise nach Ecuador abgesehen von der langen Reisezeit noch sehr zufrieden, so gestaltet sich der Rückflug nun zum absoluten Chaostrip. Um fünf Uhr am Morgen brechen von unserem Hotel zum Flughafen auf. Unsere offizielle Startzeit nach Bogota, der ersten Zwischenstation war 7.40 Uhr. Wirklich gestartet sind wir dann aber schon um sieben Uhr. Dafür sitzen wir dann in Bogota fest, den unser Anschlussflug nach Frankfurt geht nicht wie erwartet um 11.30 Uhr ab sondern wie wir bei der Landung um 9.15 Uhr erfahren erst um 14.30 Uhr. Also ein wenig Bogota ansehen. Wenigstens ein paar wenige Schritte vom Flughafen weg. Die anderen Lesen oder Schlafen. Der Flug verspätet sich dann noch einmal auf 14.50 Uhr. Gegen halb vier Nachmittags kommen wir dann endlich hier weg. Beim Zwischenstop in San Juan (Puerto Rico) wird es auch schon Nacht. Dort müssen wir alle erst einmal aussteigen, dürfen dann nach fünf Minuten aber wieder in das Flugzeug zurück. Eine Stunde später gegen 19 Uhr fliegen wir dann nach Richtung Frankfurt am Main ab. Endlich in Frankfurt angekommen wollen wir gerade aussteigen, da bittet man uns noch einmal Platz zu nehmen. Uns wurde ein anderes Gate zugeteilt. Ist es weil unsere rot-weiße Avianca nicht neben zwei weiß-grünen Maschinen stehen soll?  Also warten wir wieder ein knappe Stunde auf das Abschleppfahrzeug, das uns zum richtigen Gate zieht, wo wir dann offiziell auch aussteigen dürfen. Dann warten wir noch etwa zwei weitere Stunden am Band auf unser Gepäck. Es kommt die Durchsage, dass die Luke zugefrohren ist und erst aufgetaut werden müsse. Um 7 Uhr hätten wir da sein sollen, nun ist es 13 Uhr. Aber was macht das bei einer Gesamtreisezeit von 28 Stunden schon aus? Im ICE vom Flughafen Frankfurt nach Stuttgart über Mannheim 13.30 Uhr nach Mitteleuropäischer Zeit lacht vor mir unentwegt ein Mädchen. Dreimal „Hü“. Pause und wieder von vorn. Es ist eine bescheuerte Lache. Aber ich bin ja bald zu Hause.

Eindrücke von Ecuador Tag 15

4. August 2000 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Tag 15: Freitag, der 4. August 2000 Cuenca und der Verkehr
Cuenca ist eine klassische südamerikanische Großstadt. Mit Smog und dichtestem Autoverkehr. Es ist zwar nicht ganz so wie in der Hauptstadt Quito, wo die Einheimischen auf ihren besonders dichten Smog auch noch sehr stolz sind, aber auch hier können die Auswirkungen fehlender Umweltbestimmungen gerochen und gesehen werden. Wir sehen die tollkühnst, aufgemotzten Gefährte durch die Stadt rasen oder diverse fahrende Schrotthaufen an denen eigentlich nur noch der Motor irgendwie zu funktionieren scheint. Der Rest verschwindet in einer dunklen Rußwolke.
Heute morgen haben wir die erste Lebensmittelvergiftung in unserer Reisegruppe. Ich selber entschließe mich gegen meinen Durchfall von heute Morgen einmal das mitgebrachte Imodium-Akkut anzuwenden. Sei es auch nur, weil ich mir dieses Zeug, als einziges mitgebrachtes Päckchen, noch nicht eingeworfen habe. Zwei dieser grau-grünen Kapseln mit Wasser unzerkaut einnehmen – steht in der Anleitung. Ich werde mich hüten dieses Zeug zu zerkauen. Erfahrungsgemäß sind Arzneien meist keine großartigen Geschmacksbomben. Die Gegenanzeigen sind nichts Besonderes. Blähbauch, Verstopfung, Kopfschmerzen. Damit kann man leben. Habe ich ohnehin fast jeden Tag. Es ist sogar ein Heftchen dabei, das detailiert beschreibt, was bei Durchfall im Körper alles vorgehen soll. Als hätte einer seine Doktorarbeit über dieses höchst unappetitliche Thema sonst nirgendwo unterbringen können. Toll. Damit weiß ich dann alles über stinkigen, dünnen, unangenehmen Stuhl. Die Broschüre ist furchtbar langatmig geschrieben. Nach zwei Seiten Lektüre, nach denen ich zwar noch immer nicht viel über den Durchfall, dafür aber alles über die Macken des Autors weiß gebe ich da Lesen auf. Zeitverschwendung. Das (Durchfall) ist ein Zeichen sagt eine im Bus. Die Esoterik Frau. Und was für eines, denke ich. Mann kann es sogar riechen. Allerdings wir diesem Zeichen wohl niemand nachfolgen.
Ein letztes Mal durch das Hochgebirge
Unsere letzte Wanderung machen wir zu den 230 Seen. Einem Nationalpark wieder auf etwas mehr als 4 000 Höhenmetern. Es ist kalt und es regnet. Trotzdem wandern wir wieder so knappe fünf Stunden durch den Matsch. Sicher wäre diese ungewöhnlich bizarre Landschaft mit ihren vielem Pfützen und Tümpeln bei besserem Wetter eine tolle Gegend. Aber das Wetter ist in diesen Lagen immer so, klärt uns unser Reiseführer auf. Das Tageszeitenklima.
Hier in einer der südlichsten Regionen Ecuadors erwischt man also in der Regel kaum einen Tag an dem es nicht wenigtens sehr feucht ist. Unser Bus setzt uns dann am Straßenrand bei irgend einer Hütte ab. Wir können dort etwas essen heißt es. Essen! Wenn es sein muss. Allmählich ist der größte Teil unserer Reisegruppe darauf nicht mehr besonders scharf. Fast alle kämpfen sie mit ihren Mägen. Der Busfahrer muss nun noch unsere Magenverstimmung im Krankenhaus in Cuenca abholen. Das Essen in diesem kleinen mitten in der Pampa stehenden Lokals, ist wieder erwarten genießbar. Es gibt Forelle mit Reis oder Kartoffelsuppe. Ich bestelle zwei Kartoffelsuppen und danach auch noch den Fisch. Ich habe irgendwie gerade wieder Hunger. Ich beende das Essen mit einem Ecuador Pilsener. Der Bus kommt gegen halb vier wieder an unserer Kneipe vorbei und nun liegen noch einige Stunden Fahrt nach Playas bei Guayaquil, unserer letzten Station vor uns.
Fahrt nach Playas
Es geht bergab. Von 4 000 Metern zur Küste. Arme Ohren. Gegen 17 Uhr durchstoßen wir die Wolkendecke. Wir sehen schon wieder erste Palmen und es wird wärmer. Um 17.20 Uhr sind schon einzelne blaue Flecken im sonst üblichen Grau des ecuadorianischen Himmels zu entdecken. Sogar Vögel.
Aber Kondore sind es nicht. Wir sehen die Sonne. Eigentlich das erste mal seit wir in Ecuador sind, den bisher war es zwar warm aber immer auch recht diesig. Allmählich sieht es wieder aus wie im Dschungel. Es ist nur noch viel zu kalt. Dann viel später erkennen wir richtiges Gras. Nicht mehr länger die Pampasgrasbündel der Hochgebirge. Dann plötzlich Bananenplantagen soweit ich sehen kann. Wir zahlen 1 Dollar 20 Straßengebühr. Damit wären wir also im Tiefland in der Provinz Guayas an der Pazifikküste Ecuadors. Dem dritten und letzten Teil unserer Reise. Die Pazifikküste Ecuadors sind insgesamt 600 Kilometer Sandstrand. Nur ist das alles noch nicht besonders hübsch touristisch erschlossen. Was nicht unbedingt ein Nachteil sein muss. Hier an der Küste leben die meisten Einwohner von Ecuador. Interessant zu beobachten ist auch der Himmel, der nach Westen vom normalen Blau, zu einer mehr ins blaugrün gehenden Färbung wechselt. Wenn man ihn zwischen den Wolken gerade mal zu sehen bekommt. Die etwa zehn Bananenbarone die hier an der Küste in Guayaquil leben teilen sich etwa 90 Prozent des Landes untereinander auf. Ihre Familien stellen in der Regel auch die Präsidenten des Landes. Darum ist hier in der Provinz Guyas alles ein wenig teurer und luxuriöser als sonstwo in Ecuador. Auch die Mautgebühren eben. Überall am Straßenrand wird das Gras abgebrannt. Man riecht es. Es ist die einfachste und billigste Methode neues Ackerland zu erschließen, erklärt unser Reiseleiter. Die Reis- und Zuckerrohrfelder rechts und links der Straße sind von unserem Busfenster aus gar nicht einzusehen, so weit reichen sie. Bei den Bananenstauden; klärt unser Reiseführer uns auf, wird die Wurzel eingepflanzt. Drei Monate später wächst eine Staude, die nach zwei Jahren das erste mal Früchte trägt. An deren Seite wächst nach sechs Monaten eine nächste Staude heraus. Das geht fünf bis sechs mal also etwa elf Jahre lang gut für so eine Bananenpflanze. Jede drei Monate kann geerntet werden. Dann trägt sie keine Frucht mehr, wird weg gebrannt und die nächste Generation gepflanzt. Die Straße zur Küste entlang der endlosen Bananenplantagen wird nun sogar dreispurig.
In beide Richtungen. In der Mitte der Straße ein breiter Grasstreifen mit Bäumen und Palmen. Nach den Bananenplantagen folgt wieder eine endlose Wildnis aus Gräsern, Büschen und Bäumen. Es gibt auch Kühe. Die Flecktarnuniform der die Straße absperrenden Polizisten hat vom eintönigen schwarzweiß der Polizisten des Hochgebirges nach grün gewechselt. Dann wird es Nacht. Wir überqueren einen fünf Kilometer breiten Fluss über die Brücke der Einigkeit. Links davon leuchtet die Großstadt Guayaquil. Die Gegensätze zwischen Arm und Reich fallen hier besonders ins Auge. Banken und Einkaufszentren prägen das Stadtbild. Endlose Grundstücke hinter weiß oder gelb getünchten Mauern. Dann die Bretterbudendörfer der Arbeiter, die Slums direkt im Anschluss und alles ist riesengroß hier. Wie der Fluss. Pickups sind an der Küste beliebte Familientransportmittel. Es gibt sie hier auch als ausgewiesene Taxis. Die Straßensperren hier in der Stadt tragen weiße Uniformen und weiße Tropenhelme. Zahlen müssen wir trotzdem. Die Kirchen sind im Tiefland Ecuadors die einzigen Gebäude, die von der knallbunten Werbewut verschont bleiben. Sonst springt es einem von jeder Hauswand in die Augen. Maggi, Coca Cola, Pilsener und wieder Nebot. Gegen zehn Uhr am Abend erreichen wir Playas. Mein Zimmer Nummer 18 im Hotel Bellavista ist riesig und mein Urlaub geht dem Ende entgegen. Das Abendessen war einigermaßen. Das Pilsener dazu tröstet wie immer über vieles hinweg. Nach dem späten Essen war ich das erste mal am Pazifik. Es ist ein interessantes Gefühl, bei völliger Dunkelheit an einem unbekannten Strand auf die Wellen des Pazifik zulaufen. Nur auf das immer lauter werdende Rauschen hörend. Irgendwann ertaste ich mit meinen Füßen einen Holzsteg. Dort bin ich dann ganz vorne und kann in die nächtlichen schwarzen Wellen sehen. Um mich herum nur Rauschen und zirpen. Nie ist es ruhig hier.

Eindrücke von Ecuador Tag 14

3. August 2000 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Tag 14: Donnerstag, 3. August 2000 Der Markt in Cuenca
Als erste Aktion haben wir uns heute Morgen in einem Schreibwarengeschäft Karten von Ecuador besorgt um darauf unsere Reiseroute einzuzeichnen. Eine Aktion, die der Schreibwarenhändler wohl nicht wirklich begriffen hat.
Das Touristen zu ihm in den Laden kommen und ihm Geld für Landkarten anbieten, darauf war er überhaupt nicht eingestellt. Daher dauern die Preisverhandlungen auch entsprechend an. Als wir den Laden verlassen hängt er ein Schild mit dem Hinweis in sein Schaufenster, dass es bei ihm auch Landkarten in zwei Versionen zu kaufen gibt. Geschäftssinn haben diese Leute eben schon. Wir haben uns dann den Obstmarkt, wie auch den Blumen- und Fleischmarkt angesehen. Auf dem Obstmarkt habe ich mir Schokolade gekauft. Schokolade gibt es auf Ecuadors Märkten ausschließlich naturrein zu kaufen. Das sind dann meist unterschiedlich große Platten, die einfach nur auf einem Stück Alufolie ausgegossen werden und was dann erkaltet so auch in den Auslagen liegt. Nur ist Schokolade in dieser Form nicht in sehr großen Mengen genießbar da sie sehr bitter ist. Auch den berühmten Fleischmarkt in einer großen Halle haben wir uns, allerdings nur zu zweit angesehen. Diverse Tierteile und abgehäutete Kuhköpfe liegen hier in einem riesigen durcheinander auf dem Hallenboden, über die einfach hinweg gelatscht wird. Der Gestank von verwesendem Fleisch hängt in der Luft und überall, vorwiegend auf den blutenden Fleischbrocken sitzen zu tausenden die Fliegen. Diesen Tag heute können wir wieder ohne unseren Führer gestalten. Wir haben in gewisser Weise frei. Und das nutzen wir natürlich um die fremde Umgebung genaustens zu erforschen. Wir haben uns die riesigen Prachtkirchen in Cuenca angesehen und einfach so einmal eine Universität besucht. Die riesige „Neue Kathedrale“, deren Innenraum angeblich 10 000 Personen fassen soll war 1885 vom schwäbischen Ordensgeistlichen Johannes Baptist Stiehle erbaut worden. Die Philosophische Fakultät und ein College in das wir neugierig einfach mal hinein geschlendert sind sind die größten Ecuadors. Danach haben wir wieder die heimische Küche, dieses Mal vor allem die Backwaren getestet. Da hier für uns alles so spottbillig zu haben ist macht das Einkaufen und ausprobieren allmählich riesigen Spaß und fördert unseren Entdeckerdrang ungemein heraus.
Längst haben wir den US-Dollar nur noch in Reserve in unseren Brieftaschen und geben ungeniert sogar die eine oder andere Sucremünze im Wert von weit unter einem Cent aus. Zum Beispiel bekommt man hier in Cuencas Konditoreien bereits für 200 Sucre, das sind etwas weniger als ein Cent eine riesige Tüte Kekse. Kleinere Backwaren oder Brötchen sind schon für unter 100 Sucre zu haben. Der Sucre ist übrigens nach dem Staatsgründer Antonio Jose de Sucre y de Alcala, einem General benannt, der die Unabhängigkeit 1822 von den Spaniern für Ecuador erkämpft hatte und ein Weggefährte Simon Bolivars war. Dem späteren Präsidenten Boliviens. Seit 1822 bestimmen Putsche, Militärdiktaturen und mehr oder weniger demokratische Wahlen das chaotische politische Bild des Landes. Von denen der größte Teil der Bevölkerung eigentlich nichts hat. Sucre wurde zusammen mit Bolivar 1828 als Staatspräsidentenduo des damaligen Bolivien gestürzt und 1830 in Kolumbien nur 35 jährig ermordet.

Sonntag

2. August 2000 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Jean Luc

Ich stehe auf und gehe arbeiten.

Jeden Morgen tue ich das.

Ich gehe immer den selben Weg.

Man kennt mich schon.

In der Bäckerei nennt man mich beim Namen.

Ich nehme immer das selbe zum Frühstück.

Man braucht mir auf der Arbeit nichts zu sagen, ich bin immer am selben Platz
eingeteilt und mache alles so wie immer. Jeden Morgen tue ich das.

Ohne zu wissen warum.

Sonntags nicht.

Sonntags bleibe ich zu Haus.

Der Sonntag ist mein Ruhetag.

Sonntags ruhe ich mich von der Sinnlosigkeit meiner Arbeit aus.

Der Sonntag gehört mir.

Ich kann tun was ich will.

Sonntags kann ich mich selbst Verwirklichen.

Aber, was soll ich tun?

Was kann ich tun?

Was macht mir Spaß?

Ich habe nie darüber nachgedacht.

Ich stehe auf und gehe arbeiten.

Jeden Morgen tue ich das.

Ohne zu wissen warum.

Eindrücke von Ecuador Tag 13

2. August 2000 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Tag 13: Mittwoch 2. August 2000 Fahrt auf der steilsten Bahnstrecke der Welt
Ich habe diesmal meinen Schreibblock gleich mit in den Reiserucksack gepackt, um meine Eindrücke von der legendären Erlebniszugfahrt ab Riobamba möglichst direkt wiedergeben zu können. Die Zugfahrt von Riobamba nach Guayaquil gehört zu den absoluten Highlights einer Ecuador Reise. Den es handelt sich hierbei um die immerhin steilste Bahnstrecke der Welt. Sie windet sich insgesamt (auf der ganzen Strecke ist sie selten befahrbar) von Alausi bis Guayaquil von 2 356 Höhenmetern bis auf knapp Meereshöhe auf nur 130 Kilometern vom Hochgebirge herunter. Eine technische Meisterleistung der Ecuadorianischen Eisenbahn. Als wäre das alleine nicht schon Abenteuer genug kann man sich als Reisender, oder Tourist auf dieser Fahrt einfach auf das Wagendach setzen und von dort oben die Reise geniessen. Noch im Bahnhof von Riobamba, wo wir um sechs Uhr morgens zusteigen plumpst eine erste Touristin im Gedränge vom Dach herunter. Auf dem Rücken liegend schimpft die dralle Frau auf englisch laut vor sich hin. Niemand hört ihr zu.
Irgendwann sind alle Wagen zusammengekuppelt, die Lok endlich nach vorne an ihrem angestammten Platz gebracht und die Mitreisenden im oder auf dem Zug verstaut. Dann kommt der Zug langsam in Bewegung. Das zunehmende Lärmen der Zugmaschine vor uns und der beissende Dieselgestank lassen eher erahnen, dass wir das Bahnhofsgelände verlassen und auf die Strecke fahren.
Es ist bereits sechs Uhr 55. Die Strecke wird eingleisig und wir lassen die Ruinen der Vorstadt von Riobamba hinter uns. Verabschiedet von einem durchgeknallten Kalb, das wohl durch den Lärm des Zuges aufgeschreckt, blökend in einem Vorgarten im Viereck springt. Von überall her winkt man uns zu. Wir sind mit der riesigen Diesellok vor uns auch schwerlich zu überhören. Um sieben Uhr 35 entgleisen wir das erste Mal. An sich ein guter Schnitt bei einer bis zu achtstündigen Fahrt mit einem südamerikanischen Touristenzug. Und hier auch völlig normal. Zeit für ein kurze Pause um abzusteigen und ein paar Fotos von der Landschaft zu schiessen. Einige Kurven sind auf dieser Strecke extra mit einem Doppelgleisstück versehen, wie man das von unseren innerstädtischen Strassenbahnstrecken kennt.
Trotzdem entgleist die Lok noch oft genug. Aber mit ein bisschen hin und her rangieren oder ein paar tatkräftigen, englischen Touristen bekommt man das alles schon nach kurzer Zeit wieder in den Griff. Nach ein paar Minuten fahren wir weiter. Wir fahren an einem sehr gepflegten Friedhof, der komplett mit saubersten weissen Steinen ausgestattet ist vorbei. Friedhöfe sind in Südamerika oftmals schöner als die Wohnhäuser. Auf Religion und damit auch auf den Totenkult legt man hier den allergrößten Wert. Nicht umsonst besitzt die Küstenstadt Guayaquil den schönsten Friedhof Südamerikas. Weiter geht unsere Fahrt durch ein unwirtliches Sumpfgebiet. Begleitet von einer kleinen Öl-Pipeline und unserem Bus, der für den Fall der Fälle neben uns her fährt. Als würde fest damit gerechnet, dass jemand von uns vom Zugdach fällt. Automatisch denke ich an die Beschreibung in unserem Reiseführer. Dort heisst es unter Fahrt auf der legendären Zugstrecke von Riobamba nach Chan-Chan: „Die Zugreise geht zunächst durch das Gebiet der Colta Indianer und bietet wunderschöne Landschaftspanoramen. Ein Erlebnis ist die Überwindung der Teufelsnase in einer schroffen Gebirgswelt“. Doch so weit sind wir wohl noch nicht. Die Kühe stehen momentan noch bis zu den Kniegelenken im feuchten, kalten Sumpf und mir wird von dem Dieselqualm langsam aber bestimmt übel. Er brennt in Nase und Augen. Immer wieder schreiend bunt, die Wahlwerbung an den Häuserfassaden. Die Parteien bieten den Hausbesitzern oft sogar Komplettrenovierungen an, wenn sie dafür ihren Slogan oder Kandidaten auf die Hauswände schmieren dürfen. Daher kommt es auch, das der Name des vorletzten Staatspräsidenten Nebot noch immer blaugelb in riesigen Buchstaben von den Häuserwänden leuchtet, obwohl der längst schon von der Bevölkerung aus dem Parlament gejagt auf Sizilien sein Exil gefunden hat.
Es ist noch immer saukalt hier oben auf dem Zugdach. Gegen acht Uhr 30 bricht endlich die Sonne zwischen den Wolken hindurch. Schnell springt noch ein Trupp Bahnarbeiter zur Seite als wir um eine Kurve biegen. Allmählich schmerzt mir mein Rücken, da ich immer noch recht unbequem sitze. Immer wieder verzieren Reste von Papierdrachen die Stromleitungen neben den Gleisen.
Acht Uhr 55. Ein erster Halt im Städtchen Alausi. Ich nutze die Pause um ordentlich zu frühstücken. An einem der Stände habe ich einige Empanadas gekauft. Für geradezu lächerliches Geld und gleich fünf davon verdrückt. Empanadas sind in Fett frittierte Blätterteigtaschen mit Bananestücken im Inneren. Praktisch eine Art Apfelstrudel. Die Dinger schmecken auch etwas salzig. Frank aus unserer Reisegruppe findet sie zu trocken. Auf jeden Fall sind sie eine willkommene Abwechslung zu unserem dürftigen Hotelfrühstück. Überhaupt ist es in Ecuador sinnvoller auf Hotelessen ganz zu verzichten und sich bei den immer fast schon erschreckend günstigen Straßengarküchen zu bedienen. Hier hätte ich auch eine komplette Sau zum Frühstück haben können. Aber das kann ich mir ja noch für den Mittag aufheben. Um neun Uhr 10 bimmelt die Glocke zur Weiterfahrt. Wir steigen wieder auf unser Dach und weiter brettert der Zug durch die Landschaft.
Aus jeder Bretterbude, von jedem Acker winkt man uns zu. Ein Sitzkissen für das auf Dauer zum Sitzen doch recht unbequem werdende Wellblechdach des Zugwaggons auf dem wir sitzen kostet 20.000 Sucres was so in etwa 80 Cent sind. Fünf US-Dollar kostet die Zugführermütze. Ein Händler stolpert mit einem Handkorb auf dem Dach über unsere ausgestreckten Beine hinweg und verkauft Schokolade und Bier. Wir sitzen praktisch Rücken an Rücken dort oben und stützen uns mit den Füßen an einer Blechkante des Daches ab. Der Diesel ist nun nicht mehr ganz so laut. Vermutlich Gewöhnung. Aber wo ist den nun die Teufelsnase?
Dann ist es zehn Uhr. Es wird auch wärmer. Ich ziehe meinen dicken Wollpullover aus und creme mich ein. Die Sonnencreme hat Lichtschutzfaktor 25. Ich werde hier nie braun werden. Man sieht jetzt mehr Kühe und Esel an der Strecke. Davor waren es Kühe und Schafe. Dann Schweine und Schafe. Vermutlich ist das von Region zu Region verschieden. Von der morgendlichen Sumpflandschaft sind jetzt nur noch vereinzelte Grüppchen Schilfrohr übrig. Palmen und Eukalyptusbäume kündigen eine wärmere Region an. Um zehn Uhr 25 halten wir wieder an. Die Gleise sind durch einen Steinschlag verschüttet worden. Wir machen wieder Pause. Ein paar Minuten später kommt ein Raupenräumfahrzeug um die Felsnase und beginnt die Strecke vor uns wieder zu räumen.
Ich kaufe bei unserem fleißigen Händler auf dem Dach ein Bier. Einen US-Dollar für ein 0,33 Pilsener. Damit sind wir doch wieder fest in der Zivilisation. Deutlich erkennbar an den saftigen Touristenpreisen. Das letzte Ecuador Pilsener in einer halbliter Flasche hat mich in Otavalo nicht einmal 10 Cent gekostet. Aber das Bier hat tatsächlich noch angenehme Trinktemperatur und sogar Schraubverschluss.
Es wurde ja schon langweilig, ist neben mir die Reaktion auf den Steinschlag. Ich schreibe mir die Finger wund. Habe schon zwei Blätter gefüllt nur mit dieser Zugfahrt und für meine Nachbarn ist es langweilig. Nun gut, für Blinde ist so ziemlich alles langweilig. Wie muss es wirklich für Blinde sein? Dann führt die Strecke mitten durch irgend ein Dorf. Wir fahren auf vielleicht knapp 50 Zentimeter Abstand an Hauswänden, Balkonen und Fenstern vorbei.
Von den Balkonen aus ruft man uns freundlich zu. Unser nächster Halt ist etwa gegen elf Uhr. Dann geht es in eine Schlucht hinein. Wir umfahren einen Eucalyptuswald und ich zähle die sich danach allmählich abzeichnenden Flohbisse auf meinem Arm.
Um elf Uhr 30 Uhr sehen wir endlich die Teufelsnase. Wir fahren an deren steilen Felswand entlang abwärts. Immer tiefer geht es in eine Schlucht hinein. Dann hält plötzlich der Zug. Wir fahren rückwärts. Trotzdem geht es nicht zurück sondern noch weiter runter. Das Gleis ist jetzt neben uns. Es dauert eine Weile, bis ich das System durchschaue. Wir sind über eine Weiche gefahren und fahren nun rückwärts die Teufelsnase hinunter. Dann ist mit dem „Zickzackkurs die Teufelsnase hinunter“ also das gemeint! Ein Vorwärts und Rückwärts Rangieren bis der Fuß der Teufelsnase erreicht ist. Dort irgendwo in der Steilwand, wo uns der Himmel sehr viel näher scheint als die gute alte Erde, wo wohl gewiss niemand entkommen kann steigen die Fahrkartenkontrolleure zu uns aufs Dach. Die Tickets hat unser Reiseleiter weiter vorn. Wir fahren wieder vorwärts. Neben uns rostet ein älteres Gleisstück mit drei schrottreifen Waggons vor sich hin. Vermutlich ein ehemaliger Steinschlag. Wer will die auch an dieser Stelle bergen? Wir fahren an einem Ex Bahnhof vorbei. Genauer, den Ruinen einer ehemaligen Bahnstation. Einem Ex-Klo, das kein Dach und keine vordere Wand mehr besitzt, aber die weissen Schüsseln und Becken, wie auch die offenen Trennwände sind noch sehr gut zu erkennen. Wohl auch ein Steinschlag. Wie müssen sich die Bahntouristen damals gefühlt haben, als sie mitten im Geschäft plötzlich im Freien saßen?
Wir halten wieder vor einer abenteuerlichen Hängebrücke und werden von der Lok losgekuppelt. Wir sind der erste Wagen. Die Lok fährt nach einigem hin und her rangieren an uns vorbei. Was passiert jetzt? Sie kuppelt nun ganz hinten an.
Hier ist also unsere Reise Richtung Pazifik zu Ende und es geht die ganze Strecke wieder zurück. Es war von Beginn an nicht klar ob wir überhaupt fahren können. Nun ist es eben hier vor dieser Brücke zu Ende. Trotzdem passieren wir jetzt rückwärts die Brücke. Um eben von da aus wieder über die letzte Weiche zurück zu fahren. Es wird noch einmal angehalten damit man die Teufelsnasenstrecke fotografieren kann.
Wie beim Modellzug wird beim Überfahren der Weichen hier jedes mal angehalten und von Hand ein großer Hebel umgelegt der das Gleis umstellt. Es ist kurz nach ein Uhr Nachmittags, als wir alle wieder auf den Dach sitzen und den Weg zurück antreten.
Auf dem Rückweg nehme ich mir die Zeit einige Betrachtungen über meine Mitreisenden anzustellen. Da wäre zum einen Angelika, eine Kölnerin die nun in Berlin lebt: „Der Körper braucht… Die Lippen sollen… Das ist gut für den Arm… Da gibt es so Punkte… ich weiß auch nicht genau welche“. Sie praktiziert wie unschwer zu erraten ganzheitliche Medizin. Versteht es zwar irgendwie nicht wirklich sich selbst ganzheitlich zu verstehen, aber das ist alles auf jeden Fall total gut. Und immer wieder lustig mit ihr zu diskutieren. Auch wenn ihr Diskussionen mit überzeugten Realisten wie mir nicht gefallen.
Ebenfalls aus Berlin ist Irene. Mit knapp 50 die älteste in unserer Gruppe und eine typische Lehrerin. Was sie sagen möchte wäre bestimmt auch in einem einzigen Satz unter zu bringen. Um aber überhaupt einmal zu verstehen was sie mitteilen möchte muss man ihr mindestens zehn Minuten zugehört haben, wobei pro Bandwurmsatz oft drei- bis viermal das Wort Total fällt.
Dann Dagmar aus Düsseldorf, die als Übersetzerin für irgend einem Konzern arbeitet und sich gerade zur Stewardess ausbilden lässt. Sie prägte die lustige Standartfloskel „Ja, ne, nö“ und gibt einem das interessante Rätsel auf, wie viele Hemdchen, Pullover und Jacken am Körper übereinander geschichtet werden können. Das erste mal finde ich es völlig faszinierend einer Frau beim Ausziehen zuzusehen. Den wo sich bei diesen Russischen Holzpuppen recht gut das Ende abschätzen lässt, geht es hier noch scheinbar endlos weiter. Schicht auf Schicht, sozusagen.
Die anderen Mitglieder der Reisegruppe sind dann nicht so illustre Personen. Meist Lehrer. Wie Norbert aus Köln, Anett aus Dresden, Ira und Mareike. Ein Radiologe, der in der Schweiz lebt und Frank und Tamara ein Pärchen aus Karlsruhe.
Die endgültige Endstation für unsere Zugfahrt ist Guamal. Dort gabelt uns unser Bus wieder auf. Indichenas in bunten Trachten warten vor einer Bank auf ihr Geld. Eine Art Sozialhilfe für die Ärmsten Ecuadors. Wir fahren weiter in die Provinz Canari nach Ingapirca, wo wir die Überreste des alten Inka Sonnentempels besichtigen.
Zu Inkazeiten der zweitwichtigste Sonnentempel dieser Kultur.
Hier erlebt man, wie unser Reiseführer zu berichten weiß, heute die schönsten Sonnenuntergänge in Ecuador. Wohl einer der Gründe, warum die Inkas ihren Tempel genau hier bauten. Sicher ist diese ehemalige Tempelanlage sehr schön. Die Exakte Ausrichtung der Eingänge nach Osten. Das Sonnentempel Gebäude selbst mit den vier Wandnischen, die durch den Eingang von der Sonne angeleuchtet werden. Zu jeder der vier Jahreszeiten fällt das Sonnenlicht durch die Türe auf je eine der vier Nischen die früher wohl einmal irgend welchen Götterfiguren Platz geboten hatten. Damit wurden die Aussaat und Erntezeiten ermittelt. Vom Opferplatz ist noch ein mittelgroßer unförmiger Stein übrig. Der Haupteingang der Tempelanlage ist nach Süden ausgerichtet. Der Tempel selbst steht auf einem elliptischen mannshohen gemauerten Vorplatz von der Größe eines halben Fußballfeldes auf dem die Mauern des Tempelgebäudes exakt nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet sind. Rund um die Tempelanlage verteilt liegen die Wohn- und Arbeitsstätten der Inkas die hier, gemäß Historikervorstellung,  als eine Art Kommune gelebt haben müssen. An bestimmten Plätzen sind Tongefäße und Figuren hergestellt worden sogar an einem bestimmtem Platz bemalt, wovon ein Stein zeugt, in dessen verschiedenen Aushöhlungen die Farben für die Figuren und Gegenstände gemischt worden. Immer bevölkern Scharen von Restauratoren und Historiker den Platz, die in akribischer Kleinstarbeit Moose und Schimmel aus dem Mauerwerk entfernen. Danach fahren wir mit unserem Bus weiter nach Cuenca. Die Universitätsstadt Cuenca ist mit ihren 200 000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Ecuadors. Die Altstadt von Cuenca zählt wegen ihrer zahlreichen prächtigen gut erhaltenen Bauten aus der Kolonialzeit seit 1999 zum Weltkulturerbe der UNESCO. Wir steigen dort im Hotel mit dem imposanten Namen El Quicote ab. Zahlreiche Wandmalereien und Bilder vom Ritter von der traurigen Gestalt zieren die Wände des Hotelfoyers. Mein Hotelzimmer Nummer 213 in Cuenca ist allerdings ein rechtes Loch. Nicht einmal eine Klobürste finde ich und das einzige Fenster in meinem Zimmer geht auf den Hotelflur hinaus.

Wo bin ich?

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