Das Moralverständnis der Medien

12. April 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Journalist zu sein ist im Grunde genommen eine ehrenvolle Aufgabe. Als vierte Macht im Staate ist so ein Händler von Informationen aller Couleur nur seinem eigenen Gewissen verpflichtet. Dem Ethikunterricht wird daher in der Ausbildung besondere Aufmerksamkeit geschenkt.
Doch wie sieht es in der Realität aus? Journalisten haben einen miserablen Ruf als Störenfriede und besonders sensationsgeile Nervensägen, die für eine gute Story die eigene Großmutter verkaufen würden. Und diesen haben sie zurecht.
Doch woher kommt dieser Zwiespalt? Ist es weil wir Menschen, aufgewachsen in einer sozialen Gesellschaft, von klein auf in der Kunst der Heuchelei bestens geübt sind oder versaut man uns erst im Berufsleben?
Ich möchte an einem Beispiel die ganze Peinlichkeit des journalistischen Berufsstandes einmal veranschaulichen.
Als Urlaubsvertretung in einer städtischen Lokalredaktion ist man zunächst Läufer für den Ressortleiter. Der hat die lustigen Ideen hinsichtlich dessen was zur aktuellen Nachricht werden soll.
Dabei ist man von seinem Gewissen weitestgehend befreit und nur dem Ressortleiter „oder den Anzeigenkunden“ verpflichtet.
Da bei Lokalzeitungen im innerstädtischen Raum eine Hand die andere wäscht sind Firmen die mit ganzseitigen Anzeigen im Blatt werben von jeder Kritik ausgenommen. Mehr noch – jede Schnapsidee von deren Seite hat man möglichst ordentlich zu bewerben. Schließlich bedeutet eine Großanzeige großes Geld.
Sonst hat ein solcher Lokalredakteur auch schon genug damit zu tun sich bei den anderen Anzeigenkunden oder Gewerbetreibenden dafür zu rechtfertigen, warum über Schuhladen A gestern berichtet wurde aber über Metzger V schon die letzten drei Tage nicht mehr.
So hüten beide Kollegen des Ressorts überwiegend ihre Telefone.
In diesem Zuge nimmt man zahllose Anrufe von Bürgern mit zahllosen Ideen entgegen was gemäß deren Wunsch veröffentlicht werden soll. Die meisten dieser Anrufe wimmelt man wegen der zu aufwändigen Recherchearbeiten im Verhältnis für meist nur zur Randnotiz reichenden Meldung wieder ab.
So auch als ein mir eigentlich sympathischer Fotokünstler, mir seinen Kampf gegen einen Straßennamen in seinem Vorort schmackhaft machen wollte.
Das kriege ich nicht unter vertröste ich denselben, lege meinem Kollegen noch eine entsprechende Notiz auf den Platz und denke nicht mehr daran.
Bis zum nächsten Morgen. Da ruft der Chefredakteur höchstselbst an; dieser Geschichte doch unbedingt nachzugehen. Der Grund: Die überregional erscheinende Nachbarzeitung hatte sich dieses Themas angenommen. Besonders reißerisch wie ich sofort sehe und betont dämlich auf der Tränendrüse kniend. Also müssen wir, als das Käseblatt vor Ort, unbedingt nachziehen (seufz).
Da helfen dann Ansätze, wie dass ich diese Sache lächerlich finde und mir diese ganze Angelegenheit obendrein ziemlich peinlich ist, herzlich wenig. Dem Chefredakteur sind diese Argumente schlicht scheißegal. Auch der Ressortleiter muss sich damit nicht lächerlich machen, so lange er einen zweiten Redakteur bei sich sitzen hat und alle unangenehmen Aufgaben begleitet von irgend welchen doofen Ausflüchten auf diesen abwälzen kann. Ich habe mich mit den Mann zu verabreden und mir die Wahnideen eines alten Rotfrontkämpfers gegen eine Straße, die den Namen eines Militärs aus der deutschen Besatzungszeit trägt anzuhören. „Theodor Leutwein steht für eine imperiale und überholte Machtpolitik die Kulturen und Identitäten zerstört und ihre Länder ausgebeutet hat“, begründet Willi Schraffenberger seinen Vorstoß. Zum Glück ist Schraffenberger der Auftritt mittlerweile selbst ein wenig peinlich.
Dennoch muss ich auf Veranlassung des Ressortleiters unbedingt weiter recherchieren. Irgendwie geht es nun um seine Ehre, Dickschädel, Autoritätsverlust… oder einfach nur darum mir ein weiteres mal seine Rückgradlosigkeit gegenüber seinem nächsten Vorgesetzten, einer Hohlbirne, der seine lange Leitung mit Zynismus zu überpinseln versucht, zu demonstrieren… Was auch immer. Dass der Ressortleiter selbst ein überzeugter Linker ist, der in seiner Überzeugungsarbeit sogar soweit geht konservative oder liberale Statements zusätzlich noch sprachlich zu verhunzen und die geliebten Roten besonders schwärmerisch darzustellen, lässt auch hier wieder Rückschlüsse auf die fragwürdige Moral einzelner Kollegen zu.
Ich recherchiere mit zusammengebissenen Zähnen weiter und ziehe mir den Unwillen von Verwaltungsbürgermeister, und Bezirksbeirat zu, denen dieses Thema schon seit Jahren zum Hals heraushängt, da Schraffenberger sie wenn, dann damit belästigt. Ich bin ja nur ne Urlaubsvertretung, die hier kaum einer kennt, sage ich mir dabei.
Interessanterweise erfahre ich hierbei auch, dass auf dieses System und damit auf meinen Bericht nahezu die halbe Presse im Raum Stuttgart zugriff hat. Denn als ich den Text nach dem Ablegen wieder öffne hat er plötzlich knapp sieben Seiten, da irgendwo jeder Kollege zu diesen offensichtlich doch kontroversen Thema eine eigene Meinung hat und diese in meinen Text noch unbedingt einfließen lassen will. Ich bin also wieder den halben Tag mit Kürzen beschäftigt, da auch der zur Verfügung stehende Platz für diesen Text im Laufe des Tages noch zigmal geändert wurde.

Erdbeben in den italienischen Abruzzen

6. April 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

Hintergrund: Ein Erdbeben in der Stärke von 6,3 auf der Richterskala erschütterte am Montag die Stadt LÁquila und deren umliegende Ortschaften in den italienischen Abruzzen. Mehrere schwere Nachbeben behinderten die Bergungsarbeiten.

Ergebnis: Das Beben zerstörte etwa 15 000 Gebäude und machte einige Ortschaften wie Onna nahezu dem Erdboden gleich. Bisher wurden 293 Tote, Tausende verletzte und etwa 55 000 obdachlos gewordene Menschen erfasst. Dieses schwerste beben in Italien seit 1980 wurde durch schwere Baumängel noch wesentlich verstärkt.
In der Abruzzenregion treffen die afrikanische und Eurasische Erdplatte aufeinander wobei sich die Afrikanische nach Norden vor unter die Eurasische schiebt. Das verkanten der Platten ergibt die Erdstöße.

Wo bin ich?

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