Schwäbische Spießerkriege Teil 1 Stuttgart 21 Eine Stadt gegen eine Kloschüssel

22. Januar 2011 § Ein Kommentar

Von Marco Rettstatt

Was ist eigentlich dran an Stuttgart 21? Warum versetzt dieses Projekt sonst als Musterbürger verschriene Schwaben aus der Hauptstadt derart in Rage, dass sie dafür sogar ihr oberstes Prinzip „Des isch net mei Heisle, des goht mi nex a“ beiseite schieben und für den Erhalt eines alten, gammeligen Bahnhofs auf die Straße gehen? Sogar echte Cannstatter findet man unter den aktiven Protestlern und gerade diese sind auch über Stuttgart hinaus, eigentlich eher für die aggressive Verteidigung ihrer ausgeprägten Ignoranz was eben nicht ihre persönlichsten Belange tangiert, bekannt.

Klar gibts auch in Stuttgart nicht nur die Musterbürger, sondern auch eine ganze Menge lustiger Quartalsirrer, die aus Prinzip, möglichst lautstark, gegen einfach alles sind. Notfalls sogar gegen sich selbst. Diesen ist dann auch nichts wirklich peinlich. Sie rennen ohnehin tagein taugaus in lustigdoofer Plakatmission oder mit Unterschriftenlisten an unsereinem vorbei und können – nachgefragt – selten ordentlich artikulieren was sie beispielsweise gegen die Säuglingstaufe, gelbbraune Briefumschläge und die Maultasche haben oder daran besser machen würden.

Diesen Typus findet man natürlich auch bei den Demos gegen Stuttgart 21 an vorderster Linie. Wortführer des „Aktionsbündnisses Gegen Stuttgart 21“ ist Gangolf Stocker. Ein umtriebiger Alt68er Kunstlehrer in Rente mit dem öfter mal der Gaul durchgeht. Hat er ne seltsame Idee schmiert er sie auch umgehend in meterhohen Buchstaben nächtens an irgend eine Wand. Oder fährt absichtlich schwarz mit dem Argument, dass der Münchner Bahnkilometer viel günstiger sei und Stuttgart im Vergleich seine Bürger kostenlos fahren lassen müsse.

Der böse Tiefbahnhof ist seine jüngere Kopfgeburt. „Oben bleiben, oben bleiben“, skandiert er, immerhin schon seit Ende der 90er und hunderte abgerissene, alternative Spuckgestalten gespenstern, „oben beiben“, skandierend mit ihm um den Bahnhof, dass einem die Gänsehaut überkommt. Zombie- und Gruselfilmautoren hätten ihre Freude an dieser Szenerie. Der Gruselfilmcharakter dieser Szene festigt sich zusätzlich dadurch, dass die meisten dieser Plakatzombies ungefähr genauso wenig kommunikativ sind wie eine Kolonie Königspinguine am Südpol bei 70 Grad unter Null. Als Beobachter dieser schaurigen Szene denkt man unwillkürlich: Nein, geht wieder runter, zurück wo ihr hergekommen seid und irgend jemand soll bitte hinter denen den Deckel zu machen.

Aus einer anderen Perspektive betrachtet geben solche Bilder dem alten, gammeligen Bonatzbau eine fast schon eine spirituelle Aura. Ähnlich der Kaaba bei der Hadsch in Mekka wird der olle Steinkasten dieser Tage umtanzt bejubelt und verehrt wie sonst wohl kein Bahnhof auf dieser Welt.

Das kann natürlich auch historisch hinterfüttert werden. Schon Onkel Adolf hat die graue Stuttgarter Riesenkaaba geschätzt. Wohl wissend, dass seine ihm im kollektiven Drogenrausch mit den anderen Mitgliedern der Thule-Gesellschaft, erschienenen drei Meter großen, blauhäutigen, blonden Arier, die der Legende nach, tief in der Erde leben eines Tages dort heraus steigen werden um über den Bahnhofsturm zu ihrem Heimatplaneten zu starten. Ja, das stimmt. Wozu braucht ein Bahnhof denn sonst einen Turm?

Das plötzliche riesige Hallo auf einer der Großkundgebung zum Jahresende galt dann allerdings nur dem über dem von der Sonne angestrahlten Bahnhofsgebäude aufgehenden Regenbogen.

Kriminelle sind das, finden die Befürworter des neuen Bahnhofs. Die wirren Zausel die nun Tag und Nacht um ihren Bahnhof hüpfen und jammernd zusehen, wie sich ein Abrissbagger in einen der Gebäudeflügel frisst. Doch sind Passanten, deren Proteste derart spektakulär ausfallen, dass sogar der Regenbogen über dem Bahnhof als besonderes Ereignis bejubelt wird, wirklich ganz ernsthaft als Kriminelle zu bezeichnen?

Für Stockers Antagonist, den Pfarrer Johannes Bräuchle, Antreiber der Befürworter, sind sie das auf jeden Fall. Bräuchle, ein Mann ein Sack voller Schimpfwörter, ist aber ohnehin dafür bekannt, dass er mangels besserer Tätigkeit, wahrscheinlich selbst die Regentropfen an einem Sonntagnachmittag anschnauzen würde. Und das möglichst jeden einzeln.

Womit nun auch die beiden obersten Feldherren der ersten Stuttgarter Spießerkriege vorgestellt wären. Eine ganze Minute wird jeden Montag um Punkt sieben von Dutzenden Rentnern aus dem letzten Loch gepfiffen, und gelärmt was die alten Lungen hergeben. Der so genannte Schwabenstreich, eine Erfindung des Schauspielers Walter Sittler. Daneben stehen feixende Polizisten. Derart harmloser Protest sei den Befürwortern wirklich gegönnt. Immer wieder lassen sich ein paar von ihnen von der Polizei aus dem Weg tragen. Großkundgebung nennt sich das ganze lahme Spektakel dann in den Medien. Mit Märschen wird zum Landtag oder Regierungssitz gewatschelt oder einfach nur um den Bahnhof gegangen. Das jedoch derart ausdauernd, dass mittlerweile die ersten die komplette die Nacht beim Protestieren verbringen.

Aktuell hat sich dieses Bild auch ein wenig gewandelt. Seit dem 30. September 2010, als mit einem riesigen Polizeiaufgebot, Wasserwerfern und Schlagstöcken versucht wurde das Fällen einiger Bäume gegen eine Schülerdemo durchzusetzen. Was von Länderseite wohl in der Tat ein etwas übereifriger Aktionismus für das Durchsetzen einer simplen Baugenehmigung war (die eigentlich bis heute noch nicht offiziell ist). Im Schlossgarten herrscht nun Belagerungszustand. Und ganz gleich wie das Wetter draußen ist, die Demonstranten sind im Zelt und auf den Bäumen nun Rund um die Uhr vor Ort.

Neben den lustigen Figuren die diese Protestler stellen gibt es aber auch triftige Gründe für Protest gegen das Projekt.

Zum Beispiel der Preis. Das Projekt war mit 2,1 Milliarden schon recht teuer und mit jedem Jahr der Planung wird es mehr. Ökonomen gehen von mittlerweile bis zu 11 Milliarden Euro Gesamtkosten aus, die der württembergischen Infrastruktur dringend fehlen.

Findet man den alten Bahnhofsbau schon ordentlich hässlich, so erinnert Christoph Ingenhovens weißglänzendes Modell des neuen Durchgangsbahnhofs, mit seinen sich zur Mitte hin verjüngenden Stützpfeilern, sehr stark eine Klosettschüssel. Als hätten er den Planungsauftrag direkt an die Produktdesigner von Ideal Standart weitergereicht.

Daneben erscheint der Stuttgarter Untergrund für einen unterirdischen Durchgangsbahnhof dieser Größe völlig ungeeignet. Stuttgart steht mit seinen zahlreichen unterirdischen Mineralquellen ohnehin schon auf einem sehr wackeligen und auch recht feuchten Untergrund. Die meisten größeren Gebäude in der Landeshauptstadt – auch der Hauptbahnhof selbst – wurden schon von Vorneherein auf hunderten Eichen- und Betonpfählen errichtet und immer wieder brechen ganze Grundstücke in die vom Wasser ausgewaschenen Gipshöhlen ein.

Neben dem Mineralwasserbestand kümmern sich andere Protestierende um den schönen Baumbestand im Park oder um den dort lebenden Juchtenkäfer. Auch das ist vor dem Hintergrund einer sich für den Fortschritt allmählich selbst zerstörenden Welt ein legitimer Anspruch.

Das alles lässt die Emotionen der Bürger mittlerweile überkochen. Und immer noch lassen sich die Projektplaner nur unter Zwang dazu bringen sich mit den Gegnern oder mit von diesen vorgeschlagenen Alternativen auseinanderzusetzen.

Was aber wirklich dran ist an der neuen Protestkultur, warum sich das ganze lustige Spießerpack Pro oder Contra Bahnhof, wegen eines becknackten Bahnhofs die Schädel einschlagen will, erschließt sich mir immer noch nicht. Den Wutbürger oder die kreative Protestlandschaft quer durch alle Bevölkerungsschichten suche ich bisher auch vergeblich. Auf jeden Fall bleibt es damit spannend.

Advertisements

Wo bin ich?

Du siehst dir momentan die Archive für Januar, 2011 auf explicatio an.