Eindrücke von Ecuador Tag 11

31. Juli 2000 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Tag 11: Montag, der 31. Juli 2000 In Banos de Agua Santa

Banos de Agua Santa, zu deutsch etwa Banos am heiligen Wasser, ist eine verrückte Stadt. Im Mai dieses Jahres hatte man sie, so erzählt unser Reiseleiter, wegen den bevorstehenden Ausbruchs des Vulkans Thungurahua komplett evakuiert und eine Alarmstufe Rot darüber verhängt. Drei Monate später waren aber alle 16 000 Einwohner wieder zurückgekommen. Jeden Tag kann nun der Vulkan ausbrechen. Er raucht und spuckt ständig Lavabrocken aus. Es regnet Asche. Vor dem Hardrockcafe Banos werden Zettel mit einer Einladung für eine „Seeing Volkano Party“ verteilt, die hier jede Nacht ab 20 Uhr stattfindet. Die Alarmstufe Rot hat man vor kurzem in eine Alarmstufe Orange umgewandelt, was zumindest für uns bedeutet, dass wir beim Ertönen der Sirene sofort zum bereitstehenden Bus zurückmüssen, der uns dann aus der Gefahrenzone bringt. Endlich habe ich hier in Banos de Agua Santa Gelegenheit die kulinarische Spezialität Ecuadors zu probieren. Meerschweinchen gegrillt am Spieß. Vor einem Gebäude werden gerade drei wie Hähnchen auf einen Spieß mit drei Zacken, der wie eine Art Mistgabel aussieht, gesteckt. Norbert aus unserer Reisegruppe und ich haben das Glück gerade noch eines davon zu bekommen. Den in einer Touristenstadt wie Banos de Agua Santa sind diese Tierchen sehr beliebt und entsprechend schnell ausverkauft.
Meerschweinchen schmeckt etwa wie Spanferkel. Es ist also nichts besonderes, aber auch nicht unbedingt schlecht. Serviert wird es mit Kartoffeln und Salat. Dazu ein Glas Pilsener. Dieses ganz ordentliche Ecuador Pils wird einem hier überall angeboten. Die 0,7 Liter Flasche für umgerechnet etwa 10 Cent. Die anderen aus unserer Reisegruppe wollten sich uns nicht bim Essen anschließen. Der Gedanke, dass Meerschweinchen bei uns zu Hause eigentlich Haustiere sind erhöht die Hemmschwelle ein solches zu essen. Ich war dann noch im Hardrockcafe Banos um den Tag ausklingen zu lassen.
Endlich mal ein Abend ohne Andenmusik. Nennt mich einen Kulturbanausen aber irgendwann wird einem das einfach zu viel. Schließlich mussten wir das auch in der Disco des Dschungelcamps von Sonnenuntergang bis zum frühen Morgen jede Nacht ertragen. Die berühmten Thermalquellen von Banos lockten auch nicht gerade zum Baden ein. Das Bad besteht aus einem einzigen Becken, von etwa sieben Mal fünf Metern Länge, dass zudem ständig überfüllt ist. Auch wenn die Kulisse einmalig und absolut eindrucksvoll ist.
Denn das Becken befindet sich etwa fünf Meter neben einer Felswand, an der sich aus etwa 200 Metern Höhe ein Wasserfall in die Tiefe stürzt. Sonst ist Banos eine tiefgläubige Stadt. Mehrere riesige, prunkvoll eingerichtete Kirchen mit einem überdimensionierten Gemälde neben dem anderen, die alle Szenen von Vulkanausbrüchen darstellen und der persönlichen Schutzheiligen von Banos, machen diese Kirchen beinahe schon zu einer grandiosen Kunstausstellung. Wobei die Einwohner das auch mit enormen Spenden finanzieren.
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Eindrücke von Ecuador Tag 10

30. Juli 2000 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Tag 10: Sonntag, der 30. Juli 2000

Die Ereignisse des letzten Tages im Dschungel muss ich im hinterher aus dem Gedächtnis erzählen. Aufgrund unserer komplizierten Reiselogistik war ich einen kompletten Tag von meinem Rucksack und damit auch von jeder Art Papier abgeschnitten. Das Gepäck wurde bei unserer Abreise aus dem Dschungelcamp separat vor uns her geschickt, während man uns im Einbaum den Rio Negro hinuntertrieben lies. Eine grausame Zeit. All diese vielen wunderschönen Eindrücke bunt, fremdartig und so voller Leben, die in Windeseile an mir vorbeibrausen, ohne dass ich die Möglichkeit habe diese irgendwie festhalten zu können. Es war mir nicht einmal möglich irgendwo etwas abzureißen um es bekritzeln zu können. Beim Abendessen an diesem, unserem letzten Tag im Amazonasurwald erwartet uns eine Überraschung. Der Dorfschamane, den wir bei unseren Wanderungen durch den Urwald nie angetroffen hatten besuchte unser Camp. Er hat angeboten an einigen Freiwilligen eine „rituelle Körperreinigung“, ein indianisches Ritual, dass die bösen Geister aus dem Körper vertreibt, vorzuführen. Der ältere Herr sei eben nicht nur ordentlich arrogant, sondern auch neugierig, verrät unser Reiseleiter lächelnd. Als wir uns nach dem gemeinsamen Abendessen mit unseren Taschenlampen zur Dschungeldisco, der runden, Versammlungshütte mit Bar und Musikbox in der Mitte des Camps, wo jede Nacht durchgetanzt und gebechert wurde, vorgetastet haben sitzt der Schamane von vielen Indianerkindern umringt auf einer der Bänke am Rand der Tanzfläche. Wir sind ja, wenn auch im Dschungel, trotzdem in Südamerika und Tanzen ist dort eines der wichtigsten Kulturgüter überhaupt. Neben dem Schamanen sitzen dessen Frau und Tochter. Wobei nicht zu erkennen ist welche der beiden nun die Frau und welche die Tochter des Dorfschamanen ist. Die Ureinwohner von Ecuador wirken schon aufgrund ihrer Körpergröße sehr jugendlich auf uns Europäer. Sowohl bei den Männern, wie auch bei den Frauen ist es fast unmöglich festzustellen wer von ihnen erst 14 oder schon 40 Jahre alt ist. Da sie auch im hohen Alter kaum Gesichtsfalten oder graue Haare haben. Um einiges jünger als der Schamane wirken die beiden Frauen trotzdem. Er selbst sitzt da und raucht eine Zigarette nach der anderen. Ab und zu nippt er an einem Glas mit einer braunen Flüssigkeit. Einem Pflanzenextrakt, den er aus einer Liane gewonnen hat. Der ihn, so unser Reiseleiter, in Trance versetzen soll. Wahrscheinlich irgend  ein Zuckerrohrfusel, denke ich. Doch der Schamane lässt uns auch davon probieren. Es ist eine eher dickflüssige, ziemlich bittere, braune Brühe. Bis die Wirkung der Droge einsetzt wird er rauchen, erklärt unser Reiseleiter. Das Nikotin verstärke die Wirkung der Droge. Für mich sieht das ganze ein wenig nach „Seht her, auch ich kann mir Marlboros leisten“, aus. Dann setzt er sich in der Raummitte auf einen Hocker. Eigentlich sieht er in seinem dunkelbraunen Hemd, schwarzer Jeans, schwarzen Lederslippern und dem streng nach hinten geölten kurzen, schwarzen Haar eher wie ein italienischer Cafehausbesitzer aus einem Ramazotti-Werbespott aus, als ein grell bemalter Dschungel-Medizinmann. Was meinen Verdacht, dass die Kurverwaltung Ecuadors das alles nur für unsere Reisegruppe arrangiert hat noch verstärkt. Bei einer Körperreinigung sollen Krankheiten, die sich nach indianischen Vorstellungen als böse Geister im menschlichen Körper eingenistet haben vertrieben werden. Vier toughe Frauen aus unserer Reisegruppe haben sich freiwillig als Versuchsobjekte zur indianischen Geisteraustreibung zur Verfügung gestellt. Ich dachte mir, dass dieses Spektakel von außen zu beobachten mehr Erfolg bringen würde, als mich selber zur Verfügung zu stellen. Ohnehin war unsere zehnköpfige Reisegruppe überwiegend mit Frauen, hauptsächlich Lehrerinnen besetzt. Eine klassische Bildungsreise eben, die mir ein Kumpel vermittelt hat. Aber günstig. Der Schamane bat nun die Erste der jungen Frauen zu sich auf die Tanzfläche und auf einem bereitgestellten Barhocker vor sich Platz zu nehmen. Er begann in wechselnder Folge erst fünf, dann sieben etwa gleich lange Töne zu pfeifen sein Ritual abzuspulen. Immer wieder diese Tonfolge pfeifend, wobei er mit einem kleinen Palmblättersträußchen über den Kopf und die rechte Körperhälfte der Dame streicht. Die linke Körperseite ignoriert er komplett. Nach kurzer Zeit geht er vom Pfeifen zu Summen und Singen über und beginnt das Palmblättersträußchen wie eine Rassel über Kopf und Schultern auszuschütteln. Dabei nippt er immer wieder an seinem Gebräu und zieht an einer Zigarette. Zigaretten werden ihm während der ganzen Prozedur von einem der Kinder immer wieder angezündet und nachgereicht. Nach dem nochmaligen wiederholen des Pfeifrituals trinkt er einen größeren Schluck, beugt den Kopf der Person nach vorn und spuckt direkt auf deren Kopfmitte geräuschvoll aus. Nach weiterem Wedeln, Schütteln und Singen schlürft er auf den Haaren wieder laut hörbar ein und spuckt imaginär auf den Fußboden aus. Noch ein paar mal wiederholt er diese Prozedur, dann ist die Körperreinigung beendet. Unsere vier Versuchsdamen haben diese Behandlung alle sehr unterschiedlich empfunden. Eine, die im Realen leben eine Praxis für ganzheitliche Medizin betreibt, will die Wirkungen davon heute noch spüren. Die Anderen hat diese Prozedur eher belustigt. Danach, weil es die letzte Nacht in unserem Dschungelcamp ist, werden wir zu einer nächtlichen Bootsfahrt auf dem Fluss eingeladen. Man setzt uns wieder in den langen wackeligen Einbaum und fährt uns flussaufwärts durch die stille, warme Nacht. Irgendwann stellt unser Fahrer den Motor ab, wendet und lässt das Kanu langsam in der Flussmitte stromabwärts treiben. Nur den Geräuschen des nächtlichen Dschungels lauschend.
Am anderen Morgen haben wir unser Urwaldcamp verlassen und sind weiter flussabwärts gefahren.

Unser Motorkanu teilt zügig das Wasser und wirft es an beiden Seiten zu langen Wellenbergen auf. Hinter uns weiß ich, wird der Fluss sich wieder schließen, so als hätte es unser Motorkanu darauf nie wirklich gegeben. Nur der Benzingeruch des Außenbootmotors unseres Einbaums wird noch eine ganze Weile in der Luft bleiben. Das Urwaldcamp verschwindet aus unseren Augen und zügig zieht die Landschaft des Regenwaldes an uns vorbei. Niemals ist die Vegetation auf beiden Seiten des Flusses dieselbe. Laubbäume auf der einen, Bananenpalmen auf der anderen Seite oder umgekehrt. Am Flussufer Kinder die Töpfe ausspülen. Andere spielend, die mit Stangen einen Einbaum flussaufwärts stoßen. Ecuador ist ein kinderreiches Land. Über 40 Prozent der Einwohner Ecuadors sind unter 14 Jahre alt. Irgendwo viel weiter unten legt unser Einbaum neben einer Brücke an. Dort steht am Flussufer wieder unser Bus, der uns nach Banos de Agua Santa unserem nächsten Zielort bringen soll.
Unterwegs dorthin besuchen wir, immer noch in unseren vor eingetrocknetem Schlamm starrenden Dschungelklamotten, eine Schnapsfabrik. Anders gesagt, fällt mir das nun erst auf, nachdem wir wieder in einer Stadt unter richtigen Menschen sind. Hier lässt mich mein Ortsgedächtnis im Stich. Ich weiß nicht mehr, ob wir mit dem Einbaum schon bis Puyo gefahren waren, oder ob uns unser Bus, der uns am Flussufer erwartet hatte dorthin fuhr. Waren wir überhaupt in Puyo? Ich weiß es nicht mehr! Jedenfalls stand dieser Ort als Ziel nach dem Dschungelcamp auf unserer Reiseplanung. Die Schnapsfabrik selbst liegt aber in einem Ort mit A. Also haben wir Puyo wahrscheinlich übergangen. Anders als bei uns, ist in Südamerika der Begriff Fabrik nicht automatisch mit einem großen Gebäude verbunden. Und die Schnapsprobe steht am Anfang des Programms.
Der Schnaps wird in einem roten Putzeimer von einer kleinen, älteren Frau vor uns auf einen Tisch gestellt. Wir sehen die großen Einmachgläser mit Ananas und Himbeeren darin, die für den Fruchtgeschmack dem reinen bis zu 97 Prozent starken Zuckerrohrschnaps beigemischt werden. Ich habe für 50 000 Sucre umgerechnet zwei US Dollar zwei Halbliterflaschen Schnaps gekauft. Die Frau, unsere Führung zeigt uns wie mit einem Buschmesser das Zuckerrohr abgeschlagen, geschält und kleingehackt wird. Die Stücke reicht sie uns zum probieren. Zuckerrohr, weiß ich nun, schmeckt süß. Einfach nur süß und auch ein bisschen nach Pappe. Für den Zuckerrohrschnaps wird das komplette Zuckerrohr direkt in eine alte, verrostete Presse gegeben und deren Saft über die Pipeline, das ist eine aus zwei Holzlatten zusammengenagelte Rinne direkt in einen Schuppen, so eine Art Lattenverschlag, geleitet. Darin wird in ein paar offenen Holz- und Blechzubern den Saft zur Gärung aufgefangen.
Nach vier Tagen im Schuppen wird der vergorene Zuckerrohrsaft dann destilliert. Mehr bekommen wir von der Fabrik auch nicht zu sehen. Und so wie ich Ecuador mittlerweile kennen gelernt habe wird da auch nicht mehr zu sehen gewesen sein. Der Blindenanteil in diesem Ort sei auch ein wenig höher als sonst wo.
Wir fahren weiter nach Banos de Agua Santa. Diese Stadt mit ihren gerade mal 16 000 Einwohnern ist hier in Südamerika, auf unserer gesamten bisherigen Reise unsere erste Berührung mit der Zivilisation. Das erste mal seit dem Flug nach Quito sehen wir andere Weiße, die nicht zu unserer Reisegruppe gehören. Briten, Holländer, und natürlich andere Deutsche. So penetrante Ökosozis eben. Es gibt sogar eine richtige Fußgängerzone zum bummeln. Unser Hotel, das Tungurahua Monte Selva, liegt ein wenig außerhalb von Banos, an einem gegenüberliegenden Berg. Eine Vorsichtsmaßnahme, den Banos de Agua Santa steht wegen seines im Moment sehr regen Vulkanes, dem Tungurahua unter Alarmstufe Orange. Der letzte Ausbruch des Vulkans an dem Banos auf einer Felsterrasse liegt war vor etwa einem dreiviertel Jahr. Ich mache eine weitere sehr interessante Beobachtung. Nachts ist es unmöglich zu sagen, wo die Lichter der Häuser an den Berghängen aufhören und der Sternenhimmel beginnt. Absolut nahtlos gehen Berghang und Nachthimmel ineinander über.

Eindrücke von Ecuador Tag 9

29. Juli 2000 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Tag 9: Samstag, der 29. Juli 2000

Heute Morgen trägt unser Urwaldführer weiße Socken. Schade eigentlich, diese knallgelben waren irgendwie drollig und auch ein exzellenter Orientierungspunkt. Wir besuchen wieder den Urwald. Es ist immer wieder erstaunlich was dieser Urwald einem Kundigen alles anbietet.

Baumfrüchte, die äußerlich wie Walnüsse aussehen, enthalten Beeren die zerdrückt eine knallrote Farbpaste enthalten. Mit der haben sich die Eingeborenen gerne zu ihren diversen festen bemalt. Daneben lässt sich natürlich eine herrliche Sauerei mit diesem Zeug veranstalten. Dann Pflanzen, deren Säfte auch die moderne Medizin begeistert, da sie ein Heilmittel gegen Malaria, die Bluterkrankheit und allerhand andere Wehwehchen bietet. Baumrinden und Blätter aus denen Stofffasern Kleidung und Baumaterialien hergestellt werden. Auch sonst bekommt man den Eindruck nahezu überall hineinbeißen zu können. Nahrung in Hülle und Fülle. Wir machen selbst vor einem Ast mit kleinen Baumameisen nicht halt. Aufgrund ihrer sog. Ameisensäure (Ascorbinsäure oder Vitamin C), die sie in Panik verspritzen schmecken sie nach Zitrone. Nachmittags fahren wir mit dem Motorkanu (einem Einbaum mit Außenbordmotor hinten dran) flussaufwärts. Für so einen Einbaum werden die Baumstämme lange und sehr sorgfältig ausgesucht. Der Einbaum wird nur aus einem ganz bestimmten Baum hergestellt, der sehr bestimmten Ansprüchen entsprechen muss. Wie der Name schon sagt wird aus einem solchen Baum immer nur ein einziges Boot gefertigt. Ist so ein Baum gefunden wird dieser bis er groß genug ist um gefällt zu werden von einer ganzen Urwaldsippe scharf bewacht. Wir besuchen die Familie von Antonio, einem der Stammesältesten.
Als Grundbesitzer mit 40 ha Land und sieben Kindern ist auch er einer der für diese speziellen Verhältnisse reicheren Männer des Amazonastieflandes. Ich habe den Kindern den größten Teil von meinen Schreibblock und einen Kuli zum malen dagelassen. Mehr hatte ich ja nicht dabei. Ich denke 14 Seiten reichen Urlaubsende. Eine auf Stelzen stehende, halboffene Blechhütte ist die selbstgebaute Wohnung der Familie. Dazu gehört ein sehr geräumiger, überdachter Vorplatz. Dort sitzen wir auf umgelegten Baumstämmen als Bänken und sehen dem Hausherrn zu wie er aus den Blättern einer Palme eine Fischfalle flechtet. Die simple Apparatur ist ein länglicher Korb, der in die Strömung des Flusses gelegt wird  und in den die Fische hineinschwimmen sollen. Seine sehr jung wirkende Frau bereitet einen Fisch zu, der lediglich gesalzen und in ein Blatt eingerollt auf das Feuer gelegt wird. Durch dieses Blatt erhält der Fisch eine sehr feine Würze. Dazu gibt es Manjok (die Wurzel der Yucapalme) die wie eine Kartoffel schmeckt und auch genauso zubereitet wird. Dann dürfen wir uns mit dem Blasrohr üben und erfahren auch sonst noch, vor allem durch die sieben aufgeweckten Kinder, allerhand über das Leben einer Dschungelfamilie.

Eindrücke von Ecuador Tag 8

28. Juli 2000 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Tag 8: Freitag, der 28. Juli 2000

Wir besuchen die Krankenstation auf dem Gelände des Urwaldcamps. Die Organisation Pacamama (Mutter Erde), eine Art humanitäre Organisation, hat dieses Stück Amazonasdschungel etwa 300 Hektar von der Regierung gekauft und sich dieses Dschungelcamp aufgebaut. Das ganze riesige Gelände hat umgerechnet etwa 15.000 Euro gekostet. Pacamama unterhält dort neben dem Dschungelcamp für Urwaldtouristen eine Krankenstation und eine Schule für die Indianerkinder aus den umliegenden Urwalddörfern. Stolz ist man auf die gut  funktionierende Zusammenarbeit der jungen Camp-Ärztin mit dem Dorfschamanen des nahegelegenen Eingeborenengebietes. Beide tauschen ihre Patienten bei medizinischen Grenzfällen miteinander aus. Da sich hier mitten im Amazonasdschungel beide um die Vorteile sowohl der Traditionellen- als auch der Schulmedizin bewusst sind. Offen erzählt uns die Ärztin von den gelegentlichem Meetings zuwischen dem Schamanen und ihr als Schulmedizinerin. Sie gibt zu ihre Patienten sehr gerne an den Schamanen zu überweisen wenn sie mit ihren Methoden nicht mehr weiterkomme. Umgekehrt schicke der Schamane seine Patienten mittlerweile auch zu ihr. Im groben könne man sagen, dass der Schamane mit seinem großen Wissen um die heilenden Kräuter des Urwaldes, mehr die Inneren-, sie eher die äußeren Verletzungen wie Frakturen (Knochenbrüche) behandle.
Dann besuchen wir die Schule des Camps. Die Kinder sind alle aus den nahegelegenen Eingeborenendörfern. Sofern hier von Dörfern die Rede sein kann. Eigentlich wohnt jede Familie irgendwo anders im Amazonasurwald. Die Verkehrswege dazwischen sind entweder der Fluss oder die matschigen Urwaldtrampelpfade, auf denen die Einheimischen an uns Touristen immer lächelnd meist barfüßig vorbeieilen. Oft sind das Gruppen mit bis zu zehn Personen, die irgend welche größeren Einkäufe in Körben und Plastiktüten an uns vorbeischleppen. Morgens bringen sie ihre Kinder mit einem Einbaum über den Rio Puyo und am Nachmittag holen sie diese auf dem selben Weg wieder ab. Der Rio Puyo ist der Fluss, der direkt an unserem Dschungelcamp vorbeifließt und auch der am leichtesten begehbare Weg durch den Amazonasdschungel.
Man hat mehrere Lehrer angestellt die den Kindern die Grundbegriffe der Schulbildung in Quetchua, einer alten Handelssprache der Inkas, welche die meisten der Eingeborenen beherrschen, und Spanisch vermitteln. Die Schule wird auch staatlich bezuschusst, allerdings in sehr geringem Umfang. Die Eingeborenen schicken ihre Kinder in der Regel zwei Jahre auf die Schule. Später werden sie zum Arbeiten, Fischfang, Bootsbau usw. gebraucht. Seltenst schafft es daher eines der Kinder aus dem Dschungel heraus. Dabei hätten sie größtenteils alle das Zeug dazu etwas besseres aus sich zu machen, meint der Lehrer. Aber man möchte den Kindern wenigstens Schreiben, Rechnen und Spanisch beibringen. Auch wenn sie es wohl niemals benötigen. Die Kinder sind erstaunlich diszipliniert und mit offenkundiger Begeisterung bei der Sache. Sie begrüßen uns mit einigen fröhlichen Liedern. Dann dürfen wir unserer Geschenke, wie Kulis, Bleistifte, Hefte und Kekskram verteilen.
Später wandern wir weiter zu einem Aussichtsturm auf einer kleinen Kaffeeplantage. Wir sehen über den Blätterdächern des Urwaldes stehend mal wieder richtiges Sonnenlicht. Man stellt uns unter einen gut 70 Metern hohen Urwaldriesen und unsere ganze Gruppe passt locker zwischen zwei seiner Wurzeln. Früher habe man sich ein Dach aus Palmblättern geflochten und hatte so eine Unterkunft für die Nacht für eine ganze Familie. Erklärt unser Dschungelführer und macht sich flugs daran für uns ein Dach aus Palmblättern zu flechten. Und er weiß es genau. Schließlich hat er wie er sagt drei Jahre bei so einem Stamm gelebt. Während unserer Wanderungen zeigt er uns noch viele solcher Urwaldtricks und Kniffe und wir bekommen den Eindruck, dass die hier lebenden Menschen zu den reichsten auf der ganzen Welt gehören. Sie haben einfach alles was man zum Leben benötigt im Überfluss und müssen dazu noch nicht einmal besonders weit gehen.
Dann besuchen wir die Ländereien des Dorfschamanen. Er ist auch gleichzeitig der an Grundbesitz reichste Mann in der Umgebung, da er sich seine Kunst gut bezahlen lässt. Leider sind nur seine beiden Kinder zu Hause. Auch sie gehen in die Schule im Camp.
Am Ende unserer Wanderung am Vormittag werden wir am Fluss von einem Motorkanu erwartet. Wer möchte kann sich nun mit großen Lkw-Schläuchen dem Fluss hinuntertreiben lassen bis zu unserem Camp. Was wir natürlich nicht ausschlagen. Unsere Rucksäcke und überzählige Kleidung (wir hatten natürlich unser Badezeug schon drunter an) lassen wir im Kanu. Dann haben wir wieder frei bis zum Nachmittag. Zeit, die wir mit Lesen, oder schwimmen verbringen können. Überhaupt machen diese vielen Zeiten zur eigenen Verfügung den positiven Reiz unserer Reise aus. Wir haben immer endlos Zeit für uns selbst, oder um in kleineren Gruppen zusammenzusitzen oder etwas zu unternehmen. Am Nachmittag haben wir im Naturreservat des Camps einen kleinen Kaiman, ein geflecktes Nagetier und einen Tapir besucht. Die einzigen Tiere, die nach der großen Überschwemmung im Mai dieses Jahres im Campeigenen Zoo noch übrig waren.

Eindrücke von Ecuador Tag 7

27. Juli 2000 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Tag 7: Donnerstag, der 27.Juli 2000
(Acht Uhr morgens mit dem Bus in Richtung Amazonastiefland)

Schon ab der Provinz Napo ändert sich die Vegetation sehr schnell. Wir fahren abwärts. Unser Ziel, der Amazonasdschungel liegt auf etwa 1800 Höhenmetern. (Papallacta 3800 MüM). Der Baumbestand, anfangs nur ein paar vereinzelte knapp schulterhohe Papyrusbäumchen, wird allmählich vielfältiger und wächst höher. Dann sind in den Tälern auch die ersten dichten Laubwäldchen zu sehen. Nebelwolken hängen in den  Baumkronen wie fehlgelandete Fallschirmspringer. Es ist noch immer kalt und sehr feucht. Dichte Blätterdecken und riesige Farne bilden nach und nach ein richtiges Unterholz. Entlang unserer Straße verläuft eine Ölpipeline. Das etwa einen halben Meter starke Rohr verläuft oberirdisch vom Amazonastiefland quer durch Ecuador bis zur Pazifikküste. Vereinzelt kann ich schon erste Palmen entdecken. Und schwarzweiße Kühe. Auch richtige Kühe, nicht nur Stiere oder Ochsen. Wie mir das bei unseren ersten Touren ins Hochland der Anden aufgefallen ist.

Unser Reiseleiter erklärt das damit, dass die Indichenas Landwirtschaft als selbstständige Bauern erst noch kennen lernen müssen. Da fängt man dann eben klein an und wird manchmal nach Kräften übers Ohr gehauen, denke ich.
Es ist so: In Ecuador sind die Indichenas erst seit der Landreform von 1964 keine Sklaven der weißen Bevölkerung mehr. Dafür hat man sie von den fruchtbaren Feldern in den Tiefebenen in die steilen für Monokulturen weniger geeigneten Berglagen getrieben. Wo sie nun hauptsächlich von der Landwirtschaft zu leben versuchen.
Die vereinzelt in der Umgebung stehenden Bretterbuden sind bewohnt. Neben uns wird der Fluss, derselbe noch in dem wir oben in Papallacta gebadet haben immer breiter, was daran liegt, dass er von überall her, ab und zu sogar über unsere Straße weg neue Zuflüsse bekommt. Und die sind auch nicht eben klein. Zerlumpte Kinder winken uns aus den Fenstern und Ritzen der Baracken fröhlich zu. Der Telefondraht begleitet uns immer noch am Straßenrand auf seinen Masten. Die Baracken, sonst direkt an der Straße weichen auf die freien Grünflächen des Flusstales zurück, wo man nun auch richtige Laubbäume und Palmen findet. Der Fluss ist nun von seinen Anfangs etwa fünf Metern Breite in Papallacta auf gute 50 Meter angewachsen. Das satte Gras wird wieder kürzer und die Wiesen erblühen in Gelb und Rot. Die Berge in der Ferne werden zu lieblichen Hügeln, die immer näher zusammenrücken. Um dann und wann wieder Platz für ein Tal machen und den Fluß. Die Farne nehmen Mannsgroße Dimensionen an. Wir sind im Gebiet der Colonos-Indichenas, die bis 1990 noch Schrumpfköpfe hergestellt haben und nach wie vor als Kanibalen verschrien sind. Die Hügelgipfel sind nun überall bewaldet. Und dort oben bleibt auch der Nebel zurück. Unten kleine Hügellandschaften begrast mit einigen kleinen Bäumen.
Dann plötzlich schließt sich ein dichter Laubwald über dem Fluß.
Der Amazonas!
Die Bäume sind meist nur noch ganz oben belaubt wie ein Pilz. Moosflechten und andere Parasitenpflanzen bedecken die Stämme. Es wird wärmer. Der Himmel zeigt stellenweise – zwischen den Wolken –  schon wieder ein schönes dunkelblau, das mehr und mehr wird. An der Straße immer wieder kleine Steinbrüche. Und wieder diese Holzbaracken mit Wäsche vor der Tür. Erste Bananenpalmen und Kakteen. Manchmal auch beides zusammen. Die Vegetation rechts von der Straße wird bunter und vielfältiger. Links von uns der dichte Regenwald. Die Vegetation ordnet sich auf Urwald. Farne, das Unterholz und oben, die dichten Bäume. Palmen, Farne auf Stämmen die aussehen wie Palmen. Alles Unkraut scheint sich plötzlich auf Stämme zu stellen. Man sieht wieder Gras.
10:00 Uhr. Wir passieren die Doc Hunadi Höhlen und sehen erste Bananenplantagen.
Nach fünfstündiger Busfahrt erreichen wir Tena, die Hauptstadt der Provinz Napo. Letzte Gelegenheit ein paar Kleinigkeiten wie Stifte und Schulhefte für die Kinder, der in unserem Urwaldcamp eingerichtete Schule zu kaufen. Schließlich, so sagt man uns würde diese Reise auch zur Entwicklungshilfe in Südamerika beitragen. Ein Punkt, den sich unsere Reisegesellschaft ganz groß auf ihr Banner geschrieben hatte. Nur ich bin skeptisch. Warum habe ich dieses Banner vorher nie gesehen? Doch zuerst erhalten wir jeder ein paar Gummistiefel für unsere Wanderungen im Amazonasdschungel. Diese selbst mitzubringen, dazu wurde uns vor Reiseantritt abgeraten. Man führt uns in ein Haus auf dem an einem Schild irgendwas von Amazonas Expeditionen Dr. Irgendwer steht. Die Stiefel die ich bekomme gehen mir bis an die Knie, passen sonst aber ausgezeichnet.
Während unserer teilweise schon recht abenteuerlichen Touren durch ab und zu fast bis an die Knie reichenden Schlamm habe ich nie Probleme mit diesen Tretern gehabt. Danach dürfen wir zum Einkaufen ausschwärmen.
Die Armut dieser Dschungelbewohner beschämt. Ich bezahle meine Kekse mit einem 50.000 Sucre Schein. Was zu dieser Zeit etwa zwei US Dollars entspricht. In der Meinung das dieses Geld schon reichen müsste. Woher sollte ich auch wissen, das 5.000 für Kekse auch für uns Touris längstens ausgereicht hätten. Die Frau protestiert lautstark, für mich jedoch unverständlich, denn spanisch ist das auch nicht wirklich, und läuft davon um an jeder Tür des Dorfes nach Wechselgeld zu fragen.
Als wir wieder zum Bus kommen sitzt ein neues Gesicht auf den vorderen Plätzen. Das wird wohl unser Urwaldführer sein, den wir hier in Tena erwarten sollten. Wenn seine Erscheinung auch so ganz und gar nicht in das Bild von einem versierten Urwaldführer passt. Mit seiner weißen kurzen Sporthose dem weißblauen T-Shirt, weißen Socken und Birkenstocksandalen bedient er den Eindruck des  klassischen Stadturlaubers noch mehr als wir selbst.
Aber er ist es tatsächlich, unser Dschungelführer. Kein Bekannter von unserem Busfahrer, der ein Stück in unsere Richtung möchte wie ich bis zuletzt eigentlich geglaubt habe. Das Einzige womit er sich für den Urwald gerüstet hat sind ein paar knallgelbe Socken, schwarze Gummistiefel und zwei kleine Wasserkanister aus Plastik.
Ich hatte mir schon lange gedacht, dass die Reisebeschreibung, was uns auf unserer Dschungeltour erwarten würde Mückenangriffe, Wassermangel, Schlangen und gefährliche was auch immer, stark übertrieben war.
Urwaldbäume, die am Wegrand hinter einer Glasscheibe standen oder dass jedes Gebüsch oder Tier sauber mit einem Schild auf dem Sinn und Aufgaben zu lesen waren, versehen worden wäre hätte mich nicht überrascht.
Irgendwo mitten auf einer staubigen Straße halten wir an. Wobei was hier als Straße gewertet wird für unsere Verhältnisse eher die Kategorie Feldweg ist. Wir sind da. Heißt es. Ab jetzt geht es in den Urwald. Also kommt noch im Bus pflichtbewusst auf unsere dicke Schicht Sonnencreme noch eine Lage Mückenschutzmittel drauf. Nach einer kurzen Ansprache biegt unser Dschungelführer ein paar hohe Gräser am Straßenrand auseinander und bittet uns in den Urwald. Kurz und schmerzlos. Hinter uns schließt er den dichten grünen Vorhang und wir stehen mitten im Amazonas!

Der Dschungel ist ein Ort dem ich nicht so viel wie dem Hochland abgewinnen kann denke ich zunächst. Meine Schutzmaßnahmen gegen die Stechfliegen sind erdrückend. Ähnlich wie Haargel verteilt sich das Anti-Mosquito-Zeug aus der Apotheke eher schlecht auf der Haut und zieht absolut nicht ein. Schon nach wenigen Schritten bin ich schweißgebadet. Ich werde dieses Zeug reklamieren! Nach einer knappen Stunde zähle ich meine ersten Stiche an der Hand und dem linken Ellenbogen. Dann ist der Amazonas alles andere als bunt und vielfältig. Die Hauptfarbe bleibt das Grün der Blätter und das Braun der Stämme und des Erdbodens. Tiere sind bisher nur zwei Schmetterlinge und ein schwarz-gelber Vogel an uns vorbeigeflattert.
Von allen möglichen Arten von Ameisen und Fliegen einmal abgesehen. Wir erfahren etwas über Bananenpalmen und Luftwurzeln.  Nach einigen Stunden über den matschigen Urwaldboden erreichen wir gegen 16:45 Uhr unser Urwaldcamp. Es heißt Sinci-Huna was soviel wie starker Mann bedeutet. Ich beziehe das Haus Sacha A was Wald bedeutet. Das A bedeutet, das ich nun so eine Art Doppelhaushälfte im Dschungel besitze. Mein Hausnachbar B ist Norbert ein Lehrer aus Köln. Der Fluss neben dem Urwaldcamp reizt mich ihn zu durchschwimmen. Nun, wir sind ja ein paar Tage hier, da wird sich schon Zeit dazu finden. Nicht einmal in meinem Zimmer, einer auf Pfählen stehenden Holzhütte mit Palmblätterbedachung hat es irgendwelche Tiere. Die beiden Riesenheuschrecken, die Haustiere des Camps sind Alkoholiker und einer fehlt ein Bein. Das ginge zu lasten des Hauspapageis. Einem rot-blau gefiederten Edelschnorrer. Den restlichen Tag haben wir für uns.

Eindrücke von Ecuador Tag 6

26. Juli 2000 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Tag 6: Mittwoch, der 26. Juli 2000

In 4000 Metern Höhe ist der Bewuchs nur noch etwa hüfthoch. Aber viel farbiger. Das Grün der Gräser, die kleinen braunen Bäume, graue Felsen, braune Erde und bunte Blumen, die als Anpassung an den ständigen Wind keine Stiele haben und deren Blütenkelch direkt auf der Erde steht. All das in endlosen Weiten. Eine Herde Wildpferde grast die gelblichen Büschel Steppengras ab und zieht weiter.
Der Cotopaxi zeigt unterhalb seiner Schneefallgrenze sein rotes Lavagestein. Wir fahren an der einer Mondlandschaft ähnelnden Steinwüste vorbei. Steinbrocken von fußballgroß bis hüfthoch liegen weit verstreut in der Ebene, die sich rechts neben der Straße erstreckt. Vor einigen Jahren muss die Gletscherzunge des Cotopaxi die sich nun auf 5000 Höhenmeter zurückgezogen hat noch bis hier herunter gereicht haben.
Auf der anderen Straßenseite wird das Gras wieder dichter. Es ist sehr staubig. Kniehohe, kleine Tannenbüsche lockern das Bild etwas auf. Die Felsen aus rotem und grauen Lavagestein sind mit weißen und grünen Flechten bewachsen. Aus der Steinwüste erheben sich einzelne, mit  weißgelben Pampasgrasbüscheln und saftig grünen Wiesen bewachsene Hügelkämme. Vögel mit einer weißen V-Zeichnung über Rücken und Flügelflächen kauern zu Dutzenden am Boden wo der Wind nicht ganz so gewaltig bläst. Die Pampasgrasbüschel wogen wie Algen unter Wasser im Wind hin und her. Dazwischen ein kleiner klarer Gebirgsbach. Der Himmel wechselt nach Westen zum Pazifik hin seine Farbe von Weißblau nach hellerem Grünblau. An der Straße kann man jurtenähnliche Strohhütten entdecken. Auch kleine Papyrusbäumchen. Die weiten Hügel und Talzonen sind nicht mehr so leicht ineinander übergehend. Auch sie zeigen jetzt ihre meist bewaldeten Schluchten. Aber immer noch sind sie komplett mit Gras und Moosen überzogen.
Wir fahren auf der Panamerikanastraße nach Norden durch das Naturschutzgebiet Cayambe Cocha und erreichen 4100 Meter Höhe. Das satte nasse Gras wechselt mit dunklerem Strauchgewächs und Moos. Die dritte Farbe ist Nebel. Es ist windig und kalt.
Wir halten an der höchsten Stelle der Panamerikananstraße. Sogar der  Marienstatue ist es zu kalt dort oben. Ihr Bethäuschen ist mit einer grauen Blechtür verschlossen.  Aber auch hier oben in diesem Rheumaklima wohnen Menschen. Wir sehen sie unbeeindruckt von alldem beim hüten Kühe und waschen ihre Wäsche in einem großen Stausee. Die Papallacta Lagune. Dieser See klärt man uns auf ist auch das Trinkwasserreservoir für die Stadt Quito. Dann sind wir auch schon mitten drin in Papallacta, der Stadt mit den berühmten, heißen Mineralquellen. Ja. Genau da werde ich jetzt gleich reinspringen und so bald nicht wieder rauskommen, denke ich. Es ist zur Abwechslung ein wirklich angenehm entspannendes Erlebnis. Im an den Becken vorbeifließenden Fluss kann man kalte Wechselbäder machen. Aber wer will das? Da die Heizung auf meinem Zimmer nicht funktioniert, der Radiatorstecker zeichnet Lichtbögen, setze ich mich mit einem Buch (Bruce Catwin) wieder hinaus in eines der warmen Thermalwasserbecken direkt vor meiner Zimmertür und beschließe es dort bis morgen früh auszuhalten.
Ich setze mich zu einem Schweizer Hotelier und zwei jungen Damen aus Mexico ins Becken plaudere mit denen noch ein wenig über das Leben in Ecuador. Schon morgen früh geht es weiter in Richtung Amazonastiefland.

Eindrücke von Ecuador Tag 4

25. Juli 2000 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Tag 4: Montag der 24. Juli 2000.

Allmählich bekomme ich einen Blick für diese Landschaft. Erkenne die Straßen säumenden endlosen Agavenhecken die Eucalyptus Wälder die fließenden Übergänge der Berge. Das intensive Grün der Landschaft das klare Blau des Himmels und das in unendlich erscheinender Weite. Das Hochland Ecuadors. Nur Kondore habe ich noch keine gesehen. Wir fahren von Otavalo nach unserem heutigen Ziel, dem Nationalpark Cotachi.

Cayapas 9:30 Uhr.

Wir übernachten in der Hacienda Guachalá. Eine der ältesten Haciendas in Ecuador. Sie hat einen Swimmingpool in einem Wintergarten, den ich gleich ausprobiert habe. Nach hinten geht es zu einer Pferdekoppel hinaus, die man aber nur sehen kann wenn man sich von der gewöhnlichen Führung absetzt und heimlich in den Turm der Kapelle hinaufsteigt. Eine weitere Attraktion des Hauses ist ein Schuhbänder fressendes dauernd kotzendes Hundebaby.

Tag 5: Dienstag der 25. Juli 2000.

Wir besichtigen das Äquatordenkmal. Ecuador soll das einzige Land der Welt sein in dem die Äquatorlinie ohne weiteres zugänglich ist. An allen anderen Stellen ist sie von Urwald überwuchert oder durchkreuzt Wüsten und Meere. Wir steigen auf 3700 Metern Höhe auf. Nach dem Willen unseres Reiseleiters wollen wir uns auf unseren Wanderungen so Stück für Stück an 4300 Höhenmeter annähern.
Von dort oben bei den Ruinen einer alten Inkafestung namens Quito Loma mit Namen (Blick auf Quito) hatten wir einen einmaligen Ausblick auf die Ost und Westkordilliere der Anden und den Vulkan Cayambe. Trotzdem soll hier oben einmal Meer gewesen sein. Funde im lockeren Kalkstein beweisen das.
Dicker, schwarzer Telefondraht begleitet die Straße entlang unseren Reisebus. Ab und an springt er auf seinen Eucalyptusstämmen über uns hinweg und wechselt auf die andere Straßenseite. Eucalyptusholz wird in Ecuador gerne als Bauholz verwendet, da es sehr schnell nachwächst.
Die Indichenas des Hochlandes die Cayambe Indichenas leben ausschließlich von der Landwirtschaft. Ihre bunten Trachten leuchten dort oben überall heraus. Bei den Frauen meist der typische graue Filzhut, den wir Süddeutschen auch von unseren Bergbewohnern kennen. Um die Schultern ein grünes Tuch. Weiße Bluse,
ein roter Rock, weiße Strumpfhosen und Gummistiefel. Das scheint dort oben die gewöhnliche Tracht zur Landarbeit zu sein.
Ein Regenbogen, stelle ich fest, ist in Ecuador sehr viel breiter als bei uns. Das besondere daran scheint, dass er immer von links nach rechts direkt vom Boden aufsteigt und in der Luft genau im 90° Scheitelpunkt endet. Er ist also in der Regel nur zu einem Viertel voll.
Dann fahren wir mit unserem Bus weiter nach einer anderen Hacienda. Der Hacienda La Cienega.

In der Hacienda La Cienega habe 1802 Alexander von Humboldt während seiner Südamerika Erkundungen übernachtet. Seit 1982 ist diese Hacienda ein Hotel. Von meinem Zimmerfenster habe ich direkten Blick auf den schneebedeckten Berg Cotopaxi. Der Cotopaxi ist mit 5.897 Metern der höchste aktive Vulkan der Erde. Dieses mal habe ich ein richtiges Zimmer. Mit Holzdecke, Doppelbett und halbhoher Holzvertäfelung. Ich bin gespannt, was es auf dieser Hacienda für mich noch zu entdecken gibt. Bis zum Abendessen um 19 Uhr habe ich noch eine ganze Menge Zeit die ich zur Erkundung der näheren Umgebung mit meinem Fotoapparat nutzen kann. Auch wenn die Atmosphäre dieses durchlifrierten Hotelbetriebes meinen Erkundungsdrang anfänglich ein wenig hemmt so beeindruckt mich die Größe dieser Hacienda. Der Vorhof mit dem mannshohen Steinkreuz in der Mitte. Ein prunkvoller und doch gemütlicher Salon. Der riesige Innenhof mit der gewaltigen uralten Palme in der Mitte. An der Seite die kleine Kapelle mit den oberschenkeldicken, mit kunstvollen Schnitzereien bestückten Holztüren. Das Innere eher spartanisch. Wie es die römischen Katholiken auch heute noch mögen. All das macht den Hotelbetrieb der Hacienda schnell wieder vergessen und lässt den Geist der letzten 400 Jahre wieder aufleben. Es ist beeindruckend was die Religion zu damaliger Zeit alles geleistet hat. Gleichermaßen bin ich aber auch sehr froh darüber nicht mehr in dieser Zeit leben zu müssen.

Wo bin ich?

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