… als gäbe es Gott! von Harald Vetter

22. April 2004 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Der erste Satz des Werks, dass wer nach diesem Buch gegriffen hat ein ungewöhnlicher Mensch sein muss, verleitet eigentlich schon dazu dasselbe schnell wieder zu zuklappen. Klingt derartiges doch eher nach Bevormundung wie Kompliment. Schließlich weiß der Leser zunächst nur was er seiner Neugier schuldet. Auch, dass der Autor Harald Vetter in dieser Art munter fortfährt und seine Leser ganz nebenbei in lebende – wohl solche die sein Buch lesen – und solche die gelebt werden einteilt liest sich nicht danach, dass er sich eine große Leserschaft wünscht. Diese harte Linie entschuldigt er mit dem banalen Satz, „Mit niemandem mehr heutzutage tiefer greifende Gespräche führen zu können“. Was ja zuletzt, zum Leidwesen des Lesers, für viele Autoren hinreichender Grund ist ein Buch zu schreiben. Der Autor Harald Vetter Jahrgang 1940, mehrfacher Doktor und promovierter Philosoph, Arzt und Wissenschaftswissenschaftler, hat schon mehrere Bücher wie „Globalismus, Wunschtraum oder Alptraum“, oder „Atmaha und Benjamin“ ein Märchen für Erwachsene verfasst. Mit seinem neuesten Werk „ … als gäbe es Gott“ möchte er ganz im Stile philosophischer Tradition seine These belegen: „Dass Mensch gut daran täte, in der Annahme zu leben dass es Gott in Ermangelung besseren Wissen doch gebe“.
Andererseits soll dieses recht umfangreiche, etwas unüberschaubare Buch, als oberflächlichere Botschaft die vielen tausend Philosophen und Philosophien überschaubar machen und Motivationsschub sein. Damit laienverständlich in die spannende Welt der Philosophie einführen. Vetter führt denn auch in seinem Werk gut in das Wesen der Philosophie ein. Erläutert Begrifflichkeit und Sinn dieser Wissenschaft sehr anschaulich anhand vieler praktische Beispiele. Erklärt den Zweck des Hinterfragens und klärt so über Sprachwirren und die Fallen der Philosophie auf. Vetters Werk kommt, hat man das Vorwort erst verdaut, dabei zunächst wie ein ernsthaftes Sachbuch mit sehr hohem eigenen Anspruch daher. Allerdings nicht ohne dass der Autor in seinen nächsten Kapiteln gleich anschaulich zu demonstriert, wie er selbst in jedes seiner zuvor aufgedeckten Fettnäpfchen tappt.
Bei einer Menge, der von ihm im zweiten Teil des Buches vorgestellten Denker, wird allerdings eher unklar worin deren Verdienst für die Welt den nun eigentlich bestanden hatte. Vetters Bestreben, den Wulst der über 2 600 Jahre angesammelten philosophischen Meinungen überschaubar zu machen, gelingt ihm ob der angebotenen Menge knapp 110 vorgestellter Philosophen so nicht. Aufgrund seiner primären Mission, der Suche nach einem Beweis für Gott, lässt er mit Absicht nur jene zu Wort kommen, die die Frage nach Gott stellen, oder sich in irgend einem Satz dazu geäußert haben. Dabei stören ihn die Dogmen, die viele Philosophen aufstellen. Als promovierter Philosoph mag man ihm das auch unbesehen glauben. Hat er sich ja schließlich jahrelang durch diese Materie gearbeitet. Allerdings nur um mit seiner These „einfach anzunehmen, als…“ selbst ein weiteres Dogma aufzustellen.
Wichtig sei ihm darzustellen, wie wenig Religionen und Philosophie tatsächlich wüssten. Vetter stellt fest, dass alle Religionen die Existenz Gottes nur behaupten, nicht aber beweisen können, was aber auch für Gottes Nichtexistenz gelte. Das die Nichtexistenz einer nicht bekannten Sache zu beweisen eigentlich keinen Sinn macht lässt er hierbei außer acht. Wenn keine Beweise, so will Vetter aber wenigstens Indizien gefunden haben. Indiz letztlich für die Existenz Gottes sei für ihn dann, dass die Religionen weiterhin bestehen. Dem Autor gelingt es so immer wieder fragwürdige Thesen vor dem erstaunten Leser aus dem Hut zu zaubern. Vetter will nämlich eigens ein Gespür dafür einwickelt haben warum der Geschmack an Gott zwangsläufig verloren gehen konnte. Es sind die verheerenden Folgen des religiösen Missbrauches. Er empfiehlt darum eine ganz neue Sehensweise Gottes ohne  Klerus. Sei es den gut und richtig überhaupt zu leben? Das setzt für den Autor voraus, dass Leben einen Sinn haben muss. Welchen er damit gleichsetzt von einer göttlichen Instanz zu höherem berufen zu sein. Und kommt damit wieder zu dem positiven Umkehrschluss, dass Gott doch noch irgendwann etwas ganz großes mit uns vorhat.
Vetter stellt sich als hartnäckig Suchender vor, der bei seiner Suche die Existenz Gottes aber immer als unbedingt voraussetzt. Selbst im hartnäckigsten Ablehnen der Kirche, seinem oft begründeten Zweifel an der Bibel zieht er daraus immer wieder einen ihm wahrhaft erscheinenden Kern hervor. Bei seiner Suche lässt er so kaum einen Bereich der modernen Wissenschaften außer acht, geschweige den ein gutes Haar an denselben. Oft entsteht so der Eindruck eines persönlichen Rachefeldzuges eines alten Mannes, einer Art modernem Ekel Alfred, was diesem Buch wieder einen ganz eigenen Esprit verleiht. Auch für Max Plank soll am Ende von allem Forschen Gott gestanden haben. Physik stand und steht letztlich auch auf recht wackeligen Beinen. Zur Theorie werde immer nur was diese unterstützt nicht was sie in Frage stellt. Ansonsten sei die Physik ein großes Widerlegen. Newton widerlegte Kopernikus, Einstein widerlegte Newton und so weiter. Auch die Evolutionstheorie beweise letztlich nichts. Sie liefere nur Indizien, kleine Ansätze, aber keine schlüssigen Beweise. Kann der Mensch  wirklich das Ende der Evolutionskette, also perfekt sein?
In dem Kapitel: Was wir wissen könnten so wir das wollten legt er noch einen Zahn zu. Sein Versuch einer realistischen Einschätzung der Situation in der sich der Mensch befindet ist der wohl zynischste Teil des Werkes. Hierin nimmt Vetter sich in schönster Stammtischmanier der Politik, des Gesundheitswesens und der Globalisierung an. All seine guten Vorsätze zu Eingangs dieses Werkes, das Hinterfragen, die Ermahnung und zu prüfen, was hinter einem Satz an Inhalt steckt scheinen hier vergessen. Den sich selbst hinterfragt der Autor, ganz wie seine großen verstorbenen Kollegen, nicht.
All diese schlechten Dinge sieht Vetter als direkte Folge der Gottlosigkeit. Am Ende ist er damit aber vielleicht auch bei einem alternden Sokrates angelangt, für den die Jugend frech und respektlos war und keine Manieren hatte. Die Menschheit werde daher ihre Probleme nur dann meisten oder lernen besser mit sich umzugehen wenn sie seine These ohne wenn und aber annähme.
Vetters Suche nach Wissen reduziert sich in dem Buch auf die Frage nach Gott. Der Autor entschuldet aber im voraus, dass eine Kritik möglicherweise zutreffend ist. Vetters Werk ist ein gut gemeintes Philosophiebuch, dass durch das Selbstdarstellungsbedürfniss des Autors steckenweise doch ordentlich hanebüchen ist.
Marco Rettstatt
Harald Vetter …als gäbe es Gott
Über Metaphysik, Philosophie und Religionen
Triga Verlag Göttingen 2004
328 Seiten Hardcover 19.80 Euro
ISBN 3-89774-307-8
Advertisements

Flugzeug gegen Bahn Sinn und Zukunft unserer beider größten öffentlichen Personenbeförderungsmittel

3. April 2004 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Die Ökofans geben eindeutig dem umweltfreundlicheren Zug den Vorzug. Die Sparer dem Flugzeug. Aber wie sieht es mit der Wirtschaftlichkeit beider Systeme aus?
Bisher war die Bahn das Bequemste, Günstigste und auch Umweltfreundlichste Fortbewegungsmittel. Mittlerweile hat der Flugverkehr, als jüngeres Mittel zur Personenbeförderung ordentlich aufgeholt. Früher galt das Fliegen ja noch als ökologischer Wahnsinn in der Kosten Nutzen Aufrechnung. So ist aber schon seit längerer Zeit ist bekannt, dass das Fliegen allgemein billiger ist als eine Zugfahrt an einen vergleichbaren Ort. Es gibt im ungeraden Vergleich den Billigflieger auf der einen Seite und einen superteuren ICE auf der anderen. Womit es heute schon dermaßen Aussieht, dass der normale Flugpreis ein Drittel unter dem Preis einer normalen Bahnfahrt nach Berlin liegt. Das günstigste Angebot der Bahn ist das Wochenendticket für 28 Euro, das deutschlandweit gültig ist. Dann gehen die Preise schon steil nach oben.
Eine einfache Fahrt von Stuttgart nach Berlin ist im günstigen Nahverkehrstarif ab 67 Euro zu haben. Die Reisezeit nimmt dafür allerdings ganze zehn Stunden in Anspruch. Mit dem ICE sind das dann zwar nur noch fünfeinhalb Stunden, dafür kostet die einfache Fahrt schon 103 Euro. Weitere Sparangebote der Bahn sind sehr individuell gehalten. Einen Hin- und Rückflug von Stuttgart nach Berlin kostet bei der Lufthansa nur 65 Euro. Flugzeit eine Stunde und  zehn Minuten. Der Billigflieger geht für 19 Euro ab Stuttgart schon europaweit in die Luft. Stuttgart – Frankfurt (M) ist einfach ab 27 Euro zu haben zu vier Stunden Reisezeit. Eine Stunde (ICE) kosten 45 Euro. Der Lufthansa Hin- und Rückflug kostet 46 Euro. Flugzeit 50 Minuten. Stuttgart – München würde einfach ab 29 Euro zu haben sein. Reisezeit drei Stunden. Mit dem ICE für 43 Euro ist man in zwei Stunden am Ziel. Die Lufthansa bietet diese Strecke Hin und Zurück  für 53 Euro  an. Flugzeit 35 Minuten. Germanwings ist in der Lage diese Preise noch um einiges zu drücken.
Ist es damit um die Zukunft unserer Bahn bald geschehen? Schon jetzt ist sie, als halb-staatliches Unternehmen, wohl auch aus Gründen der Misswirtschaft, nicht mehr in der Lage Gewinn zu erwirtschaften. Ohne den Bund, sprich unsere Steuern, müssten die Ticketpreise ins Astronomische steigen. Zu hoch seien Anschaffungs-, Instandhaltungs-, Personal- und sonstige Kosten. Zahlreiche Strecken werden an Privatunternehmen verkauft und Bahnhöfe geschlossen. Das Ganze ist nicht völlig unverständlich. Der Kaufpreis für eine Bahn oder ein Flugzeug sind zwar in etwa dieselben, aber Folge- und Zusatzkosten bei der Bahn erheblich höher. Auch wenn diese momentan noch immer über Steuern finanziert werden und die  Bahn nebenbei, auf Gleise angewiesen, auch nicht ganz so flexibel ist. Ein nächstes Argument für die Bahn ist die Bequemlichkeit und die Zeit, die dort für viele Dinge verwendet werden könnte. Aber ist das auch wirklich wahr? Mit ordentlich Pech sitze ich in der Regel nach Berlin knapp sechs Stunden auf dem Flur zwischen Beinen und Rucksäcken und es wird permanent über mich weg gestiefelt. Die Unpünktlichkeit ist ein weiteres Ärgernis. Auch der Umweltaspekt der Bahn ist durch Bau- und Organisationsmaßnahmen zweifelhaft.
Ein Flugzeug muss nur betankt, gecheckt und kann dann nach sonst wo hin geflogen werden. Der Flugverkehr, längst in privater Hand, floriert. Schweizer und Franzosen machen allerdings auch Gewinn mit ihren Bahnen. Selbstverständlich können Flugzeuge den Personennahverkehr nicht völlig ersetzen, den Flugplätze gibt es noch weit weniger als Bahnhöfe. Auch wenn dieses Manko durch Einsparbedingte Bahnhofschließungen bald behoben sein könnte.
Der Gewinner in der Energiebilanz ist letztendlich der Dieselbus. Sollte die Bahn vielleicht an die Länder verkauft oder in kleine Stücke komplett an Privatnutzer verkauft werden? Denn die kleinen Strecken machen gute Geschäfte, sagen sie.

Wo bin ich?

Du siehst dir momentan die Archive für April, 2004 auf explicatio an.