Sattelfest auch ohne Sattel

13. Mai 2007 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

 

Stuttgart: Zweite Fahrradaktionstage auf den Schlossplatz mit vielen Informationen Rund um den Drahtesel – Vorgeschmack auf die Straßenrad-Weltmeisterschaft im Sommer

 

(mr) – Am Wochenende drehte auf dem Stuttgarter Schlossplatz alles ums Rad. Das bezog sich nicht nur auf die Stadträte, die an diesen Tagen Ratschläge zum Radputz gaben. Alte Hoch- und neue Rennräder konnten geradelt werden. Immer wieder zogen Showacts tollkühner Radakrobaten die Zuschauer an.

 

Was tut Stuttgart für die Radfahrer? Bei den zweiten Stuttgarter Fahrrad-Aktionstagen konnten sich die Freunde des Drahtesels am Wochenende an vielen Infoständen auf dem Schlossplatz ausgiebig zu diesem Thema informieren. Eröffnet wurde die bunte Veranstaltung Rund ums Rad von Bürgermeister Matthias Hahn vom Referat Städtebau und Umwelt. Er stellte neben dem weiteren Ausbau der Radwege und dem Befahrbar machen von Einbahnstraßen auch noch Fahrradparkplätze in der City in Aussicht. „Wir haben noch viel vor um Stuttgart für Radfahrer noch attraktiver zu machen. Nur einebnen können wird die Stadt noch nicht“, erklärte Hahn, angesprochen auf die für Radfahrer ungünstige Topographie der Landeshauptstadt. Dank der heutigen Fahrradtechnik seien Steigungen zum Glück heute kein Problem mehr. Obendrein gebe es auch noch den öffentlichen Nahverkehr. Wobei der Bürgermeister gleich auf eine Stuttgarter Spezialität, die Zahnradbahn verwies.

Wie schwierig Stuttgart mit dem Rad in früheren Tagen zu bewältigen war zeigte auch das deutsche Fahrradmuseum. In einem Zelt waren ausgewählte Räder ausgestellt, die die Entwicklung des Drahtesels bis in die heutige Zeit vorstellte. Die Renn- und Freizeiträder früherer Tage hatten noch gar keine Gangschaltung und Holzfelgen. Wer wollte, konnte seine Fahrkünste auf dem Nachbau eines antiken Hochrades ausprobieren. „Es fährt sich eigentlich sehr angenehm“, so Steffen Stiller vom deutschen Fahrradmuseum. Durch das große Laufrad holpert es auch wesentlich weniger als ein herkömmliches Fahrrad. Nur zu weit nach vorne lehnen durften die früheren Piloten sich damit nicht.

Alte und neue Radwanderkarten bot der Allgemeine Deutsche Fahrradclub an einem Stand an. Daneben stellte das Stadtvermessungsamt eine Radwegesoftware für Navigationsgräte vor. Allerhand nützliche Tipps gab es am Stand des Radwegeplaners der Stadt Stuttgart, Claus Köhnlein. Der hatte für Anregungen und Ideen auch ein Radfahrer-Kummerbuch mitgebracht. Die Stadträte wie Werner Wölfle von den Grünen kümmerten sich um die mitgebrachten Räder und gaben Tipps beim Putzen. Der Autoclub Europa bot auf einem Radfahrsimulator einen Geschicklichkeitstest an. Bei Hindernissen, wie auf die Straße springende Fußgänger mussten rechtzeitig abgebremst werden. Warum bei einer Veranstaltung, die unter dem Motto „Sattelfest“ lief, auch Räder ganz ohne Sattel im Vordergrund standen beantwortete Trial-Vizeweltmeister Markus Stahlberg. „Da wir für unsere Stunts ohnehin immer stehen haben wir uns den Sattel gleich gespart. Auch die Kunstrad Vizeweltmeister Jose Arellano demonstrierte einem begeisterten Publikum sein Können auf zwei Rädern. Der Sonntag wurde mit mit einer Premiere gestartet. So fand auf den Schlossplatz zum ersten mal ein ökumenischer Fahrradgottesdienst statt. Dieser war gleichzeitig Startschuss für zahlreiche größere und kleinere geführte Touren, die ganz Wagemutige auch auf die Strecke der UCI-Straßenrad-Weltmeisterschaft führten. Geführt von Rad Olympiasiegern wie Karl Link konnten sie ohne Stress die sehr anspruchsvolle Strecke in Augenschein nehmen. Umrahmt wurde die Veranstaltung durch die Stuttgarter Band Splash.

Das Sandkastenprinzip

8. Mai 2007 § Ein Kommentar

Von Marco Rettstatt
Der Prophet gilt nichts im eigenen Land, heißt es. Und das scheint oft nirgendwo klarer zutage zu treten als in dem Unseren. Möglicherweise stehen in jeder anderen anderen Region die Einheimischen vor dem selben Problem. Aber gerade Deutschland und hier besonders Baden-Württemberg brüstet sich, wie kaum ein anderes Land, mit seiner Kreativität, dem Ideenreichtum, den allermeisten Patenten und seinem ungebrochenen Erfindergeist. So dass man im Umgang mit seinen Helden eigentlich das Allerbeste annehmen könnte. Leider ist das genaue Gegenteil der Fall. Denn bis so eine Idee überhaupt Akzeptanz findet ist es ein weiter und sehr steiniger Weg. Was an für sich ehrenwert wäre, würden einem diese zu überwindenden Steine nicht gerade von den Mitmenschen in den Weg gelegt, die es quasi „geschafft“ haben und die einem eigentlich auf diesem Wege helfen könnten.
Trifft man auf solcherart anerkannte kreative Menschen sind es, ihres schweren Weges wegen, meist völlig ausgebrannte, jeder Kreativität beraubte Wracks, deren Energie gerade noch dazu ausreicht um die nötige gute Miene zu dem bösen Spiel zu machen. Um eben vor den anderen nicht ganz als schlechter Verlierer dazustehen. Denn zehn Jahre, meist sogar noch viel längeres intensivstes erfolgreiches Schaffen, verbunden mit der unvermeidlichen Kriecherei und Kompromissen bis zur totalen Selbstverleugnung, benötigen manche Kreative um von entsprechenden, bereits etablierten Institutionen die im Lande nun den Türsteher in Sachen Kreativität stellen, akzeptiert zu werden. Neuheiten die von solchen Stellen nicht legitimiert sind können nur als fehlerhafte Größe, oder Protestkultur erkannt, nicht aber als eigenständiges Werk akzeptiert werden. Anerkennung als „Sache“ findet eine Idee erst, oft mit etabliertem Zähneknirschen verbunden, wenn es nicht mehr anders geht. Nachdem der Beliebtheit der Sache wegen der Markt dem Verkäufer keine andere Wahl gelassen hat und alle schmutzigen Tricks den Mann und seine Idee zu verhindern versagt haben.
Die Kreativen, die diesen harten Weg erfolgreich gegangen sind, springen dann schnellstens auf den Zug der Besitzstandswahrer mit auf. Denn, wer möchte es ihnen verdenken, das haben sie sich nun redlich verdient. Jahrelang haben schließlich selbst die Putzfrauen der großen, namhaften Häuser auf sie heruntergeschaut. Aber auch d
ie Putzen haben sich diese Affektiertheit dort lange und hart erarbeiten müssen. Vielleicht haben sie ihren Job aber auch von der Großmutter vererbt bekommen, auf deren Werk nun stolz aufgebaut werden kann. So kommt es dann, dass unsere neuen Etablierten selbst nur rein aus dem Neid heraus, dass auch die anderen einen möglichst steinigen Weg gehen sollen, zunächst alles daran setzen diese Neuen zu verhindern. Ganz nach dem Radfahrermotto: Nach oben buckeln um nach unten treten zu können.
Was aber ist es mit dieser „Elite des Neides“ an der Spitze noch wert dieses „Land der Ideen“, an dem andere Länder, mit ein wenig offenerer Einstellung, im D-Zug-Tempo vorbei zu rasen scheinen?
Wir sind zurecht die belächelte Provinz im Südwesten. Unkreativ, bäuerlich, steif, aber beseelt von einem enormen Elitebewusstsein. Und niemand ist da, der uns zur Besinnung bringt. Denn schon im Sandkasten geht dieses Spiel los. Die elitebewussten Eltern klären ihre Kinder genau darüber auf, was der stolze Ahne für dieses Land geleistet hat und worauf die Familie nun seit Generationen aufbauen kann. Der Unterschied zwischen den von Rottenbaum-Mayerbiers und den Müllers ist unüberbrückbar. Eine unsichtbare Grenze die möglichst überall gezogen werden muss.
Nun wären wir einfachen Leute die Allerletzten, die nur aus Trotz in die Refugien und letzten Rückzugsgebiete der ruhesuchenden Eliten eindringen wollten. Dazu sind wir einfach zu gut erzogen. Und wie schäbig kämen wir uns vor einem dieser plärrenden Kinder seine ideelle Sandburg zu zertrampeln, die schließlich schon der Vater und dessen Vater vor ihm dort so aufgebaut hatten.
Wenn aber die Umwelt in der man sich zu verwirklichen sucht nur noch aus derartigen Sandkästen, quasi fest im Familienbesitz befindlicher Refugien besteht, zu denen man als „nicht etabliert genug“ schlicht keinen Zugang hat oder weil es an der Schulbildung fehlt und man nicht unter dem ehrenwerten Herrn Privatdozent, dem Honorarprofessor Heinz-Wolfgang Engelbert Schild Friederich von Hohnbrutzel zum Moselklo Wabersich, selbst Spross der ältesten und feinsten Familie des Dorfes, seine Weihen in die Elite des gehobenen Kaufmannsstandes bekommen hat. Was bleibt einem dann anderes übrig als in diesen Buddelkisten einmal gründlich aufzuräumen? Wobei hier nicht das bei unsren ewiggestrigen „Hobbykommunisten“ beliebte „Enteignen“, oder die ganz große „Revolution“ gegen das „Schweinesystem“ gemeint ist. Diesen Blödsinn haben wir zum Glück hinter uns gelassen.
Diese, den Autodidakten fürchtenden, Eliten sind mittlerweile beliebig austauschbar. Trotz der gigantischen Farce namens 68er-Bewegung. Was die Großvätergeneration nach dem Krieg hierzulande aufgebaut hatte wurde von unseren Vätern lediglich verwaltet und in einem Kastenwesen dogmatisiert und verschubladet. Dieses „Kastenwesen“ betreibt unsere sympathische Dilettantencombo SWR genauso wie die guten alten Handels- und Gewerbevereinigungen, die Kirchen oder irgend ein vergleichbarer Betrieb. Fast möchte man sich heute ohne Typenberatung und Rhetorikseminar nicht mehr auf die Straße trauen. Hat einer alle diese Dinge wie die richtige Schule, die guten Kontakte etc., kann er sich in einem etablierten Betrieb um so unverschämter austoben. „Seine Wortschöpfungen verschließen sich zwar dem unmittelbaren Verstehen…“ lautete jüngst die Laudatio an den Poesie- und Dichtkunstpreisträger eines gerade vom SWR ausgelobten Wettbewerbs. Auch das EU-Parlament ist angefüllt mit diesen Eliten, die zwanghaft sinnlosen Blödsinn, als Verordnung für den Rest der Welt, der sich nicht dagegen zu wehren versteht, formulieren. Nur um ihre Arbeit zu legitimieren werden wie am Fließband fragwürdige Gesetze formuliert.
Das Schulsystem, wie jüngst kritisiert, befördert diese Idee der familienbedingten Hierarchie noch um so mehr. Ein kleiner Kampfsportverein, um hier einmal ein Beispiel anzuführen, weiß mit tausenderlei Ausreden den aufstrebenden Schüler zu verhindern. Damit dieser in den Meistergraden ja nicht nicht am Trainer, oder Vereinseigentümer vorbeizieht. Und diese „unnatürliche Auslese“ finden wir hierzulande überall.
Sich in einem Betrieb intern hochzuarbeiten ist auch nicht immer gewährleistet. Da in den meisten Organisationen die Pfründen schon sehr gut verteilt sind und man gar nicht daran denkt irgend einem dahergelaufenen, nützlichen Idioten einen Posten zu überlassen auf dem schon seit vier Generationen ein Möllenburger sitzt. Wäre ja noch schöner. Es macht für einen solchen von der Gesellschaft zum „Underdog“ abgestempelten Menschen, oder Neuling auch kaum Sinn zu warten bis irgend einer von seinem Schlitten fällt um dann selbst aufzuspringen. Denn gewissen Häusern ist die, wenn auch grenzdebile, Tochter des Pförtners immer noch näher als ein Irgendwer, der mit noch so guten Ideen von außen kommt. Der darf dann vielleicht in des Pförtners Tochter Abteilung anfangen und erleben wie einer nach dem anderen an ihm vorbeizieht. Und darauf, Handlanger in einem solchen Inzuchtverein zu sein, soll man dann gefälligst sein Leben lang stolz sein. In der Regel sind 80 Prozent der ausgeschriebenen Stellen großer Betriebe ohnehin längst intern vergeben worden.
Man mag alles das kleinbürgerlich nennen, wäre nicht die ganze Welt auf allen Ebenen von dieser hehren Idee der Hochwohlgeborenheit gewisser Familienclans durchdrungen. Und leider akzeptieren alle so eingeordneten Gesellschaftsschichten dieses Kastenwesen. Auch die Kleinsten, Untersten darin gönnen sich gegenseitig den Erfolg nicht, sondern versuchen Ihresgleichen immer wieder in ihren Sumpf zurückzuziehen. Und wenn sie sich dazu mit dem quasi oben stehenden „Klassenfeind“ verbünden müssen. Denn der ist, so doof er auch sein mag, aufgrund seiner Position schließlich noch immer eine „Autorität“. Das zeigt sich auch darin recht gut, dass unsereiner heute am Liebsten die Kämpfe ausfechtet die ihn gar nichts angehen. Getarnt als „sozial“ schreien wir auf Kundgebungen unseren Neid hinaus in die Welt.
Große Zeitungshäuser sind ein gutes Beispiel für derartig verdrehte Zuchtanstalten.
Wie jeder Mensch seine eigene Sprache hat, besitzt der Redakteur seinen unverwechselbaren Stil. Je wichtiger er sich nehmen darf, desto sicherer kann davon ausgegangen werden, dass er diesen mit all seinen Schrullen, Ecken und Kanten danach für das perfekte Deutsch hält und so bei all seinen Untergebenen durchsetzen kann. Bekommt er ein Ressort, oder gar seine eigene Zeitung ist dieser Stil das absolute Novum an dem sich die anderen alle zu orientieren haben. Es werden hausinterne Bücher herumgereicht welche Worte akzeptiert sind und welche
Redewendungen auf gar keinen Fall geduldet werden. Mit den absonderlichsten Erklärungsansätzen. Eine neue Sprache entsteht. Denn das, und nur das, ist gutes Deutsch. Dass die Sprache frei ist und individuell gebildet wird ist zweitrangig geworden. Besonders gutes Deutsch wird dann schließlich beim nun gewordenen Herrn Professor studiert und führt dann letztlich zu so völlig verwirrte, universitären Lingualfetischisten, wie den Autoren von solchen Werken wie, „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“. Die der lebendigen Sprache damit endgültig den Todesstoß versetzen. Dass Sprache für den Bürger an sich möglichst verständlich sein sollte ist erstmal nachrangig. Man hat schließlich mit den neuen Regeln genug zu tun. Ja, man muss diesen überflüssigen Mist auch noch mit einem weiteren Sachbuch der deutschen Sprache würdigen.
Wie sollte sich aber ohne die Freiheit irgend eine Kunst oder Idee je entwickeln können? Die Sprache hat zunächst einer entwickelt und ein anderer hat sie etabliert und mit Rechtschreibung und Grammatik ein Dogma aufgestellt. Damit hat er aber die Philosophie von der freien Kunst zur beschränkten Religion werden lassen. Dem Duden sei es gedankt.
Doch auch wenn man es gar nicht möchte sich in einem solchen Sandkasten dazu zu setzen, in dem man trotz Anpassung ohnehin nicht wirklich geduldet wird und einen eigenen Sandkasten aufbauen will steht bei uns wenn nicht die Stadtverwaltung selbst, dann doch der HGV, oder der Bund der Selbstständigen davor und diktiert das geschehen. Möglichst exakte Vorgaben, die wieder von einer etablierten Kaste kontrolliert werden müssen. Behaupten können sich in diesem Zirkus nur noch die Stursten, Streitbarsten Dickschädel, die das meist mit einer recht kurzen Lebenserwartung bezahlen.
Wäre es da nicht schöner oder zumindest ehrlicher, wenn sich der Kreative von Anfang an aufgrund seiner Arbeit Anerkennung erarbeiten könnte? Wie viel Energie könnte in sinnvolle Tätigkeiten zum Wohle des Landes investiert werden, wenn der elende Neid, dass einer dem anderen das rote Sandelschäufelchen wegnehmen könnte nicht immer wieder alles ausbremsen würde? Insofern ist es nur zu gut zu verstehen, dass die meisten Kreativen irgendwann einfach woanders hinziehen.

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