Internationale Migrantentage des Caritasverbandes

31. Mai 2005 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt für die Cannstatter Zeitung

Am Wochenende fand auf den Wiesen, zwischen den Wasserspielen um das Mineralbad Berg das 9. „Internationale Fest“ des Caritas Verbandes statt. Mit diesem Fest möchte man wie schon in den vergangenen Jahren wieder auf das Schicksal der Migranten in Deutschland aufmerksam machen. Der Erlös aus dieser Veranstaltung soll so der Direktor der Caritas Ulrich Ahlert wieder der Migrantenhilfe zugute kommen. Im letzten Jahr sind so immerhin etwa 25.000 DM an Gewinn zusammen gekommen. Das Fest sei in dieser Form auch das größte internationale Musikfest in Stuttgart. Die Highlights des Programms waren die über den ganzen Tag verteilt auftretenden zahlreichen namhaften Bands. Wie am Samstagnachmittag Caledonix, die mit kraftvollen, urwüchsigen schottischen Klängen erfreute. Diese stellen mit Perry Letsch auch den besten Mundharmonikaspieler Europas. Daneben ein riesiges Kinder Unterhaltungsprogramm, mit einer Märchenerzählecke, einem Kistenstapel-Wettbewerb, Großtrampolin oder einem überdimensionalen Mikadospiel. Auch Stände der Caritas, die ihre Erzeugnisse aus eigenen Behinderten- und Asylantenwerkstätten vorstellten und verkauften oder ein Schmuckstand mit Schmuck aus Afghanistan, von der Deutsch-Afghanischen Flüchtlingshilfe. Es gab orientalisches Essen, aber auch den normalen Grill mit Würstchen und anderem. Das Festival über drei Tage lockte wieder zahlreiche Besucher an. Man begann am Freitagnachmittag gegen 17.30 Uhr mit der Kapelle „Heinz, Frau Wirtin und die Bembel“. Einer spaßigen Partyband aus der Region. Auch Latino-Pop und Jazzfans kamen auf dem Musikfest nicht zu kurz. Über alle drei Tage spielten viele bekannte Bands für einen guten Zweck. Namen wie „Babs goes Trinidad“, Reggae aus dem Remstal, die Ice-Cream-Jazz-Band um Frederic Rabold, oder Afro-Soleil, afrikanische Popmusik aus dem Kongo und Ghana. Auf der Wiese hinter der Ponyreitanlage saßen auf ein paar Strohballen Kinder und lauschen der bekannten Märchenerzählerin Sigrid Früh. Sie erzählte verschiedenst Märchen quer durch die ganze Welt. Unter einem Baum gab es eine Malstation für die jungen Künstler und im Zelt einen Workshop für Zauberlehrlinge. Tags davor war die Artistengruppe Mixed Pickles an der Reihe. An den zahlreiche Spielstationen, die überwiegend von jungen Caritasmitgliedern oder Migranten betreut wurden konnte man Punkte sammeln. Natürlich war der Eintritt hierzu frei.

Das Fest diene dem Zweck, den weit mehr als 10.000 in Stuttgart lebenden Menschen, die aufgrund kriegerischer Auseinandersetzungen oder politischer Verfolgung in ihrer alten Heimat hierher fliehen mussten und oft in sehr beengten Wohnverhältnissen leben. Diese sollen so schnell wie möglich in das bestehende Schul-, Bildungs-, und Berufswesen eingegliedert werden. Leider gibt es für nötige Freizeit- und Bildungsmaßnahmen, wie Sprachkurse keine öffentliche Unterstützung. Mit dem Erlös des Festes soll Kindern und Jugendlichen diese ermöglicht werden.

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Von der Hysterie des Erinnerns

7. Mai 2005 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Das Ende des zweiten Weltkrieges jährt sich zum 60. Mal. Zahllose Gedenkfeiern und Debatten sind seit Tagen dazu in den Medien geradezu überpräsent. Jeder Dokukanal sendet Filmmaterial aus damaliger Zeit und hält sich eine Reihe von Kommentatoren, die das damalige Geschehen in blutigsten Bildern möglichst dramatisch beleuchten. Die Regionalsender  ergehen sich in endlosen Talkrunden mit den immer gleichen Gesichtern zu den gleichen Themen, die immer in der gleichen siechten Jammerorgie enden. Guido Knopp, der oberste Historien-Phantast des ZDF feiert Hochkonjunktur. Zeitungen und Magazine schildern die letzten Tage des Krieges aus jehweils provinzieller Sicht. Es ist zum erbrechen. Insgesamt hatten wir selten einen derart geschichtsschwangeren Jahresbeginn. Selbst zum 50jährigen Kriegsende ist lange nicht so heftig darüber diskutiert worden.
Wir erleben einmal mehr was das Informationszeitalter für uns noch bereithält. Die mediale Überdosis.
Allerdings eint all diese Debatten um den zweiten Weltkrieg, ganz gleich welcher Aspekt darin aus welchem Winkel heraus beleuchtet wird, und hier wird diese ganze Geschichte höchst bedenklich, geradezu anrüchig, ein gnadenlos hyterischer Grundtenor. Es ist, als könne sich endlich das ganze deutsche Volk in einer Art neuem Bewusstsein, in endlosen Verbalnegativismen geradezu baden und sich als beliebtesten Volkssport hemmungslos vor aller Welt ins Delirium zu jammern. Jeder hat irgend einen sinnbefreiten antideutschen Spruch eines ausländischen Politikers, Schriftstellers, oder anderen Hetzers auf den Lippen, oder einen eigenen dummen Kommentar dazu. Als hätte zum 60jährigen Kriegsende die Stunde der unverbesserlichen Pessimisten geschlagen. Es ist eine Vergangenheit für die man sich keineswegs schämt. Vielmehr sieht man zu, dass man schleunigst irgendwen findet, dem man irgendwie beschimpfen, oder sonstwie als Ventil benutzen kann. Hat man keine bösen Neonazis in der Gegend muss dann schon mal der örtliche Metzgermeister dafür herhalten.
Scheusale, oder Teufel sind die Deutschen des zweiten Weltkrieges wie wir anhand der Medien wieder einmal ganz genau wissen ausnahmslos. Killerkomandos, Folterknechte, Bestien und Henker die Soldaten. Neben ihnen, die grausam behandelten NS-Opfer. Das Dritte Reich besteht gemäß der Mediendogmatik 60 Jahre danach, überwiegend aus SS-Lagerärzten, die für das SS-Wirtschaftssystem arbeiten. Aus Hitlers Demonstrationszug 1923 wird ein Todesmarsch. Der Katalog sämtlicher Un-Worte dieser Welt gekrönt  vom ohnehin trüben Vokabular eines Ralph Giordano, der der Menschheit damit schon seit es TV-Talkshows gibt auf der Tränendrüse sitzt. Auf der anderen Seite stehen die Helden „und wären gewisse Unfälle den Briten nicht passiert hätten das bestimmt die SS-Scheusale besorgt“. Ist man allgemein Überzeugt nachdem man sich derart nur fünf Minuten über die Versenkung von zwei Schiffen mit KZ-Häftlingen in Ekstase phantasiert hat.
Aber eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema zweiter Weltkrieg findet dabei nicht statt. Soll vermutlich auch gar nicht stattfinden. Lieber wird eben hysterisch gejault und schnell dreimal die Internationale gebetet um die bösen Geister wieder zu verscheuchen, statt sich mit ihnen sachlich, offen und fair auseinander zu setzen. Ausland gut, Deutschland schlecht Basta. Und an diesem Bild soll ja keiner rütteln.
Dabei hat doch gerade dieses Thema in dem es immerhin um die jüngere, deutsche Geschichte und letztlich die deutsche Identität geht um so mehr Sachlichkeit verdient. Eine kritische Aufarbeitung des zweiten Weltkrieges sollte gemeinsam mit allen Beteiligten und vielleicht auch neutralen Ländern geschehen, ohne das sich dabei eines über das andere stellt. In Deutschland sollte so eine Diskussion aber vor allem Partei-, oder Ideologie-, Geschlechts- und Generationenübergreifend sein. Den was bei all dieser Hysterie am Ende herauskommt haben wir unlängst gesehen. Die Grünen, allen voran Außenminister Joschka Fischer rufen zum Krieg am Hindukusch auf. Das Hauptargument: Damit die deutsche Kollektivschuld am Holocaust abetragen werden kann. Und dabei sehen sie keinen schlechten Horrorfilm, oder müssen sich fragen, was sie sich den nun wieder schlechtes eingeworfen haben. Nein, das ist live, das sind die Grünen. Eine deutsche Kollektivschuld, das ist echter Wahnsinn.
Aber ist die Deutsche Verangenheit wirklich eine, für die wir uns vor der Welt schämen müssen? Was war das Dritte Reich denn eigentlich wirklich? War wirklich alles schlecht was ein Hitler gemacht hat oder ist das heute nur so, weil gerade er es gemacht hat? Den für US-Medien ist Hitler nach wie vor das ultimative Böse. Dass die göttliche Nation natürlich bezwungen hat. Wer beantwortet uns eigentlich
diese Fragen? Wie ist der Nürnberger Prozess, dessen Urteile von der deutschen Regierung bis heute nicht annerkant werden wirklich zu sehen? Als die bloße Farce einer Siergerjustiz unter dem Deckmantel der Menschlichkeit, oder wirklich ein Zeichen für die Welt, wie das damals von den Siegermächten beabsichtigt war? Auch wenn sich die Sieger selbst nicht mehr und bis heute eigentlich kein Politiker dieser Welt daran messen lassen wollen. Schon damals, in Verlauf des Prozesses, den verbliebenen bereinigten Aufzeichnungen fürs Volk  hatten die Siegermächte sichtlich Mühe ihren eigenen Dreck unter dem Teppich zu halten. Die USA haben einen Internationalen Gerichtshof zwar mitbegründet, aber die eigenen Soldaten sind davon ausgeklammert. In kaum einem der vier damaligen Anklagepunkte ist Deutschland nicht von den USA, Großbritanien, Frankreich, oder der heutigen GUS überboten worden. Man denke an das Britische Empire das der Welt außerhalb Europas seinen Stempel lange Zeit aufdrückte und dabei so ganz nebenher gleich den Tasman- und den Feuerlandmenschen ausgerottet hat. Man denke dabei an die USA und den Umgang mit ihrer edemischen Flora und Fauna. Hier besonders an die Ureinwohner. Des weiteren an die Sklaverei und die Behandlung der schwarzen Bevölkerung, die sich heute auch kaum gebessert hat. Ob die USA den 8. Mai genauso feiern wie den 6. und 9. August 45, als sie die Atombomben über Japan abgeworfen haben? Auch Frankreich hat einen guten Anteil an den Greueltaten dieser Welt. Ebenso wie die ehemalige Sowjetunion die ihr Reich nach wie vor auf dem Rücken von Zwangsarbeitern und Strafgefangenen aufbauen. Glaubt man der Bibel wussten auch die Juden recht gut was menschenunwürdig, grausam und barbarisch ist. Auch wenn es absolut keinen Sinn macht hier eine Rechnung aufzumachen, sind diese Tatsachen doch immer wieder notwendig erwähnt zu werden. Aber diese Leute haben den Krieg eben gewonnen. Darum sind sie die Helden und die Guten, die die verbalen Positivas für sich einheimsen dürfen und die anderen eben die grausamen Unmenschen, denen man bedenkenlos das Führen von Angriffskriegen, Vertragsbruch, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, oder gar so lustiges wie Anstiftung zur Weltverschwörung vorwerfen kann.
Lohnt es sich nicht einmal hier ganz sachlich zu hinterfragen und abzuwägen. Vielleicht müssen gerade die Gesetze für Sieger-, Groß-, oder Atommächte besonders scharf unter die Lupe genommen werden?
Müssen wir uns, wenn wir uns mit der NS-Vergangenheit beschäftigen und uns dazu diesen Schuh wiederwillig, aber doch einmal mehr wieder anziehen, nicht auch einmal fragen warum die NSDAP so toll war zur damaligen Zeit. Heute wäre einer solchen Partei natürlich niemand beigetreten, oder? War es nicht diese Partei, die Politik zur totalen Fun-Angelegenheit erhob. Parties, Brot und Spiele. Eine perfekte Organisation auf Festen neben der andere Parteien einfach absolut blass aussahen. War nicht deren Anführer einer der charismatischsten, wortgewaltigsten und unterhaltsamsten Redner dieser Zeit? Hat ein Hitler damit, vielleicht gar nicht bewusst – dass lässt sich heute nicht mehr feststellen, bewiesen dass Demokratie funktioniert und Anhänger auch mit ganz simplen Mitteln gewonnen werden können? Er hat das erreicht ohne Krieg und Wehrmacht und ohne große Versprechen. Und kann damit noch immer ein glänzendes Beispiel für die Parteienarbeit in heutiger Zeit geben, die inhalts- und erfolglos aufeinander einhacken. Man bedenke, dass der Kommunismus für seine Durchsetzung bisher immer auf Zwang und blutige Revolutionen angewiesen war. All das gehört zu einer sachlichen Außeinandersetzung mit dazu.
Eine weitere wichtige Frage ist auch, ob wir, wenn wir in so debil geführten Debatten nicht ganz gewaltig aufpassen, uns in naher Zukunft von einem Holocaust-Mahnmal regieren lassen müssen, wie der Journalist und SPD-Politiker Egon Bahr das unlängst prognostiziert hat.

Wo bin ich?

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