Wer die Wahl hat…

17. September 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

…der die Qual hat.
Am Sonntag sind mal wieder Wahlen. Gewählt wird der deutsche Bundestag. Die mittlerweile knapp 700 hoch bezahlten Vertreter ihrer Region erstellen daraus die Bundesregierung. Diese sitzen dann für vier Jahre in dem vom Kaiser Wilhelm ll abfällig aber nicht ganz unzutreffend als Quasselbude bezeichneten Reichstag und halten sich mehr oder minder staatstragende Monologe während in diversen Hinterzimmern diverse Ausschüsse Gesetzte zur Förderung irgend einer Lobby beschlossen werden.

Natürlich haben die meisten der knapp 50 Millionen deutschen Wahlberechtigten längst schon per Briefwahl ihre Stimme abgegeben. Auch ich habe noch am gleichen Tag an dem die Wahlbenachrichtigung eingegangen ist online die Briefwahl Unterlagen beantragt. Was ursprünglich dazu gedacht war möglichst viele der älteren Wähler für die Wahlen zu mobilisieren ist längst in der breiten Bevölkerung angekommen. Denn so kann der Wähler die in Frage kommenden Kandidaten sichten und sich gezielt ein Bild darüber machen wen er nach Berlin schicken möchte um seine Interessen best möglichst vertreten zu wissen oder wer halt einfach gar nicht geht.

Im Grunde ist der Ausgang der Wahl klar. Die Prognosen sind in den letzten Jahren immer recht zuverlässig gewesen. Die CDU gewinnt die Wahl mit großem Abstand. Merkel wird wieder Kanzlerin. Zuverlässig aber auch langweilig. Die spannendere Frage ist eigentlich noch nicht einmal mit welcher Partei sie koaliert sondern einfach nur wie stark denn die kleineren Parteien abschneiden.

Nachdem mit Westerwelle die FDP 2009 sogar für die Mitte wählbar war ist sie heute unter Christian Lindner, diesem aufgeblasenen Wichtigtuer, wieder ganz die alte Klientelpartei der noch besser Verdienenden.
Die Linke hat zwar ein recht interessantes geradezu humanistisches Wahlprogramm aufgelegt. Mit diesem aber die Latte gerade für das eigene postkommunistische Kandidatenkarussell in unerreichbare Höhen aufgelegt. Die Linke scheitert praktisch an ihrer eigenen Courage. Dabei hat Katja Kipping mal gut angefangen. Aber das ist lange her. Heute erscheint diese nur noch als eine Art Christian Lindner in Weiblich.
Genau umgekehrt erscheint einem da das neu auf der Bundestagspolitischen Bühne aufgeschlagene politische Schmuddelkind. Die AFD. Diese haben ein grauenhaftes Wahlprogramm. Aber Kandidaten, die es mit wohlkalkulierten immer wieder auch grenzwertigen Aussagen schaffen den Finger dorthin zu legen wo es den bräsig dahin schlummernden Etablierten richtig wehtut. Immer wieder schaffen sie es die politischen Akzente zu setzen und die Regierung scheinbar beliebig vor sich herzutreiben. Dass es beinahe schon wieder eine Freude ist, den politischen Diskurs zu verfolgen.

Zum Thema bräsig: Die Grünen schalten sich dagegen schon über einen längeren Zeitraum gekonnt selbst aus dem politischen Blickfeld. Vor der einstigen Öko-Partei sind sie längst zur missliebigen Volksgouvernante geworden. Auch ihr Erfolg in Stuttgart gibt ihnen bundesweit keinen Auftrieb mehr. Wobei die Bundesgrünen eigentlich immer schon ein wirrer, chaotischer Haufen waren.

Ich selber bin auch eher nicht so der taktische Wähler. Ich habe es noch nie fertiggebracht SPD oder CDU zu wählen. Sowohl kommunal als auch im Bund fühle ich mich durch diese beiden im Grunde gleichen Parteien nicht wirklich vertreten. Längst hätte ich gerne die schläfrige Monotonie durchbrochen und Merkel wieder auf die Oppositionsbank geschickt. Aber was sind die Alternativen?
Martin Schulz. Der schon bei seiner EU Bewerbung allen gezeigt hat was für ein unsympathischer heuchlerischer Arsch er eigentlich ist? Du schaust in dieses Gesicht und denkst…

Dann also doch wieder eine von den kleinen unterstützen. Nur wen? Ich denke ich werde der AFD mal eine Chance geben. Und erhoffe mir dadurch wieder lebendige Diskurse um wirklich wichtige, mal wieder bodenständigere Themen.

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Der Spießerkriege zweiter Teil – Stuttgart demonstriert gegen eine Demo

5. Januar 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

 

Unter #stupida oder #nopegida laden die http://www.die-anstifter.de eine sozialistische Stiftung, die alljährlich den Stuttgarter Friedenspreis auslobt – jüngst in Abwesenheit für Whistleblower Edward Snowden mit einer Laudatio der sympathischen taz-Chefin Ines Pohl – und in der letzten Zeit auch ein wenig die Federführung im Kampf gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 übernommen hat zur Demonstration gegen die in Dresden großgewordene Bewegung, Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes kurz #PEGIDA, auf den Stuttgarter Schloßplatz ein. Hintergrund so der Text der Einladung: Man hat erfahren, dass #Pegida per Facebook eine Stuttgarter Gruppe mit dem Namen #Stugida gegründet haben will.
Wie jetzt. Es gibt ne Gegendemo wo noch nicht einmal klar ist wer eigentlich demonstriert und ob diese überhaupt aktiv werden? Da muss ich unbedingt hin. Dazu hätte ich unbedingt eine Menge Fragen.
Schon nächsten Montag will diese Gruppe erstmalig in Stuttgart zur Demo aufrufen, predigt AnStifter-Geschäftsführer Fritz Mielert zu Beginn von seiner Rednerbühne. Der befürchtet das Allerschlimmste mit #Pegida. Die Dresdener Demo mit zuletzt 18.000 Teilnehmern ist in den letzten Tagen so ein bisschen zum Feindbild und Prügelknaben der deutschen Spaßgesellschaft geworden. Dass #Pegida für Mielert nicht hochansteckend ist fehlt gerade noch. Auch meine besser informierte Umgebung rund um die Rednerbühne reagiert ein wenig verstört als er #Pegida neben dem omnipräsenten und erwartbaren rassistischen Schmutzkübel den auch Politiker und Medien für #Pegida schon fleißig genutzt haben (meist um von eigener Hilflosigkeit gegenüber den angesprochenen Problemen abzulenken) auch den Kampf gegen die Frau unterstellt. Denn das und diese ganzen Vorhaltungen kommen im Positionspapier der #Pegida eigentlich nicht vor.
Doch auch Stuttgarts Oberbürgermeister Fitz Kuhn (Grüne), der die Flüchtlinge, stellvertretend als syrischer Flüchtlingschor, erst einmal willkommen heißt ist am Abend schnell auf politischen Stammtischniveau angelangt und meint #Pegida sei nicht das Volk wie sie das ausrufe, sondern quasi er.
Was ist #Pegida dann, möchte man fragen, wenn kein Volk vielleicht mehr so ein Bäääh? Bevor er noch einen drauflegt und #Pegida für seine Energie- und Verkehrspolitik die Verantwortung aufzulasten versucht. Was rundum irritierte Lacher auslöst. Interessant ist dass Kuhn´s Aussagen sich in der Tat oft mit dem #Pegida-Positionspapier decken. Er nennt Flüchtlinge dezentralisiert unterzubringen gar das Stuttgarter Modell und erntet dafür großen Applaus. Auch der eingeladene frankfurter Pfarrer argumentiert kaum besser. Das unglückselige Irrenhaus aus Sozialisten und Evangelikalen ist damit komplett und ich fühle mich wieder an meinen ersten Besuch Bei der S21-Demo
https://explicatiophilosophiemagazin.wordpress.com/2011/01/22/schwabische-spieserkriege-teil-1-stuttgart-21-eine-stadt-gegen-eine-kloschussel/
vor einigen Jahren erinnert.
„Du zweifelst, dass es Rechtsradikale gibt und Asylbewerberheime brennen?
Ne, nicht wirklich, oder?“ meint AnStifter-Gründer Peter Grohmann auf meine irritierte Mail-Anfrage warum er gegen etwas ankämpfen möchte, dass es so gar nicht gibt. Und bin erstmal sprachlos. Wobei ich die Intension eines altstalinistisch geprägten Theatermannes noch nachvollziehen kann. Schließlich bekomme ich von Grohmann dankenswerterweise auch immer wieder das für mich unverständliche Sozialdemokratisch seines Umfelds ins Deutsche übersetzt. Für ihn ist diese Veranstaltung auch eher der Unangenehme Teil.
Stuttgart ist ja im Grunde ein Musterbeispiel an Toleranz. Von jeder Sorte Irrer haben wir wenigstens ein Exemplar in der Stadt, der uns täglich seine wirren Ideen vorkauen darf. Und getreu dem Motto „Auf die Wiesen und durch den Wald“ kann gegen alles demonstriert und auch darüber berichtet werden. Und jedem kann man auch nach belieben hinterher laufen. Und dazu sind die Montagsdemos im Grunde eine tolle Sache. Jeder Bürger kann sich nach Belieben Luft verschaffen und auch mal ordentlich Unsinn ablassen. Da halten sich auch rechts, links und religiös verwirrt für gewöhnlich die Waage. Vielleicht sind solche Demos auch die sinnvollste Verwendung von Steuergeldern in der letzten Zeit.
Nein sagen und dagegen sein ist jedoch immer einfach. Aber alles was mir nicht passt oder was sich zu großen Pamphleten verwursten lässt in einen Sack zu stopfen #Pegida draufschreiben um dann fröhlich draufzuhauen ist mir nicht so gut vermittelbar. Denn irgendwann sollten auch die Spaßpolitiker aus Berlin mal Lösungen auf den Tisch legen.
Woher kommt aber dieses hemmungslose verleumden und das geschlossen hässliche auftreten einer sonst seriösen Presse?
Klar hat Pegida mit seiner „Lügenpresse“ Kampagne Medien und Politikum ordentlich vor den Kopf gestoßen. Im S21-Stuttgart hat das „Lügenpack“ rufen gegen die CDU noch funktioniert. Aber keiner hört es gerne, wenn man seine kleinen Sauereien beim Namen nennt. Schließlich war es gerade das merkelsche Umfeld, das sich zu Beginn der IS-Offensiven sehr lautstark gegen den Islam positioniert hat. Jeder zurückliegende Spiegeltitel hatte den Islam verteufelt.
Und gerade bei älter werdenden weniger abenteuerlustigen Menschen ist der Sicherheitsgedanke, dass morgen doch bitte möglichst alles noch so ist wie heute, eben unwesentlich größer als bei gutsituierten Politikern und weltgewandten Medienleuten, denen der merkliche Ausverkauf der konservativen Werte weniger zusetzt.
Damit ist #Pegida auch zu einer Art Klassenkampf geworden. Man rächt sich dafür mit dem Schüren dumpfer Vorurteile, Fremdenhassvorwürfen und Intoleranz. Und zeigt, dass man einer derartigen Gruppierung aus der Unterschicht aus dem Osten verbal immer noch haushoch überlegen ist. Das stellt damit aber auch einmal mehr die Mittelmäßigkeit der geistigen Fähigkeiten unserer intellektuellen Oberschicht unter Beweis. Man ist sich auch nicht zu Schade die Veranstaltung mit Provokateuren zu verunglimpfen. Journalisten oder solche die sich dafür halten mischen sich unters Volk und Interviewen sich selbst dabei wie sie rassistische Ressentiments raushauen.
Es wird fleißigst Öl ins Feuer gegossen. Und nachgetreten was das Zeug hält. Geschickt webt man Migranten und andere ausgesucht stimmgewaltige Minderheiten in dieses Spiel ein. Ohne Zuwanderung gehts im Land nicht mehr voran, singt uns der wirtschaftsfreundliche Medienteil täglich vor und verschweigt dabei, dass ein deutsches more and more andere Länder immer weiter ausbluten lässt. Man kann wunderbar auf ein Feindbild einschlagen, dass man sich so selber geschaffen hat. Dass sich auch #Pegida gegen Fremdenhass positioniert ist dabei völlig egal. Wichtig scheint nur, dass keiner merkt, dass man nichts gegen die aktuelle Situation tun will.
Was #Pedida nun eigentlich wirklich ist erfährt daher wohl so schnell niemand. Soll er auch nach Möglichkeit nicht. Ob die Dresdener ähnlich wie wir Stuttgarter meist Demos besuchen weil nichts Lustiges mehr im Fernsehen kommt?
Denn ob es zu #Stugida am nächsten Montagabend kommen wird ist angesichts der „besonderen Diskursfähigkeit“ der linksautonomen Szene sehr fraglich. Zumal #Stugida immer mehr nach ner von den AnStiftern selbst gebastelten Ente aussieht. Alle online Infos verweisen auf Seiten die #Pegida eher verunglimpfen.
Stuttgarts Wutbürger müssen sich künftig entscheiden, auf welcher der vielen Montagsdemos sie sich in Zukunft die Beine in den Bauch stehen wollen. Die Teilnehmerzahl zur 254. S21 Demo fiel heute ein wenig dünner aus. Man darf gespannt sein, wie sich die Montagsdemos in Stuttgart zukünftig gestalten wenn die Themen mehr und die Grüppchen kleiner werden. Bildung, für und gegen S21, #Pegida und Cholera.
Insgesamt empfinde ich die #Pegida-Berichterstattung jedoch als ein Kapitel im Journalismus für das ich mich ehrlich schäme.

Stimme zu verschenken

22. September 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

Bin allmählich fürchterlich angenervt von der permanent extrem penetranten Nötigung durch die Medien doch unbedingt zur Wahl gehen zu müssen. „Bürgerpflicht, Demokratie und furchtbar schrecklich wichtig. Wer nicht wählt ist böse und ein Nazi“. Zumindest unterstützt er damit Pest Colera, Autodiebe und was weiß ich nicht alles… Und wer sich da nicht alles vor den Karren spannen lässt, damit unser Politikum auch weiterhin seine Scheinchen bekommt. Sportler, Schauspieler, Werbeagenturen etc. Leute von denen sonst eigentlich kaum einer Privates hören will. Teils klar aus Angst, dass es doch nur irgend ein perverser Schwachsinn ist. Aber auch sonst. Es ist entwürdigend.

Und ich weiß bei all dem medialen Hirnfick noch immer nicht wen ich eigentlich wählen will. Die Auswahl, muss man eigentlich noch was dazu schreiben, ist ja auch einfach wieder mal zum weglaufen.

Da gibts die CDU in der Hauptsache vertreten durch die aktuelle Kanzlerin Angela Merkel – einem sprechenden Sedativ. Sowie der Kandidatin für den Wahlkreis Stuttgart 2: Berufspolitikerin Karin Maag. Nie sonst auch nur irgend was von der gehört.

Zum Prozedere muss kurz erklärt werden, dass unsereiner bei der Bundestagswahl 2013 zwei Stimmen zu vergeben hat. Eine für einen Direktkandidaten und eine für eine Partei.

Die SPD als solche wird vertreten von Peer Steinbrück einem aufgeblasenen Hamburger Vollarsch. Der Kandidat für den Wahlkreis Stuttgart 2 ist Nikolas Schäfstoß. Auch noch nie sonst in Erscheinung getreten.

Was haben wir noch: Matthias Werwigk von der FDP. Immerhin seither im Stuttgarter Stadtrat und im Bund der Selbstständigen präsent und seine Frau war auch mal Justizministerin. Also schon eher ne bekannte Größe. Aber die Bundes-FDP ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. 2009 angetreten mit einem riesigen Paket die politische Landschaft zu verändern wovon sie bis heute nichts haben umsetzen können. Statt dessen produzieren nach etlichen personellen Querelen irgend welche blasierten Spukgestalten, ein Suffkopf und ein lustiger kleiner Vietnamese fleißig heiße Luft.

Sonst: Eine Biggi Bender. Klar ne Grüne. Die kommt auch immer nur zur Wahl aus ihrem Loch gekrochen. Und mit den Bundesgrünen bin ich irgendwie noch nie grün gewesen. Zu seltsam die Kandidaten und zu viel Angst machen mir deren im Grunde zutiefst menschenfeindlichen Vorstellungen vom Zusammenleben. Es gibt eigentlich nichts was diese Vögel einem nicht gerne verbieten würden. Selbst jedoch ist ihnen keine Absurdität zu fremd.

Für die Linke tritt Marta Aparacio an. Eine argentinische Textblase, die zu ihrem Thema, der S21-Sache auch irgendwie gut passt. Auch diese Gestalten sind mir zu seltsam. Auch wenn die Linke an für sich ein recht ansehnliches Program auf die Beine gestellt hat bei Aparacio verweigert mir mein Arm seinen Dienst. Die kann ich einfach nicht.

Mir fällt allerdings auch auf, dass ich mit meiner Sympathie für unsere Parteienlandschaft in den vergangene vier Jahren von der FDP zur Linken gewechselt habe. Aber die Programme der FDP damals und der Linken heute sind auf irgend eine Art doch vergleichbar.

Genervt beschließe ich am Freitag für diese Bundestagswahl meine Stimme zu verschenken. Bedürftige, die gerne wählen würden, so sie dass denn dürften gibts wohl genug. Selbst in Stuttgart.

Mein Experiment: Ich setze mich mit einem Schild: Aufschrift: Stimme zu verschenken! Vor mein Wahllokal in der Martin-Luther-Schule und warte. Nach einiger Zeit spreche ich aktiv Passanten zur Bundestagswahl an. Was sie denn gerne wählen würden und warum.

Da gehen die Wünsche dann sehr stark auseinander und meine Suche nach dem Besten Grund das Kreuzchen zu machen artet bald aus.

Viele wollen gerne die CDU. Wenn die Merkel nicht wäre. Oder die SPD ohne Steinbrück. Von den kleineren Parteien hält man im Allgemeinen derzeit nicht so viel. Zu gut funktioniert hier die schwarze Propaganda der etablierten Parteien.

Und die die sich doch vorstellen könnten eine der kleinen Parteien zu wählen und dies auch sehr freimütig bekunden, denen möchte ich aus verschiedenen anderen Gründen meine Stimme dann doch eher nicht geben.  In dieser sehr liberalen Stadt leben leider doch zu viele Spinner.

Freund und Helfer

25. Oktober 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Ständig erregen sich unsere Medienschaffenden über politisch grenzwertige Entscheidungen anderer Nationen und zeigen mit demokratisch korrektem Zeigefinger auf andere und deswegen auf jeden Fall totalitäre und menschenverachtende Staatsformen. Doch betrachten wir einmal unser eigenes Land durch diese rote Brille erhält die alte Klugscheißer-Weisheit, dass dabei immer noch mindestens drei Finger der eigenen Hand auf einen selber zeigen ausnahmsweise Sinn. Und das nicht nur, wenn wir unseren OB oder MP bei ihrer täglichen Arbeit beobachten.
Außer diesen beiden politischen Spezialkräften, in den Disziplinen „andere Interessen ignorieren oder untern Tisch zu brüllen“, gibt es auch noch unsere lieben Ordnungsbeamten. Diese scheinen in jüngerer Zeit nicht nur mit der Auswahl ihrer Uniformen Probleme zu haben. Das fällt besonders bei den so genannten routinemäßigen Personenkontrollen auf.
Möglicherweise ist es Schicksal von Männern, die ihr Haar länger tragen, dass sie öfter kontrolliert werden. Sei es weil nach offiziellen Polizei-Lehrbilderbuch eben genau so der klassische Drogendealer aussieht oder weil möglicherweise eben gerade unseren lieben Ordnungsbeamten leichte Sympathien für diverse Glatzkopfgruppierungen hegen.
Vermutlich wird auch keiner ohne erkennbaren Charakterfehler Polizist. Aber trotzdem. Könnte man nicht gerade von Uniformierten eine etwas repräsentativere Dienstauffassung erwarten? oder ist dieser autoritaere Müll gezielt angezuechtet?
Fall 1: Ich warte morgens vor einem Bauwagen. Dabei sehe ich zwei Polizeibeamten mit Hunden näher kommen. Mich erblickend verlassen beide den Weg. Einer rechts, der andere links um den Bauwagen herum. Sie tun ihre Pflicht. Kein Zweifel. Sie wollen nur meine Papiere sehen und ihn mit ihrer Liste auffälliger Personen vergleichen. Nebenbei auch noch meine Taschen untersuchen. Aber kann man das morgens um sechs, im dunklen, eiskalten Stadtpark nicht auch ein bisschen höflicher und vor allem nervenschonender gestalten?
Fall 2: Mit einem Kumpel quatsche ich nach der Abendschule noch ein wenig vor der Kneipe von dessen Eltern. Zwei Polizisten halten mit quietschenden Reifen neben uns an und verlangen uns unsere Ausweise ab. Der eine nimmt die Ausweise, der andere einen Meter dahinter sichert mit seiner Taschenlampe. Dann nimmt man uns unsere Schultaschen ab und wir sollen den Inhalt herunterbeten. Die Ausweise gibt man uns extra verkehrt herum zurück. Erstaunte Fragen unsererseits werden scharf abgeschnitten und Gesprächsansätze, von wegen, dass sie das ohne begründeten Verdacht ja eigentlich nicht dürfen, mit Drohungen erstickt. Auch hier wieder die Frage: Geht das auch ein wenig freundlicher?
Fall 3: Ähnliche Situation auf dem Nachhauseweg vom Kino. Man schneidet mir mit quietschenden reifen den Weg ab. Abends im Stadtpark, wo ohnehin Autoverkehr verboten ist und die geringe Breite der Parkwege Fußgänger und Autos nebeneinander gar nicht zulassen. Wieder werde ich komplett gefilzt während ein anderer Kollege dahinter Anstalten macht mich bei einer falschen Bewegung zu erschießen. Auch hier noch einmal die Frage: Denken Polizeibeamten auch hin und wieder an die Nerven ihrer Mitbürger?
Fall 4: Auf dem Weg ins Fitnesstudio kommen mir auf dem Parkweg zwei Beamte mit Taschenlampen entgegen. Als sie mich sehen verstecken sie sich rechts und links vom Wegrand hinter den Alleebäumen. Da ich an diesem Tag noch unerschossen ins Fitnessstudio will verstecke ich mich ebenso und warte bis die Herren suchend und ihre weitere Vorgehensweise diskutierend weitergehen.
Natürlich frage ich mich was diese Aktion sein sollte? Würde ich genauso schlecht sehen wie diese Beamten hätte ich sie ja für irgend ein Gesindel halten und einfach umhauen können.
Fall 5: Gerne kommt auch das Szenario zum Einsatz, dass man sich mit dem Auto erst etwas zurückfallen lässt um dann von hinten heranrasend mir beim Weg abschneiden über dem Bürgersteig beinahe über die Füße zu fahren. Auch nur wegen einer Personenkontrolle. Freundliche Kritik wird auch hier mit scharfen Drohungen zu unterbinden versucht.
Fall 6: In einer Fußgängerzone wird mir von einem recht kräftig gebauten Beamten derart lautstark klargemacht, dass ich hier von Fahrrad zu steigen habe, dass ich erst denke, der Mann redet mit seinem Hund.
Fall 7: Überall ist heute von Zivilcourage die Rede oder auch, als Wink mit dem Zaunpfahl, von den Folgen einer unterlassenen Hilfeleistung. Aber ist man dann auf einer Polizeiwache um eine Anzeige zu erstatten wird man auch dort behandelt wie der letzte Dreck. Zunächst einmal indem man einen möglichst lange warten lässt. Wohl mit dem klaren Hintergedanken, dass man wenn der Typ freiwillig wieder geht umso weniger Arbeit hat. Bleibt man doch zeigen einem die Beamten spätestens in der Vernehmung sehr offen ihren Hass gegenüber solchen Memmen, die nicht in der Lage sind alleine durchzugreifen. Und sorgen damit dafür, dass der Mann, der einmal auf dieser Wache eine Anzeige gemacht hat das nächste mal garantiert zur Selbstjustiz greift.
Klar ist der Polizistenjob gefährlich und aggressive Reaktionen auch eine Art Selbstschutz. Reagiere ich bewusst aggressiv schüchtere ich den anderen ein. Trotzdem frage ich mich, warum im Umgang mit zu kontrollierenden Personen zwischen Stuttgart, Pjöngjang, Detroit oder Bogota kaum ein Unterschied zu erkennen ist? Und ich denke der von vielen der Kollegen dabei angeschlagene, extrem aggressive Umgangston, für kleinste Flapsige Bemerkungen sofort mit einem gebrüllten „Was“ ruhiggestellt zu werden, lässt sich auch nicht mit missverstandener Polizeipsychologie erklären. Mir scheint eher, dass dieser klare Machtmissbrauch ganz bewusst angelegt ist. Und hier ist der Journalist verpflichtet darauf aufmerksam zu machen.
Junge Menschen mit bisher einwandfreiem Leumund werden, ähnlich wie bei den Sondereinheiten der Bundeswehr durch ihre meist zur extremen Rechten zählenden Ausbilder völlig verroht. Dazu kann ich leider auch einige Beispiele aus dem näheren Bekanntenkreis aufführen. Ehemalige Klassenkameraden, deren Rhetorik man nach wenigen Wochen Ausbildung bei der Polizei nicht mehr wieder erkennt, da ein echtes Bedürfnis vorhanden ist, alles nicht uniformierte pauschal zu kriminalisieren.
Manchmal möchte ich mir wirklich eine Erlaubnis ausbitten bestimmten Kollegen direkt auf die arrogante Fresse hauen zu dürfen.

explicatio Sonntag, 25. Oktober 2009 von Marco Rettstatt

Der Arbeitslose als Geschäftsidee

12. Oktober 2008 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Das die Hartz-VI-Idee nicht gerade der Weisheit letzter Schuss war möchte heute kaum mehr jemand bezweifeln. Nur wenige unverbesserliche Idealisten sind weiterhin der Überzeugung, dass ein Monatseinkommen von 345 Euro nicht zwangsläufig in die Schwarzarbeit führt. Denn wer das Hartz-IV-System genauer betrachtet stellt fest, dass bei der Bedarfsberechnung bauernschlau den zur Verfügung gestellten 345 Euro lediglich die Kaltmiete angerechnet wird. Der Rest zählt bereits zum Privatvergnügen wie Strom, Telefon, etc. Übrig bleibt am Ende meist nichts. Dennoch bleiben die Regierenden stur bei dieser recht günstigen Art der sozialen Fürsorge, die den Arbeitslosen zu einer Art Penner mit festem Wohnsitz werden lässt. Dass ein Solcher in einem „anständigen deutschen Wohnhaus“ nicht lange geduldet wird ist dann wieder ein anderes Thema.
Um einen möglichen Ausweg aus der Krise, dem bösen Teufelskreis der Langzeitarbeitslosigkeit, zu finden werden neben der Schwarzarbeit eine Reihe lustiger Trainingscamps, ab und an auch durch das Fernsehen begleitet oder eher fragwürdiger Weiterqualifizierungsmaßnahmen angeboten. Findige Geschäftsleute haben im Arbeitslosen längst einen lukrativen Markt entdeckt. So vermehren sich derzeit private Elendsverwaltungsgesellschaften, üppig mit staatlichen Fördergeldern ausgestattet, wie Pilze auf dem feuchten Waldboden. Vom Holzstapeln für einen Job bis zum Laufen über glühende Kohlen als Allheilmittel zur besseren Motivation, keine Idee ist skurril genug um nicht staatlich gefördert zu werden.

Bewerbertraining ist gleich Bewerberbedrohung

Eine oberflächlich betrachtet ganz plausible Methode Menschen wieder in Arbeit zu bringen und dem Staat dabei ein wenig Geld aus dem Kreuz zu leiern, bietet die Stuttgarter Firma METIS mit ihrem Bewerbungstraining an. Bei genauerer Betrachtung stellt dieses Seminar allerdings eher schwere Nötigung von Menschen in einer besonders schwierigen Lebenssituation dar.
Ich lasse mich über das Cannstatter Job-Center dort einschreiben und nehme zu Jahresbeginn an einer ersten Informationsveranstaltung teil.
Das Schulungszentrum befindet sich im ersten Obergeschoss einer Cannstatter Industriebrache, worin sich noch zahlreiche andere Glücksritter wie Videofilmer, Künstler oder Architekturbüros, aufgrund der günstigen Mietsituation, eingerichtet haben. Im Untergeschoss des alten Backsteingebäudes befindet sich eine alternative Diskothek.
Vor Ort werden wir zunächst mit der Hausordnung vertraut gemacht. Konkret geht es um das Rauchen im speziellen Raucherzimmer, das Telefonieren in der eingestellten gelben Telefonzelle, ein Relikt noch aus den Vorzeiten der Magentamania der Telekom und dem Herumlungern auf den Fluren in den Pausen. Für die Seminarleiter Grund genug deren Einhaltung mit allerlei Drohungen zu untermauern. Ein Vorgeschmack auf den kindisch autoritären Führungsstil des Hauses.
Ansprachen werden stets mit dem Hinweis versehen, dass wir das ganze jederzeit auch sein lassen können, aber dann mit Repressalien Seitens des Job-Centers zu rechnen haben. Man möchte krampfhaft klarstellen, besser zu sein als die fiesen Job-Center-Typen, die einen nur drangsalieren wollen und übt ordentlich Druck aus, ruhig die eine oder andere Anekdote zu erzählen. Es will in dieser Atmosphäre aber keiner der Seminarteilnehmer richtig auftauen.
An der Informationsveranstaltung nehmen überwiegend Langzeitarbeitslose, äußerlich unangepasste Jugendliche, sitzen gelassene Hausfrauen, ältere Herren und größtenteils Jugendliche mit Migrationshintergrund teil.
Ein hagerer Mann, der Chef des Betriebes, stellt uns über ein Schaubild die verschiedenen Kursangebote – Module nennt er sie, weil diese verschieden zusammengefügt werden können – vor. Er zeigt in einer Diskussion mit einem kleinen desillusionierten aber sehr kommunikationsfreudigen äthiopischen Koch ziemlich Nerven. Da dieser den Mann in seinen Bemühungen uns den offenbar recht komplexen Tagesablauf dieser Anstalt zu erklären immer wieder unterbricht und dazu bringt sich die noch vollen dunklen Haare zu raufen. Der Leiter ist im Umgang mit Menschen nicht besonders geübt und macht eine entsprechend unglückliche Figur dabei. Meist enden seine locker begonnenen Erklärungsansätze damit, dass er sich vorzeitig in sein Büro zurückzieht. Ständig neben diesem langen Elend steht dümmlich vor sich hin grinsend eine Frau, die sichtlich Spaß daran hat, wie Einzelne peinlich stammelnd oder ordentlich polternd ihre Probleme mit dem Alltag vortragen. Sie ist so etwas wie die rechte Hand des Hageren, da sie immer nur seine Antrittsvorstellung gibt. Einmal hat sie uns etwa 20 Meter durch den Flur geführt um uns die Einrichtung zu zeigen und dabei durchblicken lassen, dass sie uns alle für extrem verblödet hält.

Hervorragend betreut nur durch absolute Meister ihres Fachs

Das eigentliche Bewerbertraining beginnt mit einem Erstgespräch. Dazu sind zum Ende der Informationsveranstaltung einige der Angestellten unterwegs um unsere „Beratungsgutscheine“, ein Blatt aus dem von der Organisation zur Verfügung gestellten Ordner, zu unterschreiben.
Da ich hier schnell wieder abhauen will, immerhin hat diese Informationsveranstaltung sechs Stunden gedauert, fordere ich die Erstbeste, die in meine Nähe kommt, eine Frau B. auf, bei mir zu unterschreiben. Ich vereinbare einen Termin zum Ende des nächsten Monats.
Bei diesem Erstgespräch werde ich höflich aber mit Nachdruck aufgefordert die Hosen herunterzulassen. Alles was erzählt wird ist natürlich absolut Top Secret. Es wird nur für zehn Jahre irgendwo gespeichert. „Das müssen wir so machen vom Gesetz her“, erklärt sie und bearbeitet dabei fleißig ihre Tastatur, allerdings erst beim Abschlussgespräch als ich darum bitte, dass meine Daten sorgfältig vernichtet werden.
Ich gebe den Arbeit suchenden Journalisten und bin umgehend als Spezialfall gebrandmarkt. Auf den B. zu meinem Glück spezialisiert ist. Was hat man gemacht und wo will man hin? Fragenstellungen folgen, die mich verstärkt an das auswendig gelernte, typisch blutleere New-Economy-Gedöns erinnern, dass man von diversen Versicherungs-Drückerkolonnen nur zu gut kennt. B. ist geradezu ein Musterexemplar der Beraterbranche. Eingewickelt in tausend sinnbefreite Floskeln gibt sie sich als würde sie das 9. Weltwunder verkaufen. Die betont wertvollen Tipps sind, wenn es mir denn einmal gelingt diesen verbalen Aal auf Konkretes festzunageln, ziemlich oberflächlich oder sehr realitätsfern und wirken insgesamt ein wenig hausbacken. Schließlich ist man als erwachsener Mensch in der Lage seinen Alltag in brauchbarer Form selbstständig zu organisieren.
Konkret werden meine Bewerbungsunterlagen kritisiert. Um dem abzuhelfen wird mir zunächst die Teilnahme an einigen Seminaren – den Modulen, wie dem Schreiben von Bewerbungsunterlagen verordnet.
Mein Einwand, dass dies wohl nicht das Problem einer überbelasteten Branche – deren Essenz das Schreiben schließlich ist, sei – wird mit einer Wolke aus Gedöns, dass dies ja alles halb so schlimm sei, quittiert. Außerdem werde das Verweigern des Angebots umgehend mit einem Brief an das Jobcenter quittiert.
Prompt bekomme ich darauf ein weiteres Seminar zum Thema persönlicher Auftritt aufgebrummt und noch eines wie man sich auf Vorstellungsgesprächen präsentiert.

Experten für Lebensläufe und PCs

Im ersten Seminar soll mir eine Frau F. erklären wie Lebenslauf und Anschreiben zu gestalten sind. Natürlich ist auch Frau F. eine ausgemachte Expertin auf diesem Gebiet die sich, so erzählt sie, für das Aufsetzen eines Bewerbungsanschreibens mindestens sechs Stunden oder gar Monate Zeit nimmt. Sie findet zunächst doof, dass ich den Lebenslauf tabellarisch abgefasst habe. Mein Einwand, dass die heute so gewünscht ist bringt ins Schwitzen. Doch schnell fängt sie sich wieder denn als „Designerigendwas“ weiß man das schließlich besser. So wird mein Lebenslauf optisch aufgewertet indem der Rahmen durch einen anderen ersetzt wird. Nun ist er toll. Mag sein, dass ich als Autor für derartiges keinen Sinn habe, aber ich frage mich ob das anderen Menschen vielleicht nicht ebenso geht. Ich verbringe die übrigen Stunden dieses ersten Moduls dann damit anderen Teilnehmern die Funktionen eines PC´s zu erklären oder deren katastrophalste Rechtschreibfehler zu korrigieren.

Ego hat nicht immer viel mit der Realität gemein

Für Frau O. die uns im nächsten Seminar, dass einige Tage später stattfindet, beibringen will sich richtig zu präsentieren, lässt mein neu gestalteter Lebenslauf nur einen Schluss zu: So einer wie ich ist ohne gründliche Persönlichkeitsschulung klar gar nicht zu vermitteln. Womit ich bei ihr natürlich wieder goldrichtig bin. Frau O. ist eine kleine verspannt wirkende graue Maus, die ständig bemüht ist uns Kursteilnehmer davon zu überzeugen, dass sie besonders locker und extrovertiert ist. Allerdings wirkt das ganze nervös zappelige Theater das die junge Dame vorführt auf mich eher ein bisschen wie die Augsburger Puppenkiste und macht eines ganz klar. Diese Frau hat, auch wenn es ihr damit gelingt bei den meisten Seminarteilnehmern noch mehr Hilflosigkeit auszulösen, definitiv den falschen Job.

Psychoanalyse für Anfänger

Ein kurzweiliger, sehr lustiger Zeitvertreib ist der nächste Seminarbaustein bei dem wir auf das Vorstellungsgespräch vorbereitet werden sollen. Ein Herr B. arbeitet anhand verschiedener Fragen mit uns ein Persönlichkeitsprofil aus, das dabei helfen soll uns selbst besser einschätzen zu lernen. Zu wissen was man will ist bei einem Vorstellungsgespräch auch absolut sinnvoll. Ich bin danach als Mensch mit einem besonders hohen kreativen Wert „ein Förderertyp“. Wie ich das Wissen nun für ein Vorstellungsgespräch gebrauche ist meine Aufgabe.

Verwalter des Status Quo

Als Teilnehmer der so genannten Bewerbergruppen kommen mir erstmalig größere Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieser Organisation. Dabei werden mein Anschreiben und der Lebenslauf noch einmal grundsätzlich überarbeitet. Dass derartiges immer wieder der jeweiligen Bewerbung angepasst werden muss ist ja einzusehen, aber dass dann jede Aushilfe, Krankheitsvertretung oder Ersatzassistentin das Werk des Vorgängers wieder komplett in den Mülleimer tritt, weil diese meine Chancen wieder wo ganz wo anders sehen als das wovon mich der Vorgänger in der letzten Sitzung überzeugt hat weil es doch seiner Ansicht nach gut zu mir passen könnte, ist eher nervend. Denn so muss ich bei jedem neuen Kursleiter quasi erst einmal nachsitzen.
Ich werde ständig hin- und hermanipuliert bis ich wirklich nicht mehr weiß wo oben und wo unten ist und was ich hier eigentlich will. Was aber im Grunde genommen die Aufgabe eines Sozialpädagogen ist. Sozialpädagogen sind schließlich so etwas wie die Gralshüter des Status Quo, die wissen worauf es im Leben ankommt. Wenn von denen allerdings jeder eine andere Meinung hat, wird dieses Grundvertrauen natürlich ein wenig erschüttert. Natürlich sind das alles tolle Sozialpädagogen, die nur mein Bestes wollen und sich auch bestimmt nicht in meinen persönlichen Stil einmischen wollen, aber zielführend ist das nicht unbedingt. Nachdem ich merke, dass mein Diskussionsansatz ob der Status Quo nun für mich da ist oder ob ich für den Status Quo da bin, lautstark damit quittiert wird, dass unsereiner ja keine Ahnung hat, was an der momentanen Lebenssituation schließlich deutlich zu sehen ist und man Querulanten hier mit einem Brief ans Jobcenter ganz leicht wieder auf Linie bringt, überlasse ich das Herumbasteln an meinen Unterlagen irgendwann ganz den pseudokreativen Händen dieser vereinigten Sozialpädagogencombo.

Ich bin unwillig

Nach einigen Wochen des fröhlichen Bewerbungsschreibens und des Hin- und Herdokterns an den Unterlagen weht plötzlich ein anderer Wind. Erfolge müssen her und das möglichst schnell.
Zunächst versucht mir meine persönliche Beraterin Frau B. noch einmal klarzumachen, dass vor allem meine Kritik am wenig zielführenden Herumgedrechsel an meinen Unterlagen, ganz klar ausschließlich an mir selbst liegt und obendrein so gar nicht stimmt. Außerdem soll ich mir nun unbedingt Gedanken über einen so genannten Brotjob, eine Alternative zu meinem offensichtlich nur schwer erreichbaren Wunschberuf machen.
Über meinestadt.de soll ich mir zunächst einmal Stellen aussuchen die ich mir gut vorstellen könnte. Im Hausmeister oder in der Qualitätssicherung, darin sieht mich Frau B. ganz deutlich. Dazu werde ich wieder einer anderen Bewerbergruppe um einen Herrn K. zugeteilt.
Für die Bewerbergruppe von Herrn B. ein Affront, der allerdings am Ende auch wieder mir angelastet wird. Irgendwie hätte ich ihn belogen oder Frau B. missverstanden. Und ich sehe ihn an wie die Kuh wenn’s blitzt. Die Combo hält zusammen. Das war zu erwarten.
Nur ein paar wenige Kurstermine und abgesendete Bewerbungen als Hausmeister später knallt Herr K. mir dann unvermittelt eine Tageszeitung vor die Nase. Ihm als recht autoritäre Figur missfällt sichtbar, dass ich mich ab und an mit den anderen Seminarteilnehmern austausche.

Der Jobmacher

„Ich möchte jetzt Erfolge bei ihnen sehen. Sie bewerben sich jetzt hier auf die Stellen als Lager- oder Produktionshelfer. Und zwar sofort“. Er will TabuIarasa machen. Sein Ton hat sich auf jeden Fall sehr weit von dem eines Beraters entfernt. Ich bekomme eine Liste in die ich die Telefonnummern der diversen Kleinanzeigen eintragen soll vorgelegt. Zur besseren Kontrolle für Herrn K. Überhaupt wird von ihm großen Wert darauf gelegt, dass ich meinen persönlichen Ordner mit den Nachweisen meiner Bewerbungstätigkeit sehr akribisch führe.
Als diese Maßnahme ein paar Tage später noch nicht zu einer Anstellung führt stellt er sich direkt zu mir in die Telefonzelle und hält mir nahezu den Hörer selbst ans Ohr.
Allmählich beginne ich zu begreifen wie dieser Betrieb auf die in der Informationsveranstaltung angegebene 70-prozentige Erfolgsquote kommt. Die Langzeitarbeitslosen werden mit zahlreichen Psychotricks und Drohungen in irgend welche Helferjobs gezwungen, oder völlig aussichtslose Fälle einfach mit einem Schreiben, dass sie unwillig sind aussortiert und direkt vor die Türe gesetzt. Auch solche meist sehr lauten Verabschiedungsszenen zwischen diversen Langzeitdeliquenten und den Betreuern bekommen wir in den Bewerbergruppen ganz offen mit.

Ich bin ein schlechter Mensch

Ich bin froh als Frau B. und ich uns endlich im letzten Einzelgespräch dazu entschließen die ganze Angelegenheit aufgrund ihrer anhaltenden Sinnlosigkeit zu beenden. Zudem bin ich längst über den geplanten Zeitrahmen hinaus. Das dies daran liegt, dass Frau B. den Endtermin verschlafen hat weil sie sehr häufig krank war oder indisponiert, will sie mal wieder nicht wahrhaben. Klar, dass auch hier das Hauptproblem ausschließlich immer meine „Kommunikationsschwierigkeiten“ sind. Ebenso wie meine Unwilligkeit natürlich, die ich nicht einsehen will, schließlich ist mein Ordner mit Bewerbungsunterlagen recht gut gefüllt und damit als Beweis für mangelnde Arbeitsleistung höchst ungeeignet.
Zunächst will ich der guten Frau abschließend noch meine Meinung über diesen Laden geigen. Begreife dann aber, als ich ihr erklären will was alles schiefgelaufen ist in der Beratung endgültig, dass diese Frau für Gegenargumente absolut nicht zugänglich ist und gebe dann auf.
Am Ende stelle ich durch Kontakte mit den anderen ehemaligen Seminarteilnehmern fest, dass eigentlich keiner über METIS seinen Job bekommen hat, aber zum Ende seiner Kurszeit gehörig erpresst worden ist und alle Mühe hatte das ehemals gute Verhältnis zu seinem Job-Center-Betreuer wieder herzustellen. Das so genannte Bewerbertraining entpuppt sich am Ende als Schönfärberei mit einer vorübergehenden Beschäftigungstherapie.
Man muss wohl mit harten Bandagen kämpfen in dieser Branche. Schließlich gehen durch den wirtschaftlichen Aufschwung die Klientenzahlen zurück.

Wir basteln eine neue Rechtschreibreform

23. Februar 2004 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

Seit kurzem ist es wieder so weit. Eine weitere Auflage im bunten Zirkus Rechtschreibreform hat sich weiter durchgesetzt. Nach der letzten, erfolgreich durchgeboxten, Reform von 1998 der eine fast 100jährige Pause vorangegangen war (die letzte große Rechtschreibreform war 1901) konnte eine Neuauflage nicht lange auf sich warten lassen. Man hat – einmal damit begonnen – auch immer wieder neue, noch tollere Ideen, wie sich eine Schriftsprache weiter verfeinern oder verfremden lassen könnte. Daneben ist so eine Rechtschreibreform für deren Autoren auch eine wunderbare Gelegenheit, gerade für so staubtrockene Tugendwächter wie die der Duden-Redaktion, endlich auch einmal selbst in die Analen der deutschen Geschichte einzugehen. Ganz gleich, was der restliche deutsche Sprachraum davon hält. Recht und Gesetz sind schließlich, einmal beschlossen, immer auf der Seite der ordentlichen Bürokratie. Dabei wissen es mittlerweile alle. Wirklich geklappt hat sie nicht. Diese Reform von 1998 hat das Lesen und Schreiben alles andere als vereinfacht. Sie hat dieselbe im Gegenzug noch weiter verkompliziert. Statt dem Doppel- gibt es nun den Dreifachlaut. Aus ß Wurde ss, aber nur bei bestimmten Worten, die Groß- und Kleinschreibung verdreht, aber auch nicht in jedem Fall. Und dergleichen mehr. Millionen Menschen, die sich im deutschsprachigen Raum bewegten mussten komplett umlernen. Eltern, Lehrer und Publizisten aller Coleur wollten ja nicht plötzlich von gestern sein. Einzig die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) schrieb weiter wie gehabt. Dabei waren die meisten der neuen Regeln genauso überflüssig und sinnlos wie die alten. Bis 2004 hatten die Neuregler uns Zeit zum Umlernen gegeben. Um nun mit der Überraschung einer Neuauflage ihrer Orthographie-Reform aufzuwarten. Die Neuauflage, mit der nun praktisch sowohl alte als auch neue Schreibregeln Gültigkeit haben sollen, aber wie schon gehabt, auch nicht mehr in jedem Fall. Sie machen so eine Reform deswegen kaum besser.
Warum hier also nicht einmal einen Radikalschnitt wagen? Orientieren wir uns zukünftig – wie im übrigen schon von zahlreichen Literaten, unter anderem auch dem französischen Philosophen Voltaire vehement gefordert – doch einfach ausschließlich an unserer Sprechsprache. Um so wirklich alles Überflüssige im Regeldschungel der deutschen Orthographie abzuschaffen. Als Inspiration mögen uns hier die Schweizer dienen, die ihre Kinder in der Grundschule erst einmal ganz nach belieben Aufsätze schreiben lassen. Wagen wir ihn doch selbst einmal, den großen Tabubruch. Das Einmotten sämtlicher Gramatikregeln.
ganz vorne weg, die älteste aller Forderungen. Die Groß- und Kleinschreibung abschaffen. Es wird zukünftig nur noch klein geschrieben.
dann fallen dehnlaute und doppellaute weg. sie sind ohnehin nicht einheitlich geregelt und niemand ist eigentlich in der lage plausibel zu erklären, warum denn das moor mit doppel o geschrieben werden muss, während das gleichlautende tor nur ein o benötigt. dasselbe gilt für, die uhr. der ebenso ausgesprochene urwald komt schließlich auch ganz ohne ein h aus. auch am wortende anhängige stimlose e laute brauchen wir nicht. sicher gibt es für al diese dinge wundervolle erklärungsansätze. di ersten einhundert seiten im duden sind vol davon. aber plausibl sind diese deswegen trotzdem nicht.
auch mehrere buchstaben für ein und den selben gesprochenen laut könnten wir uns in zukunft getrost einsparen. lassen wir worte wie photo, freibier, oder veilchen mit v, ph oder f zukünftig nur noch f, also foto, freibier oder feilchen sein. das tz lassen wir zum normalen z werden. Die kaze wird sowieso ohne t ausgesprochen. ck und q werden zum k wie kuark und kniken. auch das j und y begraben wir und lassen es zum normalen i werden. damit können wir uns auch noch eine menge buchstaben einsparen.
das ei wird weiter zum ai (auser wenn es e-i ausgesprochen wird) äu und eu werden oi, aus st wird scht (auser wenn es st ausgesprochen wird) mit sp pasiert dasselbe und aus dem ä wird ein e. wir schparen damit zwar kaine buchschtaben ain, aber das lesen wird doch fil ferschtendlicher und schpürbar laichter und schtrapazirt nicht unnötig unsere nerfen.
komaregeln, ia interpunkzionsregeln schenken wir uns ebenso wo man aine kürzere oder lengere pause fermerken oder ainfach zur ferbeserung der übersichtlichkait den schprachflus glidern wil, tut man dis nach aigenem gutdünken mitels koma, semikolon oder punkt.
trenen kann man di wörter wi man es für gut befindet.
nur aigennamen rühren wir nicht an.
das ist ain forschlag für aine echte ferainfachung der doitschen schprache. di so auch fon zalraichen andren publizisten faworisirt wird. di sicher erst mal ungewönlich ist, sich aber beschtimt schneler ainpregt, den damit brauchen wir nur noch auf unser ganz normales schprachgefül zu achten. libe frau kultusministerin, was halten si dafon? Ain par unsrer nechsten texte werden wir uns mal in diser form fersuchen.

Ist eine deutsch-jüdische Aussöhnung unmöglich

18. November 2003 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Ist der Bundeswehr Brigadegeneral Reinhard Günzel wirklich nur ein verwirrter Einzelfall, oder Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) ein Heuchler? Nicht zuletzt dadurch, dass der Verteidigungsminister mit der sofortigen, unehrenhaften Entlassung seines Generals, den Staatsbürger in Uniform zu einem recht- und rückradlosen Wesen degradiert hat. Fakt ist, die Antisemitismusdebatte in Deutschland nimmt zu. Zuerst wohl nur aus der Rechten Ecke heraus hat sie längst eine erheblich breitere Gesprächsplattform, auch in der weniger politisch motivierten Bevölkerung gefunden. Ein Grund hierfür ist sicher die harte, unnachgiebige Haltung einer Minderheit, die an einer Aussöhnung zwischen beiden Parteien nicht interessiert ist. Die so aber den Eindruck erweckt, dass die jüdische Gemeinde keinerlei Interesse an einer Aussöhnung mit dem deutschen Volk hat. Ein anderer Grund ist die Meinung unserer Politik. Durch das Bedürfnis der regierenden Partei, schon bei bestimmten Begriffen sofort Alarm zu schlagen, ganz egal in welchem Zusammenhang ein solches Unwort gefallen ist, wird damit jede Diskussion die zur Vergangenheitsbewältigung und zu unserer Identifikation damit nötig wäre sofort abgewürgt. Um nur ja erst gar keinen Verdacht einer Antisemitistischen Haltung in der Bevölkerung aufkommen zu lassen. Damit das so gerne propagierte nicht existierende Denkverbot in Deutschland gleich wieder Lügen gestraft wird. Genau dass, meine lieben Damen und Herren aus der Politik ist uns gewöhnlichen Bürgern so schwer vermittelbar.
Das Argument der zionistischen Hardliner: Die Ermordung von 6 Millionen Juden durch die Deutschen im Verlauf des 2. Weltkriegs ist unentschuldbar. Wir lassen uns nicht kaufen mit Geldern und Gedenkstätten. Izak Rabin selbst sagte dazu: „Wir vergessen und vergeben nicht!“ Damit bekommt man bequem auch den mildest gestimmten Juden wieder mit ins Hassboot, denn das mag durchaus seine Berechtigung haben. Sechs Millionen, auch wenn diese Zahl bis heute nicht wirklich bestätigt ist, sind kein Pappenstil.
Aber! Was hier immer wieder übergangen wird. Niemand verlangt von den Angehörigen, dass sie sich dafür entschuldigen, fast ausgerottet worden zu sein. Es geht schlicht um die heutige Situation. Die jüdische Gemeinde sollte sich auch einmal Gedanken darüber machen, dass sie mit dieser dauernden Konfrontation auf den Gefühlen der deutschen Nachkriegsgeneration herumtrampelt. Denn was können wir, die Deutschen des Jahrgangs 73 oder 75 für die Sünden unserer Vorfahren? Selbst unsere Väter kennen den zweiten Weltkrieg nur noch dadurch, dass sie zwischen dessen Trümmern ihre Kindheit verbracht haben.

Auf beiden Seiten betrifft diese Debatte nur noch die Erben, die beide mit den Taten und dem Schicksal ihrer Großväter nichts mehr zu tun haben. Wir Deutschen sind längst nicht mehr die Täter, genauso wenig, wie die in Deutschland lebenden Juden noch die Opfer sind. Nicht desto weniger müssen wir uns heute fragen, ob nicht Israel, wie die jüdische Religion selbst ein gewaltiges Problem damit haben Demokratie vorzuleben und die Menschenrechte zu achten. Diesen Enkeln und Urenkeln des nationalsozialistischen Deutschlands tut es unendlich Leid, was damals geschehen ist und nichts möchten sie lieber als ein ganz normales nachbarschaftliches Verhältnis mit ihrer Umwelt und ganz besonders den Juden. Nur, haben sie dafür nicht allmählich genug getan? Wäre an dieser Stelle nicht einmal von der jüdischen Gemeinde ein kleines Zeichen der Anerkennung, wenigstens für die deutschen Bemühungen in der Sache Aussöhnung angebracht? Sollten nicht sie einmal einen kleinen Schritt auf die Deutschen zu gehen? Denn sonst, wenn unsereinem so die Vergangenheitsbewältigung weiter verweigert wird, läuft diese Debatte in Deutschland Gefahr, bald wieder eine Höhe zu erreichen, aus der sich auch ein Friedmann nicht mehr herausquatschen kann.

explicatio, 18. November 2003 von Marco Rettstatt

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