Nachts im Zoo

14. Juni 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

„Liebe Besucher der Wilhelma. Wir bitten sie den Park umgehend zu verlassen und sich zu den Ausgängen zu begeben“. Diese ungewöhnliche Durchsage ließ am späten Freitagnachmittag die zahlreich durch den sonnendurchfluteten Park schlendernden Wilhelmabesucher aufhorchen. Wollte man die gemütlichen Flaneure tatsächlich rauswerfen! Immer wieder wurde per Lautsprecher aufgefordert das Gelände des Stuttgarter Zoos wegen einer Veranstaltung umgehend zu verlassen. Das Sicherheitspersonal drängte die Besucher, sich rasch in Richtung des Haupteingangs zu begeben. Eine Aufforderung der sich der gestandene Wilhelma-Besucher zunächst einmal lautstark widersetze. Allerlei Ausreden fielen an. „Müssen unbedingt zum oberen Ausgang raus, noch dringend aufs WC“ etc. Klar keineswegs aus bösen Willen oder sinnlosem Trotz. Verständlicherweise! Man ist nun einmal neugierig und möchte eben unbedingt wissen wovon man eigentlich ausgeschlossen werden soll. Außerdem ist das Wetter endlich mal wieder ideal um noch möglichst lange durch die liebevoll gestalteten Anlagen zu bummeln. Allerdings ist der Grund für den Rauswurf einer, der den Besuchern längst klar ist. Stand es doch in der Zeitung und auf der Internet Seite der Wilhelma. Außerdem wurde jedem Besucher an diesem Tag zum Einlass mitgeteilt dass heute um 17.30 Uhr Schluss ist. Tageskartenbesitzer zahlten für den verkürzten Zoo-Aufenthalt einen ermäßigten Preis. Aber so einfach aufgeben… Wenigstens sollte man doch ein dummes Gesicht zum bösen Spiel machen.

Der Grund für diese rigorose Räumungsaktion: Die „Dreamnight at the Zoo“. Jedes Jahr am ersten oder zweiten Freitagabend im Juni gehört die Stuttgarter Wilhelma für einen Abend chronisch kranken Kindern. Rund 80 Beschäftigte der Wilhelma, Mitglieder des Fördervereins sowie weitere 80 externe Helfer, verschiedene Künstler und Sponsoren hatten sich bereits zum siebten Mal in den Dienst der Sache gestellt. Entstanden ist die Idee zur „Dreamnight at the Zoo“ 1996 im Zoo Rotterdam. Inzwischen beteiligen sich weltweit 270 Zoos: Laut den Organisatoren konnten so im Vorjahr mehr als 92.000 betroffene Familien in einen Zoo oder Tierpark eingeladen werden.

Sind Kinder chronisch krank oder haben sie eine Behinderung, fällt nicht nur der Alltag schwerer. Auch die Gestaltung der Freizeit leidet manchmal darunter. „Sie brauchen oft mehr Zeit und mehr Ruhe als andere“, sagte die Dreamnight-Koordinatorin der Wilhelma Stefanie Reska. „Damit die Kinder mit ihren Familien die Tiere und Pflanzen individuell nach ihren Interessen und Bedürfnissen erleben können, gehörte der Zoologisch-Botanische Garten an diesem Abend exklusiv dem überschaubaren Kreis der eingeladenen Gäste.“ Die Einladungsliste stimmt die Wilhelma jedes Mal neu ab mit dem Stuttgarter Olga-Kinderhospital, Kinderhospizen und rund 30 Förderkreisen, die sich um Kinder mit bestimmten Krankheitsbildern kümmern wie Herz- und Nierenleiden, Krebs oder Down-Syndrom.

Um 18 Uhr wurden dann 600 kleine Zoofreunde von der Wilhelmaleitung am Haupteingang begrüßt und in die zahlreichen Attraktionen des Abends eingeführt. Denn Zoo, Förderverein und zahlreiche geladene Veranstalter hatten ein umfangreiches Programm für die jungen Gäste und ihre Begleiter zusammengestellt. Nach einem kleinen Imbiss im Zoorestaurant lud zunächst die Wilhelma Parkpflege zu einer Leistungsshow. Die Traktoren und beachtlichen gärtnerischen Großgeräte sind immer einen Blickfang. Unweit davon durfte nach Herzenslust die Trommel geschlagen werden. In der Damaszenerhalle präsentierte sich der Wilhelmachor. Verstärkt durch einen Eisstand. Natürlich standen bei den zahlreichen Mitmachaktionen Pfleger und Helfer an diesem Tag alle freiwillig und ehrenamtlich den jungen Besuchern zur Seite, damit das für diese ein ganz besonderes Erlebnis wird. Selbst die Rauswerfer in Gestalt der Wilhelmaaufsicht hatten ihren offiziellen Dienstschluss da schon hinter sich gebracht und boten ihren Service freiwillig an. „Viele Rädchen müssen ineinandergreifen, damit so eine Großveranstaltung nach Dienstschluss gelingt“, sagte Wilhelma-Direktor Dr. Thomas Kölpin. „Es ist schon ein Kraftakt. Wir haben aber keine Not, ehrenamtliche Helfer und Sponsoren zu finden, um diesen Familien, die selbst ständig gefordert sind, einen unbeschwerten Abend in der Wilhelma bereiten zu können. Die ausgelassene Herzlichkeit dieses Abends ist uns ein großer Ansporn.“

Im Terrarium war es dann wiederum der Wilhelmadirektor selbst, der den jungen Besuchern Schlangen wie eine rote Königsnatter aus Nordamerika zum Streicheln anbot und somit einen ersten direkten Mensch-Tierkontakt vermittelte. „Legs wieder hin, legs wieder hin“, mochte der diese Szene beobachtende Tierfreund in einem dabei schreien. Aufgrund des oft recht unbeholfenen Handlings der Kinder mit den empfindlichen Tieren. Doch schnell kamen diese trotz ihrer Handicaps mit den wilden Lebewesen zurecht. Überhaupt staunte man wie gut die Kleinen vor lauter Wilhelma ihre offensichtlichen Handicaps eine Zeitlang vergessen konnten und unwahrscheinlich souverän die kleinen Hürden eines Zoobesuchs meisterten. Wo ein Wille ist, ist eben immer auch ein Weg. Der DRK-Stand in der Wilhelmaschule war quasi arbeitslos.

Es blieb jedoch nicht der einzige Tierkontakt an diesem Abend. Schon ein paar Meter weiter durften im selben Haus die glitschigen Koikarpfen angefasst werden. Wo den meisten hier die direkte Nähe der Tiere schon freudige Jauchzer entlockte. In der Wilhelma gehören Aquarium und Terrarium in einem Gebäude zusammen. Seit über 50 Jahren schon. In den späten 60ern galt der Neubau europaweit gar als Sensation. Den nächsten Tierkontakt hatten die Kinder im Jungtieraufzuchthaus. Hier durften sie die kleinen flauschigen Eintagesküken streicheln.

Das Streicheln von Küken, aber auch von Karpfen oder Schlangen erlaubte den Kindern einen direkten Kontakt zu manchen Zootieren. (Hinweis: Das Foto darf ausschließlich zur Berichterstattung über die Dreamnight 2015 der Wilhelma veröffentlicht werden).

Das Streicheln von Küken, aber auch von Karpfen oder Schlangen erlaubte den Kindern einen direkten Kontakt zu manchen Zootieren.
(Hinweis: Das Foto darf ausschließlich zur Berichterstattung über die Dreamnight 2015 der Wilhelma veröffentlicht werden).

Das Insektarium lud Mutigere zum Stelldichein mit Vogelspinne und Co., während gegenüber eine in den Bäumen verseilte Riesenschaukel für Rollstuhlfahrer ausprobiert werden konnte. Bis zu zehn Meter ging zwischen zwei der höchsten Wilhelmabäume hinauf. Ein Riesenspaß, versicherten die Kinder. Auf dem Schaubauernhof konnte ein Kunsteuter gemolken werden, an dem sonst die Azubis ihre Fingerfertigkeit testen. Außerdem gabs Ponyreiten und Ziegenstreicheln.

Jedoch gab man mit dem gleichen Eifer mit dem der Zoo erkundet und die verschiedenen Tiere so hautnah wie möglich erlebt werden konnten den Tieren dann auch gerne wieder etwas zurück. Vor dem neuen Menschenaffenhaus wurden eifrig Futterboxen für die dortigen Bewohner gebastelt. Denn Tiere sollen im Zooalltag auch ein wenig beschäftigt und so geistig und körperlich gefordert werden. Daher wurden Leckereien wie Rosinen und Nüsse kunstvoll in Papier, Holzwolle und diverse Schachteln verpackt und teils liebevoll verziert und von den Wilhelma-kennern mit den Namen der jeweiligen Lieblingsaffen versehen. Daneben stand erkundungsbereit ein Polizeieinsatzauto. Außerdem pressten die Beamten bunte Buttons. Auch die Pfleger der afrikanischen Huftiere hatten sich etwas besonderes für diesen Abend ausgedacht. Sie teilten ihren Gästen Birken- Buchen- und Eschenzweige aus, deren Blätter von hungrigen Giraffenzungen ruckzuck abgeerntet wurden. Man hatte die langhalsigen Zoolieblinge in der Tat zuvor ein wenig kürzer gehalten, gaben die Pfleger zu. Das Schauspiel wenn sich ein beeindruckender Giraffenkopf wie der vom fünfzehnjährigen Wilhelmabullen Hank aus knapp fünf Metern Höhe zu den kleinen Besuchern herunterbeugt, hinterließ einen bleibenden Eindruck. Jedoch selbst das Giraffenbaby Dschibuto schaute schon von über zwei Metern auf die jungen Besucher herunter. Allerdings sind Netzgiraffen bei der Geburt schon um die 1,60, erfuhren die Besucher.

Bei der Gänsegeiervoliere wurde klar, dass die zuvor gestreichelten kleinen Kücken meist nicht zum Streicheln verwendet werden. Toughe Kids durften die Geier mit toten Küken füttern. Bei der Südamerikaanlage erfuhr man allerhand über die Power von Ameisenbären und durfte ein Päckchen der schönen weichen Alpakawolle mit nach Hause nehmen. Die Eisbärenanlage wartete auf ein Blick in den Eisbärenstall und im Maurischen Garten ein Zauberer. Auch die Futterküche der Wilhelma, wo jedem Tier seine Tagesration zugeteilt wird, wurde ausführlich erklärt. Die Tiertransportkisten konnten angeschaut und tropische Früchte probiert werden. Der Tierarzt führte in seiner Praxis in die Kunst des Blasrohrscheißens ein. Auch das muss so einer beherrschen. Natürlich durfte eine gewohnt lautstarke Begegnung mit den Seelöwen nicht fehlen. Mit einer beeindruckenden Feuershow endete für die Kinder, die so lange ausgehalten hatten, schließlich die lange Traumnacht.

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