Affe müsste man sein

15. Mai 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

Stuttgarter Wilhelma eröffnet Affentempel

Am Dienstag, den 14. Mai 2013 konnte nach durch einige Verzögerungen bedingter dreijähriger Bauzeit endlich der Schlüssel für das neue Menschenaffenhaus in der Stuttgarter Wilhelma übergeben werden.

Nun ist so eine Schlüsselübergabe an sich nichts besonderes. Jeden Tag finden überall irgendwo im Land solche Schlüsselübergaben an mehr oder weniger bedeutsamen Orten statt, deren Wertigkeit auch jeder für sich selbst ermessen mag. Selbst Affenhäuser gibt es hierzulande schon einige: Oft nichtmal nur in diversen Zoos. Meist passt so ein Schlüssel dann auch in kein Schloss dieser Welt. Er ist lediglich ein Symbol. Nur ein Objekt, eigens für die zum Anlass „Übergabe“ erschienenen Fotografen konzipiert.

In diesem Fall übergeben vom baden-württembergischen Finanzminister Dr. Nils Schmidt als Vertreter des Bauherrn dem Land Baden-Württemberg, an Professor Dieter Jauch den Direktor der Wilhelma des zoologisch-botanischen Garten in Stuttgart. Ein Symbol eben.

Und doch schließt dieser Schlüssel. Zunächst jedoch einmal etwas ab.

Im Fall des Menschen.Affen.Haus! So grauenhaft sperrig konstruiert der die Veranstaltung bewerbende Titel für Stuttgarts neuen Affentempel, zieht der Schlüssel einen Schlussstrich unter die knapp siebenjährige Planungs- und Bauphase dieses Projekts, dass mit 14 Millionen geplant, am Ende doch immense 22 Millionen Euro verschlang.

In das von allen Beteiligten mit großem Eifer begonnene Projekt, ein Menschenaffenhaus mit Freigehege für zwei Affenarten, dem westlichen Flachlandgorilla (lat. Gorilla gorilla gorilla) und der Zwergschimpansenart, dem Bonobo (lat. Pan paniscus) zu gestalten, man will in der Wilhelma zukünftig geographisch gliedern, daher bleiben die Orang Utans vorerst, wo sie sind, kehrte rasch Ernüchterung ein. Was in der Ansprache des Zoodirektors mit einem, „möge das Land die Vergabepraxen für seine Bauvorhaben zukünftig überdenken, denn nicht immer ist billig auch gleich gut“, nur leicht gestreift wird, zeugt von erbittert geführten Kämpfen mit diversen Handwerkerfirmen, die oft erst gar nicht auf der Baustelle erscheinen oder sich plötzlich auf ihre künstlerischen Wurzeln besinnenden Architekten. Deren Arbeit dann von Pflegern und Kuratoren zwar verwundert bestaunt, praktisch jedoch nicht nachvollzogen werden kann. Gut gemeinte Einsparvorschläge von der einen Seite führen so umgehend, als wär´s die Beweisführung einer schrägen Chaostheorie, zu Kostenexplosionen an anderen Stellen. Wo Fenster eingespart werden sollten müssen dann Lampen als Ersatz herhalten. Die Positionen der Durchschlupfluken bedingen nun Kameras. etc. So sah sich Kuratorin Dr. Marianne Holtkötter angesprochen auf die für diverse Transportkisten viel zu engen Pflegergänge plötzlich mit Architektenausagen konfrontiert wie, „auf meinem Plan hat das funktioniert“. Und ähnliche Geschichten, die den Alltag heutiger Großprojekte begleiten.

Für den gut informierten Zuhörer fördert diese an sich quälende Stehparty mit ihren vielen politischen Statements in der heißen Nachmittagssonne Mitte Mai, an solchen Orten wird unter den strengen Augen des fleißig Häppchen arrangierenden Personals die Langeweile geboren, noch manches Detail zutage. Während zeitgleich vor dem Haupteingang eine kleine Abordnung der Tierrechtsorganisation PETA ihrem Unmut darüber Luft macht, dass Wildtiere nicht in den Zoo gehören.

Die beiden Affenarten scheinen sich derweil in der neuen Anlage betreut von vielen Händen, die jede Bewegung ihrer Pfleglinge mit großer Nervosität verfolgen, in ihrer neuen weitläufigen Innenanlage recht wohl zu fühlen. Wie ein das Projekt seit dem Tierumzug Betreuender Biologe der Uni Tübingen, der emsig jede Bewegung eines jeden einzelnen Tieres immer wieder neu notiert, bestätigt.

Nur Kibo, der 160 Kilo schwere Silberrücken zeigt zu den Probeläufen mit Publikum, der Previewveranstalung für die Mitglieder des Fördervereins, die haben immerhin 9,5 Millionen zu den Kosten des Hauses beigesteuert, kurz vor der offiziellen Eröffnung eine ähnliche Nervosität wie seine Pflegerin die Revierleitung Bea Jarczewski. Die sich wohl zum x-ten Mal über nicht funktionierende WC-Spülungen und anderen Kleinkram ärgert und ist wie auch der Chef der Gorillagruppe in einem fort unterwegs. Kibo jedoch weitestgehend um seine kleine neunköpfige Mannschaft, die sich nun über  600 Quadratmetern Innengehegefläche verteilt, alle gleichermaßen mit seiner Präsenz zu beehren. Die Bonobos gehen den ersten Besucheransturm indes weit gelassener an. Nach einigen lautstarken Begrüßungssprüngen gegen die Panzerglasscheiben begleitet von lautem Geschrei, die neue Anlage ist nach oben hin offen, so dass die Tiere nun auch im für Bonobos zwar typischen, für unsereiner Ohren jedoch nur schwer erträglichen sehr lautstarken Originalton gehört und gerochen werden können, was natürlich auch für die andere Seite der Scheibe gilt, ziehen sie sich größtenteils wieder auf ihre Schlafplätze zurück oder popeln genussvoll in der Nase.

So ist man trotz des recht kurzfristig anberaumten Termins, am 14.5. hatte der Finanzminister eben gerade Zeit, froh dass mit dem Schlüssel, der nach der Ansprache das Haus in der Tat endgültig für den Besucher öffnet, nun endlich der Alltag in dieses Haus einkehren und Besucher, Pfleger und Affen ihrer ganz natürlichen Bestimmung nachgehen können.

Auch wenn die Pfleger ob des kurzfristig anberaumten Datums noch ein wenig murren. Gerne hätten diese noch ein wenig mehr Zeit für sich und die Eingewöhnung der Tiere im neuen Haus gehabt. Vieles musste nun noch schnellschnell erledigt und dabei der Pfleger auch mal zu Bauarbeiter werden. Die Aussenanlage ist vorerst noch gesperrt. Das Grünzeug muss erst noch anwachsen um vor den erkundungsfreudigen Affen auch bestehen zu können. Zu gerne würden diese sonst wohl den frisch ausgelegten Rollrasen wieder zusammenrollen.

Das Publikum indes lobt die gelungene Innenanlage. Viel Beton sei es zwar, wenn auch mit viel Grünzeug kaschiert, immer noch, aber gibt es doch über Multimedia-Tools und viel Beschreibungen an den Wänden noch allerlei spannende Zusatzinformationen, die dem interessierten Besucher den Affenalltag und wichtig auch die Situation in deren Heimat, näher bringen. Wie ein Großteil der Besucher darauf kommt den Beton grün streichen zu wollen bleibt oft auch denselben ein Rätsel. Vielleicht auch als Anlehnung an das alte Affenhaus.

Die Kritiken am alten Affenhaus, Baujahr 1973 hat den auch den Ausschlag zum Bau der neuen Anlage gegeben. Die so genannte Badezimmerarchitektur, grün geflieste Innenräume mit metallenen Kletterstangen war zwar wunderbar zu reinigen, stieß optisch aber auf immer stärkere Ablehnung. Da sich die Tierhaltung allgemein seit den 70ern auch ganz enorm verändert hatte. Die Idee eben Menschenaffen im Zoo selbst aufzuziehen ist nämlich noch gar nicht so alt.

Für die Wilhelma sollte es zunächst auf jeden Fall ein größeres Haus sein. Daraus wurde dann eines bei dem sich selbst die Pfleger mit viel Leibe zum Detail und jeder Menge sehr persönlicher Anschauungsmaterialien und Zitaten, die dem Besucher diese ungewöhnliche Materie näherbringen ebenso einbrachten. Das derzeit modernste und auch teuerste Affenhaus überhaupt. Immerhin kann die Wilhelma bis heute auf ganze 55 Jahre Menschenaffenhaltung zurückblicken in denen viel Erfahrung gesammelt wurde.

Vom Beginn der Affenhaltung in einer Holzbarrake, über die kurzzeitige Aussenstation im Kaufhaus Breuninger 1965, Breuninger hatte die beiden ersten Gorillas der Wilhelma gestiftet und diese bis zur Fertigstellung der Wilhelmaanlage in einer eigenen Anlage in seinem Kaufhaus untergebracht, wie zahlreiche Bilder das belegen. Das damalige Gorillakind Mimi ist immer noch Bewohnerin der Wilhelma und mittlerweile schon 50 Jahre alt. Auch Porträts in Bild und Text, der tierischen Bewohner können vom Besucher eingesehen werden. Die Bilder der Schaufütterung der Seelöwen mit Ex-Zirkusschimpansin Sonny gingen damals um die Welt.

Auch die Aufzuchtstation für junge verwaiste Flachlandgorillas, der Affenkindergarten, einzigartig in Europa ist nun im neuen Haus integriert. Begonnen hatte dies im Wohnzimmer des ersten Pflegerpaares. Von der Aufzuchtstation wird heute per Blog und Videoereignisstagebuch, eine Initiative der Affenpfleger, ständig informiert, denn die Zoos die ihre Tiere notgedrungen und nur sehr ungern aus den Händen gegeben haben wollen natürlich immer auf dem Laufenden gehalten werden, wie es ihren kleinen Sorgenkindern ergeht. Zumal die Babyaffen wie aktuell Tano schon einen gewaltigen Fanclub mitbringen.

So dass sich der Besucher in einer kleinen Expedition ins Reich der Menschenaffen hinenträumen kann, denn Affe müsste man sein. Wie einige der Besucher bemerken.

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