Kommen wir mit unserer neu erworbenen Toleranz eigentlich zurecht

28. Dezember 2002 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt

Toleranz ist das Gegenstück zum Konservativen. Aber wie dehnfähig ist Toleranz eigentlich für den Einzelnen, oder die Gruppe? Wo führt uns diese Idee im Absoluten letztendlich hin? Auch was die in früheren Zeiten von Kirche und Adel vorgegebenen Werte wirklich wert waren sollte uns ein kurzes Nachdenken wert sein.
Liberales Denken und Toleranz sind das Ergebnis von wirtschaftlichem Wohlstand und geistiger Freiheit. Aber vor allem die Kämpfe im letzten Jahrhundert, gegen die menschenverachtenden Auflagen von Kirche und Adel, haben uns zu einer Reihe von großartigen sozialen Leistungen, dem Schutz von Minderheiten und damit letzten Endes zur Homoehe, geführt. Doch ganz gleich ob man letzteres nun gut oder schlecht heißt, für viele ist dieser Entwicklungsprozess ganz offensichtlich doch ein wenig zu schnell vonstatten gegangen. So mancher scheint mit seiner neu gewonnenen, persönlichen Freiheit nicht wirklich zurecht zu kommen. Nun kann es uns eigentlich egal sein, ob der Bauer seine Kuh, oder ein anderer seinen Radiergummi heiratet. Leider steigt dem einen oder anderen diese Freiheit ein wenig zu Kopf und treibt dort leider auch seltsamste Blüten. Wie jüngst das Beispiel des hessischen Menschenfressers. Wir kennen aus den Medien unzählige Beispiele dieser Art, zu denen täglich immer neue dazukommen. Die einen nett und harmlos, die anderen gemeingefährlich und weit über unser Verständnis hinausreichend. Aber woher kommt das alles? Ist es das bloße Imitieren? Wenn ich auf einem Snowboard die Eiger Nordwand herunterfahre, kann ich mir sicher sein in den nächsten Jahren von Hunderten Toten, dort abgestürzten Snowboardern in der Zeitung zu lesen. Denn das ist cool und muss umgehend ausprobiert werden. Es war meine Idee, klar! Aber bin ich dann wirklich daran schuld wenn das jemand nachmacht und dabei umkommt? Ist die Werbe- und Filmindustrie schuld daran, dass jemand deren Geistesblitze in die Tat umsetzt und vielleicht noch eins draufsetzen will, weil er es irgendwie noch viel besser kann? Eigentlich können sie einem ja leid tun, diese Damen und  Herren deren moralische Pflicht es scheint an jeder Front mitkämpfen zu müssen, ob sie dort nun etwas verloren haben oder nicht. Am Ideengeber oder selbst Künstler ist das aber wohl nicht festzumachen. Selbst wenn das Einsperren von Künstlern oder das Bücherverbrennen noch immer als die einfachste Lösung erscheint.

Es gibt diese Trittbrettfahrer bedauerlicherweise immer. Soll aber nun für derart fehlgeschaltete Mitbürger eine Aufsichtspflicht eingeführt werden, oder müssen wir damit aufhören, Schwachsinn und Perversion zu feiern! Das klingt zugegeben alles ein wenig konservativ. Denn in einer Talkshow Reinhold Messner nicht mehr einzuladen, nur um der Imitation seiner Ideen vorzubeugen, was hätten wir dann selbst noch zur Zerstreuung?
Wo aber ist nun die Grenze des Ganzen und wer zeigt den Mitmenschen die Grenzen, die sich selbst keinen Grenzen setzen können? Früher haben Adel und Kirche die Moralbegriffe oder gesellschaftlichen Richtwerte – zugegeben nicht ganz uneigennützig – für uns definiert. Heute besorgt uns das niemand mehr. Den gerade das ist Sinn und Zweck unserer neuen, freiheitlichen Welt. Wir wollen – ja brauchen – keine Schranken mehr. Heute diktiert uns die Werbe- und Filmindustrie nur das zu tun was wir wollen und uns dabei um anderer Leute Denken einen Dreck zu scheren. Sie predigt Anarchie und eine die antiautoritäre Erziehung. Doch sind nicht gerade diese Elemente eher gesellschaftsfeindlich? Müssen wir uns eingestehen, dass letzten Endes einige der Ideen von Kirche und Staat für das Gesellschaftsleben vielleicht doch von Vorteil waren? Tabus zu brechen ist reizvoll. Aber gibt es in einer funktionierenden Gemeinschaft nicht gewisse Eckwerte, an die man sich einfach halten sollte? Das gerade eine Gesellschaft wie die unsere noch viel feinfühliger Regelungen als zur Zeit der Kirchenmacht bedarf bemerken wir oft gar nicht. Wir haben die Macht der Kirche abgeschafft und sind im 21. Jahrhundert selbst verantwortlich für unsere Taten. Aber hatte so gesehen dieser größte Kampf des letzten Jahrhunderts überhaupt einen Zweck? Oder haben wir diesen mit der Befreiung der geistlosen Minderheit letztlich verloren?

Wo bin ich?

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