Körperwelten – Philosophie & die Kunst

27. April 2003 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Die umstrittene, letztens auch in der Stuttgarter Schleyerhalle gastierende, Show des Heidelberger Leichenfledderers Gunther von Hagens ist seit ihrer Erstaufführung 1997 in Mannheim zum echten Publikumsmagneten avanciert. 200 Plastinate, darunter 25 Ganzkörperplastinate, waren dazu nach Stuttgart geschafft worden und die Zuschauer nahmen bis zu sieben Stunden Wartezeit vor der Halle in kauf um noch an eine Eintrittskarte zu kommen. Auch auf intellektuellem Gebiet sorgte die Ausstellung für eine Menge Nebenschauplätze.
Anscheinend finden gerade Kinder, während die Körperwelten für die meisten Erwachsenen eher bedenklich sind, großen Gefallen an den menschlichen Präparaten. Von den Ausstellungsbesuchern in Stuttgart waren, so die Besucherstatistik, etwa zehn Prozent der Zuschauer unter sechs Jahren. Ob diese allerdings aus eigenem Antrieb eine Ausstellung besuchen oder doch nur das Alibi der Eltern darstellten, ist zweifelhaft. Für Johannes Bergner vom Staatlichen Schulamt Stuttgart hängt der Bedenklichkeitsgrad der Ausstellung von der Grundeinstellung des Menschen ab. „Unter biologischen Aspekten kann die Ausstellung lehrreich sein“. Allerdings sei dies eine Frage der Weltanschauung.
Besucherin Annika gefällt das plastinierte Kamel sogar besonders gut. „Seine Seele ist im Himmel“, glaubt Annika. Das hat ihr der Vater vorher so erklärt. Bleibt zu hoffen, dass der Pfarrer von Annika´s Vater das nicht zu lesen bekommt. Schließlich duldet die religiöse Welt in ihrem Himmel so Viehzeugs ja partout nicht. Auch der Vater des kleinen Christian ist sich sicher, dass sein Sohn keine Albträume haben wird. Klar! Das heimliche Freddy Krüger gucken härtet unsere Kinder schließlich von frühester Jugend an ab. Außerdem könnten Onkel Freddy und der gute Gunther Zwillingsbrüder sein. Und dann muss Christian ja nicht neben Gunther von Hagens einschlafen.
Überhaupt sind es die Kirchen, die sich um diese Veranstaltung bemühen. Den ersten Nebenschauplatz in der Debatte um die Show eröffnete Theologie-Professorin Johanna Haberer. Sie warf dem Professor in einer Diskussion des Südwest Fernsehen vor, er würde die Menschenwürde verletzen. „Ich halte die Körperwelten für problematisch, weil in das göttliche Kunstwerk Mensch eingegriffen wird, um ein vermeintlich noch größeres, schöneres Kunstwerk zu schaffen“, sagte auch der evangelische Stadtdekan von Stuttgart.
Reporter des MDR beschuldigten von Hagens, von der Medizinischen Akademie Novosibirsk fünfzig russische Leichen bekommen zu haben, deren Angehörige nie ihre Einwilligung zu dieser Plastinationsshow gegeben hätten. Einigen Familien seien bewusst falsche Urnen zur Beerdigung übergeben worden. Außerdem soll von Hagens einen 2,40 Meter großen russischen Sportler gedrängt haben, seine Leiche für das Verfahren zur Verfügung zu stellen und ihm dafür viel Geld geboten haben.
Aber, selbst wenn die Plastinierten vor ihrem Tod mit einer Plastination einverstanden waren, die Frage bleibt, ob es auch deren Wunsch war, einem Millionenpublikum in dieser Form vorgeführt zu werden. Nicht zuletzt, ob Menschen, die ihren Körper gespendet haben, bewusst ihr Recht auf Bestattung abgetreten haben. Leichen, die für den Anatomieunterricht von Medizinstudenten zur Verfügung stehen, werden anschließend würdig bestattet. Von Hagens‘ silikonierte Gestalten werden nie bestattet werden. Durch den Kunststoff, der bei von Hagens Plastinatination das Wasser in Leichen ersetzt, um die Verwesung zu stoppen und die Präparate haltbar zu machen, werden sie so ja zu Sondermüll. Die letzte Ehre ihres Lebens bleibt ihnen also schon deswegen verwehrt.
Auch die Staatsanwaltschaft hat sich mittlerweile des Falls angenommen. Vor einigen Tagen nämlich durchsuchte die Münchner Staatsanwaltschaft das Büro der „Max“ Redaktion in Hamburg. Grund für die Aktion. Ein Verdacht auf Störung der Totenruhe. Mitte Februar hatte ein Redakteur über das Münchner Gastspiel der Ausstellung berichtet. Er war in die bayerische Landeshauptstadt gereist, wo Hagens Mitarbeiter sechs der Aufsehen erregenden Plastinate präsentierten. Sie hatten die präparierten Leichen auf dem Busbahnhof, der Münchner Freiheit und dem Odeonplatz inszeniert. Die Staatsanwaltschaft ermittelt deswegen gegen den Fotografen und das Ehepaar von Hagens.  Eigenartig, dass man von der Bild einmal nichts negatives aus dieser Richtung gehört hat.

Aber was bietet uns von Hagens hier nun genau an? Ist es Kunst? Das große allerletzte Kunstwerk, wie es der Stadtdekan befürchtet. Über diesen Satz möchte man besser keinen Kunstkritiker kommen lassen. Selbst ein Schlachthof besitzt neben den Körperwelten wohl noch so etwas wie Romantik. Genauso gut könnte man die Ästhetik eines simplen Leberwurstbrötchens erörtern. Ist von Hagens Werk künstlerisch gesehen so vielleicht eine Fusion zwischen Hieronymus Bosch und Joseph Beuys? Für Beuys hat von Hagens ohnehin eine Menge übrig. Schließlich hat er den Beuys-Hut zu seinem Markenzeichen gemacht. Und wie soll eine zerfledderte Leiche einen lebenden Menschen an Schönheit übertreffen? Zu einer solchen Empfindung gehört eine ganz spezielle Fantasie, wie sie zum Glück nur wenigen eigen ist. Dient die Show der Aufklärung? Unter biologischen Aspekten, meinte Bergner. Was lerne ich hier über Muskeln, Knochen usw.? Von Hagens selbst will dem medizinischen Laien in seiner Ausstellung die Möglichkeit eröffnen, den Körper und seine Funktionen besser zu verstehen. Nicht nur Mediziner sollten dieses Privileg haben. Allerdings sind manche Darstellungen in seiner Ausstellung eher dergestalt, dass sie sicherlich nicht nur der Aufklärung dienen, sondern schlicht provozieren. Wenn Laien über die Geheimnisse des Körpers mehr erfahren wollen, gibt es bestimmt weniger dramatische Formen als eine Schwangere, deren Leib aufgeschnitten ist, oder eine Radfahrer mit künstlich verlängerten Gliedmaßen.
Wird er damit dem ungewöhnlichen Willen irgend welcher verstorbener gerecht? Da mag es sicher den einen oder anderen geben.
Zusammenfassend ergibt das also folgendes Bild. Die Veranstaltung provoziert und schockiert ganz bewusst. Sie stellt unter dem Deckmantel der „öffentlichen Anatomie“ einmal mehr einen weiteren gesellschaftlichen Tabubruch dar. Etwas, dass man sonst eher von einer „Madonna“ gewohnt ist. Genau dies ist letzten Endes der einzige Grund diese Ausstellung zu besuchen, denn was bei dieser Veranstaltung weiter offen bleibt ist deren Sinn.

USA – eine Gefahr für den Weltfrieden

13. April 2003 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Antonino Zambito
Obwohl die Terroristen vom 11. September gar nicht aus dem Irak sondern aus Saudi-Arabien stammten ist der amerikanische Präsident als nächstes Ziel in seinem „Kampf gegen den weltweiten Terrorismus“ auf den Saddam Hussein als nächsten zu bekämpfenden Gegner gekommen.
Keine geheimdienstliche Organisation, noch irgend eine andere Vereinigung auf dieser Welt hat die Vorwürfe einer Unterstützung von Terroristen durch das Irakische Regime bisher glaubhaft bestätigen können. Trotzdem, hat Sheriff Bush weiter nach einen Grund gesucht in den Irak einzumarschieren. Nach vielen ebenso absurden, wie lächerlichen Versuchen einer Begründung seiner „Intervention“ hat er sich als letztes für den „Austausch“ des Irakischen Regimes entschlossen, um eine „Demokratisierung des Orients“ einzuleiten. Dabei lässt er ganz bewusst das Regime von Saudi Arabien außer Acht. „Mit den Saudis macht man ja schon dicke Ölgeschäfte“.
Dass das Wohl der irakischen Bevölkerung, der Amerikanischen Regierung, hierbei ziemlich egal ist sah man jüngst – wie das englische Wirtschaftsmagazin Financial Times bestätigte – am Beispiel der Kleinstadt Safwan mit ihren 10 000 Einwohnern. In welche nur ein einzelner lächerlicher Tanklastwagen mit Wasser eintraf, während zur selben Zeit Millionen Liter zu Löscharbeiten an brennenden Ölfeldern herangeschafft wurden. Wasser das die Irakische Bevölkerung dringend zum überleben braucht. Beaufsichtigt und durchgeführt werden diese Löscharbeiten von einer Tochterfirma des Halliburton-Konzerns, das von 1995 bis 2000 vom US-Vizepräsidenten Dick Cheney geleitet wurde.
Man könnte das Vorgehen der USA als eine „Form des modernen Kolonialismus“ bezeichnen. Denn seit den 70er Jahren zeichnet sich der wirtschaftliche Niedergang in den USA immer deutlicher ab. Deren Anteil am Welthandel liegt heute bei etwa 17 Prozent, während ihr Verbrauch etwa 32 Prozent des Weltmarktes ausmacht. Die USA ist, weil Sie so weit mehr konsumiert als produziert, zum weltgrößten Schuldner avanciert. Durch die konsequente Aufrüstung im „Kalten Krieg“ haben sie ihre Bodenschätze fast vollständig aufgebraucht. So das heute der durch die bislang härtesten Sanktionen der Weltgeschichte geschwächte Irak – mit dem nach Saudi Arabien zweitgrößten Ölvorkommen – ein willkommenes und auch relativ leichtes Opfer für die USA darstellt, um mit dessen Rohstoffen weiter eine entscheidende Rolle auf dem Weltmarkt spielen zu können. Welches Land als nächstes in einer „Humanen Intervention“ „Demokratisiert“ werden soll, hängt wohl nur von der stärke der betreffenden Nation ab. Denn wenn die USA sich mit einem starken Gegner Nordkorea oder China – die einen riesigen Vorrat an Bodenschätzen, Waffen, wie auch kampfstarke Truppen haben – anlegen müssten wären sie vielleicht früher den je Pleite. Man beachte die Kosten einer einzigen Rakete, die den Wert des Gebäudes dass sie zerstören soll in der Regel um ein vielfaches übersteigt. Schon dieser Tage lässt Bush ja in Form von Condoleezza Rice seinen Sammelteller für seinen „Krieg gegen den Terror“ durch Europa wandern.
Eines ist sicher, diesen Kampf wird Bush so nicht gewinnen können. Bomben abzuwerfen wird das Bedürfnis der Getroffenen nach Vergeltungsschlägen eher erhöhen, denn was würden wir tun wenn ein arabischer Bush versuchen würde uns mit Gewalt zu orientalisieren?
Man könnte hier natürlich einwenden, was uns Europäer das angeht, wenn die USA mit pausenlosen Vergeltungsschlägen überzogen werden. Schließlich haben Sie diese geradezu provoziert. Allerdings kann dieser Terror auch nach Europa schwappen, wenn in Form von Hobbyterroristen und Trittbrettfahrern Amerikanische Gebäude in unserem Land zu Zielen von Anschlägen werden und dabei auch Europäer sterben. Was können wir tun um das zu verhindern? In Anbetracht dessen, dass weltweite Proteste und Demonstrationen nichts gebracht haben und weiterhin auch nichts dazu beitragen können diese amerikanische Mission zu stoppen. Wie könnte man sich vor dem Unilateralismus der amerikanischen Regierung schützen und den Weltfrieden bewahren? Einen Präventivschlag gegen die USA führen?

Ein Krieg und die Philosophie

10. April 2003 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Marco Rettstatt
Ist es Zynismus philosophische Betrachtungen über einen Krieg anzustellen? Die Antwort ist: JA!
Und genau darum schreiben wir darüber. Den schließlich wollen wir, dass die Welt daraus etwas lernt. Irgendwie geht das ja nur so.
Der Irakkrieg hatte viele Gesichter. Er wurde auch in Deutschland – „dem Kriegverweigerer Land“ – (ich muss das immer wieder betonen. Es klingt so herrlich) sehr kontrovers Diskutiert.
Besonders aufgefallen sind uns folgende Themen.

Die Organisation des Kriegs

der plötzliche, totale Zusammenbruch der irakischen Armee
Okay, dieser Krieg hat uns auch gezeigt, dass eine Streitmacht wie die US-Army eigentlich gar keinen Gegner braucht. Sie sorgten per „Friendly-Fire“ und ähnlich, äußerst raffiniert angelegte Winkelzüge ihrer Kriegskunst ganz von selbst für ihre Truppenverluste. Aber was war den los mit ihrem Gegner? Den stolzen, bis an die Zähne bewaffneten heiligen Wüstenkriegern. Die gefürchteten, der US-Army angeblich eigentlich zahlenmäßig weit überlegenen Truppen, die so wurde berichtet, super ausgerüstete, hochgefährliche Medina-Einheit, die das Land über 20 Jahre unter ihrer gnadenloser Kontrolle hielt?
Als hätte der Irak nie eine Armee, oder auch nur eine einzige Waffe besessen löste sich nach etwa zweiwöchigem Kampf die irakische Gegenwehr urplötzlich in nichts auf? Kein Offizier mehr, der die Irakische Armee in ihrer Landesverteidigung organisiert und angeführt hätte. Die gefürchtete Schlacht um Bagdad, der Häuserkampf, dem die US-Army so heiß entgegen gefiebert hatte. Sie war – wie um die USA noch einmal zusätzlich zu ärgern – einfach ausgeblieben.
Was war hier geschehen? Wir wissen, dass der Irak unter knallharten Sanktionen seitens der UN stand und dass kurz vor dem Angriff der USA die Abrüstung des Landes erst wieder aufgenommen worden war. Auch dass uns dazu ein Waffeninspekteur Hans Blix bestätigte, dass der Irak zu 98 Prozent abgerüstet sei. Das nackte Elend also. Ein garantiert nicht mehr abwehrfähiges Land. Die Führung der USA und auch die des Irak selbst sahen das, wie in den Medien berichtet wurde, allerdings immer ganz anders. Sicher auf beiden Seiten Propaganda, also total wichtig im Krieg und so…
Wenn aber der Irak doch noch wehrfähig gewesen wäre, wie erklärt sich dann der Ausgang dieses Kriegs? Wo waren die Soldaten? Die Offiziere?
Okay, diese müssen sich nur umkleiden um wieder zu normalen Menschen zu werden. Aber würde ein Offizier, dessen Handwerk und Verantwortung die Landesverteidigung ja nun einmal ist so etwas tun? Geht das, dass man zu einem Krieg keine Lust mehr hat und einfach nach Hause geht? Das wäre wirklich zu schön um wahr zu sein.
Ich würde diesen Punkt gerne näher erörtern.

Wie über diesen Krieg geredet wurde

Es waren zuerst die Jungen, die gegen den Krieg im Irak demonstrierend auf die Straßen gingen. Und das Weltweit. In Deutschland geschah das zuerst völlig unverstanden von der älteren Generation. Sie hatten zwar schon einmal einen Krieg erlebt und eigentlich wissen sollen, was ein solcher für Folgen hatte. Aber sie waren wohl ein wenig geblendet durch die guten USA, das Land in dem nur perfekte Menschen leben, die Demokratie erfunden worden war und denen Deutschland so unglaublich viel zu verdanken hat. Dazu noch das religiöse Gehabe eines George W. Bush, der diesen Krieg gleich zum „Gut gegen Böse“ heraufstilisiert hatte. Kurz, sie fanden diesen Krieg zur Überraschung und dem Entsetzen vieler jugendlicher Pazifisten erst einmal ganz toll. Eben absolut notwendig das ganze Land anzugreifen um eine einzelne Person dort drinnen auszuschalten. (Der nun sicher immer noch nicht tot ist. Aber das, dass so kommen würde hätten wir eigentlich von Beginn an sagen können, oder nicht.) Hatte uns nicht gerade diese Generation pausenlos eingeimpft wie schlecht Gewalt doch wäre? Okay, wirklich geglaubt haben wir das nie. Wir haben ja schließlich alle eine „Öffentliche Schule“ besucht. Aber wie wenig sie selbst dieses „Christlich, Demokratische Prinzip“ verinnerlicht hatten wurde hier nun wieder einmal mehr deutlich zum Ausdruck gebracht. „Notwendig wäre es, den Tyrannen endlich zu stürzen.“ „Das Mittel, das die USA hierzu anwenden wollen sei in diesem Fall absolut angebracht.“ „Andere Mittel sind einfach nicht möglich“ (und machen auch nur halb so viel Spaß) Ja, wie gerne wären sie dieser Tage wieder mitmarschiert, unsere alten Haudegen. Diesen Eindruck konnte man, zumindest bis vor Kriegsbeginn, von unseren „Alten“ gewinnen. „Schließlich gehe es nur um die Drohkulisse“ glaubten viele. „Einen Druck der Saddam zum einlenken zwingt.“ Erst viel später, als sich auch der Papst in die Diskussion um den Krieg einmischte und sich mit seiner Argumentation, dass dieser Krieg eben kein christlicher Akt sei, an die Spitze der Friedensbewegung gesetzt hatte, traute sich auch die ältere Generation ihren Stimmen erste Bedenken beizumischen. In Talkshows heulten sie vom erlebten Elend des zweiten Weltkrieges um die Wette und ergingen sich in endlos drögen, vor Dummheit tropfenden Quasselrunden bei Phönix, NTV oder unseren beliebten Dritten Programmen über die Vor- und Nachteile eines Angriffes auf den „Totalbösen“ Diktator. Vielleicht taten sie aber auch das nur aus irgend einer seltsamen, für uns Jungen nicht nachvollziehbaren pflichtschuldigen Notwendigkeit heraus. Oder wurden gar wieder einmal dazu gezwungen.

Kultur im Krieg

Kultur und Kunst haben unter Kriegen am meisten zu leiden. Sicher, man kann durchaus Verständnis für die Iraker aufbringen, die sich an einer Saddam Hussein Statue vergreifen. Diese Art der späten Rache an einem Tyrannen mag zwar kindisch sein, aber ist durchaus nachvollziehbar. Auch, dass die stolzen Siegermächte bei einer solchen Aktion – dem Umsturz einer Saddam-Bronzefigur, deren Bilder tagelang durch die Medien gingen – nur zu gerne mithalfen und sich auch das eine oder andere Andenken für zu Hause sicherten. Aber dass damit trotz allem Kunstwerke, damit die Zeugnisse einer nicht gerade kurzen – wenn auch nicht rühmlichen – Ära, in der Geschichte dieses Landes für immer zerstört werden mussten ist gerade für uns Kulturmenschen völlig unverständlich. Wir Deutschen kennen das aus eigener Erfahrung. Sowohl aus unserer jüngeren, wie auch der älteren Geschichte unseres Landes.
Unsere Deutsche Kunst, Kultur und Sprache waren zuerst für die christlichen Eroberer, dann nach dem Zweiten Weltkrieg für die Siegermächte plötzlich barbarisch geworden. Eine ganze Reihe von Worten wurden nach dem Krieg den Nachrichtenagenturen mit der Begründung „Naziworte“ zum Druck verboten. Auch unsere deutsche Schreibschrift fiel dieser sinnlosen Zensur zum Opfer. Bilder wurden als Beutekunst verschleppt, Museen geplündert und niedergebrannt. Den größten Teil hiervon werden wir nie wieder zurückerhalten. Der italienische Staatstheoretiker und Philosoph Niccolo Machiavelli hat bereits im 15. Jahrhundert zu dieser Sache passend einige interessante Betrachtungen angestellt.
Der Wechsel der Sekten und Sprachen, im Verein mit Pest und Überschwemmung, verlöscht das Andenken der Vorzeit. Man würde den Philosophen, die gemeint haben, die Welt halte ewig, entgegenhalten können, dass, wäre ein solches Alter wahr, wir Nachrichten von länger als fünftausend Jahre haben müssten, wenn man nicht einsähe, dass die Nachrichten früherer Zeiten durch verschiedene Ursachen verlöschen. Von diesen Ursachen rühren einige von den Menschen her, andere vom Himmel. Es ist bekannt, mit welcher Hartnäckigkeit St. Gregor und die anderen Häupter des Christentums die alten Denkmäler zu vernichten suchten, wie sie die Werke der Dichter und Geschichtsschreiber verbrannten, Statuen und Bilder zerstörten und alles andere verdarben, was Zeugnis gab vom Altertum“.
Genau diese Gedanken treiben einen um, wenn man im Fernsehen diese stürzenden Statuen, oder das ausgeplünderte Nationalmuseum sieht. Wird damit einmal mehr die Vergangenheit einer Nation für immer begraben? Große Teile werden für immer verloren sein und damit ganze Epochen in Vergessenheit geraten. All das nur für diesen Krieg, unter welchen Vorzeichen „Befreiung“ oder „Ausbeutung“ man diesen auch immer sehen mochte. Man hat als Besatzungsmacht schließlich besseres zu tun als wie auf die Vergangenheit acht zugeben. Das will man ja auch ganz bewusst nicht.

Über das Ärgernis, dass dieser Krieg doch noch einen Sinn bekommen könnte

Kriege – so ist man sich wenigstens unter Normalsterblichen einig – sind nie gut. Ein Krieg hatte bisher immer immense Verluste in jedem Lebensbereich zur Folge, die meist irreparabel waren. Doch sobald diese Handlungen vorbei sind, kommt man irgendwie, sei es auch nur um sich von den vor einem liegenden Bildern abzulenken, auf den Gedanken das Selbiger Krieg doch auf irgend eine Weise sinnvoll war. Die Gutmenschen kriechen wieder aus ihren Löchern und preisen die Güte und Mildtätigkeit der Sieger, während die Betroffenen schnellstmöglichst zur Seite geschafft und zum Schweigen gebracht werden. Im Irakkrieg waren die Regierung der USA von Beginn an davon überzeugt: Dieser Krieg ist ein guter Krieg. Wer möchte einer Siegermacht schon widersprechen. Im Prinzip haben sie doch recht. Sie haben schließlich gewonnen. Das Regime ist abgesetzt, das Böse wieder einmal besiegt. Aber war der Krieg wirklich sinnvoll? Waren andere Kriege ernsthaft jemals gut? Selbst wenn dadurch eine ungeliebte Person abgesetzt wurde. Die Folgen waren schrecklich, die ohne diese Kriege sicher gar nicht erst vorhanden gewesen wären.
Für einen Pazifisten bricht nach einem Krieg eine viel schlimmere Zeit an. Er versucht an die Zukunft zu denken, eine Welt, die ohne Schutzwaffen auskommt, ohne Wettrüsten um die immer stärkere und bessere Armee. Natürlich nur zum Schutz. Ja, die USA wurde schließlich bedroht vom Irak. Das dieses Argument völlig an den Haaren herbeigezogen ist, dürfte sogar Kirchenchristen klar geworden sein.
Auch dieser Tage erleben wir dieses Schauspiel politischer, unverfrorener Lügen (vor allem seitens der CDU) erneut. Und geben so, ohne auch nur einen Augenblick darüber nachzudenken den USA die Legitimation in die Hand über das nächste Land herzufallen. Was will man tun? Es ist wie es ist. Zum heulen!

„Uneingeschränkte Solidarität“ mit dem Irak

Nur hier: Sonder Erfahrungsaustausch Forum besetzter Länder
Der Irak soll nun als neuestes Spielzeug der USA, wie einst Deutschland unter drei Siegermächten in drei Besatzungszonen aufgeteilt werden. Ein Teil des Landes sollen die USA kontrollieren, ein anderer Großbritannien und ein Dritter, man lese und staune Polen, der „neue besten Freund“ der USA. (Da unten gibt’s doch eigentlich gar nicht mehr viel zu klauen, oder? Der Irak dürfte Polen in dessen bester Disziplin ohnehin ganz gut das Wasser reichen können).
Wäre es da nicht an uns Deutschen, der Irakischen Bevölkerung mit unserer Erfahrung als besetztes Land unter die Arme zu greifen? Schließlich haben wir das was dem Irak nun bevorsteht ganze 60 Jahre mitgemacht und ein Gutteil der US-Bevölkerung betrachtet uns ohnehin immer noch als Beatzungszone. Es hat ja auch noch keine offizielle Verlautbarung gegeben, dass wir nun wieder ein „freies Land“ sind. Allerdings ist gerade dieser Begriff auch gar nicht so einfach zu verstehen, da ja alle US-Besetzten Länder (also auch wir) in einem ganz speziellen, amerikanischen Sinn quasi „frei“ sind.
Wir sind also für einen Erfahrungsaustausch mit neuen „Besetzten“ bestens ausgerüstet und stellen für Fragen aller Art zu diesem Thema gerne hier unser Forum oder Gästebuch zur Verfügung.
Den wir wissen als längste Besatzungszone nach den Kolonien des römischen Weltreiches exklusiv wie man Besatzer übers Ohr haut (wobei hier der Orient nicht mehr viel dazu lernen muss), quält oder sonst irgendwie auf die Palme bringt. Tipps, die auch gerne eingebracht werden können, gibt es hierzu demnächst im Forum.
Wir als das explicatio Philosophiemagazin möchten unsere neuen Schicksalsgenossen im Rahmen einer Länderübergreifenden Partnerschaft ganz herzlich in diesem Kreise als „Brüder im Geiste“ Willkommen heißen. Macht das allerbeste daraus. Wir leben auch noch.

Wo bin ich?

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